13:06:17 | Freitag, 5. August 2005
Ein deutscher Historiker hat die Rolle des Apostolischen Nuntius in Berlin während des Aufstiegs der Nationalsozialisten anhand von Originaldokumenten untersucht. Dabei legt sich eine Revision des bisherigen Bildes über den Nuntius nahe.
(kreuz.net, Berlin) Erzbischof Cesare Orsenigo war von 1930 bis zum Kriegsende 1945 päpstlicher Nuntius
in Berlin. Er starb kurz darauf im April 1946.
Neue Forschungsergebnisse belegen, daß die Geschichtsschreibung
den Mann bisher falsch eingeschätzt hat. Das berichtete ‘Radio Vatikan’.
Mons. Cesare Orsenigo studierte
am Priesterseminar in Mailand. Er wurde 1896 zum Priester der Erzdiözese Mailand geweiht. Dort wurde
er auch Kaplan und war später Pfarrer der Mailänder Pfarrei San Fedele.
In dieser Zeit lernte er Achille
Ratti, einen anderen Mailänder Priester kennen, der im Jahre 1922 als Pius XI. den päpstlichen Thron
bestieg.
Noch im selben Jahr ernannte der neue Papst seinen Freund Cesare Orsenigo zum Apostolischen
Nuntius in den Niederlanden.
Danach folgten fünf Jahre als Apostolischer Nuntius in Budapest.
Am 25.
April 1930 wurde Mons. Orsenigo zum Apostolischen Nuntius in Deutschland ernannt. Sein Vorgänger – Erzbischof
Eugenio Pacelli – war als Staatssekretär nach Rom berufen worden. Er wurde 1939 zum Papst – Pius XII. –
gewählt.
Der deutsche
Historiker Karl-Josef Hummel hat in den 2003 freigegebenen Beständen des vatikanischen
Geheimarchivs über Erzbischof Orsenigo geforscht. Die Dokumente betreffen die Zeit bis 1939.
Hummel
ist der Leiter der katholischen Kommission für Zeitgeschichte in Bonn.
Nuntius Orsenigo sei in der Forschung
bisher eher als schwache Figur beschrieben worden, erklärt der Historiker.
Man habe ihn als Mann präsentiert,
„der wenig Scharfsinn im politischen Urteil hatte und vom Vatikan nur deshalb nicht abgelöst wurde, weil
man befürchtete, man könne dann keinen neuen Nuntius nach Berlin schicken.“
Dagegen weist Historiker
Hummel darauf hin, daß der Erzbischof zum Teil sehr scharfe Analysen zur politischen Lage in Deutschland
verfaßt hat:
„Es gibt zum Beispiel keinen anderen Bericht unmittelbar nach der Reichspogromnacht, der
so scharfsinnig die Probleme beschrieben hätte wie ein Nuntiaturbericht von Mons. Orsenigo.“
Im Gegensatz
zu seinem Vorgänger war Erzbischof Orsenigo kein ausgebildeter Diplomat.
Die Wirren rund um die Machtergreifung
der Nationalsozialisten hätte auch einen erfahrenen Diplomaten auf eine harte Probe gestellt – so der
Historiker.
Doch Untätigkeit könne man ihm nicht vorwerfen. In heißen politischen Phasen habe er jeden
Tag mehrmals nach Rom geschrieben oder telegrafiert.
Die fast täglichen Berichte des Nuntius dokumentieren
alle Phasen des Endes der Weimarer Republik und der Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur.
Mons. Orsenigo meldete nicht nur Dinge nach Rom, die den Vatikan unmittelbar betrafen, sondern er schrieb
auch über die großen politischen Fragen der Zeit wie die Wirtschaftskrise, den Antisemitismus, die Etablierung
der Diktatur und das Agieren der Nationalsozialisten im Ausland.
Es sei festzustellen, daß der Erzbischof
in seinen Einschätzungen oft unsicher war.
Treffende und unzutreffende Urteile sowie wahre und falsche
Information wechseln einander ab.
Dennoch wird die bisher negative Einschätzung des Nuntius durch viele
Historiker den neuen Forschungsergebnissen nicht standhalten können, betont Hummel:
„Es kann sein, daß
das Bild von Mons. Orsenigo durch die zeitgenössischen Quellen etwas gedämpft wird. Sie stammen allerdings
auch von Leuten, die sich hätten vorstellen können, selbst Nuntius in Deutschland zu sein.“
Aus den
bisher zugänglichen Jahren 1930 bis 1939 liegen rund 1.500 Berichte des Nuntius vor. Dazu gibt es noch
rund 500 weitere relevante Dokumente, vor allem die Briefe des Staatssekretärs Eugenio Pacelli an Mons.
Orsenigo.
An der Veröffentlichung der Dokumente sind das Staatssekretariat, die Kommission für Zeitgeschichte
und das Deutsche Historische Institut in Rom beteiligt. Letzteres will die Dokumente im Internet allgemein
zugänglich machen.
Die ersten Veröffentlichungen werden schon im kommenden Monat erwartet.
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