Kultur
Rückwärtsgewandte Moderne
In Frankfurt läuft eine Ausstellung über die kirchlich hochumstrittene ‘Nazarenerkunst’. Spätestens der Sturm des Konzils hat die meisten süßlich-frommen Kunstwerke der ‘Nazarener’ von hinnen gefegt.
(kreuz.net, Frankfurt) Die ‘Nazarener’ waren eine Künstlervereinigung im frühen 19. Jahrhundert. Sie weihten sich frommen Inhalten und versuchten die Renaissancemaler Raffael († 1520), Perugino († 1523) und sogar Albrecht Dürer († 1528) im Geist der Frühromantik wiederzubeleben.

Die deutsch-österreichisch-schweizerische Bruderschaft um Johann Friedrich Overbeck, Franz Pforr und Philipp Veit schloß sich Anfang des 19. Jahrhunderts zusammen. Man wollte mit den Mitteln der Kunst eine christlich geprägte Gesellschaftsform wiederbeleben.

Spätestens die Entdeckung des grauen Sichtbetons als Hauptausdrucksform des kirchlichen Glaubenslebens bereitete den ‘Nazarenern’ ein grausames Ende.

Vieles landete auf der Müllkippe.

Was man in kirchlichen Kreisen als Kuriosum der Kunstgeschichte und Inbegriff einer kulturellen Verspätung hielt, wurde durch die Leere und Trostlosigkeit des zeitgenössischen Kirchenbaus ersetzt.

Doch in Zeiten der Postmoderne verwundert es nicht, daß die ‘Nazarener’ – die Kirche hinter sich lassend – einem neuen Frühling entgegengehen.

Die Frankfurter Ausstellung in der Schirn Kunsthalle zeigt, daß die Nazarener Kriterien erfüllen, die später zu Kennzeichen der Avantgardebewegungen wurden:

Sie wenden sich von der Akademie ab und bilden die erste künstlerische Abspaltung.

Sie arbeiten nach einem Programm, das sie sich selber geben.

Sie werden zuerst verkannt, gelangen aber nach ihrer Rückkehr aus dem selbstgewählten römischen Exil zu Popularität und Einfluß.

Die rückwärts gewandt daherkommende Sehnsucht nach Halt in der Religion – angesichts der bedrohten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts – zeigt die Unterschrift der Moderne.

Die Bilder der Nazarener entstammen dem Geist eines tief empfundenen Katholizismus und werden zugleich zur frühesten Bewegung der ästhetischen Moderne.

In Zeiten einer „Renaissance der Religiosität“ – so die Kunsthalle – und angesichts einer „neuen Wirksamkeit einer untergründigen Religion ohne Glauben“ untersucht die Ausstellung am Beispiel der ‘Nazarener’ Begriffe, Phänomene und Strategien der Moderne.

„Die Romantik war nie zu Ende, und sie ist heute ganz besonders präsent“, erklärte ein Kunstgeschichtler bei der Eröffnung der Ausstellung.

Vielleicht werden das die kirchlichen Bauherren trotz ihres leergefegten Betonrausches eines Tages auch begreifen.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: Religion Macht Kunst. Die Nazarener. Bis 24. Juli. Katalog (Verlag der Buchhandlung Walter König), Euro 29.80.
      
