10:50:09 | Sonntag, 4. September 2005
Der Patriarch von Venedig hat große Pläne. In der Stadt des Evangelisten Markus soll die katholische Erziehung zu einer neuen Blüte kommen. Das geht nicht ohne Schwierigkeiten.
(kreuz.net, Venedig) Das Projekt nennt sich ‘Studium Generale Marcianum’. Es geht dabei um Erziehung und
Kultur. Motor dieser Initiative ist der Patriarch von Venedig, Angelo Kardinal Scola (63).
Kardinal Scola
war zuerst Professor am Päpstlichen Familieninstitut in Rom. Anschließend wurde er Diözesanbischof,
dann Rektor der Päpstlichen Lateran-Universität. Im Jahre 2002 ernannte ihn Papst Johannes Paul II.
zum Patriarchen von Venedig.
Der Kardinal steht der
von Don Luigi Giussani gegründeten Bewegung ‘Gemeinschaft
und Befreiung’ nahe und ist in seinem Denken stark vom 1988 verstorbenen Schweizer Theologen Hans Urs
von Balthasar beeinflußt.
Das ‘Studium Generale Marcianum’ begann bereits im September 2003. Seine offizielle
Eröffnung fand im April 2004 statt. Der vatikanische Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano – der zweite
Mann im Vatikan – ließ es sich nicht nehmen, bei den Feierlichkeiten persönlich anwesend zu sein.
Das
Projekt will eine ‘integrierte christliche Erziehung’ anbieten und richtet sich an Gläubige wie Ungläubige.
Es deckt die Ebene der Elementarschule, des Gymnasiums und der Universität ab.
Das Gymnasium ist nach
Johannes Paul I. benannt. Der Papst, der nur wenige Wochen regierte, war vor seiner Wahl Patriarch in
Venedig.
Auf der Universitätsstufe unterrichten das ‘Theologische Studium des Patriarchalseminars’ und
das ‘Institut für Kirchenrecht Hl. Pius X.’. Der hl. Pius X. war vor seiner Wahl zum Papst ebenfalls
Patriarch in Venedig.
Postuniversitäre Studien werden von einer Institution angeboten, die sich ‘Studium
Cattolico Veneziano’ nennt.
Das Neue an diesem Projekt besteht darin, daß Kardinal Scola von Anfang
an darauf bedacht war, Beziehungen zur örtlichen staatlichen Universität aufzubauen.
Das ist in einem
Land, wo es in der Erziehung keine direkte Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche gibt, eine kleine
Sensation.
Die Antwort der Universität von Venedig war sehr positiv.
Im Jahre 2002 wurde ein Abkommen
zwischen der Universität und den akademischen Zentren des Patriarchates für den Bereich der akademischen
Didaktik abgeschlossen.
Ebenso ist das ‘Studium Generale Marcianum’ im Begriff, in den Verband der venezianischen
Universitäten einzutreten, obwohl die vom ‘Marcianum’ verliehenen Titel vom italienischen Staat noch
nicht anerkannt sind.
Im November 2003 organisierte das Patriarchat und ein Institut der örtlichen Universität
einen gemeinsamen Studientag.
Im März 2004 veranstaltete der ‘Rotary Club’ von Venedig, die Universität
und das ‘Institut für Architektur’ ein Treffen
Der Rotary-Club ist eine weltweite, religiös neutrale
Organisation von Geschäftsleuten und führenden Berufskräften. Es existiert zwar keine direkt institutionelle,
wohl aber eine aufgrund gemeinsamer Anliegen gegebene Zusammenarbeit zwischen dem Rotary-Club und der
Freimaurerei.
Das Treffen stand unter dem Titel: „Das Studium Generale Marcianum: eine pädagogisch akademische
Initiative zwischen Tradition und Innovation“.
Bei diesem Anlaß bekam Kardinal Scola Gelegenheit, vor
dem Rektor der Universität und zahlreichen Professoren, sein Konzept der christlichen Erziehung darzustellen.
Der Rektor der Universität von Venedig ist zugleich auch der Präsident des Rotary Clubs.
Nach zwei
Jahren gibt es somit bereits viele Beziehungen zwischen dem ‘Marcianum’ und der Universität.
Im Augenblick
ist das Patriarchat dabei, zu einem qualitativen Sprung anzusetzen und einen gemeinsamen Studiengang zwischen
dem ‘Institut für Kirchenrecht Hl. Pius X“ und der Universität einrichten.
Vorgesehen ist ein universitärer
Master-Kurs in „Betriebsführung und Betriebsethik“.
Der Kurs soll 18 Monate dauern und jeweils 15 Studenten
aufnehmen. Sein Ziel ist, die kirchliche Soziallehre als Bezugssystem für die Unternehmensethik zu unterrichten.
Beginnen wollte man eigentlich schon diesen Herbst. Doch dann gab es Probleme.
Der Lehrgang wurde im
Mai vom akademischen Senat aus verschiedenen Gründen abgelehnt:
Das Studium Marcianum hole sich vom
Projekt den Löwenanteil und lasse der Universität zu wenig, erklärte der akademische Senat.
Den Senatoren
gefiel auch die Klausel nicht, wonach die Nominierung der Dozenten von der Zustimmung des Patriarchates
abhängen würde.
Außerdem stieß dem Senat die ‘Konfessionalität’ des Projektes bitter auf.
Dem Rektor –
und engen Freund von Kardinal Scola – blieb nichts anders übrig, als das Projekt zu verschieben. Er versprach,
dem Urteil des Senates Rechnung zu tragen und sich gleichzeitig auch bei jenen Fakultäten umzuhören,
die am Projekt Interesse haben könnten.
Damit war der nächste Schlag vorprogrammiert.
Im Juli stimmte
die Wirtschaftsfakultät – ein potentieller Interessent für den Master-Kurs – über den Studiengang ab
und entschied, das Projekt erst im Oktober zu beurteilen, weil verschiedene Punkte im Augenblick noch
mangelhaft seien.
Damit dürfte der Herbsttermin endgültig geplatzt sein.
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