Judentum
Herr Scharon kann den guten Namen Israels wieder herstellen
Niemals hat irgendeine Regierung eine derart barbarische und heftige Attacke gegen das Oberhaupt der Katholischen Kirche geritten, die sich gegen den regierenden Papst und seinen unmittelbaren Vorgänger und damit gegen die gesamte Kirche und gegen jeden Katholiken richtet. Interview mit Pater David-Maria A. Jaeger OFM.
(kreuz.net, Tel Aviv) Am letzten Montag verursachte das israelische Außenministerium einen schweren diplomatischen Eklat. Es griff den Papst persönlich an und unterstellte ihm, die israelischen Terroropfer zu ignorieren. Der Vatikan wies die haltlosen Verleumdungen mehrfach und unmißverständlich zurück.

Die Nachrichtenagentur ‘AsiaNews’ sprach zum Thema mit Pater David-Maria A. Jaeger OFM.

Pater Jaeger gehört zur Franziskanerprovinz des Heiligen Landes. Er ist Kirchenrechtler und gilt als der führende katholische Experte in Fragen des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat in Israel.

Der Franziskaner besitzt die israelische Staatsbürgerschaft. Er wuchs in Tel Aviv auf und ist ein Konvertit aus dem Judentum.

Pater Jaeger, wie kam es zu dieser Krise aus heiterem Himmel?

Wie es manchmal – sogar in internationalen Beziehungen – vorkommt, war der Anlaß völlig banal. Es begann mit einem kleinen Beamten im israelischen Außenministerium. Dieser hatte seine Hausaufgaben für das Treffen mit einer Delegation des Heiligen Stuhles am 25. Juli nicht gemacht. Der Beamte brauchte in letzter Sekunde einen Vorwand, um das Treffen abzusagen. Das ist alles.

Doch gehen wir zurück zum Anfang: Die ganze Geschichte begann am 28. August 2003.

Damals zog das israelische Außenministerium plötzlich ihre Delegation von den Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl zurück. Alle anstehenden Termine wurden abgesagt. Man weigerte sich sogar, neue Zusammenkünfte festzulegen.

Dieser Schritt war mit den Verpflichtungen unvereinbar, die nach Artikel 10 der ‘Grundlegenden Übereinkunft’ zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel vertraglich festgelegt sind. Israel ist verpflichtet, in guter Absicht eine „umfassende Einigung“ zur angemessenen Besteuerung der Kirche und ihres Eigentums zu finden.

Der israelische Rückzug führte zu einer Patt-Situation. Diese rief Mitglieder des US-Kongresses und der US-Regierung auf den Plan. Die US-amerikanischen Politiker setzten den israelischen Premierminister Ariel Scharon unter Druck.

Am 14. April 2004, anläßlich eines Besuchs im Weißen Haus, versprachen der Premierminister und seine Leute, die Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl wiederaufzunehmen und an einem erfolgreichen Abschluß zu arbeiten.

Tatsächlich wurden die Verhandlungen im Sommer 2004 fortgesetzt.

Doch zu Beginn dieses Jahres begannen einige untergeordnete israelische Beamte erneut Schwierigkeiten zu machen. Es wurde unmöglich, sich auch nur zu treffen.

Die Vorgangsweise der Beamten ist – sofern überhaupt ein Konzept dahintersteckt – unverständlich. Im Juni wurden sie aufgefordert, das künftig geplante Prozedere schriftlich niederzulegen. Auf diese Stellungnahme sollte eine Antwort gegeben und eine Fortsetzung der Verhandlungen ermöglicht werden.

Bei einem Treffen am vergangenen 15. Juni versprachen die Beamten, beim nächste Treffen vom 19 Juli ein entsprechendes schriftliches Dokument mitzubringen.

Als der Termin näherrückte, ließen sie durchblicken, daß sie diese Hausaufgabe bislang nicht gemacht hatten. Sie baten um eine Verschiebung auf den 25. Juli.

Aber am 25. Juli waren sie immer noch nicht fertig.

An diesem Punkt sorgten sie sich, daß die erneute Praxis ständig abgesagter Treffen und widerrufener Verhandlungen mit den in Washington gegebenen Versprechen unvereinbar wäre und der israelischen Regierung Schwierigkeiten bereiten könnte.

