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Montag, 8. August 2005 13:59
Höre, und du wirst ankommen!
Nach der Wahl von Papst Benedikt XVI. setzte sich der Abt von Einsiedeln mit einem offenen Brief an den neuen Pontifex in die Nesseln. Jetzt hat er einen zweiten Versuch gemacht. Von Abt Martin Werlen, Einsiedeln.
Abt Werlen
Abt Werlen
(kreuz.net). »Ausculta« – „Höre“ ist das erste Wort der Mönchsregel, die der heilige Benedikt geschrieben hat. Und die Regel schließt mit dem lateinischen Wort „pervenies“ – „du wirst ankommen“:

„Höre, und du wirst ankommen!“

Darin ist das ganze benediktinische Lebensverständnis zusammengefaßt.

Papst Benedikt XVI. hat dieses Verständnis in der Predigt anläßlich seiner Amtseinführung am Sonntag, dem 24. April 2005, vor aller Welt zu seinem eigenen gemacht:

„Das eigentliche Regierungsprogramm aber ist, nicht meinen Willen zu tun, nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen, damit er selbst die Kirche führe in dieser Stunde unserer Geschichte.“

Die ersten Amtshandlungen des neuen Papstes setzen Akzente, die gerade in der Schweiz gut tun und wichtig sind.

Sie stehen quer zum Bild, das in den vergangenen Jahrzehnten in unserem Land und wohl darüber hinaus von dem Mann gemacht wurde, der die Glaubenskongregation leitete.

Kardinal Joseph Ratzinger war ein Mensch, der klar Stellung bezog.

Er hat sich nie um heiße Eisen herumgedrückt. Das hat ihn auch angreifbar gemacht. Allerdings haben die meisten Kritiker wohl kaum Veröffentlichungen dieses großen Theologen oder Dokumente der Glaubenskongregation gründlich studiert.

In der schnellebigen und oberflächlichen Welt der Medien wurden oft nur Schlagworte verbreitet, die diesen durchdachten Texten kaum gerecht wurden.

Und so entstand in unserem Land immer mehr ein Bild von Kardinal Joseph Ratzinger, das für viele Gläubige zu einem Schreckbild der Kirche wurde.

Nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. wurde auf der ganzen Welt für eine gute Papstwahl gebetet.

Bei allen Gelegenheiten, die sich mir in Medienauftritten und bei Gottesdiensten boten, habe ich vor allem eines betont:

Wir wollen nicht für einen Papst beten, der unseren Erwartungen entspricht, sondern wir wollen beten, daß in der Wahl Gottes Wille geschehe.

Obwohl ich die Wahl von Kardinal Joseph Ratzinger sofort als Erfüllung dieses weltweiten Gebetsanliegens annahm, erschrak ich bei der Nennung des Namens.

Mir fielen die vielen Menschen ein, für die diese Nachricht eine zu große Herausforderung sein könnte.

Tatsächlich zeigten die Reaktionen, daß es für viele nicht einfach war, den Menschen, von dem ein solch negatives Bild im Raum stand, plötzlich im Petrusamt zu sehen.

Die meisten von ihnen haben nie einen Originaltext von Kardinal Joseph Ratzinger gelesen. Kaum jemand hatte Gelegenheit, diesem berühmten Mann einmal persönlich zu begegnen.

Ich merkte: Es reicht nicht, jetzt nach der Wahl einfach die große Freude über die Wahl kundzutun.

Als Bischofskonferenz – deren Mitglied ich bin – müssen wir auch die Not der vielen Menschen wahr- und ernst nehmen, die mit dieser Wahl die größte Mühe haben.

Mir fielen verschiedene Begegnungen mit dem Präfekten der Glaubenskongregation ein – die letzte anläßlich des Ad-limina- Besuches der Schweizer Bischofskonferenz Anfang Februar 2005.

Immer habe ich Joseph Ratzinger als schlichten Seelsorger erlebt.

Er ist ein ausgezeichneter Theologe, kann zuhören, Situationen gut analysieren und Positives wie Negatives wahrnehmen. Er vertritt seine klare Haltung, bleibt dabei aber ein sehr angenehmer Gesprächspartner.

Dieser Mann wurde von den Kardinälen nach einem kurzen Konklave zum Papst gewählt. Eigentlich nicht überraschend. Die Kardinäle kannten ihn alle persönlich und wußten um seine Qualitäten.

