Kirchenmusik
Wer bestimmt: das Zweite Vatikanum oder der Zeitgeist?
Man fragt sich, warum die Konzilstexte zur Liturgie so detailliert verfaßt wurden, wenn sie ohnehin den Moden der Zeiten angepaßt und – wenn nötig – sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden dürfen. Von Dr. Gabriel M. Steinschulte, Köln.
(kreuz.net) Den Höhepunkt der symptomatischen Abweichung vom Konzilswillen erreicht das letzte kirchenmusikalische Dokument von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 2003 ganz im Stile modernistischer Theologie, wenn dort behauptet wird, daß die Konzilsväter die Prinzipien von Pius X. zwar bekräftigt hätten, jedoch: „im Hinblick auf ihre Anpassung an die veränderten Bedingungen der Zeiten.“

Ein paar Sätze weiter wird erklärt, daß man sich an den Prinzipien des Konzils und der Instruktion ‘Musicam Sacram’ vom 5. März 1967 als Inspiration orientieren soll, jedoch „ in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der liturgischen Reform“.

Was diese ist oder nicht ist, entscheidet offensichtlich die jeweils herrschende Mode, also eine systematische Richtungsänderung des Konzilswillens bis hin zum völligen Abweg.

Wer diese Textpassagen leichtfertig überliest, kann sich leicht von den vielen an der Tradition orientierten Beteuerungen und artigen Komplimenten des Dokumentes täuschen lassen.

Denn genau dies – das angebliche Gebot einer „Liturgia semper reformanda“ – dient als Legitimationsgrundlage jener immer neuen liturgisch-theologischen Abenteuer, die in den nachkonziliaren Jahrzehnten einen kirchlich-gottesdienstlichen Zustand geschaffen haben, der mit dem Wortlaut der Konzilstexte so gut wie nichts mehr zu tun hat.

Man fragt sich, warum diese Texte überhaupt so detailliert verfaßt worden sind, wenn sie ohnehin den raschen Veränderungen oder Moden der Zeiten angepaßt werden sollen und gegebenenfalls ins Gegenteil verkehrt werden dürfen.

Offensichtlich handelt es sich bei dieser unverhohlenen Abkehr vom Wortlaut der Liturgiekonstitution des Konzils um eine ganz bewußte andere theologische Orientierung als sie die Väter der Konstitution besaßen.

Die alte Wahrheit vom Zwillingspaar „Lex credendi – lex orandi“ als Lackmus-Test des Glaubens bewahrheitet sich erneut.

Aber auch die Ausführungen zur Rolle des Chores müßten den erfahrenen Praktiker aufhorchen lassen, wenn diese Rolle zunächst mit der Aufgabe einer Führung des Volkes beschrieben wird.

Seiner Rolle als eigentlicher Chor ohne Volk wird auf „gewisse Augenblicke“ begrenzt, was gegenüber der Generalforderung nach Pflege des Schatzes der Kirchenmusik mit höchster Sorge, wie sich das Konzil ausdrückte, wie blanker Hohn und Spott erscheinen muß.

Liest man die Passagen zum Gregorianischen Choral, hat man den Eindruck, als ob ein anderer Autor den Text verfaßt hätte.

Hier ist von der tiefen geistlichen Inspiration der Gregorianischen Melodien die Rede.

Hier wird vom Gregorianischen Choral nur in Verbindung mit liturgischen Aktionen in lateinischer Sprache gesprochen.

Von landessprachlicher Pseudo-Gregorianik findet sich keine Hufspur.

Das hohe Lob dieser Gesänge erwähnt ihre auch noch heute gültige Rolle als Element der Einheit in der römischen Liturgie mit tiefem Gespür für den heiligen Text, mit dem sie intim verbunden sind.

Man fragt sich, wie ein Autor solcher Erkenntnisse irgendwelche Kirchenlieder gleichberechtigt neben die gregorianischen Meisterwerke stellen kann.

In den Passagen zum kirchlichen Volksgesang erreicht der von sachlichem Problembewußtsein kaum getrübte Enthusiasmus des letzten kirchemusikalischen Dokumentes von Papst Johannes Paul II. mit Berufung auf das Zweite Vatikanum seinen Höhepunkt:

Demzufolge stiftet der Volksgesang

– Einheit
– freudigen Ausdruck der betenden Gemeinschaft und
– unvergleichbare und gesammelte Feierlichkeit.

