Buchbesprechung
Ideologie einmal ohne Ideologie
Geradezu gebetsmühlenartig wird in den Medien immer wieder auf das angebliche „Schweigen“ der katholischen Kirche im Dritten Reich verwiesen. Umso wichtiger sind darum die Berichte der Zeitzeugen. Jenseits von Schwarz und Weiß.
(kreuz.net) Zeitzeugen kennen die Ereignisse des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges aus eigenem Erleben. Sie können darum mit ihren Aussagen ungerechten Vorwürfen entgegentreten.

Ein solches Zeugnis ist die dokumentarische Erzählung „Jugend im Feuerofen“. Sie richtet sich vorwiegend an Jugendliche ab 14 Jahren, ist jedoch auch für Erwachsene fesselnd.

Ferdinand Oertel (78), langjähriger Vorsitzender des nationalen und internationalen katholischen Presseverbandes, schildert darin die Erlebnisse eines Jugendführers im katholischen Jungmännerverband.

Die Hauptperson selbst erscheint ebenso wie die übrigen Handelnden unter Pseudonym, doch die Handlung ist authentisch.

Der Jugendführer Wolf Dorn muß nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten erleben, wie die ‘Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei’ die Arbeit der katholischen Jugendverbände immer stärker beschneidet.

Zusammen mit seinen Freunden trotzt er dem gottlosen Regime und läßt sich in seiner Treue zu Glaube und Kirche auch durch persönliche Nachteile nicht irre machen.

Anläßlich der Romwallfahrt der katholischen Jugend im Jahr 1935 gerät er in die Akten der Gestapo. Ein illegal veranstaltetes Jugendlager wird ihm schließlich zum Verhängnis.

Die Sicherstellung seiner Wehrpapiere wird veranlaßt. Die „Schutzinhaftierung“ soll folgen.

Doch der Hauptmann, der im Wehrbezirkskommando die Anfrage der Gestapo erhält, ist zufällig Wolf Dorns Onkel. Ihm gelingt es rechtzeitig, den Neffen zu warnen.

Nun bleibt Wolf Dorn nur ein gangbarer Weg, um sich dem Zugriff der Gestapo zu entziehen: Er meldet sich freiwillig zur Wehrmacht.

Mit Hilfe wohlmeinender Offiziere gelingt es ihm unterzutauchen.

Doch beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sieht sich Wolf Dorn einem neuen Problem gegenüber, das auf seinem Gewissen lastet: Er muß für das Regime kämpfen, das ihn verfolgt.

Es macht den besonderen Wert dieses Buches aus, daß auf die üblichen Anklagen und Schwarz-Weiß-Malereien verzichtet wird.

Die kommentierende Charakterisierung der Personen erlaubt es dem Leser nachzuvollziehen, welche Beweggründe den einzelnen veranlaßten, sich für oder gegen den Nationalsozialismus zu entscheiden.

Dabei wird deutlich, daß nicht immer die politischen Argumente im Vordergrund standen. Den Ausschlag gab oft vielmehr der Charakter des Handelnden, seine persönlichen Schwächen, Ehrgeiz.

Wie geschickt die Leiter der staatlichen Jugendorganisationen diese Schwächen auszunutzen verstanden, wird am Beispiel von Dorns Gegenspieler Thomas deutlich.

Mit Versprechen einer Beförderung immer weiter gelockt, gerät der ehrgeizige Thomas immer tiefer in die Fänge der Hitler-Jugend.

Schließlich wird er sogar an Wolf Dorn zum Verräter.

Auch die Frage nach Widerstand wird in diesem Buch erörtert. Welche Möglichkeiten gab es? Was konnte der Einzelne überhaupt tun? Welche Probleme waren dabei zu bedenken?

Zusammen mit Wolf Dorn wird dem Leser deutlich, daß die Antwort auf diese Frage nicht so leicht zu beantworten ist.

Auch wenn das viele heute meinen, die sich selbst zum Richter über frühere Generationen aufwerfen.

Ferdinand Oertel
„Jugend im Feuerofen“
Broschiert, 192 Seiten, € 9,00; ISBN 3-930883-07-4
Verlag Petra Kehl, Fulda
      
2 Lesermeinungen
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#2   Lolli(Lollipop)   20:58:21 | Sonntag, 21. März 2010
Da hast du Recht,
Laurentius 2! Muss man so sagen, inzwischen hat sich aber viel getan
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#1   Laurentius2   12:57:56 | Donnerstag, 4. August 2005
Interessantes Detail – für gleichgeschaltete Kath. nicht erkennbar
Interessant im Zusammenhang mit dem deutschen Widerstand finde ich auch, daß die protestantischen Widerstandskämpfer zunächst oder bis zum Schluß arge Probleme mit dem Tyrannenmord hatten, u.a. weil sie sich an ihren Eid gebunden fühlten, aber wohl auch aus einer seit der Reformation (Fürsten) ungebrochenen Art von Staatsgläubigkeit. Den Katholiken, den underdogs nicht erst seit 1806, war dagegen noch der rechtsstaatswidrige Kulturkampf in den Knochen. Außerdem hatten sie weniger quaisreligiöse Gefühle für den längst vergötzten Staat, der mit dem Hl. Reich höchstens noch Name und Teile der Tradition gemeinsam hatte. AUCH HEUTE erkennen immer mehr nachdenkliche Katholiken mit historischem Denkvermögen (v.Boeselager, v.Westfalen, Hohmann, Meisner u.a.), daß es mit dem Rechtsstaat wegen der staatlich organisierten massenhaften Ermordung unserer Kinder in Wahrheit nicht mehr allzu weit her ist …
KULTURELL GLEICHGESCHALTETE KATHOLIKEN KÄMEN DAGEGEN NIE AUF DIESEN GEDANKEN. Wie sich die Zeiten (nicht) ändern …
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