11:12:43 | Mittwoch, 24. November 2004
Der russische Geheimdienst, endlose Distanzen und fehlende Finanzmittel sind nur ein Teil der Probleme, mit denen Bischof Werth von Westsibirien kämpft. In einer Predigt erinnert er sich auch an die Schwierigkeiten der Kirche in seinen Kindertagen.
(kreuz.net, St. Gallen) Der rußlanddeutsche Bischof Joseph Werth (52) von Novosibirsk in Westsibirien
war während eines zehntägigen Predigtbesuches in Westeuropa auch Gast in Alt St. Johann im Kanton St.
Gallen in der Ostschweiz. Die Organisation des Aufenthaltes übernahm das Internationale katholische Hilfswerk
„Kirche in Not – Ostpriesterhilfe“.
Am 18. November hielt der Diözesanbischof von Novosibirsk in Alt
St. Johann ein feierliches Pontifikalamt. In seiner Predigt schilderte er die raue Existenz der katholischen
Kirche im eisigen Klima der ehemals sowjetischen Gebiete.
Bischof Werth erinnerte sich an die Tage seiner
eigenen Erstkommunion. Frühmorgens sei die Mutter mit ihm aufgebrochen. Ziel sei ein Haus gewesen, indem
sich ein Priester verborgen hielt. Dieser habe ihm das Heilige Sakrament gespendet. Als Festmahl gab es
eine Melone. Zuhause angekommen, durfte er seinen jüngeren Geschwistern das Geheimnis nicht preisgeben.
Die Folgen hätten verheerend sein können.
Vor der Oktoberrevolution 1917 habe es in vielen russischen
Dörfern Kirchen gegeben, beschrieb der Bischof die Situation. Mit der Revolution seien die Gotteshäuser
vernichtet worden. 179 Priester landeten im Gefängnis. Nur drei von ihnen seien lebend entkommen.
Die
Struktur der Kirche sei völlig zerschlagen worden, aber ein Kern habe weitergelebt. Viele deutsch- oder
polnischstämmige Gläubige hätten im Glauben standgehalten. In der Sowjetunion seien die Gottesdienste
trotz Verbotes heimlich zelebriert worden.
Der sibirische Bischof beantwortete im Anschluß an die Heilige
Messe im Gemeindezentrum die Fragen der Anwesenden. Er erzählte, daß man ihm, der inzwischen Jesuitenpater
geworden war, noch vor 16 Jahren mit Haft gedroht habe, sollte er seine Pastoralarbeit fortsetzen. Seit
14 Jahren hätte ihm der russische Geheimdienst keinen Besuch mehr abgestattet.
Eine der großen Schwierigkeiten
der Pastoralarbeit in Sibirien liege in den großen Distanzen. Es kann leicht vorkommen, daß eine Pfarrei
größer ist als die ganze Schweiz. Oft sind die Verkehrswege in einem chaotischen Zustand. Auf die Frage,
ob seine Priester Flugzeuge benützten, um weite Strecken zu überbrücken, verweist der Bischof auf das
fehlende Geld. Als Beispiel berichtete er von einem Priester, der vor zwei Jahren eine Pfarrei mit einer
Fläche von 100.000 Quadratkilometer – mehr als zweimal größer als die Schweiz – übernommen habe. Bis
zum heutigen Tag sei es ihm nicht möglich gewesen, alle seine Schäfchen zu besuchen.
Papst Johannes
Paul II. errichtete im April 1991 für die Katholiken des asiatischen Teils Rußlands das neues Bistum
von Nowosibirsk und setzte dort den rußlanddeutschen Jesuiten Joseph Werth als ersten Bischof ein. Zusammen
mit Priestern aus vielen Ländern regiert er seitdem ein 13 Million Quadratkilometer großes Gebiet. Eine
Fläche, die 33 Mal jener von Gesamtdeutschland entspricht und größer ist als ganz Europa. Rund ein
Prozent der 30 Millionen Menschen im Bistum Nowosibirsk sind Katholiken.
Link zur Diözese
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