Deutschland
„Das verrate ich nicht einmal meiner Frau“
Der Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz sprach in einem jüngsten Interview über seine vierzigjährige Duzfreundschaft mit dem Papst, über wiederverheiratete Geschiedene und über seine politischen Präferenzen.
(kreuz.net) Heute Donnerstag veröffentlichte die linksliberale deutsche Wochenzeitung ‘Zeit’ ein Interview mit Karl Kardinal Lehmann, dem Bischof von Mainz und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Die ‘Zeit’ wird in Hamburg publiziert.

Der Kardinal meinte vor der Zeitung, daß die Ideologie der Säkularisierung – die seit Jahrzehnten ein ungeschriebenes Dogma darstelle – durch jüngste Ereignisse erschüttert worden sei.

Kardinal Lehmann verweist dabei auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA sowie auf andere Katastrophen bis in die jüngste Zeit.

Diese Medienereignisse hätten viele vor die Urfragen gestellt: „Was ist der Mensch? Woher kommt er? Woher kommt die Gewalt? Was ist der Sinn des Lebens, auch des Scheiterns? Was ist der Tod?“

Man dürfe sich diesbezüglich aber nichts vormachen: „Dies alles ist sehr ereignishaft und besagt noch nichts von Dauer.“

In der Wiederkehr des Religiösen finde sich auch höchst Problematisches. Als Beispiele führt der Kardinal den Aberglauben und die Satanskulte an.

Im Menschen gebe es eine unauslöschliche Anlage, die nach einem verläßlichem Sinn suche und sich nicht durch Ersatzbefriedigungen abspeisen lasse: „Die Götzen und Idole stürzen am Ende vom Thron.“

Am Weltjugendtag habe er bei den Katechesen für Jugendliche diesbezüglich „fulminante“ Erfahrungen gemacht:

„Eine Dreiviertelstunde konzentriertes Zuhören, die Fragen nicht modisch oder geschwätzig, sondern authentisch, auch offen für die Einsichten wissenschaftlicher Theologie. Das ist mehr als bloß Stimmung oder Rausch.“

Zur Frage der Kirche in Deutschland meinte der Kardinal, daß er sich „manchmal zu sehr allein gelassen“ fühle:

„Als es etwa um das Problem ging, ob man wiederverheiratete Geschiedene in Ausnahmefällen zur Kommunion zulassen darf, da war das ja kein deutsches Sonderproblem. Ich war überrascht, wie viele meiner Kardinalskollegen im Umfeld des Konklaves dieses Thema neu angesprochen haben.“

Die deutsche Kirche gelte in der Weltkirche nicht einfach als der glaubensschwache Kultivierer von Luxusproblemen: „Ich kenne einen eher etwas konservativen italienischen Kardinal, der mich fragte: »Wo sind denn heute eure theologischen Impulse? Wir brauchen sie!«“

Zur Frage der Sexualethik, kritisierte der Kirchenfürst, daß die Kirche immer wieder nach demselben klappernden Schemata abgefragt werde – wann sie diese oder jene Vorschrift endlich lockert. Es sei an der Zeit Gegenfragen zu stellen:

„Sind das wirklich alles segensreiche Liberalisierungen gewesen, was sich da zwischen Mann und Frau verändert hat, oder ist manches auch zum Schaden des Menschen ausgegangen? Wie viel Gewalt und Rücksichtslosigkeit ist in die intimsten Beziehungen und Verhältnisse eingedrungen?“

In allen diesen ethischen Fragen habe die kirchliche Position „eigentlich“ eine viel größere Tiefe, als ihr bisher zu vermitteln gelungen ist.

Er glaube nicht, daß der neue Papst bei den moralischen Fragen, sowohl in der Bioethik als auch in der Sexualethik, Terrain preisgeben werde.

Als der neue Papst gewählt wurde, habe er – der Kardinal – auf den Bildern mäßig begeistert ausgesehen, wirft der Gesprächspartner des Kirchenfürsten ein.