Sie warfen also im Internet einen Blick auf die Ansprache des Papstes nach dem ‘Engel des Herrn’ und gebaren die Idee, die unbegründete Krise vom 25. Juli zu erfinden und die Gespräche abzusagen.

Um der US-amerikanischen Kritik – und möglicherweise auch der Kritik anderer internationaler Regierungen – zu entkommen, mußten sie ihre Attacke gegen den Papst besonders bösartig gestalten, was sie auch taten.

Es wurde hervorgehoben, daß die Kritik in großer Hast geschrieben wurde und voller Fehler im Hebräischen war.

Aber warum kam es zu den Angriffen gegen das Andenken von Papst Johannes Paul II.?

Das ist der Punkt, wo die Dinge außer Kontrolle gerieten.

Die ‘Grundlegende Übereinkunft’ wurde im Jahre 1993 mit Papst Johannes Paul II. geschlossen – dem größten Freund, den das jüdische Volk jemals hatte.

Darum konnte die Weigerung zur Erfüllung der Übereinkunft nur mit einem Angriff gegen das Andenken dieses heiligmäßigen Papstes gerechtfertigt werden.

Diesen hatte man nur Tage vorher außerordentlich geehrt. Man wird sich daran erinnern, daß die israelische Regierung nur kurz zuvor eine Sondermarke zu seinem Gedächtnis herausgab und eine Kabinettministerin in den Vatikan schickte, um sie dem regierenden Pontifex zu überreichen!

Sie sagen, daß die Angriffe auf die Päpste die Arbeit von unbedeutenderen Beamten ist – und den Absichten des Regierungschefs widerspricht. Ist das möglich?

Natürlich.

Der Premierminister war in diesen Tagen mit verschiedenen Angelegenheiten sehr beschäftigt: der äußerst wichtige offizielle Besuch beim französischen Staatspräsidenten, die Kontroversen rund um den bevorstehenden israelischen Rückzug aus dem Gazastreifen, die Entscheidung des israelischen Generalstaatsanwaltes, den Sohn Scharons anzuklagen…

Ich bin mir absolut sicher, daß er vom empörenden Verhalten einiger untergeordneter Beamter im Außenministerium nicht informiert war, die versucht haben, einen der wichtigsten Sektoren in den internationalen Beziehungen des Staates Israel zu zerstören.

Die Zukunft wird zeigen, was der Premierminister jetzt tun wird: ob er versucht, den Schaden wiedergutzumachen, oder ob er die Beamten decken wird.

Die Vergangenheit hat bewiesen, daß Ariel Scharon die Bedeutung der Beziehung zur Katholischen Kirche sehr gut verstanden hat.

Das beweist sein Versprechen an Washington, die Verhandlungen weiterzuführen, sowie seine frühere Entscheidung – die ebenfalls von US-Präsident Bush und der ganzen christlichen Welt angeregt wurde –, den Beschluß seines Vorgänger – Ehud Barak – zu widerrufen und den Bau einer Moschee direkt vor der Verkündigungsbasilika in Nazaret zu verhindern.

Herr Scharon hat die Möglichkeit, sich von den schuldiggewordenen Beamten zu trennen und den guten Namen des Staates Israel wiederherzustellen.

Was kann der Premierminister tun, um die Krise beizulegen?

Ich glaube, daß die Krise tatsächlich historische Ausmaße angenommen hat. Niemals hat die israelische Regierung – noch irgendeine andere zivilisierte Regierung – eine derart barbarische und heftige Attacke gegen das Oberhaupt der Katholischen Kirche geritten, die sich gegen den regierenden Papst und seinen unmittelbaren Vorgänger und damit gegen die gesamte Kirche und gegen jeden Katholiken richtet.

Trotzdem könnte die Krise ohne größere Schwierigkeiten bereinigt werden. Ich glaube, daß hierfür zwei gleichzeitige Schritte des Regierungschefs nötig sind:

1. Eine vollständige, ausdrückliche und uneingeschränkte Entschuldigung bei seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. und im Angesicht der Erinnerung an den heiligmäßigen Papst Johannes Paul II.

2. Eine uneingeschränkte Anerkennung der israelischen Vertragsverpflichtungen gegenüber dem Heiligen Stuhl durch die ‘Grundlegende Übereinkunft’ und eine völlige Einwilligung in dieselben. Dies bedeutet eine sofortige, umfassende und gutwillige Wiederaufnahme der Verhandlungen, die von Artikel 10 der ‘Grundlegenden Übereinkunft’ gefordert sind.

