Kirchenverkauf
Ein nicht wieder gutzumachendes kulturelles Fiasko
Die St. Marienkirche in Bochum soll abgerissen werden. Doch Kirchenabbrüche reißen dauerhafte Wunden in den Stadtorganismus. Sie berühren die Menschen in ungeahntem Ausmaß und tragen zu dauerhaft negativen Haltung gegenüber den Verantwortlichen bei. Von Dr. Gerhart Pasch, Kirchenbaurat i.R.
(kreuz.net, Bochum) Dr. Gerhart Pasch ist Architekt und Kirchenbaurat im Ruhestand. Er ist auch ein Fachmann für Gebäudeerhaltung.

Anläßlich eines Vortrages in der evangelischen Stadtakademie Bochum hatte Dr. Pasch Gelegenheit, die katholische Marienkirche in Bochum-Mitte sowie die Problematik um ihre Erhaltung kennen zu lernen.

In diesem Zusammenhang wurde er auch über die Pläne informiert, die neugotische Kirche abzubrechen.

Hier seine Reaktion:


Dieses Ansinnen ist in höchstem Maße befremdlich, da es sich bei der Marienkirche zweifellos um ein sehr bemerkenswertes Monument der Bochumer Geschichte, der Stadtgestaltung, des Historismus, der preußischen Kulturgeschichte sowie des katholischen Kirchenbaus in Nordrhein-Westfalen handelt.

Bereits einer dieser Aspekte würde die Erhaltung dieses Monumentes rechtfertigen. Alle gemeinsam verlangen jedoch zwingend die Bewahrung des Kirchenbaus.

Selbstverständlich ist dabei die Frage der Nutzung zwischen allen Verantwortungsträgern einvernehmlich zu lösen.

Die Erfahrungen in Deutschland bestätigen, daß dies bei gutem Willen der Beteiligten in jedem Fall möglich ist.

So wurde zum Beispiel die Ulrichskirche in Halle/Saale ein Konzerthaus, die Klosterkirche Stralsund ein Meereskundliches Museum, die Klosterkirche Frankfurt/Oder eine Konzert- und Kulturstätte, die Jakobikirche Mühlhausen zur Stadtbibliothek, die Peterskirche Leipzig eine Gottesdienst- und Kulturstätte.

Die historische Rolle der Marienkirche im westlichen Stadterweiterungsgebiet der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist für Bochum und das Ruhrgebiet gleichermaßen bedeutsam.

Sie steht in Verbindung mit dem rasanten Wachstum der Industrie und der nachfolgenden Erschließung als zentrumsnahes Wohngebiet und dem starken Anwachsen der katholischen Bevölkerung durch Zuwanderung von Arbeitskräften aus mittelosteuropäischen Regionen

Die St. Marienkirche stellt dafür das wichtigste gebaute Zeugnis dar.

Mit dem ungefähr 70 Meter hohen neugotischen Spitzhelm dominiert die Kirche die sich unmittelbar an den Stadtkern anschließende Stadterweiterung nach Westen. Es handelt sich um ein städtebauliches Ereignis der 60er und 70er Jahre des 19. Jahrhunderts.

Damit erhielt dieser interessante städtische Bereich einen einzigartigen Akzent.

Die stadträumliche Einordnung der Kirche in die rasterartige Bebauung des Historismus und die Schaffung von städtebaulichen Blickachsen sind besonders wertvolle städtebauliche Akzente.

Die Architektur der Marienkirche als historistisches Bauwerk des jungen Gerhard August Fischer ist auch heute von besonderer Bedeutung.

Sein Entwurf stellt dabei ein wichtiges architekturgeschichtliches Bindeglied der klassizistischen Neugotik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur puristischen Neugotik des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts dar.

Zur ersten Gruppen von Kirchen gehören die Werdersche Kirche Berlin von K.F. Schinkel, die Mariahilfkirche in der Au bei München von J.D. Ohlemüller, die katholischen Kirchen in Sonneberg und Leipzig von K.A. Heideloff.

Der zweiten Gruppe zugehörig sind die Nikolaikirche Hamburg von G.G. Scott, die Christuskirche Hannover von K.W. Hase, die Peterskirche Leipzig von C. Lipsius und A. Hartel sowie die Johanneskirche Dresden von G.L. Möckel.

Dieser baugeschichtliche Aspekt ist leider bisher überhaupt noch nicht gewürdigt worden.

Die St. Marienkirche ist ein herausragendes Zeugnis des Kulturkampfes des preußischen Staates und der katholischen Kirche und damit der preußisch-nordrhein-westfälischen Kulturgeschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie stellt ein Dokument der Bochumer Kirchengeschichte dar.

