11:21:19 | Freitag, 9. September 2005
Es ist aufschlußreich, daß der Gründer der Legion Christi seine spektakulären Auftritte während der jährlichen Familientage von ‘Regnum Christi’ in den USA
in den letzten Jahren gestrichen hat. Von Michael Rose, Web-Herausgeber der ‘New Oxford Revue’.
(kreuz.net) Im Jahre 2003 wurde angekündigt, daß Pater Marcial Maciel, der Gründer der Legion Christi,
in Chicago vor Tausenden von Anhängern sprechen sollte.
Doch er erschien nicht. Die Organisatoren zeigten
stattdessen eine Videoansprache des Gründers.
Ein Reporter der Tageszeitung ‘Chicago Tribune’ vermutete,
daß Pater Maciel sich nicht blicken ließ, weil er fürchtete, daß amerikanische Selbsthilfegruppen
von Mißbrauchsopfern seine Anwesenheit für Demonstrationen benutzen würden.
Die ‘Tribune’ stellte
außerdem fest, daß Pater Maciel als Diözesanpriester einer US-Diözese aufgrund von neun glaubwürdigen
Beschuldigungen sexueller Mißbräuche schon längst seiner priesterlichen Funktionen enthoben worden
wäre.
Als ich in der folgenden Woche mit Pater Jay Dunlap – dem Pressesprecher der Legionäre in den
USA – über ein anderes Thema sprach, fragte ich ihn, ob der Bericht der „Chicago Tribune“ einen wahren
Kern besitze.
„Nein“, antwortete Dunlap und wischte den ganzen Artikel als unreifes Werk eines Sommerpraktikanten
der Stanford Universität vom Tisch. Der Pressesprecher wollte mich offensichtlich glauben machen, daß
der Journalist der ‘Tribune’ betrunken war.
Warum erschien Pater Maciel nicht wie angekündigt in Chicago? –
fragte ich weiter.
„Das ist eine lange Geschichte“, erklärte mir Pater Dunlap.
Die offizielle Version
der Legion lautet wie folgt:
Pater Maciel befand sich auf einem wichtigen Pastoralbesuch in Südamerika
und wollte von dort nach Chicago fliegen.
Doch dann wurde der Gründer überraschend von einer dringenden
Anfrage eines ungenannten Kurienkardinals aufgehalten und wegen dieser Sache nach Rom zurückbeordert:
„Wenn ein vatikanischer Kardinal bittet“ – so Pater Dunlap – „dann kann Pater Maciel das nicht ignorieren.“
Diese Erklärung ist jedoch nur für jemanden glaubwürdig, der über die Gepflogenheiten der Römischen
Kurie wenig oder gar nichts weiß.
Obere von religiösen Gemeinschaften sind vatikanischen Kardinälen
keine Rechenschaft schuldig und empfangen von diesen auch keine täglichen Befehle.
„In welcher dringenden
Angelegenheit wurde Pater Maciel nach Rom beordert?“ fragte ich daraufhin Pater Dunlap.
Keine Ahnung,
antwortete der Pressesprecher der Legion.
Erwartet die Legion wirklich, daß die Öffentlichkeit glaubt,
daß Pater Maciels „dringende römische Angelegenheit“ keinen weiteren Tag hätte warten konnten – solange,
bis er zu einer der größten Treffen seiner Laienbewegungen gesprochen hatte?
Es sei denn, die „römischen
Angelegenheiten“ stehen mit der Aussage der
Journalisten Berry und Renner im Zusammenhang, wonach Pater
Maciel in Rom üppige Abendessen für prominente vatikanische Kardinäle gab.
Eine bessere Erklärung
wäre dann gewesen, daß Pater Maciel jedem einzelnen Kurienkardinal hinterherlaufen muß, um sicherzustellen,
daß die Kirchenfürsten ihn vor kursierenden Anklagen sexueller Unzucht in Schutz nehmen.
Niemand möge
so naiv sein, auszuschließen, daß sich Kardinäle zu solchen Diensten hingeben. Man erinnere sich nur
an den Erzbischof von Boston, Bernard Francis Kardinal Law, der deswegen in den Vatikan transferiert werden
mußte.
Es gab noch einen anderen angekündigten Auftritt von Pater Maciel, jenen bei der Familienkonferenz
in Baltimore im Jahre 2002. Auch diesen sagte der Pater ab. Warum?
Pater Dunlap war mit einer Antwort
schnell zur Hand: „Sie erinnern sich. Das war die Woche vor dem Papstbesuch in Mexico City.“
„Ja,“ –
antwortete ich ihm – „ich erinnere mich.“
„Pater Maciel wurde nach Mexico City gerufen, um der Stadt
zu helfen, sich für die Ankunft des Papstes vorzubereiten.“
Diese Erklärung war noch abstruser als
die erste.
Sollte ich jetzt glauben, daß Pater Maciel nach Mexiko gerufen wurde, um dort eine ganze
Woche vor der Ankunft des Papstes Girlanden aufzuhängen? Und wer rief ihn nach Mexiko City?
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