15:44:09 | Dienstag, 19. Juli 2005
Die St. Marienkirche in Bochum soll abgerissen werden. Doch Kirchenabbrüche reißen dauerhafte Wunden in den Stadtorganismus. Sie berühren die Menschen in ungeahntem Ausmaß und tragen zu dauerhaft negativen Haltung gegenüber den Verantwortlichen bei. Von Dr. Gerhart Pasch, Kirchenbaurat i.R.
(kreuz.net, Bochum)
Dr. Gerhart Pasch ist Architekt und Kirchenbaurat im Ruhestand. Er ist auch ein Fachmann
für Gebäudeerhaltung.
Anläßlich eines Vortrages in der evangelischen Stadtakademie Bochum hatte Dr.
Pasch Gelegenheit, die katholische Marienkirche in Bochum-Mitte sowie die Problematik um ihre Erhaltung
kennen zu lernen.
In diesem Zusammenhang wurde er auch über die Pläne informiert, die neugotische Kirche
abzubrechen.
Hier seine Reaktion:Dieses Ansinnen ist in höchstem Maße befremdlich, da es sich bei
der Marienkirche zweifellos um ein sehr bemerkenswertes Monument der Bochumer Geschichte, der Stadtgestaltung,
des Historismus, der preußischen Kulturgeschichte sowie des katholischen Kirchenbaus in Nordrhein-Westfalen
handelt.
Bereits einer dieser Aspekte würde die Erhaltung dieses Monumentes rechtfertigen. Alle gemeinsam
verlangen jedoch zwingend die Bewahrung des Kirchenbaus.
Selbstverständlich ist dabei die Frage der
Nutzung zwischen allen Verantwortungsträgern einvernehmlich zu lösen.
Die Erfahrungen in Deutschland
bestätigen, daß dies bei gutem Willen der Beteiligten in jedem Fall möglich ist.
So wurde zum Beispiel
die Ulrichskirche in Halle/Saale ein Konzerthaus, die Klosterkirche Stralsund ein Meereskundliches Museum,
die Klosterkirche Frankfurt/Oder eine Konzert- und Kulturstätte, die Jakobikirche Mühlhausen zur Stadtbibliothek,
die Peterskirche Leipzig eine Gottesdienst- und Kulturstätte.
Die historische Rolle der Marienkirche
im westlichen Stadterweiterungsgebiet der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist für Bochum und das
Ruhrgebiet gleichermaßen bedeutsam.
Sie steht in Verbindung mit dem rasanten Wachstum der Industrie
und der nachfolgenden Erschließung als zentrumsnahes Wohngebiet und dem starken Anwachsen der katholischen
Bevölkerung durch Zuwanderung von Arbeitskräften aus mittelosteuropäischen Regionen
Die St. Marienkirche
stellt dafür das wichtigste gebaute Zeugnis dar.
Mit dem ungefähr 70 Meter hohen neugotischen Spitzhelm
dominiert die Kirche die sich unmittelbar an den Stadtkern anschließende Stadterweiterung nach Westen.
Es handelt sich um ein städtebauliches Ereignis der 60er und 70er Jahre des 19. Jahrhunderts.
Damit
erhielt dieser interessante städtische Bereich einen einzigartigen Akzent.
Die stadträumliche Einordnung
der Kirche in die rasterartige Bebauung des Historismus und die Schaffung von städtebaulichen Blickachsen
sind besonders wertvolle städtebauliche Akzente.
Die Architektur der Marienkirche als historistisches
Bauwerk des jungen Gerhard August Fischer ist auch heute von besonderer Bedeutung.
Sein Entwurf stellt
dabei ein wichtiges architekturgeschichtliches Bindeglied der klassizistischen Neugotik der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts zur puristischen Neugotik des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts dar.
Zur ersten
Gruppen von Kirchen gehören die Werdersche Kirche Berlin von K.F. Schinkel, die Mariahilfkirche in der
Au bei München von J.D. Ohlemüller, die katholischen Kirchen in Sonneberg und Leipzig von K.A. Heideloff.
Der zweiten Gruppe zugehörig sind die Nikolaikirche Hamburg von G.G. Scott, die Christuskirche Hannover
von K.W. Hase, die Peterskirche Leipzig von C. Lipsius und A. Hartel sowie die Johanneskirche Dresden
von G.L. Möckel.
Dieser baugeschichtliche Aspekt ist leider bisher überhaupt noch nicht gewürdigt
worden.
Die St. Marienkirche ist ein herausragendes Zeugnis des Kulturkampfes des preußischen Staates
und der katholischen Kirche und damit der preußisch-nordrhein-westfälischen Kulturgeschichte in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie stellt ein Dokument der Bochumer Kirchengeschichte dar.
Die
Geschichte des katholischen Kirchenbaus in Nordrhein-Westfalen wird insbesondere durch die kreative Weiterentwicklung
des Bauwerkes dokumentiert.
Gerade die Tatsache, daß an der St. Marienkirche die Entwicklung des Kirchenbaus
von 1872 bis zur Gegenwart durch mehrfache Veränderungen und Erneuerungen ablesbar ist, macht die Kirche
so interessant und bedeutsam.
Insofern ist die bisherige Auffassung des westfälischen Amtes für Denkmalpflege
nicht nachvollziehbar und antiquiert.
Denn seit mindestens 40 Jahren gilt der denkmalpflegerische Grundsatz,
daß ein Monument in seiner historisch gewachsenen Struktur erhaltens- und schützenswert ist, weil daran
die historischen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse ideal ablesbar sind.
Der Wiederaufbau der
Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein herausragendes Beispiel einer damals modernen, jedoch die vorhandene
Substanz weitgehend respektierenden architektonischen Weiterentwicklung des Bauwerkes.
Dieses Zeugnis
der Nachkriegsarchitektur ist ebenso schutzwürdig wie die originalen Bauteile der Kirche von 1872.
Gleiches
gilt für die liturgisch-architektonische Weiterentwicklung des Innenraumes im Zusammenhang mit der Liturgiereform
des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Abschließend wird festgestellt:
1. Die St. Marienkirche Bochum ist
ein herausragendes Geschichts- und Kulturdenkmal der Sakralarchitektur in Bochum und des Landes Nordrhein-Westfalen.
2. Die St. Marienkirche zu erhalten und einer weiteren sinnfälligen Nutzung zuzuführen, muß ein Anliegen
nicht nur der Bochumer Bürger, sondern aller Verantwortungsträger sein.
3. Die Erhaltung und weitere
Nutzung der St. Marienkirche wird nach allen bisher gemachten Erfahrungen bei gutem Willen und Engagement
aller Beteiligten auf jeden Fall möglich sein.
4. Die Verantwortungsträger sollen sich aufgerufen fühlen,
ein nicht wieder gutzumachendes kulturelles Fiasko zu vermeiden. Die Kirchenabbrüche vergangener Zeiten –
Garnisonskirche Potsdam, Universitätskirche Leipzig, Sophienkirche Dresden und andere – zeigen, daß
die Verluste derartiger Monumente nicht nur dauerhafte Wunden in den Stadtorganismus reißen, sondern
die Menschen auch in ungeahntem Ausmaß emotional berühren und zu dauerhaft negativer Haltung gegenüber
den Verantwortlichen beitragen.
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