15:37:05 | Mittwoch, 3. August 2005
Geradezu gebetsmühlenartig wird in den Medien immer wieder auf das angebliche „Schweigen“ der katholischen Kirche im Dritten Reich verwiesen. Umso wichtiger sind darum die Berichte der Zeitzeugen. Jenseits von Schwarz und Weiß.
(kreuz.net) Zeitzeugen kennen die Ereignisse des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges aus eigenem
Erleben. Sie können darum mit ihren Aussagen ungerechten Vorwürfen entgegentreten.
Ein solches Zeugnis
ist die dokumentarische Erzählung „Jugend im Feuerofen“. Sie richtet sich vorwiegend an Jugendliche ab
14 Jahren, ist jedoch auch für Erwachsene fesselnd.
Ferdinand Oertel (78), langjähriger Vorsitzender
des nationalen und internationalen katholischen Presseverbandes, schildert darin die Erlebnisse eines
Jugendführers im katholischen Jungmännerverband.
Die Hauptperson selbst erscheint ebenso wie die übrigen
Handelnden unter Pseudonym, doch die Handlung ist authentisch.
Der Jugendführer Wolf Dorn muß nach
der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten erleben, wie die ‘Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei’
die Arbeit der katholischen Jugendverbände immer stärker beschneidet.
Zusammen mit seinen Freunden
trotzt er dem gottlosen Regime und läßt sich in seiner Treue zu Glaube und Kirche auch durch persönliche
Nachteile nicht irre machen.
Anläßlich der Romwallfahrt der katholischen Jugend im Jahr 1935 gerät
er in die Akten der Gestapo. Ein illegal veranstaltetes Jugendlager wird ihm schließlich zum Verhängnis.
Die Sicherstellung seiner Wehrpapiere wird veranlaßt. Die „Schutzinhaftierung“ soll folgen.
Doch der
Hauptmann, der im Wehrbezirkskommando die Anfrage der Gestapo erhält, ist zufällig Wolf Dorns Onkel.
Ihm gelingt es rechtzeitig, den Neffen zu warnen.
Nun bleibt Wolf Dorn nur ein gangbarer Weg, um sich
dem Zugriff der Gestapo zu entziehen: Er meldet sich freiwillig zur Wehrmacht.
Mit Hilfe wohlmeinender
Offiziere gelingt es ihm unterzutauchen.
Doch beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sieht sich Wolf Dorn
einem neuen Problem gegenüber, das auf seinem Gewissen lastet: Er muß für das Regime kämpfen, das
ihn verfolgt.
Es macht den besonderen Wert dieses Buches aus, daß auf die üblichen Anklagen und Schwarz-Weiß-Malereien
verzichtet wird.
Die kommentierende Charakterisierung der Personen erlaubt es dem Leser nachzuvollziehen,
welche Beweggründe den einzelnen veranlaßten, sich für oder gegen den Nationalsozialismus zu entscheiden.
Dabei wird deutlich, daß nicht immer die politischen Argumente im Vordergrund standen. Den Ausschlag
gab oft vielmehr der Charakter des Handelnden, seine persönlichen Schwächen, Ehrgeiz.
Wie geschickt
die Leiter der staatlichen Jugendorganisationen diese Schwächen auszunutzen verstanden, wird am Beispiel
von Dorns Gegenspieler Thomas deutlich.
Mit Versprechen einer Beförderung immer weiter gelockt, gerät
der ehrgeizige Thomas immer tiefer in die Fänge der Hitler-Jugend.
Schließlich wird er sogar an Wolf
Dorn zum Verräter.
Auch die Frage nach Widerstand wird in diesem Buch erörtert. Welche Möglichkeiten
gab es? Was konnte der Einzelne überhaupt tun? Welche Probleme waren dabei zu bedenken?
Zusammen mit
Wolf Dorn wird dem Leser deutlich, daß die Antwort auf diese Frage nicht so leicht zu beantworten ist.
Auch wenn das viele heute meinen, die sich selbst zum Richter über frühere Generationen aufwerfen.
Ferdinand Oertel
„Jugend im Feuerofen“
Broschiert, 192 Seiten, € 9,00; ISBN 3-930883-07-4
Verlag Petra
Kehl, Fulda
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Laurentius2 12:57:56 | Donnerstag, 4. August 2005