Kirchenmusik
Der Abgrund zwischen Weisung und Wirklichkeit
Es scheint, daß die Kirche bezüglich der musikalischen Ungebildetheit – insbesondere des Klerus – heute wieder dort gelandet ist, wo Papst Pius X. im Jahre 1903 angefangen hatte. Von Dr. Gabriel M. Steinschulte, Köln.
(kreuz.net) Erheblich ausgewogener und in Treue zum Willen und Text des Zweiten Vatikanums behandelt das päpstliche Dokument von 2003 zur Kirchenmusik die Problematik der Inkulturation.

Jede Neuerung auf diesem Gebiet muß – so das Dokument – besondere Kriterien erfüllen, wobei im Bemühen um die Einbeziehung aller Gottesdienstteilnehmer keiner seichten Oberflächlichkeit nachgegeben werden darf.

Johannes Paul II. beruft sich auf den Begriff der Universalität, wie ihn Pius X. bereits als Forderung erhoben hatte.

Mit anderen Worten:

Die Integration von kulturellen Besonderheiten darf nicht so weit gehen, daß Angehörige anderer Nationen und Kulturen beim Anhören einer bestimmten Musik einen unguten Eindruck bekommen.

Wörtlich heißt es im päpstlichen Dokument aus dem Jahre 2003:

„Die Liturgie darf niemals zu einem Laboratorium für Experimente oder für Kompositions- und Aufführungspraktiken ohne aufmerksame Überprüfung werden.“

Auf dem Hintergrund der brüskierenden Verhaltensweise der Deutschen Bischofskonferenz gegenüber dem Institut für hymnologische und musikethnologische Studien, das gerade für diese Grundlagenforschungen ins Leben gerufen worden war, lesen sich die diesbezüglichen Ausführungen des Schreibens von Johannes Paul II. wie ein Kontrapunkt.

Mit besonderem Nachdruck erneuert Johannes Paul II. die Forderung von Pius X. nach einer soliden musikalischen Ausbildung des Klerus und nach Möglichkeit auch der Laien.

Nur – wenn man die Realität mit der Papstforderung vergleicht, daß besonders in den Priesterseminarien und Ordensnoviziaten Ausbildung und musikalische Praxis zu pflegen seien – wird man sich des schon an Ironie reichenden Unterschieds zwischen päpstlicher Weisung und Wirklichkeit bewußt.

Offenbar sind wir im Grad der musikalischen Ungebildetheit insbesondere des Klerus wieder dort angekommen, wo Pius X. angefangen hatte.

Zur wirkungsvollen Umsetzung der päpstlichen Weisung in Sachen Musica Sacra betont Johannes Paul II. die Notwendigkeit, daß die einzurichtenden Diözesankommissionen mit Personen besetzt werden, „die in den Angelegenheiten der Musica Sacra wirklich kompetent“ sind.

Das ist ein frommer Wunsch, der in der Geschichte der nachkonziliaren Liturgiereform weitgehend mißachtet worden ist.

Es entbehrt nicht einer wohl ungewollten ironischen Selbstkritik, wenn der Papst seine zuständige ‘Kongregation für den Gottesdienst’ auffordert, sich der Kompetenz der auf dem Gebiet der Musica Sacra spezialisierten kirchlichen Einrichtungen zu bedienen.

Die von Papst Paul VI. zur Beratung des Heiligen Stuhls kanonisch errichtete und heute der ‘Kongregation für den Gottesdienst’ unterstellte ‘Consociatio Internationalis Musicae Sacrae’ wurde bei der Vorbereitung des Kirchenmusik-Dokumentes aus dem Jahre 2003 jedenfalls nicht zu Konsultationen herangezogen.

