13:27:24 | Donnerstag, 8. September 2005
Die ehemalige anglikanische Diakonin Caroline Sandon hat sich am 13. Juli in einem Kommentar in der britischen Tageszeitung ‘Times’ gegen weibliche anglikanische Bischöfe ausgesprochen. Von Caroline Sandon.
(kreuz.net/Times, London) Anfang Juli hat die anglikanische ‘Generalsynode’ entschieden, die rechtlichen
Hindernisse wegzuräumen, um Frauen den
Zugang zum Bischofsamt zu ermöglichen. Jetzt sind die weiblichen
Ränge der Kirche mit Zufriedenheit erfüllt.
Als ehemalige Diakonin an der anglikanischen Kirche St.
Andrew in Cambridge, bin ich der Auffassung, daß die Ordination von weiblichen Bischöfen Werte zerstören
wird, welche die Institution, zu der ich gehöre, über 2.000 Jahre aufgebaut hat.
Diese Werte bestehen
darin, daß die Kirche eine Familie ist. Sie ist eine Hierarchie, an deren Spitze Frauen nicht stehen
sollten.
Ich bin mein Leben lang gläubig gewesen.
Eine meiner frühesten religiösen Erinnerungen ist
mein Großvater, der neben meinem Bette saß und mir vor dem Zubettgehen aus der Bibel vorlas.
Das war
eine Aufgabe, die er nicht auf die leichte Schulter nahm.
Er pflegte die Seiten der Heiligen Schrift
auszuglätten, so daß sie ganz flach waren. Er sprach langsam und klar und tauchte ganz in die Worte
und Geschichten ein, die für ihn so lebendig waren.
Ich erinnere mich, daß ich mir damals wünschte,
alles zu besitzen, was er besaß.
Anders als meine Schulkollegen nahm ich meine Konfirmation im Alter
von 13 Jahren sehr ernst.
Es war mir klar, daß Christsein in mehr bestand, als zur Kirche zu gehen.
Damals nahm ich mir vor, in Übereinstimmung mit den Lehren der Bibel zu leben.
Aber es wäre mir nie
in den Sinn gekommen, die Ordination anzustreben.
Als ich die Schule beendet hatte, entschloß ich mich,
Lehrerin zu werden.
Wie meine Freundinnen verlangte ich nach weiblichen Führungskräften am Arbeitsplatz
und begrüßte sie. Ich zog nach Cambridge, wo ich die Ausbildung zur Sekundarlehrerin absolvierte.
Ich
hatte vor aufzusteigen.
Der Ruf zur Kirche überkam mich nicht plötzlich. Doch als der Bibelkreis, den
ich während der Mittagspause führte, von der Lehrergewerkschaft geschlossen wurde, stellte ich fest,
daß mir die Bibel lieber war als Algebra.
Nach vier Jahren des Nachdenkens und Diskutierens mit Freunden,
meldete ich mich an der Wycliffe Hall in Oxford für eine theologische Ausbild.
Ich war damals 27 und
überrascht, als man mich akzeptierte.
Als ich den Dreijahreskurs im Jahre 1990 begann, gab es für Frauen
nur die Möglichkeit, zu Diakoninnen ordiniert zu werden.
Zwei Jahre später – im November 1992 – änderte
sich das:
Die ‘Generalsynode’ erlaubte die Ordination von Frauen zu anglikanischen Priesterinnen.
Ich
erinnere mich noch genau an diesen Tag.
Eine gute Freundin sagte zu mir: „Carrie, ich werde in zwanzig
Jahren ein Bischof sein.“
Sie und die Mehrheit der Frauen in meinem Jahrgang sahen die Ordination von
Frauenpriestern nur als Schritt zu etwas noch Größerem.
Für mich war die Entscheidung sehr einfach.
Ich war damals gegen die Ordination von Frauenpriestern, so wie ich jetzt gegen die Bestellung von weiblichen
Bischöfen bin.
Das mag altmodisch klingen. Es ist aber meine theologische Überzeugung, daß die Ordination
von Frauenpriestern falsch ist.
Es gibt verschiedene biblische Texte, die meinen Glauben in dieser Frage
bestimmen.
