Heilige
Exklusiv: Interview mit der Schwester eines Seligen
Heute ist der sechzigste Todestag des seligen Karl Leisner. Am 2. August führte kreuz.net ein Interview mit Frau Elisabeth Haas- Leisner, der leiblichen Schwester des seligen Karl Leisner.
„… In dieser Familie bin ich geborgen, daheim. Das gibt mir, muß mir geben ein ruhiges Gefühl der Sicherheit. Wie beten füreinander …“ [Tagebuch 1937/38]

Frau Elisabeth Haas ist auf dem Photo links oben zu sehen.
Links unten ihre Schwester Maria)

(kreuz.net) Frau Haas-Leisner, am 12. August 1945 verstarb Ihr Bruder Karl im Sanatorium der Barmherzigen Schwestern in Planegg bei München. Eine sehr persönliche Frage: Welche ist für Sie die bewegendste Erinnerung in Zusammenhang mit diesem Datum?

Vor sechzig Jahren – an Karls Todestag – war ich erfüllt von Dank zu Gott, daß er den schweren Leidensweg meines Bruders beendet hatte.

Die intensivste und bewegendste Erinnerung bleibt für mich das Wiedersehen im Sanatorium Planegg am 10. August 1945 nach sechs Jahren und zwei Monaten.

Karl lag im Bett wie ein Greis. Durch eine Drainage brodelte der Eiter aus seiner Seite in ein Gefäß. Ich kam als Erste von uns drei Schwestern ins Krankenzimmer.

Zur Begrüßung sagte er: „Du siehst ja genau so aus wie ich. Das hab’ ich nicht gewußt! Jetzt müßt Ihr nur etwas Schönes erzählen, Klever Platt sprechen und nochmal herzlich lachen!“

Von 9.00 – 12.00 Uhr erlebten wir herrliche Stunden mit unserem todkranken Bruder!

Einmal meinte er: „Die Muttergottes fügt alles zum Besten!“

Gegen 12.00 Uhr war seine letzte Äußerung: „Kinderkes – jüngere Schwestern – ich muß leiden wie der Heiland am Kreuz.“

Seine Kräfte waren zu Ende. Wir konnten uns nicht mehr verständigen.

Wie haben Sie Ihren Bruder persönlich in Erinnerung?

Karl strahlte etwas aus, war ein froher Mensch, gutbegabt, konsequent, kulturell und politisch interessiert, sang und musizierte gern, liebte Wandern, Fahrradfahren, Schwimmen und Sport.

Er hatte auch einen Dickkopf, der ihm in jungen Jahren manche Auseinandersetzung mit Vater einbrachte.

Er liebte sein Eltern, hatte ein bestes Verhältnis zu seinem Bruder Willi, aber auch zu uns drei Schwestern Maria, Paula und mir. Er fühlte sich glücklich und geborgen in unserer Familie.

Darüber hinaus war er ein außergewöhnlich religiöser Jugendlicher, dem es am Herzen lag, junge Menschen für Christus und seine Kirche zu begeistern.

Er verstand es, kameradschaftlich mit ihnen umzugehen und nahm sich besonders gerne derer an, die in der Zeit der Entwicklung schlecht zurecht kamen.

In welchem Zustand war Ihr Bruder, als er aus dem Konzentrationslager freikam?

Seine beiden Retter, Pater Otto Pies SJ und Pfarrer Friedrich Pflanzelt, die ihm am 4. Mai 1945 zur Flucht verhalfen, trafen Karl im Lager als Schwerstkranken an. Er befand sich in äußerster Erregung und tiefer Verlassenheit. Sein Zustand war ungemein ernst.

Hat er über seine Erfahrungen während seiner Haft gesprochen?

Während seiner KZ-Haftzeit konnte er seine Erfahrungen nicht mitteilen, lediglich etwas verschlüsselt andeuten. Nach meinem Wissen sprach Karl über seine Leidejahre im KZ nur mit Oberarzt Dr. Cormann und der Ärztin, die ihn im Sanatorium in Planegg betreute. Er schrieb am 5. Mai 1945: „Dr. Cormann ein feiner Arzt und Mensch. Hat gleich mein volles Vertrauen und Sympathie. Ich vergehe fast vor Freude und Dankbarkeit“ …„Hört mich an über das KZ“ … „Läßt den Dreck von der Seele wegspülen.“ – „Fräulein Dr. zur Visite. Von Dachau erzählt.“

Im Sanatorium hat er noch einmal den Wunsch geäußert, die Heilige Messe feiern zu können. Aber er konnte nicht mehr zelebrieren. Als Datum hat er sich ausdrücklich den 25. Juli ausgebeten. Warum dieser Tag?

