18:17:15 | Donnerstag, 25. August 2005
Zum Chirograph ‘Mosso dal vivo desiderio’ von Papst Johannes Paul II. anläßlich des 100. Jahrestages des Motu proprio von Papst Pius X. zur Kirchenmusik. Ein gutgemeinter Vorschlag? Von Dr. Gabriel M. Steinschulte, Köln.
(kreuz.net) Vergleicht man die 50. oder auch noch die 75. Wiederkehr des Veröffentlichungsdatums des
Motu proprio von Pius X. zur Kirchenmusik, überrascht die große Zurückhaltung, mit der die offizielle
Kirchenmusikszene in Mitteleuropa – und der gesamten Weltkirche – das letzte Kirchenmusik-Dokument von
Johannes Paul II. aus Anlaß des 100jährigen Jubiläums des Dokumentes von Pius X. aus dem Jahre 1903
gewürdigt hat.
Dies müßte um so mehr verwundern, da es sich bei ‘Mosso dal vivo desiderio’ von Johannes
Paul II. um ein persönliches Handschreiben, einen sogenannten ‘Chirograph’ handelt – also um eine höchst
persönliche Weisung und Lehrmeinung an die gesamte Weltkirche.
Dagegen gehörte das berühmte Motu proprio
von Pius X. „nur“ zu einer untergeordneten Kategorie päpstlicher Weisungen, die lediglich vom Präfekten
der jeweils zuständigen Kongregation unterschrieben wird.
Dennoch war es der stringente Inhalt und die
eingeforderte Identität dieses Dokuments vor 100 Jahren, daß es bis heute als Gesetzbuch der Kirchenmusik
empfunden wird, wie es auch Johannes Paul II. selber nochmals wiederholt.
Johannes Paul II. bestätigt
und unterstreicht die Quintessenz der Kirchenmusikreform von Pius X., wenn er schon fast kehrversartig
wiederholt, daß die Musica Sacra integrierender Bestandteil der Liturgie ist und als Zweck die Verherrlichung
Gottes und die Heiligung der Gläubigen hat.
Überdeutlich wird das Bemühen von Johannes Paul II. offenkundig,
seine Weisungen im ungebrochenen Traditionsstrom der Kirchenmusikreform von Pius X., wie ihn das Zweite
Vatikanum ausdrücklich aufnimmt, in Treue fortzusetzen.
Immer wieder verweist er auf die beiden kirchenmusikalischen
Fixsterne: das Motu proprio von Pius X. und die Weisungen des Zweiten Vatikanums zur Musica Sacra.
Insgesamt
gewinnt der an kuriale Texte gewöhnte und die Spreu vom Weizen zu trennen wissende Leser den Eindruck,
daß der Unterzeichnete sich ganz in die Nachfolge der Tradition zu stellen beabsichtigt.
Allerdings
scheint es dem Papst zu entgehen, daß einige seiner „Wasserträger“ tatsächlich einiges Wasser in seinen
Wein geschüttet haben.
Dies beginnt schon beim vermutlich höflich gemeinten Understatement der juristisch
kaum aussagekräftigen Formulierung, mit welcher der Papst den Sinn seines Schreibens ausdrückt: „…
wünsche ich einige grundlegende Prinzipien erneut vorzuschlagen“.
Mit anderen Worten:
Vor lauter Rücksichtnahme
auf den Zeitgeist wird aus einer unmißverständlichen und verbindlichen Anweisung ein gutgemeinter Vorschlag.
Diese für einen Gesetzgeber unangemessene Formulierung ist geeignet, ihn eher als Moderator, weniger
noch, als einen Vorsitzenden erscheinen zu lassen.
Man könnte verwirrt sein.
Aber eher deutet der Sprachgebrauch
auf die Einübung in eine neue Rolle hin.
In der Tat scheint sich eine kritische Behandlung dieses Dokuments
nicht aus der Qualität des Textes selbst, sondern nur aufgrund der autoritären Unterschrift zu rechtfertigen.
Wer nicht an die Häufung von ermüdenden Formulierungsschablonen gewohnt ist und nicht die üblichen
Worthülsen inflationärer kirchlicher Kartonsprache richtig einordnen kann, tut sich schwer, diesen Text
vollständig zu Ende zu lesen.
Ein Schilderwald, der in alle Richtungen zeigtMaria, Martha oder Aschenputtel?
Der Abgrund zwischen Weisung und WirklichkeitWer bestimmt: das Zweite Vatikanum oder der Zeitgeist?
Verräterischer SprachgebrauchWas hat Bob Dylan in der Kirche verloren?„Was keine Kunst ist, darf
nicht zugelassen werden“Man könnte verwirrt sein
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
#1
christfidel † 20:58:37 | Donnerstag, 25. August 2005