Die offiziellen Reaktionen aus Bischofskreisen waren voll des Lobes.

Die Schwierigkeiten, die diese Wahl so vielen Gläubigen gerade in unserem Land bereitete, kamen kaum zur Sprache.

Als Christen wollen wir einander mit großer Liebe und mit Respekt begegnen. Aber gerade dazu gehört auch der Freimut.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß Papst Benedikt XVI. sich dieser anderen Stimmen nicht bewußt ist. Und vor allem kann ich mir nicht vorstellen, daß er sich darüber freut, wenn diese Stimmen von Bischöfen einfach totgeschwiegen werden.

So ist ein Offener Brief an den neuen Papst entstanden, in dem ich auch die negative Haltung vieler Menschen aufgegriffen habe. Mit dem Brief wollte ich den Menschen helfen, die mit der Wahl – aus welchen Gründen auch immer – große Mühe haben.

Ob nun jemand von der Person des Papstes begeistert ist oder nicht:

Entscheidend ist, daß das Petrusamt im Gesamt unseres Glaubens seinen Platz findet.

Spontan erinnerte ich mich an eine Szene im Leben des heiligen Ignatius von Loyola.

Ignatius hatte sich und seine Gefährten – den Orden der Jesuiten – ausdrücklich dem Papst unterstellt. Drei Päpste hatten die junge Gesellschaft Jesu gegen alle Widerstände unterstützt.

Der größte Widerstand kam von Kardinal Gian Pietro Carafa.

Dieser hatte in Venedig sogar Verdächtigungen in Umlauf gebracht, die Ignatius einen Prozeß vor der Inquisition eingetragen hatten.

Da starb Papst Marcellus II.

Ein Konklave fand statt. Ignatius befahl seinen Gefährten zu beten, daß keiner Papst werde, der die Gesellschaft Jesu zerstören würde.

Dabei dachte er besonders an Kardinal Carafa.

Am 5. Mai 1554 endete das Konklave mit der Wahl von Kardinal Gian Pietro Carafa zum Papst. Ignatius konnte sein Entsetzen nicht verbergen.

Einem Augenzeugen zufolge „veränderte und verwandelte sich das Gesicht des Vaters beachtlich. Und wie ich später erfuhr – entweder von ihm selbst oder von den Patres, denen er es erzählt hat – drehten sich ihm alle Knochen im Leib.“

Ignatius erhob sich und zog sich zum stillen Gebet in die Kapelle zurück. Kurze Zeit später verließ er die Kapelle verändert und heiter. Er forderte alle Gefährten zum Gebet für den neuen Papst auf.

Viele gläubige und suchende Menschen haben mir für diese Initiative gedankt. Sie fanden eine Brücke von ihren ablehnenden Gefühlen zu dem Menschen, der jetzt auf dem Stuhl Petri sitzt.

Andererseits haben Gläubige, die von der Wahl begeistert waren, teilweise sehr unverständlich auf den Brief reagiert. Dem Papst dürfe man so etwas nicht sagen.

Müssen sich nicht auch diese Menschen von einem Bild lösen, das sie sich gemacht haben?

Papst Benedikt XVI. hat diesen Namen nicht zufällig gewählt. Und er hat in seinen ersten Amtshandlungen deutlich gezeigt, daß er ein benediktinisch geprägter Mensch ist.

In zuvorkommender Art hat er die Ängste und Befürchtungen vieler aufgenommen und angesprochen. Nach der Regel des heiligen Benedikt soll der Abt auf alle hören und dann vor Gott entscheiden.

Durch die noch so gut gemeinte Filtrierung der Voten, die zum Vorsteher gelangen, wird das Hören eingeschränkt und damit letztlich auch die Entscheidung.

„Höre, und du wirst ankommen!“

Das gilt nicht nur für den neuen Papst, das gilt für uns alle, die wir zu Jesus Christus und seiner Kirche gehören.

Wir alle können durch unsere gläubige und ehrliche Haltung an unserem Ort und in unserer Berufung dazu beitragen, daß Papst Benedikt XVI. sein Regierungsprogramm umsetzen kann:

„Das eigentliche Regierungsprogramm aber ist, nicht meinen Willen zu tun, nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen, damit er selbst die Kirche führe in dieser Stunde unserer Geschichte.“
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