18:13:38 | Dienstag, 13. September 2005
Die in Wien erscheinende Tageszeitung ‘Presse’ veröffentlichte ein Interview mit dem bekannten deutschen Philosophen Robert Spaemann. Der Gelehrte spricht darin über die Evolutionstheorie, den Sonntag und die vorgeburtliche Kindertötung.
(kreuz.net) Der in Berlin geborene Robert Spaemann (78) war bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1992 ordentlicher
Professor für Philosophie an den Universitäten von Stuttgart, Heidelberg und München.
Das Interview
mit der ‘Presse’ erschien in der heutigen Dienstagsausgabe.
Ob der
der Streit um die Äußerungen des
Erzbischofs von Wien über die Evolutionstheorie nur ein Mißverständnis gewesen sei, wird der Philosoph
gefragt.
„Das würde ich nicht sagen“, antwortet Spaemann: Es gebe einen kämpferischen Atheismus, der
sich der Wissenschaft bediene. Diesen Atheismus könne man nicht verharmlosen.
Der Evolutionstheorie
werde oft eine zu große Erklärungskompetenz zugeschrieben. Die Existenz einer göttlichen Absicht sei
nicht widerlegt, wenn man die Mechanismen der Evolution nachvollziehen könne:
„Ob Gott dahinter steht,
ist von Forschungsergebnissen völlig unabhängig.“
Er spreche als Philosoph – so die ‘Presse’ – lieber
von Fortschritten, als von „Fortschritt“. Ob er auch Rückschritte ausmachen könne?
In der Technik seien
Rückschritte selten, antwortet Spaemann. Gesellschaftlich seien sie jedoch sehr wohl möglich: „Wir können
hinter Einsichten zurückfallen, die wir schon hatten.“
Als Beispiel führt der Philosoph das früher
hoch entwickelte Naturrecht an.
Nach dem bedeutenden Theologen Thomas von Aquin († 1274) ist das Naturrecht
das Licht des Verstandes, das Gott bei der Schöpfung in den Menschen legt. Durch dieses Licht versteht
der Mensch, was er zu tun und was er zu lassen hat.
Heute – so Spaemann – würden die Grundlagen der
Menschenwürde immer schwächer, obwohl man mehr von ihnen rede: „Es herrscht ein breiter Konsens, daß
eine naturrechtliche Begründung passé sei. Das ist ein Rückfall.“
Ob er eine Zukunft für möglich
halte, in welcher der Mensch sich selbst genetisch so umprogrammieren werde, daß das „Menschliche“ nicht
mehr existiere?
Spaemann antwortet mit dem französischen Philosophen René Descartes. Dieser schreibe,
daß das Unglück des Menschen darin bestehe, immer wieder als Baby geboren zu werden und als alter Mensch
zu sterben. Dadurch würde die Menschheit nie etwas dazulerne.
Für ihn sei, was Descartes als Unglück
betrachte, die größte Hoffnung: „Es gibt immer neue Menschen. Es gibt immer den Neuanfang.“
Ob er die
Gründe für die Manipulation am menschlichen Erbgut, für die Selektion im Mutterleib oder für die Hilflosentötung
im System des Kapitalismus sehe.
„Ich würde diese Phänomene nicht mit einem bestehenden Wirtschaftssystem
verbinden“, antwortet Spaemann. Es zeige sich ja, daß sie in sozialistischen Wirtschaftssystemen genauso
greifen wie in kapitalistischen.
Welche Chance der arbeitsfreie Sonntag in Ländern wie Deutschland oder
Österreich noch habe?
Eine Frage sei in diesem Zusammenhang tödlich, antwortet Spaemann. Sie laute:
Was kostet uns der Sonntag? Diese Frage sei heimtückisch. Sobald man so zu rechnen beginne, sei der Sonntag
verloren.
Diesbezüglich gehe es wie mit dem Theaterstück ‘Der Besuch der alten Dame’ des Schweizer
Dramatikers Friedrich Dürrenmatt.
Die alte Dame „setzt für die Einwohner ihres Heimatdorfes eine hohe
Summe aus auf die Ermordung eines Mannes. Zuerst finden die Menschen das natürlich ungeheuerlich. Aber
in dem Moment, wo sie beginnen, den entgangenen Gewinn als Verlust zu rechnen, da ist das Leben dieses
Menschen verloren“.
Der einzige Ausweg bestehe darin zu sagen, daß dieser Tag nicht zur Verfügung stehe:
„Dann ist er wie ein alter Baum, in dessen Schatten jeder sitzen kann; wo jeder an einem Tag in der Woche
Herr ist und keiner Knecht.“
Schließlich wird der Philosoph gefragt, was er vom Begräbnis abgetriebener
Kinder auf Friedhöfen halte.
Mit einem solchen Ritual – so Spaemann – lasse sich die Unruhe bewältigen,
das Gefühl, es handelt sich beim abgetriebenen Kind doch um mehr als einen Fleischkloß. Aber das sei –
so Spaemann – eine Betäubung des Gewissens, eine Ritualisierung des Unrechts.
Auf der anderen Seite
finde er das Begraben eines Abtreibungsopfers auf normalen Friedhöfen richtig. Es mache eines deutlich:
„Diese Föten gehören auch zu den ‘normalen’ Toten. Das kann dann schon ein erster Akt der Umkehr sein.“
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