Der wichtigste ist die Lehre des heiligen Paulus im ersten Timotheusbrief, wo er den Frauen
in der Kirche verbietet zu unterrichten oder Autorität über Männer auszuüben.
Meine Kritiker erklären,
daß die Worte des heiligen Paulus und viele andere biblische Texte im Sinne unserer Kultur neu interpretiert
werden müßten. Die Frauen seiner Tage seien zum Beispiel nicht so ausgebildet gewesen wie das heute
der Fall sei.
Aber ich bin über ihre Argumente nicht überzeugter als sie von den meinen.
Die Lehren
des heiligen Paulus beruhen nicht auf der Kultur seiner Zeit, sondern auf den Grundprinzipien der menschlichen
Beziehungen, die in der Schöpfung festgelegt sind.
Adam wurde zuerst geformt, dann Eva.
Die Grundbausteine
der Schöpfung sind Mutter, Vater und Kind. Das sollte sich in der Familie der Kirche widerspiegeln.
Die Vaterfigur ist ein Symbol für Leitung, die Mutterfigur für Ernährung.
Die Kirche kennt eine Vielzahl
verschiedener Aufgaben, welche die Frauen innerhalb ihres Gebietes ausüben können – als Diakone, pastorale
Arbeiter, Jugend- und Kinderarbeiter.
Aber wenn Frauen für die Rolle des Mannes ordiniert werden, verweigern
wir den Kindern Gottes die zwei Rollen, welche die zwei Geschlechter im menschlichen Entwicklungsprozeß
spielen.
Viele werden meine Ansichten als ein Playdoyer für die Ungleichheit betrachten. Aber ich wehre
mich vehement gegen diese Interpretation.
Die Gesellschaft scheint heute entschlossen zu sein, die Gleichheit
zu definieren, indem Differenzen ausgemerzt werden.
Doch die Herausforderung für die Kirche besteht
darin, ein Modell zu erarbeiten, welches zugleich Gleichheit und Verschiedenheit enthält.
Es ist ohne
weiteres möglich, gleich zu sein und zugleich verschiedene Funktionen auszuüben.
Man sagt zum Beispiel
vom Manne nicht, daß er seiner Frau gegenüber nicht gleichwertig wäre, weil er sein Kind nicht selber
austragen kann.
Ich habe elf Jahre lang neben Männern gearbeitet. Ich betrachte mich ihnen nicht als
unterlegen oder als ihnen gegenüber minderwertig. Wir dienen beide in unterschiedlichen Weisen dem einen
Gott.
Ich wende meine Überzeugungen auch nicht auf den privaten Sektor an, sondern unterstütze weibliche
Führungskräfte außerhalb von Kirche und Familie.
Es ist unvermeidlich, daß wir irgendwann in der
Zukunft einen weiblichen Erzbischof von Canterbury besitzen werden.
Es stimmt mich traurig, daß Frauen
den Dienst in der Kirche als eine Karriere mit einer unsichtbaren Barriere sehen, welche sie am Aufstieg
hindert. Ich sehe das anders.
Es ist für mich erfüllend, etwas anbieten zu können, was mein Mann nicht
besitzt – so wie ihm Dinge zukommen, die mir nicht gegeben sind. Ich fürchte, daß das Verlangen meiner
Artgenossinnen nach Aufstieg mehr mit weltlichem Status und Prestige zu tun hat als mit dem Dienst an
Gott.
Die Ordination des ersten weiblichen Bischofs wird für mich ein trauriger Tag werden.
Dadurch
bewegt sich die Kirche erneut von dem weg, was ich als eine klare Lehre der Bibel verstehe.
Dieser Schritt
wird den Reichtum der männlichen und weiblichen Verschiedenheit in der Kirche untergraben und unsere
Individualität beschränken.
Es wird in der Kirche immer ein Spektrum von verschiedenen Meinungen geben,
je nachdem auf wen man sich beruft.
Die Stärke und Schwäche der ‘Kirche von England’ besteht darin,
daß sie versucht, es jeder Ansicht recht zu machen.
Weil sie ihre Gläubigen ermutigt, auf ihren Überzeugungen
zu beharren, garantiert sie, daß in ihr auch in Zukunft immer Spaltung herrschen wird.
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