11 Lesermeinungen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Kommentar schreiben
#11   palestrina   21:58:41 | Donnerstag, 21. Juli 2005
Natürlich Frankfurt, nicht Mannheim,
irgendwie hat mich der Fehlerteufel in seiner Gewalt. Na, wenns nur der ist…
Doch, die Ausstellung läuft noch wenige Tage. Ist hier nachzulesen:
www.schirn-kunsthalle.de/index.php?do=exhibitions…
Eine andere ist wohl parallel.
Redaktion benachrichtigen
#10   Yersinia   17:50:53 | Donnerstag, 21. Juli 2005
kein Wunder, dass der moderne Kunstdiskurs
die „Nazaräner“ entdeckt hat – schließlich geht es in aller Kunst um die „immer neue Erfindung“ von dem, was wir – in konstruktivistischer Epistemologie – als unsere je individuell wahrgenommene „Wirklichkeit“ konstruieren; und in dieser Konstruktion von „Wirklichkeiten“ waren die „Nazaräner“ wohl Meister ihres Fachs.
Redaktion benachrichtigen
#9   Romulus   15:31:02 | Donnerstag, 21. Juli 2005
@ palestrina
100% d’accord!
Redaktion benachrichtigen
#8   Peccator   14:04:46 | Donnerstag, 21. Juli 2005
Wenn mich nicht alles täuscht
ist die Ausstellung seit April nicht mehr zu besichtigen. Ich war drin und derzeit gibt es in der Schirn eine andere Ausstellung.
Redaktion benachrichtigen
#7   palestrina   11:39:41 | Donnerstag, 21. Juli 2005
Missverständnis
Entschuldigt bitte, mit den Schreiberlingen hatte ich die Macher des Ausstellungskataloges in Mannheim gemeint. Der Zusammenhang war mir klar, geht aber aus meinem Text nicht richtig hervor. Mea culpa!
@Romulus: Nein, natürlich ist die religiöse Kunst viel umfassender! Die großen Werke finden wir im wesentlichen geboren aus der Einheit von Kunst und Lebensführung im Mittelalter (Fra Angelico). Aber auch die Epochen, in denen die Kunst bereits für das nicht mehr selbstverständliche Katholische werben mußte, haben Großes geleistet (Renaissance, Barock). Allerdings reihe ich die Nazarener in die große religiöse Kunst ein, ohne sie als Niedergang zu diffamieren, wie die Vertreter moderner Schlechtmalerei und der nachfolgenden Bilderlosigkeit in den Kirchen das gerne tun.
Redaktion benachrichtigen
#6   Athanasius   00:02:22 | Donnerstag, 21. Juli 2005

…ich finde diese Kunst durchaus schön und dass die Kritiker und die Kunstwelt sie verwirft, drückt umso mehr aus, dass es um authentisches Glaubensbekennen geht bei diesen Künstlern!
Redaktion benachrichtigen
#5   Konrad   22:44:29 | Mittwoch, 20. Juli 2005
@Romulus
bist selber ein Schreiberling …
Redaktion benachrichtigen
#4   Romulus   22:04:12 | Mittwoch, 20. Juli 2005
Ähm, dass mich keiner falsch versteht…
Ich finde die Nazarener Kunst auch sehr schön. Aber nur das und nichts anderes gelten zu lassen, wäre mich doch etwas zu eintönig. Gott sei Dank ist die Kunst reichhaltiger als es manche Schreiberlinge hier glauben machen wollen.
Redaktion benachrichtigen
#3   palestrina   20:02:44 | Mittwoch, 20. Juli 2005
Nazarener
Die Nazarener waren nicht rückwärtsgewander als die großen Meister der Renaissance, denen das komischerweise auch niemand vorwirft. Dazu haben sie hervorragend gezeichnet und gemalt. Modern im Sinne der Schreiber des Kataloges waren sie insoweit, als sie sich bereits im 19 Jh. gegen eine allgemeine gesellschaftliche Stimmung als Gruppe zusammentun mußten. Das ist in der Tat neu. Ansonsten:
1. Unbedingt noch hingehen. Ich war zweimal drin.
2. Nicht unbedingt den klugen Schreiberlingen vertrauen. Man merkt, die können sich Kunst einfach nicht im Dienst einer Religion vorstellen, sondern nur individualistisch, oder politisch, oder ketzerisch. Man merkt die Kirchenferne. Wer nicht glaubt, muß deuten!
Redaktion benachrichtigen
#2   Konrad   19:49:41 | Mittwoch, 20. Juli 2005
an Romulus
das war nicht „rückwärtsgewandt“, sondern Ausdruck von Gläubigkeit. Betonkunst ist oft Ausdruck von Ungläubigkeit. Danke der Redaktion für diesen Artikel!
Redaktion benachrichtigen
#1   Romulus   18:44:04 | Mittwoch, 20. Juli 2005
Rückwärtsgewandheit
Man wollte mit den Mitteln der Kunst eine christlich geprägte Gesellschaftsform wiederbeleben.
Was – wie wir Nachgeborenen wissen – ja gescheitert ist. Allein Rückwärtsgewandheit macht noch keine Zukunft!
Redaktion benachrichtigen
Weiterlesen:
KulturSchon einmal auf Lateinisch gefrühstückt? KulturSplitternackte Wahrheit KulturZiemlich kahl – aber geht mit der Zeit KulturDer Dom zu Speyer ist für das Christkind gerüstet KulturVolle Schatzhäuser trotz leerer Kassen?
RSS Feed  •  News Ticker  •  Kontakt  •  Impressum
© CC-BY-NC-SA 2012 kreuz.net