17:44:48 | Donnerstag, 1. September 2005
Die geistliche Musik ist das Aschenputtel in der nachkonziliaren Entwicklung. Doch solange sich niemand ihrer annimmt, dürfte die dicke Luft in der Kirche nicht verrauchen. Von Dr. Gabriel M. Steinschulte, Köln.
(kreuz.net) Überhaupt läßt sich als postkonziliare Konstante aller sich liturgisch zu Wort meldenden
Gruppierungen von links bis rechts ein gewisser Hang zur systematischen Nicht-Beachtung von musikalischer
Fachkompetenz beobachten.
Die Musica sacra wird eben gemeinhin in Verkennung ihres Wesens als integrierender
Bestandteil der Liturgie lediglich auf der Ebene der Schmuckstücke und Dienstleistungen eingeordnet.
So stolpert man auch über eine möglicherweise mißverständliche Formulierung des früheren Kardinals
Ratzinger während des Symposiums ‘Autour de la question liturgique’ – Über die liturgische Frage – im
Juli 2001 im französischen Benediktinerkloster Fontgombault, zu dem übrigens kein fachlich qualifizierter
Vertreter der Musica Sacra eingeladen war.
In seiner Predigt über die Gestalten von Maria Magdalena
und Martha sagte Kardinal Ratzinger wörtlich:
„Gewiß müssen wir in der Liturgie auch den Dienst der
heiligen Martha verrichten.
Wir müssen dem Herrn einen heiligen Ort anbieten, die Zeremonien und den
Gesang vorbereiten, Brot und Wein, die Gaben dieser Welt darbringen. Das ist sehr notwendig, und es ist
auch notwendig, es gut zu tun.
Doch wenn es in der Liturgie nicht auch die Dimension von Maria gibt –
die kontemplative Dimension – einfach zu Füssen des Herrn zu sitzen, dann fehlt das Wesentliche.
Wenn
die Liturgie aber in diesem Sinne ‘marianisch’ ist, das heißt, wenn sie die Haltung der Maria, die zu
Füßen des Herrn sitzt, nachahmt, um das Wort zu hören, die Gabe seiner selbst zu empfangen, wenn die
Liturgie wirklich kontemplativ ist, dann ist sie jene Geste, von der die Reinigung der vergifteten Luft
dieser Welt ausgeht.
Ich glaube, daß die Reinigung der vergifteten Welt von heute nur aus einer wirklich
‘marianischen’ Liturgie kommen kann.“Natürlich muß man den liturgischen Gesang und die liturgische
Musik zunächst mit allem Eifer vorbereiten, das heißt einüben.
Insofern kann man diese Vorbereitung
sicher als einen Martha-Dienst bezeichnen.
Es entspricht aber dem Wesen der Musik, daß sie nur im Augenblick
des lebendigen Erklingens existiert – ganz im Gegensatz zum gewaschenen Altartuch, zum gebackenen Brot,
zum geputzten Leuchter.
Wenn wir von der Musica Sacra als integralem Bestandteil des liturgischen Vollzugs,
also vom Ereignis der Liturgie im Heiligen Geist sprechen, handelt es sich genau um jene Haltung der Maria
Magdalena, wie sie unser heutiger Papst eindrucksvoll beschreibt.
Mehr noch.
Wenn eine Reinigung der
von dieser Welt von heute vergifteten Luft nur durch eine kontemplative Liturgie im Sinne der Maria Magdalena
kommen kann, müßte der vom Zweiten Vatikanum so gewürdigte Thesaurus Musicae Sacrae und insbesondere
der Gregorianische Choral als vornehmster Ausdruck und Mittel dieser Kontemplation zwingend wiederentdeckt
werden.
Erst wenn die Musica Sacra wieder von der Hierarchie als Apostolat, also als Mittel der Missionierung
aus der Mitte des Kultes und bis zur Mitte des Gemüts erkannt wird, kann die Krise der Kirche überwunden
werden.
Reformation und Gegenreformation haben dies in eindrucksvoller Weise schon einmal vor Augen geführt.
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