17:52:35 | Dienstag, 30. August 2005
Man fragt sich, warum die Konzilstexte zur Liturgie so detailliert verfaßt wurden, wenn sie ohnehin den Moden der Zeiten angepaßt und – wenn nötig – sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden dürfen. Von Dr. Gabriel M. Steinschulte, Köln.
(kreuz.net) Den Höhepunkt der symptomatischen Abweichung vom Konzilswillen erreicht das letzte kirchenmusikalische
Dokument von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 2003 ganz im Stile modernistischer Theologie, wenn dort
behauptet wird, daß die Konzilsväter die Prinzipien von Pius X. zwar bekräftigt hätten, jedoch: „im
Hinblick auf ihre Anpassung an die veränderten Bedingungen der Zeiten.“
Ein paar Sätze weiter wird
erklärt, daß man sich an den Prinzipien des Konzils und der Instruktion ‘Musicam Sacram’ vom 5. März
1967 als Inspiration orientieren soll, jedoch „ in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der liturgischen
Reform“.
Was diese ist oder nicht ist, entscheidet offensichtlich die jeweils herrschende Mode, also
eine systematische Richtungsänderung des Konzilswillens bis hin zum völligen Abweg.
Wer diese Textpassagen
leichtfertig überliest, kann sich leicht von den vielen an der Tradition orientierten Beteuerungen und
artigen Komplimenten des Dokumentes täuschen lassen.
Denn genau dies – das angebliche Gebot einer „Liturgia
semper reformanda“ – dient als Legitimationsgrundlage jener immer neuen liturgisch-theologischen Abenteuer,
die in den nachkonziliaren Jahrzehnten einen kirchlich-gottesdienstlichen Zustand geschaffen haben, der
mit dem Wortlaut der Konzilstexte so gut wie nichts mehr zu tun hat.
Man fragt sich, warum diese Texte
überhaupt so detailliert verfaßt worden sind, wenn sie ohnehin den raschen Veränderungen oder Moden
der Zeiten angepaßt werden sollen und gegebenenfalls ins Gegenteil verkehrt werden dürfen.
Offensichtlich
handelt es sich bei dieser unverhohlenen Abkehr vom Wortlaut der Liturgiekonstitution des Konzils um eine
ganz bewußte andere theologische Orientierung als sie die Väter der Konstitution besaßen.
Die alte
Wahrheit vom Zwillingspaar „Lex credendi – lex orandi“ als Lackmus-Test des Glaubens bewahrheitet sich
erneut.
Aber auch die Ausführungen zur Rolle des Chores müßten den erfahrenen Praktiker aufhorchen
lassen, wenn diese Rolle zunächst mit der Aufgabe einer Führung des Volkes beschrieben wird.
Seiner
Rolle als eigentlicher Chor ohne Volk wird auf „gewisse Augenblicke“ begrenzt, was gegenüber der Generalforderung
nach Pflege des Schatzes der Kirchenmusik mit höchster Sorge, wie sich das Konzil ausdrückte, wie blanker
Hohn und Spott erscheinen muß.
Liest man die Passagen zum Gregorianischen Choral, hat man den Eindruck,
als ob ein anderer Autor den Text verfaßt hätte.
Hier ist von der tiefen geistlichen Inspiration der
Gregorianischen Melodien die Rede.
Hier wird vom Gregorianischen Choral nur in Verbindung mit liturgischen
Aktionen in lateinischer Sprache gesprochen.
Von landessprachlicher Pseudo-Gregorianik findet sich keine
Hufspur.
Das hohe Lob dieser Gesänge erwähnt ihre auch noch heute gültige Rolle als Element der Einheit
in der römischen Liturgie mit tiefem Gespür für den heiligen Text, mit dem sie intim verbunden sind.
Man fragt sich, wie ein Autor solcher Erkenntnisse irgendwelche Kirchenlieder gleichberechtigt neben
die gregorianischen Meisterwerke stellen kann.
In den Passagen zum kirchlichen Volksgesang erreicht der
von sachlichem Problembewußtsein kaum getrübte Enthusiasmus des letzten kirchemusikalischen Dokumentes
von Papst Johannes Paul II. mit Berufung auf das Zweite Vatikanum seinen Höhepunkt:
Demzufolge stiftet
der Volksgesang
– Einheit
– freudigen Ausdruck der betenden Gemeinschaft und
– unvergleichbare und gesammelte
Feierlichkeit.
Dies mag in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts vielleicht noch für einige wenige vorbildliche
Weltgegenden, wie zum Beispiel das damalige Mitteleuropa, in gewisser Weise gültig gewesen sein.
Daß
aber aufgrund einer seit Jahrzehnten wildwuchernden geistlichen Liedproduktion bei gleichzeitig zentrifugaler
gesellschaftlicher Gruppenbildung kaum noch von einem Generationen übergreifenden gemeinsamen Gesangsrepertoire
selbst in denjenigen Ländern gesprochen werden kann, die einmal über eine große Liedkultur verfügten,
ist bei der Vorbereitung dieses Textes offenbar übersehen worden.
Oder lockt hier der zweifelhafte Reiz
von einheitsstiftenden Gesängen in Fußballstadien oder bei bedenklicheren Masseninszenierungen?
Eine
entmündigende Vermassung des einzelnen Menschen mit Hilfe der Musik – was zu einem gewissen Grad zweifellos
möglich ist – steht jedoch in diametralem Gegensatz zur geistlichen Nüchternheit und zum persönlichen
Ernst der Feier der Göttlichen Geheimnisse.
Ein Schilderwald, der in alle Richtungen zeigtMaria, Martha
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Evelin 18:55:46 | Dienstag, 30. August 2005