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5 Lesermeinungen
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#5   palestrina   08:08:35 | Donnerstag, 1. September 2005
@zwobbe
Recht haben Sie.
Aber es ging Pius X. natürlich bei der Sache mit der Allgemeinheit um den weitest möglichen Rahmen, also um die negative Aussage, was Kirchenmusik absolut nicht auslösen darf, den unguten Eindruck nämlich. Innerhalb dieser Grenzen gibt es dann das gesamte Spektrum von dem gemeinsamen „sehr guten Eindruck“ den Sie beschrieben, bis hin zu freundlich verwunderter Akzeptanz, die vielleicht eintritt, wenn ein Gast, dem die europäische Kultur fremd ist, die deutsche Messe von Schubert hört.
Deswegen hat PiusX. ja die Gregorianik als DIE Kirchenmusik bekräftigt, obwohl in manchen Gegenden auch früher schon quantitativ wenig davon zu hören war.
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#4   zwobbel   07:49:13 | Donnerstag, 1. September 2005
Für den greg. Choral
Nun, wer mich persönlich kennt weiß, daß ich viel Choral selbst gesungen habe und die Gregorianik liebe.
Als ich dann diesen Satz hier:
„Die Integration von kulturellen Besonderheiten darf nicht so weit gehen, daß Angehörige anderer Nationen und Kulturen beim Anhören einer bestimmten Musik einen unguten Eindruck bekommen.“
las, mußte ich an meinen letzten Besucher denken.
Er ist ein junger Mann aus dem islamischen Pakistan. Sein Großvater wurde damals Christ und er studiert nun in Rom Theologie um Priester zu werden. Und was verband uns bei seinem Deutschlandbesuch sofort? Der gregorianische Choral. Obwohl er aus dem tiefsten Asien kommt wo eine islamisch geprägte Kultur herrscht (fürchterliches Gejaule von den Minaretten und im Radio/Fernsehen), wurde er sofort nachdem er im Abendland damit in Berührung kam ein Liebhaber dieser liturgischen Musik. Ich mußte ihm vorsingen und dann sangen wir zusammen die Ostersequenz. (Im August!)
Es geht also nicht nur ohne „einen unguten Eindruck „ sondern sogar mit einem sehr guten Eindruck, trotz verschiedener Kulturen.
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#3   miles immaculatae   19:12:11 | Mittwoch, 31. August 2005
Solide musikalische Ausbildung
Vor kurzem haben wir unsere Chorleiterin verloren, weil wir sie nicht mehr bezahlen konnten, und sie eigentlich noch nie ordentlich bezahlen konnten. Sie ist nunmehr bei einer reformierten Gemeinde eingestellt, die ihr einen ordentlichen Arbeitsvertrag bieten konnte. Der jetzige Chorleiter ist zwar hervorragend ausgebildet, jedoch noch miserabler bezahlt. Solange es Sache der Gemeinden selbst ist, die Kirchenmusik zu bezahlen, und die Diözesen die Gemeinden nur mit geradezu spartanischen Mitteln ausstatten, kann es mit der Kirchenmusik nichts werden. Solange sich im Gotteslob ein wildes Sammelsurium von Liedtexten häufig nur mittelmäßiger Qualität findet, kann es auch nichts werden. Als ehemaliger Protestant traure ich schon manchmal meinem evangelischen Gesangbuch nach (das zwar massive Lücken aufweist hinsichtlich „katholischer Themen“, aber doch auf den reichen Schatz zurückgreifen kann, den begnadete Komponisten und Dichter hinterlassen haben, deren Lieder eigentlich auch im katholischen Gottesdienst gesungen werden dürfen, aber doch meistens nicht gesungen werden, weil sie den heutigen Katholiken (allen Ernstes) zu fromm sind. So findet sich etwa in keinem , auch keinem evangelischen Gesangbuch mehr der vollständige Text von Martin Luthers „Nun komm der Heiden Heiland“.
Weniger Text im Gotteslob, mehr Qualität, meinetwegen auch mehr lutherische Qualiät wäre mehr.
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#2   Toby   18:59:24 | Mittwoch, 31. August 2005
@ Romulus
Nicht aufregen! Unter Papst Benedikt hat die Papierflut schon merklich nachgelassen …
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#1   Romulus   18:34:26 | Mittwoch, 31. August 2005
Anspruch und Wirklichkeit
Sehr geehrter Herr Dr. Steinschulte,
Sie – als gebildeter und feinsinniger Mensch und Musiker – sollten doch schon längst gemerkt haben, dass bei JP II Anspruch und Wirklichkeit weit, sehr weit auseinanderfielen. Warum das so war? Nun, da gibt es mehrere Möglichkeiten: Er hat seine eigenen Instruktionen gar nicht gelesen, sondern sie nur unterschrieben. Oder er hat sie gelesen und sie für sich und die Massenhappenings à la Weltjugendtag außer Kraft gesetzt. Aus beiden Möglichkeiten kann man schließen, dass sie nicht das Papier wert sind, auf dem die Intruktionen stehen.
Außerdem gebe ich allen Lesern hier mal was zum NACHDENKEN:
Noch nie wurde soviel Papier produziert im Vatikan wie unter JP II. Folge Inflation von Verlautbarungen, die kein Mensch mehr hören will.
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