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Donnerstag, 25. August 2005 15:34
Die sakrosankte Ekstase
Gegen die Massen- Sentimentalisierung des katholischen Glaubens und für eine klare, trockene Kirche. Von Peter Fuchs.
Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Ich bin Katholik, gar, wie man so seltsam verquer zu sagen pflegt, ein praktizierender Katholik.

Ich gehe regelmäßig zur Kirche, bemühe mich, in etwa so zu leben, wie Christen in dieser Kirche leben können: lebens- und leidenschaftsgemäßigt im Alltag, mit typischen Konzessionen an menschliche Schwächen, hin und wieder erbaut durch die Sinnlichkeitshochleistungen der katholischen Liturgie, eher abgestoßen durch religiöses Virtuosentum, durch unangebrachte öffentliche Glaubens-Ekstasen, durch frömmelndes Gitarrengezupfe.

Ich schätze diese Kirche, weil sie das Weltliche nicht scheut, bodenständig und robust ist, so robust, daß sie religiöse Sonderleistungen gleichsam an ihren Rändern noch zuläßt, aber eben doch mit gedämpfter Begeisterung für emphatisches Augenrollen, für Glossolalie, für alle Anzeichen von Verzückung und Erweckung.

Aber trifft dieses Bild noch zu?

Seit einiger Zeit (und im Weltjugendtag gegenwärtig kulminierend) wird diese klare, trockene Kirche seltsam „sentimentalisiert“. Es ist, als ob sie, diese sündige Pilgerin durch alle Turbulenzen der Zeiten, die nie auf einen Zug aufgesprungen ist, nur weil er modern ist, nun plötzlich Gefallen daran findet, auf diesen einen der jugendbewegten Gemeinschaftsseligkeit und ihre massenmediale Wirksamkeit aufzuspringen.

Sie gibt sich den Anschein, daß sie schäumt und brodelt, auf Pumaschuhen läuft, die unvermeidlichen Rucksäcke, Handys und Walksmans trägt, daß sie wie eine soziale Bewegung sei, durch-enthusiasmiert und de-rationalisiert bis auf ihren Grund.

Hunderttausende, mitunter Millionen fassen sich an den Händen und zelebrieren Friede, Freude und zu Herzen gehende Gemeinschaft. Die Kirche, scheint es, hebt an zu schunkeln, sogar: zu rocken. Sie entdeckt die Popularität, sie wird, wie man gesagt hat: Pop.

Was soll daran bedenklich sein?

Doch nicht allein der Umstand, daß jene Myriaden jugend-gläubig bewegter Leute wohl nicht alle täglich in der Bibel lesen, den Katechismus wohl kaum durchgängig beherzigen und wohl auch nicht auf Liebes- und Lebensfreiheiten verzichten, auf die keinen Wert zu legen die Kirche dringlich anrät und mitunter gebietet?

Und vermuten läßt sich auch, daß nur ein verschwindend geringer Teil dieser schwärmerischen Menschen im eigenen Leben das Ur-Christentum lebt.

Die Bedenklichkeit speist sich aus anderen Quellen. Zum Beispiel werden wir Zeugen riefenstahlscher Masseninszenierungen. Das ist nicht nur formal so, sondern auch funktional äquivalent: Es geht um Giga-Appelle ans Emotionale, um bedenkenlose Gefühlsausschüttung, die als Instrument der Reflexionsblockade genutzt wird. Das Herdersche „Ich fühle, ich bin!“, das Goetheische „Gefühl ist alles!“ gewinnt dabei aktuelle Bedeutung. Es heißt jetzt: „Wir fühlen, wir sind jung, wir sind, und das ist alles!“

Es ist mehr als bezeichnend, daß im Zentrum dieser gewaltigen Schaustellungen ein nachgerade fiebrig-frenetischer Personenkult exerziert wird, der nichts gemein hat mit dem gleichsam zusammengenommenen, schlichten Leben des Jesus von Nazareth, der sich diesen Lärm verboten hätte.