Diese Schritte sind moralisch und rechtlich gefordert. Sie sollten es erlauben, den immensen, unkalkulierbaren Schaden zu beheben, der durch einige Beamte, die ihre nicht gemachten Hausaufgaben verstecken wollten, fast beiläufig entstanden ist.

Pater Jaeger, es ist bekannt, daß Sie persönlich über mehrere Jahre intensiv daran gearbeitet haben, die Beziehung zwischen der Katholischen Kirche und dem Staat Israel aufzubauen – wie berührt sie diese ganze Geschichte?

Ich kann nicht einmal anfangen zu sagen, was ich fühle… aber bleiben wir auf der objektiven Ebene.

Gibt es noch etwas, das wir in dieser Krise bedenken müssen?

O ja. Diese Krise deutet erneut auf die unmögliche Situation hin, daß die Katholische Kirche in Israel keine einzige Struktur kennt, die fähig oder willens wäre, die israelische Öffentlichkeit anzusprechen oder an der nationalen Debatte teilzunehmen.

Trotz der massiven physischen Präsenz der Kirche im Heiligen Land, ist diese für die Mehrheit der hebräischsprechenden israelischen Gesellschaft öffentlich gänzlich abwesend.

Während in der ganzen letzten Woche Haßpropaganda aus dem Außenministerium floß und aus denen, die sich daran inspirierten, war niemand da, der antwortete!

Es gab keinen, der in Israel, in den israelischen Medien, gegenüber der israelischen Öffentlichkeit auf Hebräisch das Wort ergriff. Das Feld war ganz und gar verlassen.

Ich kenne keine andere Nation, wo die Kirche so radikal ohne eine öffentliche Präsenz dasteht. Es gibt nicht einmal einen Pressesprecher, der in der Lage wäre, an der nationalen Debatte, in den nationalen Medien, in der Nationalsprache teilzunehmen.

Das müßte, um eine Wirkung zu zeigen, regelmäßig geschehen. Damit stünde in Zeiten der Krise ein anerkannter kirchlicher Sprecher bereit, der verfügbar und imstande wäre, die öffentliche Debatte und die nationalen Medien zu erreichen.

Während Jahren wurde viel über die Notwendigkeit der Einrichtung einer kirchlichen Instanz gesagt und geschrieben, welche die Kirche in der israelischen Nation repräsentieren könnte, so wie die Kirche in Übereinstimmung mit dem Auftrag des Herrn und den Lehren des Zweiten Vatikanums in jedem Land gegenwärtig ist.

Wir müssen verstehen, daß dies für jeden Aspekt der Gegenwart der Kirche im Heiligen Land von entscheidender Bedeutung ist. Das ist auch im Interesse aller nationalen Gemeinschaften, die in Israel in der größeren kirchlichen Gemeinschaft zuhause sind.

Aber das ist vielleicht ein Thema, das bei einer anderen Angelegenheit aufgenommen und vertieft werden muß.
      
2 Lesermeinungen
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#2   Doritta   21:32:08 | Sonntag, 31. Juli 2005
Angriffe
Ohne jetzt eine genaue Analyse zu betreiben: Es
scheint offenbar nicht möglich zu sein, ein friedliches Miteinander zu leben. Irgend jemand fühlt sich immer
beleidigt und provoziert. Diesmal die Israelis, die ja
sonst auch nicht sehr zahm agieren. Wie
schwer muß das Amt für Papst Benedikt sein! Er ist
nicht zu beneiden.
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#1   Rocky   14:24:44 | Sonntag, 31. Juli 2005
Plausibel
Mir scheint die These, dass der Regierungsschef Israels tatsächlich von der ganzen Aufmachung – zumindest am Anfang – nichts wusste, plausibel. Ministerpräsident Scharon ist zu erfahren, zu schlau, ein zu grosser Politiker, als dass er sich solch einen Fehler leisten würde! Gespräche werden in der Regel nicht vom Ministerpräsidenten, sondern vond den „unteren Beamten“ vorbereitet. Natürlich liegt es jezt an ihm, Ordnung in die Causa zu bringen.
Was mich in der ganzen Diskussion stört: Bitte unterscheidet doch zwischen den „Juden“ (Nazi-behaftetes Wort) und dem „Staat Israel“ (und dessen Bürger!)
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