15:29:31 | Mittwoch, 14. September 2005
Die Gründe für den Verfall der Kirchenmusik sind offensichtlich: pastoraler Populismus, Zeitgeist und Unbildung haben ein Klima geschaffen, in dem als fortschrittlich gilt, was von Übel ist. Von Prof. Alfred Koerppen, Hannover.
(kreuz.net/
SISA) Die Gefahr des Ästhetizismus hat schon der bekannte Münchner Theologe Romano Guardini
(† 1968) in seinem Traktat „Vom Geist der Liturgie“ mit großer Klarheit beschrieben.
Diese Deformation
religiöser Kunst wird man im Gottesdienst kaum noch antreffen.
Dagegen ist der massive Einbruch eines
kindisch-seichten oder bösartigen Musikidioms in die Liturgie nicht mehr zu überhören.
Wer ihm entgehen
und seelische Verrenkungen vermeiden will, wird sich sonntags auf eine lange Suche durch städtische und
ländliche Pfarreien begeben müssen.
Die Gründe für den Niedergang sind offensichtlich: pastoraler
Populismus, Zeitgeist und Unbildung haben ein Klima geschaffen, in dem als fortschrittlich gilt, was von
Übel ist.
Ist man unter dem stetigen Druck einer aus allen akustischen Vervielfältigungsmaschinen strömenden
Vulgärmusik so taub und stumpfsinnig geworden, daß man nicht mehr bemerkt, was diese Musik eigentlich
verkündet?
Zwar „spricht“ die Vulgärmusik ja auch wie jede Musik. Aber diese „message“ hat mit dem
Glauben der Kirche nichts zu schaffen. Ja, sie ist oft dediziert antichristlich.
Soll man noch argumentieren,
soll man begründen und beweisen, daß es Musik gibt, die das Attribut „bösartig“ verdient?
Ich meine,
gegen die epidemische Verbreitung eines degenerierten Musikidioms in der Kirche ist derzeit mit Argumenten
und wahrscheinlich auch mit Verboten nichts auszurichten.
Das Bündnis zwischen pastoralem Pragmatismus –
man kann auch sagen „die Suche nach dem Weg des geringsten Widerstandes“ – und den Experimenten der Liturgiereform –
man kann auch sagen „die neue Bilderstürmerei“ – ist sehr solide.
Man glaubt ein Hinlängliches getan
zu haben, wenn man dem engagierten Kirchenmusiker eine „kirchenmusikalische Stunde“ einräumt, wo er dann
aufführen mag, was ihm durch das Kunstverdikt im Gottesdienst verwehrt wird.
Auf wieviele klingende
Zeugnisse des Glaubens, wahre Monumente des Glaubens, hat man verzichtet!
Welche lebenden, ausgewiesenen
Komponisten schreiben noch für die Kirche?
Sie haben dieses Feld den klampfenden Patres und den Szenenmatadoren
aus der Jesusbar überlassen müssen.
Glaubt man wirklich, mit Combomusik und Tanzeinlagen die Verbreitung
der Sekten in Südamerika aufzuhalten?
(Womit das große Problem, wie liturgische Musik in der Dritten
Welt beschaffen sein muß, nicht beiseite gestellt werden soll. Es sollten wenigstens nicht die industriell
gefertigten Schablonen der Vergnügungsindustrie sein.)
Die Kirche ist für die Menschen da. Sie geht
ihnen entgegen, aber sie steht vor Gott, dem Verherrlichung gebührt durch große Kunst und große Musik,
mit allen Mitteln, die der menschliche Geist, wenn er zur Verherrlichung Gottes gerufen ist, aufzubieten
vermag.
Andernfalls ist die Kirche nur ein Dienstleistungsunternehmen zum Wohle der Gesellschaft, wie
es auch andere gibt.
Wer in der Liturgie das Ungekonnte, Läppische, Obszöne duldet oder fördert, in
der Hoffnung, Seelen zu gewinnen, heiligt gewiß nicht diese Mittel, denn er verfehlt auch den Zweck.
Die Kirche ist für Menschen gemacht. Sie geht ihnen entgegen, auch dahin, wo sie in Dumpfheit und Schmutz
befangen sind, aber doch nicht bis zum Hals und bis zur Selbstaufgabe.
Die Kirche hat schon oft in ihrer
Geschichte gegen die Zeit stehen müssen, in der sie verkündete.
Sie sollte sich zu ihrer Musik bekennen,
zum Choral, zum komponierten lateinischen Ordinarium, zu einer tausendjährigen Tradition und einem Schatz
von Meisterwerken, zum Kunstwerk im emphatischen Sinne. Das Kunstwerk ist ein Abglanz der Herrlichkeit,
und es kann mithelfen, daß in einer immer wüster und platter werdenden Welt Liebe, Glaube und Hoffnung
überleben.
Prof. Alfred Koerppen (78) war Professor für Komposition und Musiktheorie an der Hochschule
für Musik und Theater Hannover. Unter anderem nahm er auch eine Gastprofessur an der Musikhochschule
Schanghai wahr.
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