11:10:46 | Samstag, 27. August 2005
Im Pfarradministratoren von Röschenz und in seinem Pfarreirat haben die Medien ein neues Spektakel entdeckt. Ein Schweizer Kommunikationsberater analysiert die klerikale Seifenoper und die Selbstdarstellung der Hauptpersonen.
(kreuz.net, Basel) Im Fall des
rabiaten Pfarradministrators von Röschenz betreiben die Medien „Infotainment“
und verzichten dabei dankend auf die Wahrheit.
Das erklärte der aus Basel stammende Kommunikationsberater
Manfred Messmer (56) bereits Ende Juli im
Gespräch mit der Schweizerischen katholischen Nachrichtenagentur
‘kipa’.
„Infotainment“ ist ein englisches Kunstwort, zusammengesetzt aus
information und enter
tainment.
Es bezeichnet die unterhaltsame Vermittlung von Bildungsinhalten und Scheinwissen.
Kommunikationsberater
Messmer ist schon in seiner Jugend aus der evangelisch-reformierten Kirche ausgetreten. Er führt in der
Nordschweizer Stadt Basel ein privates Unternehmen.
Der Fall Röschenz entzündete sich an Leserbriefen
und Donnerpredigten des Röschenzer Pfarradministrators Franz Sabo (51) gegen den Bischof von Basel, der
sein kirchlicher Vorgesetzter ist.
Nach ergebnislosen Gesprächen mit dem lautstarken Priester entzog
der Bischof diesem ab dem kommenden Herbst die Berufserlaubnis in der Diözese Basel.
Die Pfarrei ignorierte
diesen bischöflichen Schritt hochoffiziell und erklärte, den Priester weiterhin bezahlen zu wollen.
Nach der Einschätzung Messmers macht Sabo „eine Zusammenfassung gängiger Vorurteile gegen die katholische
Kirche zum zentralen Inhalt seiner Botschaft“.
Dazu analysiert der Medienexperte einen konkreten Fall.
Die ‘Basler Zeitung’ berichtete im Frühsommer von angeblichen Morddrohungen gegen Franz Sabo und Bernhard
Cueni, einem Mitglied des Kirchgemeinderates.
Tags darauf verkündete Cueni in einer anderen Zeitung,
daß die Nachricht der ‘Basler Zeitung’ frei erfunden gewesen sei.
Messmer weist daraufhin, daß Medienereignisse
wie der Fall Röschenz mit der Zeit eine Eigendynamik entwickeln würden. Die Journalisten müßten den
Skandal mit immer neuen Elementen anreichern – sonst drohe er zu versanden.
Diesbezüglich habe sich
der Kirchgemeindepräsident von Röschenz – Holger Wahl – aufgrund seiner Redeseligkeit als eine wahre
Fundgrube für Journalisten erwiesen:
„Er scheut sich auch nicht, Betrachtungen unter der Gürtellinie
zum Besten zu geben.“
Ein ähnlich dankbares Objekt sei der erwähnte Kirchgemeinderat Cueni.
In einem
Interview mit dem ‘Schweizer Radio’ habe Cueni sogar zu grundsätzlichen Fragen des Glaubens Auskunft
gegeben und sei dabei sogar dem Diözesanbischof selbstsicher und stammtischmäßig an den Karren fahre.
Dennoch:
„Cueni ist und bleibt Tankstellenwart im Laufenthal und hat nicht den Hauch des Wissens eines
Bischofs.“
Der Auftritt von Bernhard Cueni im ‘Schweizer Radio’ sei nichts anderes als ein Spektakel.
Genau dafür sei der Begriff „Infotainment“ geprägt worden:
„Oder glaubt Herr Cueni ernsthaft, daß
ihn nach dem Abgang von Herrn Sabo irgendeine Redaktion je wieder zu Fragen der katholischen Kirche kontaktieren
werde? Für die Medien ist nicht Aufklärung interessant, sondern das Spektakel. Und das liefert das Trio
Wahl, Cueni und Sabo frei Haus.“
Als Kommunikationsfachmann sei er der Meinung, daß es in der gegebenen
Situation sinnlos sei, sich mit dem Gegner auseinanderzusetzen. In Röschenz sei die Situation derart
eskaliert, daß die Hauptdarsteller niemals auf die Position von Bischof Koch einschwenken könnten.
Die Drohung der Pfarrei, zu den Christkatholiken zu wechseln, sei nur ein Nebenaspekt der Röschenzer
Seifenoper: „Da werden neue Aspekte zur Emotionalisierung der Geschichte eingebracht.“
Auch daß die
Röschenzer auf ihre Kirchgemeindevertreter hörten, sei bei einem derart emotionalen gruppendynamischen
Prozeß normal.
Wie erklärt sich das breite Medienecho?
Mit der Medienignoranz der meisten Menschen –
meint der Kommunikationsberater. Der durchschnittliche Medienkonsument könne die Absichten, die hinter
einer solchen Geschichte stecken, nicht durchschauen.
Außer Erdbeben, Unwetterkatastrophen und Flugzeugabstürzen
würden sämtliche Geschichten, die man täglich in der Zeitung liest, von Public-Relations-Leuten gemacht:
„Es gibt keine Nachricht, hinter der nicht eine klare Intention steckt.“
So schockierend dies klinge:
„Nichts ist authentisch. Auch die Vertreter der Kirchgemeinde Röschenz folgen einer ganz bestimmten
Absicht, wenn sie gegenüber Medienvertreter wieder etwas verlauten lassen, wobei diese Intention von
einem Hang zur Selbstdarstellung beherrscht wird.“
Die Röschenzer genössen ihren Auftritt in der Öffentlichkeit:
„Das Beste für einen Journalisten ist die Eitelkeit der Menschen. Es gibt nichts Besseres für einen
Journalisten als eine auskunftsfreudige Person.“
Wie es weitergehe?
Franz Sabo werde die Gemeinde verlassen,
glaubt Messmer: „Zurück bleibt eine verkrachte Kirchgemeinde. Die Medienkarawane zieht weiter und wird
sich einem anderen Thema zuwenden.“
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