Rom ist eine Fundgrube für Legenden, Anekdoten und Kuriositäten. Eine von ihnen handelt vom Meister aller Meister der christlichen Kunst: Michelangelo Buonarroti. Es geht um die wertvollste Visitenkarte der Welt.
(kreuz.net) Eines der bekanntesten Werke der christlichen Kunst und das bekannteste Werk seines Schöpfers
ist die berühmte Pietà. Sie ist im Petersdom, auf der rechten Seite vom Eingang zu sehen. Seitdem ein
Verrückter sie in den siebziger Jahren mit einem Hammer schwer beschädigte, wird sie durch eine Trennwand
aus Panzerglas geschützt. Die Pietà ist das einzige Werk des Michelangelo, das der Künstlers mit seinem
Namen signierte. Wo befindet sich diese Signatur? Sie ist auf dem Band, das schräg über die Brust der
Muttergottes läuft.
Wie im folgenden ersichtlich, kennt die Ewige Stadt aber noch eine weitere Visitenkarte
des genialen Meister.
Man sagt, daß Raffael – der andere große Künstler, der in Rom gleichzeitig mit
Michelangelo arbeitete -entsetzlich eifersüchtig gewesen sei, als er die Wände der Villa Farnesina mit
Gemälden schmückte. Raffael verbot jedem – wer immer es auch war – den Zutritt zu den Räumen, wo er
arbeitete.
Es wird erzählt, daß zwischen den zwei Künstlern – Raffael und Michelangelo – eine gewisse
Eifersucht geherrscht habe.
Als Michelangelo hörte, daß Raffael in der Villa Farnesina arbeitete, starb
er beinahe vor Neugierde, weil er die Arbeit seines Konkurrenten sehen wollte. Doch was immer er auch
unternahm – er bekam sie nicht zu Gesicht.
Da besann er sich auf eine List.
Um von keinem der Aufseher
und Arbeiter erkannt zu werden, verkleidete sich Michelangelo als Drechsler und machte sich mit seiner
Ware auf den Weg zum Palazzo Farnese, in dem heute das italienische Aussenministerium untergebracht ist.
Dort angelangt ließ er sich auf den Stufen vor dem Platz nieder und begann seine Drechselware zum Verkauf
anzubieten.
In einem günstigen Augenblick – niemand schenkte dem armen Händler Aufmerksamkeit – schlüpfte
Michelangelo in den Palast und eilte zum Objekt seiner Begierde. Michelangeo hatte vorher ausgespäht,
daß Raffael gerade nicht anwesend war. Im Saal betrachtete Michelangelo die Arbeit seines Rivalen sehr
genau. Dann nahm er ein Stück Kohle und zeichnete auf eine der Wände einen schönen Kopf.
Nach getaner
Arbeit raffte er seine sieben Sachen zusammen und entwich ebenso vorsichtig und klammheimlich wie er gekommen
war.
Kurz darauf kehrte Raffael zurück.
Er bestieg das Gerüst, nahm Palette und Pinsel und schickte
sich an zu malen. Doch huch! Plötzlich erblickte er auf einer der Wände die Zeichnung des Drechslers,
so naturgetreu, daß der abgebildete Kopf zu leben schiene.
Raffael zweifelte keine Sekunde: „Das war
Michelangelos Hand.“
Aber statt – wie man es vermuten könnte – den Aufseher zu schelten und zur Rede
zu stellen, versiegelte Raffael seinen Künstlermund. Nicht nur den. Er wachte auch mit Argusaugen über
die von seinem Rivalen hinterlassene Zeichnung. Er ließ es nicht zu, daß das Bild zerstört würde,
da ihm bewußt war, daß es einen Wert darstellte, der erhalten bleiben müsste.
Bis zum heutigen Tag
ist die Abbildung, die der ‘Drechslermeister’ Michelangelo damals zeichnete, in der Farnesina zu sehen.
Michelangelo († 1564) hieß mit ganzem Namen Michelagniolo Buonarroti. Er war Bildhauer, Maler, Baumeister
und Dichter. Berühmt wurde er durch die Pietà, die Bemalung der Sixtinischen Kapelle und die Pläne
zum Bau des Petersdoms. Von häßlicher körperlicher Gestalt stieg er als Künstler zum „Hohenpriester
der Schönheit“ empor.
Raffael († 1520) hieß mit ganzem Namen Raffaello Santi. Er war als Maler ein
Vertreter der Hochrenaissance in Rom. Nach der Ausbildung in verschiedenen italienischen Städten, vor
allem in Florenz, berief ihn Papst Julius II. 1508 nach Rom.
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