12:18:33 | Dienstag, 23. August 2005
Benedikt XVI.
Am 19. August veröffentlichte die Wochenzeitung ‘Junge Freiheit’ ein Interview mit Mons. Georg Ratzinger: „Die nachkonziliaren Schwierigkeiten liegen vor allem im Bereich der Liturgie.“
(kreuz.net) Ob er Benedikt XVI. eher als seinen Bruder oder als seinen Papst betrachte, wird der
81jährige
Mons. Ratzinger und ältere Bruder des gegenwärtigen Papstes zu Beginn des Interviews gefragt. Er antwortet
mit einem „sowohl – als auch“.
Sie seien Brüder: „Aber wenn er als Papst Benedikt XVI. der Kirche eine
Botschaft mitteilt, übernehme ich diese wie jeder andere Priester auch.“
Das sei keine Schwierigkeit,
denn das katholische Amtsverständnis sei personal, nicht funktional:
In der katholischen Kirche sei
selbst der einfache Priester nicht nur ein Funktionsträger, sondern ein Vertreter des Bischofs. Er sei
auserwählt und für den Dienst Christi geweiht:
„Der Gedanke des Funktionalen, den moderne Kreise analog
zur evangelischen Kirche auch bei uns einführen wollen, dokumentiert ihr tiefes Unverständnis der katholischen
Kirche.“
Die Zersetzung des katholischen Amtsverständnisses komme zum Beispiel von Gruppen wie ‘Kirche
von unten’ oder ‘Wir sind Kirche’ und sei eine „Verfehlung der geistigen Struktur unseres Glaubensgebäudes“.
„Die Vorstellungen dieser Gruppen sind so weit weg von der eigentlichen Kirchenwirklichkeit, daß man
von einer Trennung in der religiösen Substanz sprechen muß“, erklärt Mons. Ratzinger.
Das Problem
bestehe unter anderem in der Tendenz, die Modelle, denen wir überall begegnen, auch auf Bereiche zu übertragen,
auf die sie gar nicht passen, wie etwa die Kirche:
„Sogar unter den Gläubigen ist das Verständnis für
die innere Wahrheit des Glaubens geschwunden. Entscheidende Grundlagen werden heute selbst von praktizierenden
Christen nicht mehr verstanden, geschweige denn anerkannt. Das ist Ausdruck einer wirklich tiefen Krise.“
Der Journalist lenkt das Gespräch auf Kurienkardinal Walter Kasper. Über diesen solle der jetzige Papst
einmal gesagt haben, daß dessen Positionen im Grunde nichts mehr mit Katholizismus zu tun hätten:
„Davon
weiß ich nichts“, antwortet Mons. Ratzinger: „Ich kann es mir auch nicht vorstellen. Ich schätze Kardinal
Kasper jedenfalls anders ein. Aber es stimmt, daß es selbst Kardinäle gibt, die von diesem Substanzverlust
erfaßt sind. Etwa der Brüsseler Kardinal Godfried Daneels, dessen Äußerungen nach meiner Auffassung
nicht mehr mit dem katholischen Bewußtsein vereinbar sind.“
Umstritten sei auch Kardinal Lehmann, wirft
der Journalist einen weiteren Namen ein:
„Nein, ich glaube, daß dieses Bild von einigen aus einer tendenziösen
Überempfindlichkeit heraus auf Kardinal Lehmann projiziert wird. Es stimmt, daß er ein Mann der leisen
Töne ist. Aber dieser keineswegs ehrenrührige Umstand wird mitunter vorschnell als Preisgabe des Glaubens
mißverstanden. Da tut ihm die Kritik unrecht.“
Wie die Krise der Kirche zu bewältigen sei, wird der
der Papstbruder weiter gefragt: Die in den Medien oft zu Wort kommenden Kritiker hätten ein einfaches
Rezept: Die Kirche müsse sich modernisieren.
„Das ist eine ebenso populäre wie unsinnige Forderung“,
antwortet Mons. Ratzinger:
„Sicherlich stimmt, daß Kirchenvertreter nicht immer mutig genug sind, aber
eher in Hinsicht darauf, daß man aus einer Unsicherheit heraus vielfach dazu neigt, ohne genügenden
Widerstand jeden Unfug, der sich in der Kirche breitmacht, zu tolerieren.“
Er wolle in diesem Zusammenhang
keine Schuldigen nennen. Das sei zu einfach:
„Es hat der Geist der modernen Zeit in der Kirche Platz
gegriffen, und man muß verstehen, daß nicht jeder imstande ist, diesem zu widerstehen.“
Es sei menschlich,
daß viele ihrer kirchlichen Verantwortung nicht gewachsen seien.
Warum der kirchliche Versuch, mit dem
Zweiten Vatikanum auf die Krise zu antworten, gescheitert sei?
Das Konzil sei eine vielschichtige Veranstaltung
gewesen, antwortet der Monsignore: Heute gebe es viel Kritik am Konzil. Die Reaktion auf das Zweite Vatikanum
stehe aber in Übereinstimmung mit der Reaktion auf frühere Konzilien: einerseits begeisterte Annahme,
andererseits scharfe Zurückweisung.
