Kirchenmusik
Man könnte verwirrt sein
Zum Chirograph ‘Mosso dal vivo desiderio’ von Papst Johannes Paul II. anläßlich des 100. Jahrestages des Motu proprio von Papst Pius X. zur Kirchenmusik. Ein gutgemeinter Vorschlag? Von Dr. Gabriel M. Steinschulte, Köln.
(kreuz.net) Vergleicht man die 50. oder auch noch die 75. Wiederkehr des Veröffentlichungsdatums des Motu proprio von Pius X. zur Kirchenmusik, überrascht die große Zurückhaltung, mit der die offizielle Kirchenmusikszene in Mitteleuropa – und der gesamten Weltkirche – das letzte Kirchenmusik-Dokument von Johannes Paul II. aus Anlaß des 100jährigen Jubiläums des Dokumentes von Pius X. aus dem Jahre 1903 gewürdigt hat.

Dies müßte um so mehr verwundern, da es sich bei ‘Mosso dal vivo desiderio’ von Johannes Paul II. um ein persönliches Handschreiben, einen sogenannten ‘Chirograph’ handelt – also um eine höchst persönliche Weisung und Lehrmeinung an die gesamte Weltkirche.

Dagegen gehörte das berühmte Motu proprio von Pius X. „nur“ zu einer untergeordneten Kategorie päpstlicher Weisungen, die lediglich vom Präfekten der jeweils zuständigen Kongregation unterschrieben wird.

Dennoch war es der stringente Inhalt und die eingeforderte Identität dieses Dokuments vor 100 Jahren, daß es bis heute als Gesetzbuch der Kirchenmusik empfunden wird, wie es auch Johannes Paul II. selber nochmals wiederholt.

Johannes Paul II. bestätigt und unterstreicht die Quintessenz der Kirchenmusikreform von Pius X., wenn er schon fast kehrversartig wiederholt, daß die Musica Sacra integrierender Bestandteil der Liturgie ist und als Zweck die Verherrlichung Gottes und die Heiligung der Gläubigen hat.

Überdeutlich wird das Bemühen von Johannes Paul II. offenkundig, seine Weisungen im ungebrochenen Traditionsstrom der Kirchenmusikreform von Pius X., wie ihn das Zweite Vatikanum ausdrücklich aufnimmt, in Treue fortzusetzen.

Immer wieder verweist er auf die beiden kirchenmusikalischen Fixsterne: das Motu proprio von Pius X. und die Weisungen des Zweiten Vatikanums zur Musica Sacra.

Insgesamt gewinnt der an kuriale Texte gewöhnte und die Spreu vom Weizen zu trennen wissende Leser den Eindruck, daß der Unterzeichnete sich ganz in die Nachfolge der Tradition zu stellen beabsichtigt.

Allerdings scheint es dem Papst zu entgehen, daß einige seiner „Wasserträger“ tatsächlich einiges Wasser in seinen Wein geschüttet haben.

Dies beginnt schon beim vermutlich höflich gemeinten Understatement der juristisch kaum aussagekräftigen Formulierung, mit welcher der Papst den Sinn seines Schreibens ausdrückt: „… wünsche ich einige grundlegende Prinzipien erneut vorzuschlagen“.

Mit anderen Worten:

Vor lauter Rücksichtnahme auf den Zeitgeist wird aus einer unmißverständlichen und verbindlichen Anweisung ein gutgemeinter Vorschlag.

Diese für einen Gesetzgeber unangemessene Formulierung ist geeignet, ihn eher als Moderator, weniger noch, als einen Vorsitzenden erscheinen zu lassen.

Man könnte verwirrt sein.

Aber eher deutet der Sprachgebrauch auf die Einübung in eine neue Rolle hin.

In der Tat scheint sich eine kritische Behandlung dieses Dokuments nicht aus der Qualität des Textes selbst, sondern nur aufgrund der autoritären Unterschrift zu rechtfertigen.

Wer nicht an die Häufung von ermüdenden Formulierungsschablonen gewohnt ist und nicht die üblichen Worthülsen inflationärer kirchlicher Kartonsprache richtig einordnen kann, tut sich schwer, diesen Text vollständig zu Ende zu lesen.

Ein Schilderwald, der in alle Richtungen zeigt

Maria, Martha oder Aschenputtel?

Der Abgrund zwischen Weisung und Wirklichkeit

Wer bestimmt: das Zweite Vatikanum oder der Zeitgeist?

Verräterischer Sprachgebrauch

Was hat Bob Dylan in der Kirche verloren?

„Was keine Kunst ist, darf nicht zugelassen werden“

Man könnte verwirrt sein
      
1 Lesermeinung
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#1   christfidel †   20:58:37 | Donnerstag, 25. August 2005
frage
hallo, ich hab da eine frage zu den thematiken/zuordungen der theologischen disziplinen:
ich habe neulich gelesen, daß die patristik als lehre von allen texten aus der frühen kirche (inkl. der häretischen) teil der kirchengeschichte ist im unterschied zur patrologie, die als lehre von der authentischen lehre der väter teil der FUNDAMENTALTHEOLOGIE ist. warum denn aber das? gehört die authentische lehre denn nicht auch in die kirchengeschichte bzw. warum diese strenge unterteilung? und warum denn ausgerechnet in der fundamentaltheologie und nicht in der dogmatik (z.b. im bereich der dogmengeschichte o.ä.)…
ich freue mich auf euere hilfe!
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