Man vergleiche die Bilder von Massenbegeisterungen, welchem Anlaß sie sich auch immer verdanken, durch die Zeiten: Sie sind immer Bilder einer körperlich-mimisch ausgedrückten Entleerung, endzeitlicher Hoffnung und Erwartung, von völliger Obsession, in der die Hände flehend gereckt sind, die Augen naß, Körper und Geist adrenalingesättigt und verschwitzt – ohne jede Aussicht auf ein cooling-down, das bislang ein Schlüsselmerkmal des Katholizismus war: als Bändigung überschießender Leidenschaften, als Ausschluß der (selbstbefriedigenden) Berauschungen.

Kann man denn als kopfschüttelnder Katholik dazu noch etwas theoretisch sagen?

Ja, auf die Schnelle, in kaum zu verantwortender Kürze. Eines der zentralen Bewandtnisse der Moderne ist das, was man „wilde Kontingenz“ nennen könnte. Im Prinzip geht es darum, daß in der modernen Gesellschaft kaum mehr die Möglichkeit besteht, nicht zu beobachten, daß alles, was geschieht, nicht eindeutig oder kontingenzfest ist, sondern auch von wo anders her anders beobachtet werden könnte und beobachtet wird.

Ohne, daß es eine Stelle, einen archimedischen Punkt der Beobachtung gäbe, von dem aus Ereignisse kontingenzfrei und gleichsam legal beurteilbar wären. Eine Metapher dafür ist: Wir leben in einer dämonisierten Welt, in einer Welt der De-Präzisierung aller Anschlüsse, worüber man dann auch bisweilen unter dem vergilbten Stichwort Postmoderne redet.

Es steht zu erwarten, daß unter diesen Vorzeichen Einrichtungen evolutionär begünstigt werden, die Kontingenz abfedern, strangulieren, ausschalten.

Der moderne Boom der Organisationen wäre dafür ein Beispiel, die mit ihren internen Hierarchien garantieren, daß – wie Luhmann gesagt hat – immer klar ist, wer die Befugnisgewalt hat, wer wo wann und in welcher Farbe zeichnungsberechtigt ist, wie groß die Büros jeweils sind, wer den Dienstwagen wann und mit welchem bürokratischen Aufwand benutzen darf, usw.

Ein anderes Beispiel ist die Ausdifferenzierung des Leistungssportsystems, durch das immer klargestellt wird, wer gewonnen, wer verloren hat.

Und ein drittes Beispiel ist hier einschlägig: Die Hausse der Gefühls-, Körper- und Gemeinschaftskultur. Die Referenz auf Gefühle garantiert ein Areal der Unwidersprechbarkeit. Gefühle hat man, wie man einen Körper hat. Gefühle sind immer „Basta!“ Die Kommunikation von Gefühlen schließt Gegenbeobachtung aus. Emotionen sind in gewisser Weise sakrosankt, vor allem, wenn sie in ekstatischer Gemeinschaft zelebriert werden.

Und da lauert die Gefahr für meine Kirche. An die Stelle des Sakralen, des Numinosen tritt: von sich selbst begeisterte Begeisterung.

Gesucht wird die kontingenzvernichtende seelische Bewegtheit, die schlichte Botschaft Nina Ruges: „Alles wird gut!“ – irgendwie, irgendwann. Jemand wird’s richten. Habemus papam. Die gute Botschaft (eu angelion) wird zur netten (nicht zur strengen) Botschaft. Gottes Liebe, hat man gesagt, ist schrecklich, weil sie unnachsichtig fordernd ist. Sie drückt sich nicht aus in hüpfenden Kinderengelchen, geschwenkten Feuerzeugen und Wunderkerzen. Sie berichtet statt dessen von der fundamentalen Unheilbarkeit der Welt.

Ich vermute (und bisher hatte mich das meine Kirche gelehrt), die Botschaft des neuen Testamentes hat nicht viel zu tun mit betäubenden Spektakeln der Gefühlsduselei, die wohlfeil zu haben sind.