Dies mag in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts vielleicht noch für einige wenige vorbildliche Weltgegenden, wie zum Beispiel das damalige Mitteleuropa, in gewisser Weise gültig gewesen sein.

Daß aber aufgrund einer seit Jahrzehnten wildwuchernden geistlichen Liedproduktion bei gleichzeitig zentrifugaler gesellschaftlicher Gruppenbildung kaum noch von einem Generationen übergreifenden gemeinsamen Gesangsrepertoire selbst in denjenigen Ländern gesprochen werden kann, die einmal über eine große Liedkultur verfügten, ist bei der Vorbereitung dieses Textes offenbar übersehen worden.

Oder lockt hier der zweifelhafte Reiz von einheitsstiftenden Gesängen in Fußballstadien oder bei bedenklicheren Masseninszenierungen?

Eine entmündigende Vermassung des einzelnen Menschen mit Hilfe der Musik – was zu einem gewissen Grad zweifellos möglich ist – steht jedoch in diametralem Gegensatz zur geistlichen Nüchternheit und zum persönlichen Ernst der Feier der Göttlichen Geheimnisse.

Ein Schilderwald, der in alle Richtungen zeigt

Maria, Martha oder Aschenputtel?

Der Abgrund zwischen Weisung und Wirklichkeit

Wer bestimmt: das Zweite Vatikanum oder der Zeitgeist?

Verräterischer Sprachgebrauch

Was hat Bob Dylan in der Kirche verloren?

