17:02:43 | Samstag, 27. August 2005
Selbst der kundige Fachmann fragt sich, welche die neuen „musikalischen Ausdrucksformen“ sein könnten, die angeblich für die Liturgie geeignet sind. Von Dr. Gabriel M. Steinschulte, Köln.
(kreuz.net) Johannes Paul II. stellt sich mit seinem Kirchenmusik-Dokument aus dem Jahre 2003 ohne Einschränkung
hinter die Kirchenmusikreform von Pius X. und das Zweite Vatikanum.
Dabei hebt er auch die besondere
Rolle des Gregorianischen Chorals und der Polyphonie hervor.
Dennoch hält er es für nützlich, die
neuen musikalischen Ausdrucksformen mit aufmerksamem Bemühen zu beachten: „um die Möglichkeit auszuloten,
auch mit diesen die unerschöpflichen Reichtümer des Mysteriums auszudrücken, wie es von der Liturgie
vorgetragen wird, und so die aktive Teilnahme der Gläubigen an den Zelebrationen zu begünstigen“.
Selbst
der kundige Fachmann fragt sich, was die neuen „musikalischen Ausdrucksformen“ sind, die zum neuen Ausdruck
des Mysteriums angeblich geeignet sind.
Warum durch sie eine aktive Teilnahme der Gläubigen erreicht
werden soll, bleibt ebenso erklärungsbedürftig.
Daß dabei der verengte Begriff einer „aktiven Teilnahme“
in seiner verhängnisvollen Abweichung vom eigentlichen Konzilswillen des viel weiteren Begriffes „actuosa
participatio“ im päpstlichen Kirchenmusik-Dokument Eingang findet, kann angesichts der heutigen Verwirrung
der Begriffe und Geister kaum überraschen.
Darüber hinaus ist auch von neuen Instrumenten die Rede,
die ebenfalls als potentielle Bereicherung angesehen werden, sofern sie das Gebet der Kirche unterstützen.
Gerade solche Äußerungen sind symptomatisch für das gesamte vorliegende Dokument, in dem nach einer
klaren Aussage sofort ein weiterer Halbsatz folgt, der das bemerkenswerte des ersten Satzteils mit einer
salvatorischen Klausel vorsichtshalber entkräftet oder aufweicht.
Im Ergebnis verlagert sich die konkrete
Auseinandersetzung auf die unterste Ebene der praktischen Anwendung, bei der sich jeder dann seinen bevorzugten
Halbsatz zu Herzen nimmt und das tut, was er ohnehin zu tun vorhatte.
So ist zum Beispiel die Aufforderung,
mehr auf musikalische Qualität zu achten, ebenso angebracht wie unbrauchbar.
Denn wer würde schon lauthals
das Gegenteil fordern, auch wenn er in der Praxis aus Gründen angeblicher pastoraler Notwendigkeiten
jegliche Banalität rechtfertigt.
Schillernd sind auch die Ausführungen zu den Anforderungen, die an
neue Kompositionen gestellt werden.
Zunächst stellt das Dokument fest, daß die Kriterien von Pius X.
zu diesem Thema unverändert fortgelten.
Man ist versucht, diesen Satz mehrfach zu lesen. Denn es befällt
einen Ratlosigkeit angesichts der andernorts gezeigten Permissivität für nicht näher beschriebene neue
Formen.
Immerhin wiederholt Johannes Paul II. seinen heiligen Vorgänger, wenn er sagt, daß eine Kirchenkomposition
um so sakraler und liturgiefähiger ist, je mehr sie sich in ihrer Art, ihrer Inspiration und in ihrem
„Geschmack“ der gregorianischen Melodie nähert und daß sie weniger geeignet ist, je mehr sie sich von
diesem höchsten Modell entfernt.
Der Text des päpstlichen Schreibens wird an dieser Stelle noch anspruchsvoller,
wenn er kategorisch feststellt, daß „nur ein Künstler, der tief vom Empfinden der Kirche durchdrungen
ist, versuchen kann, die Wahrheit des Mysteriums zu begreifen und in Melodie zu übersetzen“.
Im Hinblick
auf die Kirchenmusikgeschichte erscheint diese These zumindest als sehr anspruchsvoll, im Hinblick auf
die Autoren derjenigen Repertoires, die heute in der Liturgie erklingen, klafft eine noch nie dagewesene
Lücke zwischen Ist- und Soll-Zustand.
Auch wenn Bob Dylan sich bisher nicht als Kirchenmusiker hervorgetan
hat, hinterläßt zum Beispiel die aufwendige Begegnung des verstorbenen Papstes mit diesem Popidol zumindest
pastoral-psychologisch in diesem Zusammenhang nicht nur ein „Gschmäckle“.
Jedenfalls sucht der Leser
vergeblich nach einer Verständnishilfe, wenn gesagt wird, daß neben Polyphonie und Gregorianischem Choral
auch „moderne Musik“ zugelassen werden soll.
Da diese Aussage an sich nichts Neues darstellt, ist man
versucht, nach dem gemeinten Inhalt des Begriffs „moderne Musik“ zu forschen.
Die moderne ‘Ernste Musik’
dürfte weitgehend ausscheiden, weil sie ja womöglich zu elitär ist, wie wir bereits an anderer Stelle
gelesen haben.
Die verschiedenen Spielarten der Unterhaltungsmusik müßten eigentlich auch nicht in
Frage kommen, da sie nach dem Gesagten und dem liturgisch hohen Anspruch ohnehin nicht liturgiefähig
sind.
Man fragt sich darum, welche Musik hier also gemeint sein könnte.
Dies dürften sich übrigens
auch die von der heutigen Verachtung durch den Klerus und die liturgischen Mißstände abgeschreckten
Zeitgenössischen unserer Zeit fragen, wenn sie die Einladung des Papstes lesen, ihr Genie in den Dienst
der Liturgie zu stellen.
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