Die katholische Kirche täte gut daran, Kontingenzen der Moderne auf ihre eigene Weise auszuhebeln. Kognitive Verfettung, die eines der Symptome sich selbst feiernder Systeme sind, sollte sie vermeiden.

Und zur Kenntnis nehmen: Strohfeuer wärmen bekanntlich nicht lange, so wenig wie die Jugend lange währt.

Peter Fuchs ist Professor für Soziologie in Neubrandenburg.

Der Artikel erschien am 19. August in der Frankfurter Rundschau. Der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Zeitung und von Prof. Peter Fuchs.
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 26 Lesermeinungen:
Sonntag, 28. August 2005 16:01
Evelin: @ P. Cappabianca
Auch JoPaII. ist bei seinen Events bescheiden aufgetreten. Wenn’s nur um das ginge, hätten wir kein Problem. Außerdem die Mitte zwischen was? Die Tradition wahrt die Mitte zwischen Sedisvakantismus und Papalismus. Wenn Sie diese Mitte meinen, bin ich einverstanden.

Der Gatte der Evelin
Samstag, 27. August 2005 10:14
P. Max Cappabianca OP: Ein bedenkenswerter Beitrag!
Ich halte die Überlegungen des Neu-Brandenburger Soziologieprofessors für sehr bedenkenswert. Schon lange treibt mich die Frage um, wie bei solchen Massenevents „von sich selbst begeisterte Begeisterung“ vermieden werden kann. Ich denke, dass das bescheidene Auftreten Papst Benedikts XVI. in die richtige Richtung geht! Aber vielleicht muss noch mehr geschehen, um die Mitte zu wahren!
Freitag, 26. August 2005 16:02
Benedikt: @ Toby
Aber warum wurden dann entgegen den kanonischen Bestimmungen noch 3.000 „außerordentliche Kommunionspender“ ausgesandt, die eigentlich nur für Notfälle (Todesgefahr, kein Priester erreichbar) vorgesehen sind?

Ich habe schon in einem Beitrag vor ein paar Tagen (Dienstag?) aufgezählt, wie oft VOM VATIKAN gegen Redemptionis Sacramentum verstoßen wird. Nichts neues daher. Allerdings gebe ich zu von diesem Verstoß nichts gewusst zu haben. Ich habe keinen außerordentlichen Kommunionspender gesehen (war vor Ort = begrenzter Winkel).

@MilesChristi
Kann jemand sagen, wie das mit der Kommunionspendung war ?
Also Kniebänke usw. gab es nicht, Patenen auch nicht. Den Schirmträger hatte auch nicht jeder (ich sah keinen). Darin sind aber keine Verstöße gegen irgendwelche Vorschriften zu sehen. Die Verwendung von Kniebänken nur für diesen Gottesdienst (und ansonsten eben nicht) wäre Heuchelei gewesen. Allerdings muss man sagen, dass von den Veranstaltern geplant gewesen war, dass die Glüubigen auf ihrem Platz bleiben, und die Priester vorbeikommen. Da man am Platz vor der Kommunionausteilung kniet, kann man den Veranstaltern etwas Positives unterstellen. Natürlich wurde auch Handkommunion gegeben. Sie ist auch grds. erlaubt. Allerdings war da der Wind (Profanierungsgefahr), und dreckige Camping-Finger. Auf die Handkommunion hätte daher nach RS verzichtet werden müssen und ich hab mich dran gehalten.
Freitag, 26. August 2005 13:23
Toby: Initiatoren und Organisatoren
Das Ärgernis des WJT besteht in der furchtbaren Gegensätzlichkeit zwischen dem, was der Papst tat und sagte und dem, was sich die Initiatoren und Organisatoren unter einem WJT vorstellen und worauf der Papst kaum Einfluss gehabt haben dürfte.