„Was keine Kunst ist, darf nicht zugelassen werden“

Man könnte verwirrt sein
      
11 Lesermeinungen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Kommentar schreiben
#11   Agiafortuni   13:21:10 | Dienstag, 8. November 2005
Wer bestimmte Vatikanum II
Zwei dem Zeitgeist völlig ausgelieferte Oberhäupter, Johannes XXIII und Paul VI. Unterstützt wurden sie von den Kardinälen Frings, König, Döpfner, Liénart, Leger denen Congar, Chenu, Küng, de Lubac und Rahner beiseite standen.
Redaktion benachrichtigen
#10   virOblationis   14:02:14 | Mittwoch, 31. August 2005
Gregorianik
Nachdem es lange Zeit meist Bet-Sing-Messen gegeben hat, singt die Gemeinde, zu der ich gehöre, (im Wechsel mit der kleinen Schola) inzwischen die 8., die 11., die 17. und mit etwas Mühe auch die 1. Messe sowie zwei verschiedene Credos. Man muß es nur wollen, dann geht vieles.
Redaktion benachrichtigen
#9   Benedikt   12:42:11 | Mittwoch, 31. August 2005
@ Palestrina
Kein deutsches Kirchenlied ist in seiner Tiefe, melodischem Reichtum usw. dem gregorianischen Choral auch nur annähernd gleichzusetzen.
So pauschal gesagt ist das reine Ansichtssache. Liturgie soll den Menschen zu Gott erheben, ich kenne eine Menge deutscher Kirchenlieder, die das können, während eine Menge gregorianischer Gesänge so schwierig sind, dass ein Ungeübter mehr auf die Noten als auf den Inhalt achten muss. Ich bin zwar auch für mehr gregorianischen Choral in der Messe, in Anbetracht der Tatsache, dass einige bereits am doch relativ einfachen Oster Alleluia (NICHT 530,7, das andere) scheitern, sollte man das jedoch auf einfachere Gesänge, wie die der im GL abgedruckten lateinischen Choralmessen und etlicher anderer dort abgedruckte lateinische Gesänge beschränken. Es finden sich im GL mehr gregorianische Stücke als man meint: Neben den Messen außerdem viele Marienlieder, das Pange lingua gloriosi…
liturgischen Katastrophenevents heutzutage, für die ja auch kein Aufwand gescheut
Genau diesen Aufwand bezweifle ich. Taize-Lieder durch eine Gitarrengruppe vortragen zu lassen erfodert allenfalls EIN Vortreffen. Jeder halbwegs begabte Musiker – du wirst es wissen – kann diese Stücke nach einem Durchgang spielen.
Für Palestrina-Messen dagegen fehlt heutzutage vielen Chören die Qualität und außerdem die Zeit, um sie einzustudieren. Für die meisten heute ist Chormitgliedschaft = Vereinsmitgliedschaft.
Redaktion benachrichtigen
#8   palestrina   12:09:50 | Mittwoch, 31. August 2005
@benedikt
Kein deutsches Kirchenlied ist in seiner Tiefe, melodischem Reichtum usw. dem gregorianischen Choral auch nur annähernd gleichzusetzen.
Und, an meinen Vorredner anschließend: Applaus gab es für die Chöre, die früher die klassische Vokalpolyphony sangen, auch nicht, die Leute wußten, wie man sich in der Kirche benimmt, auch die Sänger und Dirigenten, die gar keinen erwartet haben.
Und wieso soll Palestrina „OHNE Weiteres“ gesungen werden? Natürlich MIT Proben, MIT Mühe, MIT einem Engagement, daß dem großen Gegenstand angemessen ist, anders als die liturgischen Katastrophenevents heutzutage, für die ja auch kein Aufwand gescheut wird. :-(
Redaktion benachrichtigen
#7   Benedikt   12:04:12 | Mittwoch, 31. August 2005
@ Sulpicius
Information? Ich lebe in einer kleinen Gemeinde und kenne andere kleine Gemeinden. Die Chöre – falls es sie überhaupt gibt – dort können das nicht, ganz einfach. Wenn wirklich mal eine Haßler-Messe gesungen wird, dann eine wirklich einfache und selbst dafür ist ein Jahr Probe angesagt. Die Leute haben heute weniger Zeit als früher. Auch das verfügbare (katholisch & Kirchgänger) Personal hat sich deutlich verringert.
Natürlich gab es Ausnahmen, dass ist mir auch klar. Aber auch diese bestehen heute nur noch, wenn sie dauernd gepflegt wurden. Am ehesten – und so will es auch Sacrocanctum Concilium – findet man die Tradition noch an Kathedralkirchen, und dort wird sie auch gepflegt. Selbst da werden aber programmliche Einschränkungen gemacht: Die Missa „Octo vocum“ von Haßler ist mittlerweile zum „Dauerbrenner“ geworden und wird bei allen möglichen Anlässen gesungen.
Jedenfalls müsste die für die Liturgie zuständige Kongregation wieder Ausnahmen machen, wenn sie mehr Chorgesang fordert – und diese Ausnahmen, dass wissen wir aus dem 1970er Messbuch, führen nur dazu, dass aus Ausnahmen Regelfälle werden.
Redaktion benachrichtigen
#6   Sulpicius   11:45:14 | Mittwoch, 31. August 2005
@Benedikt
Was meinst Du, in wievielen „kleinen“ Kirchen vor dem Konzil jahrzehntelang gute Kirchenmusik gesungen wurde? Auch Messen von Palestrina… Es waren unzählige. Also bitte erst informieren.
Redaktion benachrichtigen
#5   Stimme aus dem Tradiland   11:30:24 | Mittwoch, 31. August 2005
Das Link zum Buch über Pfarrer Hans Milch
Eine Zusammenfassung über das von Peccator erwähnte Buch zu Pfarrer Hans Milch kann im Internet nachgelesen werden:
Eine große Stimme des katholischen Glaubens www.spes-unica.de/…ten/2005/050725_buch/
Dürfte sehr lesenswert sein!
Redaktion benachrichtigen
#4   Benedikt   11:29:39 | Mittwoch, 31. August 2005
Meinungsmache…
Seiner Rolle als eigentlicher Chor ohne Volk wird auf „gewisse Augenblicke“ begrenzt, was gegenüber der Generalforderung nach Pflege des Schatzes der Kirchenmusik mit höchster Sorge, wie sich das Konzil ausdrückte, wie blanker Hohn und Spott erscheinen muß.
An den Kathedralkirchen, die ich kenne, und das sind die von Freiburg, Mainz, Limburg, Fulda, Trier und Regensburg kann ich dieses Argument nicht bestätigt finden. Wo ist der Beleg für diese Behauptung? Es dürfte klar sein, dass ein Amateur-Chor in einer Pfarrvikarie nicht ohne weiteres Palestrina-Messen singen kann.
Im Gegenteil: Wird dem Chor zuviel Aufmerksamkeit geschenkt, schleicht sich zunehmend ein Konzert-Charakter in die Messen ein… mit Applaus nach jedem Stück, wie ich unlängst erleben musste.
Man fragt sich, wie ein Autor solcher Erkenntnisse irgendwelche Kirchenlieder gleichberechtigt neben die gregorianischen Meisterwerke stellen kann.
„Irgendwelche Kirchenlieder“ ist pure Meinungsmache. Es mag ja Kirchenlieder geben, die nicht das Gelbe vom Ei sind… aber die verschwinden auf Dauer wieder, ebenso wie vermutlich tausende greg. Choräle minderer Qualität verschwunden sind.
Wie man Lieder wie „Nun freue dich du Christenheit“ (14. Jh.) als „irgendwelche“ Lieder bezeichnen kann ist schleierhaft oder vielmehr boshaft.
Redaktion benachrichtigen
#3   Peccator   10:14:16 | Mittwoch, 31. August 2005
Papst als Interpret des Konzils
Papst Johannes Paul II, weil er der Interpret des II. Vat. Konzils ist, hat die Allerlösungslehre, die in den Konzilstexten noch nicht deutlich und klar zum Ausdruck kommt, als Grundlage dieser Texte herausgestellt. Wie in allen anderen Bereichen war dieser Papst ein Verhängnis für die Hl. Kirche. Ich kann mich nur wundern, daß man dies nicht sieht. Soeben erschein eine ausserordentlich gute Analyse des Vat. II: Wolfgang Schüler: Pfarrer Hans Mich. Eine große Stimme des katholischen Glaubens. Mit einer Kritik des Zweiten Vatikanischen Konzils, ISBN 3-934692-20-6. Im Unterschied zu anderen Texten keine Auslistung der Fehler, sondern eine Analyse des inneren Zusammenhangs aller Dokumente des Vat. II und den Texten von J.P. II.
Redaktion benachrichtigen
#2   Dr. Otterbeck   06:55:52 | Mittwoch, 31. August 2005
Der Papst steht über dem Konzil
Johannes XXIII (Roncalli) hat seinen Vorgänger, der bereits der 23. Johannes war, kurzerhand delegitimiert: Es war der Papst, der das Konzil von Konstanz einberief, vom diesem aber abgesetzt wurde. Das Konzil von Konstanz wurde nach Maßgabe des „Konzilspapstes“ Martin V. umgesetzt. Stets sind die Päpste die legitimen Interpreten der Konzilien: Quam Christus nuntiavit Pacem Paulus VI concilii interpresNationibus Unitis commendavit(4. Okt. 1865). Zu Beginn der 1960er Jahre hat Guardini nach der Liturgiefähigkeit des modernen Menschen gefragt. D.h. ohne Reform wäre der Friede Christi liturgisch nicht mehr vermittelbar gewesen. Das ist eine vermutlich sogar mit Mitteln der empirischen Sozialforschung erweisbare Tatsache. Nur eine kleine Gruppe findet überhaupt den Zugang zur traditionellen Liturgie; als „neues Charisma“ bedarf die Tradition eines angemessenen Orts, aber unter Verzicht auf das „antimodernistische“ Weltbild, das nur das Farbnegativ des Modernismus ist, nicht aber seine Widerlegung.
Man sollte einen Zeitrahmen abstecken, wann das Missale für das III. Jahrtausend definitiv festgeschrieben werden soll, z.B. im Heiligen Jahr 2025, und vorher nur behutsame Korrekturen vornehmen, z.B. gemäß der ambrosianischen Liturgie den Friedensgruß an den Schluss der liturgia verbi setzen; eine Besinnung auf das Gotteswerk im Gottesdienst ist aber bereits im Gange.
Redaktion benachrichtigen
#1   Evelin   18:55:46 | Dienstag, 30. August 2005
Wieder ein hervorragender Beitrag von Dr. Steinschulte
Diese Textwidersprüche des sowohl als auch unversöhnlich gegenüberstehender Modelle sind typisch für die von Hegel, Heidegger & Co, aber nicht durch den Hl. Geist, inspirierte Post-V2-Kirche.
Redaktion benachrichtigen
Weiterlesen:
KirchenmusikVerräterischer Sprachgebrauch KirchenmusikWas hat Bob Dylan in der Kirche verloren? Kirchenmusik„Was keine Kunst ist, darf nicht zugelassen werden“ KirchenmusikMan könnte verwirrt sein KirchenmusikKirchenmusik gemäß dem Buchstaben des Konzils KirchenmusikHüter eines ungewöhnlichen Schatzes KirchenmusikMit einem lachenden und einem weinenden Auge KirchenmusikDa waren’s nur noch zwei KirchenmusikNiedergang und Wiedergeburt der Musica sacra KirchenmusikVatikan-Musikorganisation tagt in Köln
RSS Feed  •  News Ticker  •  Werbebanner  •  Visitenkarte  •  Kontakt  •  Impressum
© CC-BY-NC-SA 2012 kreuz.net