Nationalsozialismus
Der Apostolische Nuntius im Dritten Reich
Ein deutscher Historiker hat die Rolle des Apostolischen Nuntius in Berlin während des Aufstiegs der Nationalsozialisten anhand von Originaldokumenten untersucht. Dabei legt sich eine Revision des bisherigen Bildes über den Nuntius nahe.
(kreuz.net, Berlin) Erzbischof Cesare Orsenigo war von 1930 bis zum Kriegsende 1945 päpstlicher Nuntius in Berlin. Er starb kurz darauf im April 1946.

Neue Forschungsergebnisse belegen, daß die Geschichtsschreibung den Mann bisher falsch eingeschätzt hat. Das berichtete ‘Radio Vatikan’.

Mons. Cesare Orsenigo studierte am Priesterseminar in Mailand. Er wurde 1896 zum Priester der Erzdiözese Mailand geweiht. Dort wurde er auch Kaplan und war später Pfarrer der Mailänder Pfarrei San Fedele.

In dieser Zeit lernte er Achille Ratti, einen anderen Mailänder Priester kennen, der im Jahre 1922 als Pius XI. den päpstlichen Thron bestieg.

Noch im selben Jahr ernannte der neue Papst seinen Freund Cesare Orsenigo zum Apostolischen Nuntius in den Niederlanden.

Danach folgten fünf Jahre als Apostolischer Nuntius in Budapest.

Am 25. April 1930 wurde Mons. Orsenigo zum Apostolischen Nuntius in Deutschland ernannt. Sein Vorgänger – Erzbischof Eugenio Pacelli – war als Staatssekretär nach Rom berufen worden. Er wurde 1939 zum Papst – Pius XII. – gewählt.

Der deutsche Historiker Karl-Josef Hummel hat in den 2003 freigegebenen Beständen des vatikanischen Geheimarchivs über Erzbischof Orsenigo geforscht. Die Dokumente betreffen die Zeit bis 1939.

Hummel ist der Leiter der katholischen Kommission für Zeitgeschichte in Bonn.

Nuntius Orsenigo sei in der Forschung bisher eher als schwache Figur beschrieben worden, erklärt der Historiker.

Man habe ihn als Mann präsentiert, „der wenig Scharfsinn im politischen Urteil hatte und vom Vatikan nur deshalb nicht abgelöst wurde, weil man befürchtete, man könne dann keinen neuen Nuntius nach Berlin schicken.“

Dagegen weist Historiker Hummel darauf hin, daß der Erzbischof zum Teil sehr scharfe Analysen zur politischen Lage in Deutschland verfaßt hat:

„Es gibt zum Beispiel keinen anderen Bericht unmittelbar nach der Reichspogromnacht, der so scharfsinnig die Probleme beschrieben hätte wie ein Nuntiaturbericht von Mons. Orsenigo.“

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger war Erzbischof Orsenigo kein ausgebildeter Diplomat.

Die Wirren rund um die Machtergreifung der Nationalsozialisten hätte auch einen erfahrenen Diplomaten auf eine harte Probe gestellt – so der Historiker.

Doch Untätigkeit könne man ihm nicht vorwerfen. In heißen politischen Phasen habe er jeden Tag mehrmals nach Rom geschrieben oder telegrafiert.

Die fast täglichen Berichte des Nuntius dokumentieren alle Phasen des Endes der Weimarer Republik und der Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur.

Mons. Orsenigo meldete nicht nur Dinge nach Rom, die den Vatikan unmittelbar betrafen, sondern er schrieb auch über die großen politischen Fragen der Zeit wie die Wirtschaftskrise, den Antisemitismus, die Etablierung der Diktatur und das Agieren der Nationalsozialisten im Ausland.

Es sei festzustellen, daß der Erzbischof in seinen Einschätzungen oft unsicher war.

Treffende und unzutreffende Urteile sowie wahre und falsche Information wechseln einander ab.

Dennoch wird die bisher negative Einschätzung des Nuntius durch viele Historiker den neuen Forschungsergebnissen nicht standhalten können, betont Hummel:

„Es kann sein, daß das Bild von Mons. Orsenigo durch die zeitgenössischen Quellen etwas gedämpft wird. Sie stammen allerdings auch von Leuten, die sich hätten vorstellen können, selbst Nuntius in Deutschland zu sein.“

Aus den bisher zugänglichen Jahren 1930 bis 1939 liegen rund 1.500 Berichte des Nuntius vor. Dazu gibt es noch rund 500 weitere relevante Dokumente, vor allem die Briefe des Staatssekretärs Eugenio Pacelli an Mons. Orsenigo.

An der Veröffentlichung der Dokumente sind das Staatssekretariat, die Kommission für Zeitgeschichte und das Deutsche Historische Institut in Rom beteiligt. Letzteres will die Dokumente im Internet allgemein zugänglich machen.

Die ersten Veröffentlichungen werden schon im kommenden Monat erwartet.
      
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