Das Problem ergebe sich daraus, daß die Konzilstexte zu wenig bekannt
seien und man lieber aufgrund eines konstruierten „Konzilsgeistes“ agiere:
„Jeder, der nach seinem Gusto
in der Kirche etwas verändern möchte, spricht davon, der ‘Geist des Konzils’ gebiete es … Völlig
gleichgültig, ob das auch nur im entferntesten etwas mit dem Konzil zu tun hat oder nicht.“
Da sei ein
starker Mißbrauch des Konzils im Schwange, und der ‘Geist des Konzils’ sei in Wirklichkeit meist eher
der Geist derer, die sich auf ihn beriefen. Das trage bei den konservativen Kritikern des Konzils nicht
unwesentlich zu seinem schlechten Ruf bei.
Wie beschreibt Mons. Ratzinger die Wahrheit des Konzils?
„Das Konzil steht voll auf dem Boden des Glaubens. Es hat ihn im Ganzen eindrucksvoll formuliert. Ich
glaube, das Konzil ist eine Chance, die wir bis heute noch nicht recht zu nutzen gewußt haben.“
„Die
nachkonziliaren Schwierigkeiten liegen vor allem im Bereich der Liturgie, wofür aber wohl nicht die Konzilstexte
selbst, sondern die nachkonziliare Liturgiereform verantwortlich ist.“
Ob das Konzil nicht in einigen
Punkten revidiert werden müsse?
„Ein Konzil ist kein Parlamentsbeschluß. Es ist die Stimme der Kirche,
die unter dem Einfluß des Heiligen Geistes spricht.“ Nötig sei eine glaubensauthentische Deutung des
Konzils. Im Mittelpunkt müsse wieder das Hineinwachsen in den Geist des Glaubens stehen:
„Modernisierungen
sind in ein paar Jahren veraltet. Auf diese Weise gibt die Kirche ihren überzeitlichen Schatz preis und
verwandelt sich in eine beliebige Institution.“
Der wahre Fortschritt bestehe in einer Rückkehr zur
Nachfolge Christi.
Ob die Kirche den Mut dazu habe? – wendet der Gesprächspartner ein.
Ihm sei klar –
antwortet Mons. Ratzinger –, daß man damit so manches Mißverständnis riskiere und sich so manchen „Feind“
mache:
„Wer wider den Stachel des Zeitgeistes löckt, der muß darauf gefaßt sein, daß ihm der Wind
voll ins Gesicht weht. Das muß die Kirche aber aushalten und deshalb auch den Mut zu in den Augen der
medialen Öffentlichkeit unpopulären Entscheidungen haben. Die Kirche darf nicht vergessen, daß sie
nicht allein vor dem Heute, sondern vor der Ewigkeit bestehen muß.“
Ein solches „Zurück“ – wendet der
Journalist ein – werde in der öffentlichen Debatte nicht einmal diskutiert, geschweige denn praktiziert.
Dort gehe es nur um die Frage der „Modernisierung“.
Mons. Ratzinger ortet dieses Problem in der Auswahl
der Teilnehmer und Themen solcher Diskussionen, die vor allem durch Journalisten bestimmt würden:
„Die
sind an einer Modernisierungs-Debatte wesentlich mehr interessiert als an einer Debatte über die Rückkehr
zu unpopulären, aber fundamentalen Glaubenswahrheiten.“
Zudem sei es leider populär, nur über Äußerlichkeiten
statt über Inhalte der Kirche zu sprechen – bevorzugt über solche Dinge, die das Interesse unserer modernen
Gesellschaft widerspiegelten.
Ob er die Zölibats-Debatte als Projektion der Sexualisierung oder die
Ökumene als Projektion der Multikulturalisierung unserer Gesellschaft meine, fragt der Journalist nach.
„Eben“ – antwortet Mons. Ratzinger: „Das enthüllt die wahren Vorlieben und verhüllt das wirklich Wichtige,
nämlich die Fragen des Glaubens.“
Dabei hätten doch alle die protestantische Kirche als warnendes Beispiel
vor Augen, wo diese „Reformen“ viel weiter fortgeschritten seien und die Situation sich noch viel mehr
zugespitzt habe:
„Ich weiß nicht, was sich die ‘Drewermänner’ und ‘Küngs’ dabei denken … Tatsache
ist aber, daß keiner die inzwischen offensichtlichen Schwachstellen ihrer Ideen erkennt, denn sie sind
nach wie vor die Lieblinge der Medien.“
„Ich möchte keine falsche Versprechungen machen und auch nicht
verhehlen, für wie verfahren ich die Situation halte“, erklärt der Bruder des Papstes. Andererseits
aber habe ihm die Reaktion auf den Tod Johannes Pauls II. auch Mut gemacht:
„Es war doch sehr ermutigend,
zu sehen, wie beliebt ein Papst doch in Wirklichkeit war, der in so vielem als unzeitgemäß galt und
immer wieder schwersten Angriffen ausgesetzt war.
Die Anerkennung, die dieser Papst gefunden hat, gebe
doch auch Hoffnung für die Zukunft.“
Dr. h.c. Georg Ratzinger: Der Bruder Papst Benedikts XVI. ist Apostolischer
Protonotar. Der Kirchenmusiker war von 1964 bis 1994 Domkapellmeister in Regensburg und wurde als Leiter
der Regensburger Domspatzen weltweit bekannt. Geboren wurde er 1924 in Altötting. 1951 empfing er zusammen
mit seinem Bruder die Priesterweihe.
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