Erst seit drei Jahren ist es für Herrn Dschunischiro Nagai (74) möglich, öffentlich über seine Erfahrung und den Tod seiner Schwester vor 60 Jahren zu sprechen.
(kreuz.net) Am Morgen des 6. August 1945, als Hiroschima von einer Atombombe getroffen wurde, war Nagai
ein 14jähriger Student an einer privaten Mittelschule in Hiroschima.
Er befand sich in einer Fabrik
im Stadtzentrum. Dort war er als Werkstudent tätig. Er glaubte, einen Blitz zu sehen und spürte anschließend
einen Windstoß.
Er blieb dort den ganzen Tag. Als er am Abend nach Hause ging, hatte er vergebens auf
seine 13jährige Schwester gewartet.
Zwei Tage später fanden seine Eltern das vermißte Kind tot im
Stadtzentrum von Hiroschima.
Sie identifizierten den arg entstellten Körper des Mädchens aufgrund eines
Namensschildes, auf dem geschrieben stand ‘Mieko Nagai’. Das Schild bestand aus indischer Seide und war
auf ihre Bluse genäht.
Jahrzehntelang hat ihr älterer Bruder nicht über diese furchtbare Erfahrung
gesprochen, nicht einmal zu seiner Gattin und seinen zwei Söhnen.
Er konnte sich nicht überwinden zu
reden, weil er sich schuldig vorkam, diesen Morgen überlebt zu haben, während unzählige seiner Mitschüler
und Altersgenossen verglühten.
Er fühlte sich auch für den Tod seiner Schwester verantwortlich, weil
er sie ermutigt hatte, die Mädchenschule zu besuchen, mit der zusammen sie umkam.
Anschließend fürchtete
er sich, daß er oder seine Kinder durch die radioaktive Strahlung krank werden könnten. Solche Spätfolgen
könnte die Arbeitsmöglichkeiten oder sogar die Heirat seiner Söhne behindern.
Diese Gefühle verwandelten
sich vor drei Jahren. Herr Nagai – inzwischen 74jährig – fand im Nachlaß seines Vaters ein kleinen Büchlein.
Es trug den Titel: „Die Atombombe und meine Tochter“.
Sein Vater, der ebenfalls nicht über seine Erfahrungen
sprach, hatte einen Bericht niedergeschrieben, wie er den Körper seines toten Kindes fand.
Sein Sohn
las diese Aufzeichnungen drei Generationen später – 44 Jahre nach dem furchtbaren Morgen.
Er las über
den Kummer und die Liebe seines Vaters.
Seit dieser Zeit geht Herr Nagai mit anderen Überlebenden von
Schule zu Schule, um mit den Kindern „die Sprache des Herzens zu sprechen“.
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