Mich würde mal interessieren, wer „die“ Initiatoren und „die“ Organisatoren des Weltjugendtags eigentlich sind. Ist für die sogenannte „Gestaltung“ der Gottesdienste das Organisationskommittee des Weltjugentags verantwortlich?

Wie und von wem wurden welche Leute in dieses Gremium berufen? Hat Kardinal Meisner da keinen größeren Einfluss gehabt?

Wie sah das alles bei den früheren Weltjugendtagen aus, beispielsweise in Toronto oder Rom? Dort war ja, so meine ch mich zu erinnern, auch alles ein großes Sacropop-Event. Also darf man nicht alles einfach den bösen Deutschen, insbesondere dem linken BDKJ anlasten.

Und welchen Einfluss auf das ganze Geschehen und den Ablauf hat eigentlich der päpstliche Zeremoniar und Bugnini-Schüler Erzbischof Marini, der auch in Köln keine Minute von der seite des Papstes wich, zumindest nicht bei den liturgischen Abläufen?

Fragen über Fragen. Ih hoffe, dass hier jemand Antworten parat hat …
Freitag, 26. August 2005 11:23
palestrina: Sehe ich auch so
@virOblationis: Richtig, aber früher wurde der schlechte Geschmack durch einen höheren Grad an Verbindlichkeit reguliert, welcher ein gewisses Niveau sicherstellte. Auch da trifft Ihre Aussage über die Hierarchie zu.

P.S. Das Beispiel mit dem Priester und dem man mit der Einwegbibel ist gut. Was meinen Sie, wie ich mich immer freue, wenn mir Eltern, die keine Note kennen, im Brustton der Überzeugung erklären, ein Keyboard sei für ihr Kind geeigneter, als ein Klavier…

@wolfgang e: Wir sind uns, glaube ich, fast vollkommen einig. Auch ich höre auf den Papst und fand das, was er sagte, durchweg sehr gut. Die Sache mit der Kommunionankündigung, dem römischen Kanon und manch anderes waren Hoffnungszeichen.

Das Ärgernis des WJT besteht in der furchtbaren Gegensätzlichkeit zwischen dem, was der Papst tat und sagte und dem, was sich die Initiatoren und Organisatoren unter einem WJT vorstellen und worauf der Papst kaum Einfluss gehabt haben dürfte. Damit meine ich vor allem die Musik (sorry, ist halt mein Beruf), aber auch liturgische Tänze, Jongleur-Nummern bei der Vigil etc. Um zu analysieren, dass so etwas frevelhaft ist, genügt auch die Ferndiagnose. Ich muss mich doch auch nicht betrinken, um festzustellen, dass Alkohol die Sinne benebelt.
Freitag, 26. August 2005 10:10
wolfgang e.: @palestrinam
Der Professor hätte recht,

wenn seine Diagnose zutreffend wäre. Es ist eine unangenehme Eigenschaft vieler Soziologen, ungebeten Ferndiagnosen zu stellen, aus wenigen Fersehbildern gleich eine Generaldiagnose der Masse zu erstellen.

Ich brauche keinen Soziologen, der mir erklärt, was katholisch ist. Ich höre lieber auf den Papst.

Man kann gerne einiges an dem WJT kritisieren, mir hat auch nicht alles gefallen, und Meinungsfreiheit steht in diesem Bereich jedem Katholiken zu. Vielleich war manches zu Eventmäßig, aber die Pilger als schwitzende, brüllende, enthemmte Masse darzustellen, deren Verstand durch Emotion ausgeschaltet wurde, ist schlicht und einfach eine Entstellung. Was hat den der Papst angesprochen in seinen Predigten, wenn nicht den Verstand?

Ein kleinen Detail, das offenbar vielen entgangen ist: Vor der Kommunion wurde in vielen Sprachen verkündigt, dass man hier den Leib Christi empfängt, und daher nur Katholiken, die entsprechend vorbereitet sind die Kommunion empfangen dürfen. Ist das Emotionalisierung?
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