Die Geschichte des katholischen Kirchenbaus in Nordrhein-Westfalen wird insbesondere durch die kreative Weiterentwicklung des Bauwerkes dokumentiert.

Gerade die Tatsache, daß an der St. Marienkirche die Entwicklung des Kirchenbaus von 1872 bis zur Gegenwart durch mehrfache Veränderungen und Erneuerungen ablesbar ist, macht die Kirche so interessant und bedeutsam.

Insofern ist die bisherige Auffassung des westfälischen Amtes für Denkmalpflege nicht nachvollziehbar und antiquiert.

Denn seit mindestens 40 Jahren gilt der denkmalpflegerische Grundsatz, daß ein Monument in seiner historisch gewachsenen Struktur erhaltens- und schützenswert ist, weil daran die historischen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse ideal ablesbar sind.

Der Wiederaufbau der Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein herausragendes Beispiel einer damals modernen, jedoch die vorhandene Substanz weitgehend respektierenden architektonischen Weiterentwicklung des Bauwerkes.

Dieses Zeugnis der Nachkriegsarchitektur ist ebenso schutzwürdig wie die originalen Bauteile der Kirche von 1872.

Gleiches gilt für die liturgisch-architektonische Weiterentwicklung des Innenraumes im Zusammenhang mit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Abschließend wird festgestellt:

1. Die St. Marienkirche Bochum ist ein herausragendes Geschichts- und Kulturdenkmal der Sakralarchitektur in Bochum und des Landes Nordrhein-Westfalen.

2. Die St. Marienkirche zu erhalten und einer weiteren sinnfälligen Nutzung zuzuführen, muß ein Anliegen nicht nur der Bochumer Bürger, sondern aller Verantwortungsträger sein.

3. Die Erhaltung und weitere Nutzung der St. Marienkirche wird nach allen bisher gemachten Erfahrungen bei gutem Willen und Engagement aller Beteiligten auf jeden Fall möglich sein.

4. Die Verantwortungsträger sollen sich aufgerufen fühlen, ein nicht wieder gutzumachendes kulturelles Fiasko zu vermeiden. Die Kirchenabbrüche vergangener Zeiten – Garnisonskirche Potsdam, Universitätskirche Leipzig, Sophienkirche Dresden und andere – zeigen, daß die Verluste derartiger Monumente nicht nur dauerhafte Wunden in den Stadtorganismus reißen, sondern die Menschen auch in ungeahntem Ausmaß emotional berühren und zu dauerhaft negativer Haltung gegenüber den Verantwortlichen beitragen.
      
4 Lesermeinungen
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#4   Marcel   17:57:21 | Dienstag, 19. Juli 2005
Maria hilf
Ob der Bischof von Esen die Größe besitzt, die Marienkirche in Bochum der Priesterbruderschaft St. Pius X. zum Kauf anzubieten?
Nur, wenn er sich von der allerseligsten Jungfrau Maria leiten läßt.
Doch mit ihr stehen heute leider Gottes zu viele Bischöfe auf Kriegsfuß…
Die Königin des Himmels hat bei den meisten (oder allen) erfolgreichen Kirchengebäude-Einkäufen der FSSPX mitgeholfen; anders wären sie alle zu Cafes oder Unterwäschenmodehäusern oder Abrißbirnenopfern geworden.
Deswegen hat die FSSPX ein paar außerordentlich schöne alte Kirchen kaufen können inmitten von gottleeren Städten. Prächtig, besonders die in Brüssel in der Nähe der EU-Schaltzentrale.
Gelobt seien Jesus und Maria.
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#3   Benedikt   17:03:57 | Dienstag, 19. Juli 2005
@ Konrad
Das würde zumindest eine würdige Weiternutzung der Kirche garantieren. Allerdings befürchte ich, dass in Bezug der Haltung von Stadt und Bistum zum Erhalt dieser Kirche einfach Hopfen und Malz verloren ist. Die erhalten lieber so eine häßliche Betonfestung wie sie in den 60ern gebaut wurde, als ein neugotische wirklich als Kirche zu erkennenden Bau. Überhaupt ist es verwunderlich, dass sie nicht unter Denkmalschutz steht.
Wohl tobet um die Mauern
der Sturm in wilder Wut
das Haus wirds überdauern
auf festem Grund es ruht!
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#2   PietroParente   16:54:21 | Dienstag, 19. Juli 2005
Ganz woanders
Ich denke, die, die damit Probleme haben sitzen ganz woanders als im Bischofshaus!
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#1   Konrad   16:38:42 | Dienstag, 19. Juli 2005
Marienkirche Bochum
Ob der Bischof von Esen die Größe besitzt, die Marienkirche in Bochum der Priesterbruderschaft St. Pius X. zum Kauf anzubieten?
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