Dazu berichtet Karl nur: „Namenstag unseres gefallenen Propstes Jakob Küppers und vom gefallenen Köbes Koch“ … „Die ganze, stille, tiefe Freude zusammen mit dem Freund das heilige Opfer feiern zu dürfen, durchströmt mich. S. Jacobus major. Namenstag der lieben beiden Toten (s.o.). Seit sieben Monaten die erste heilige Messe, an der ich „praesentia corporalis“ teilnehmen darf.“ …„Wie bin ich froh.“

Was war der genaue Grund, warum er die Messe nicht lesen konnte?

Karl war todkrank, unfähig selbst die Eucharistie zu feiern.

Wie haben Ihre Eltern diese schweren Zeiten durchlebt?

Unsere Eltern trugen die große Sorge um den kranken Sohn aus der Kraft des Glaubens. Sie begannen und beteten jeden Tag mit Gott mit der ganzen Familie: Morgen-, Tisch-, und Abendgebet.

Die Eltern und die älteste Schwester Maria nahmen auch schon vor Karls Inhaftierung täglich an der heiligen Messe teil. Wir blieben trotz aller Schwere immer eine frohe Familie.

Als Karl ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert wurde, baten die Eltern meine Schwester Paula und mich, täglich mit zum Gottesdienst zu gehen, um zusammen für Karl um Mut und Kraft zum Durchhalten zu beten.

Wir erklärten uns gerne dazu bereit, wenn der frühe Kirchgang vor Schulbeginn auch manchmal etwas schwerfiel.

Wir stehen im Vorfeld des Weltjugendtages in Köln. Der 12. August ist als „Tag des Sozialen Engagements“ für Jugendliche in Vorbereitung auf die Begegnung mit dem Papst gedacht. Was war das soziale Engagement Ihres Bruders? Was lag ihm am Herzen?

Karls Sorge galt den andern. Er sorgte sich besonders um Familie, Kameraden und die Jugend. Von Natur aus besaß er großes Geschick, sich seiner Mitmenschen anzunehmen. Der Mittelpunkt seines Lebens war eine tiefe Beziehung zu Christus. Diese intensive Christusliebe versuchte er an andere weiterzugeben.

Was würde Ihr Bruder angesichts der schwierigen kirchlichen Situation in Deutschland tun?

Den frischen Mut zum Wirken in der Kirche würde er keinesfalls aufgeben. Mit Frohsinn und Entschiedenheit würde er Zeuge des Glaubens sein und denen, die den Weg zu Gott nicht kennen oder verloren haben, den Glauben von Grund auf mit viel Geduld und Liebe im Vertrauen auf Gottes Gnade und Hilfe vermitteln.

Als Schwerstkranker schreibt er am 16. Juni 1945: „Du armes Europa, zurück zu deinem Herrn Jesus Christus.“ …„Heiland, laß mich ein wenig Dir dabei Instrumentum sein. O ich flehe dich an!“

Somit bat er Gott, nach seinem Tod im Reich Gottes weiter wirken zu dürfen.

Eine letzte Frage für diejenigen, die mehr wissen wollen. Welches Buch über Ihren Bruder Karl würden Sie empfehlen?

Besonders lesenswert finde ich das Werk von Hans-Karl Seeger. Es heißt „Karl Leisners letztes Tagebuch“ – ISBN 3-983144-22-1 – und besitzt einen mehr dokumentarischen Inhalt.

Empfehlenswert ist auch „Wie Gold im Feuer geläutert“ – ISBN 3-907523-26-1 – von René Lejeune. Es ist mehr spirituell ausgerichtet und eignet sich gut für junge Leute.

Der engste Freund meines Bruders im Konzentrationslager war Pater Otto Pies SJ. Pater Pies stand ihm auch als Priester bei und kümmerte sich um ihn im Planegger Sanatorium. Von Pater Pies stammt auch die erste Biographie über Karl Leisner, die sich „Stephanus heute“ nennt und 1950 erschien. Sie ist aber nicht mehr im Buchhandel erhältlich.

Frau Haas, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Hans Metzeler, Immenstadt im Allgäu.
      
2 Lesermeinungen
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#2   Catholicus   18:52:02 | Freitag, 12. August 2005
Danke …
… für das ausgezeichnete Interview!
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#1   Karl   10:31:39 | Freitag, 12. August 2005
Empfehlung
Zu empfehlen ist auch das Jugendbuch „Aber an Hitler glaube ich nicht“ von Pfarrer Klaus-Peter Vosen aus Köln. Es zeichnet den Lebensweg Karls für Jugendliche ab 12 Jahren nach.
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