„Ach, da muß man doch erst einmal eine gewisse Anspannung hinter sich lassen“, rechtfertigt sich der Kardinal: „Ich mußte mich ja innerhalb kürzester Zeit auf eine Pressekonferenz vorbereiten.“

Zudem sei er auch in Zeiten der Freude ein nüchterner Mensch. Es habe auch noch andere Fragen gegeben:

„Nach der Wahl – bei der so genannten Huldigung der Kardinäle – habe ich mich gefragt: »Wie spreche ich den Papst jetzt an? Ich will nicht das seit fast vierzig Jahren bestehende Du einfach eliminieren, ich will aber auch nicht banal werden.« Ich habe dann angefangen: »Heiliger Vater, lieber Joseph«, und da hat er mich sofort unterbrochen und gesagt: »Laß die ›Heiligkeit‹ weg.« Er hat es uns leicht gemacht.“

In der Frage der Ökumene mit den Protestanten sehe er die Versuchung, in Positionen zurückzufallen, die bereits als überwunden galten.

Eine zunächst legitime Suche nach der eigenen Identität könne schnell umkippen, wenn man distanzierende oder abwertende Abgrenzungen vornehme.

Das Gespräch kommt auch auf den Artikel über die Evolutionstheorie zu sprechen, den der Erzbischof von Wien, Christoph Kardinal Schönborn, diesen Sommer in der US-amerikanischen Presse publizierte.

Ob Kardinal Lehmann eine „Fundamentalismusgefahr“ sehe, wenn Christen an ihrem Schöpfungsglauben festhielten?

Das sei eine unglückliche Debatte gewesen, drückt sich der Kardinal um eine Stellungnahme:

„Eigentlich war diese Art, Schöpfungsglauben und Darwinismus gegeneinanderzustellen, passé. Man hat sich aber auch lange Zeit nicht mehr ernsthaft um die damit verbundene Herausforderung gekümmert.“

Es gebe Konfliktherde, die meist nur so vor sich hin schwelen, aber wenn die Lunte daran gelegt wird, gehen sie doch hoch:

„Ich denke zum Beispiel auch an die Hirnforschung, wo man dann auf einmal darüber erschrickt, was für platte Ideen von der Willensfreiheit sonst ganz hoch gescheite Naturwissenschaftler haben können.“

Wen er bei der Bundestagswahl wählen werde, wird der Kardinal abschließend gefragt und antwortet darauf:

„Der evangelische Bischof Hermann Kunst pflegte zu sagen: Das verrate ich nicht einmal meiner Frau.“ Er habe sich allerdings für seinen Kandidaten entschieden.

Ob er Stamm- oder Wechselwähler sei?

„Bei mir gibt es da eine gewisse Kontinuität“ – erläutert der Kirchenfürst – „aber ich betrachte immer genauer die Leute, die sich zur Wahl stellen.“
      
13 Lesermeinungen
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#13   miles immaculatae   12:25:42 | Freitag, 16. September 2005
Bürgerschreck
„Wenn die Christen die Dimension des Bürgerschrecks ganz verlieren, dann hat das Salz der Erde seinen Geschmack unwiderruflich verloren.“ Das Zitat stammt vom Remi Brague. Es findet sich übrigens in dem mittlerweile berühmt-berüchtigten Interview mit Karl Lehmann in der FAZ vom 31.7.2005, (das mit den Mädchen auf dem Petersplatz, die nach der Erkenntnis unseres Bischofs alle die Pille in der Tasche haben)
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#12   Benedikt   10:56:08 | Freitag, 16. September 2005
@ Toby
Was heißt hier „herummäkeln“? Lehmann muss sich an seinen Worten und Taten messen lassen, nicht mehr und nicht weniger.
Exakt, und beim letzten Mal wurde hier laut rumgemäkelt, als Lehmann den Satz brachte, dass die Kirche längst wüsste, dass die Mädchen, die dem Papst zujubeln die Pille in der Tasche haben und Kardinal Meisner sich über diese Aussage öffentlich beklagt hat. Hr. P. Pfluger, der wie man weiß nicht unbedingt Lehmann Freund ist, bemerkte dazu lapidar: Die Wahrheit tut eben weh.
Soviel zu „an seinen Taten messen lassen“. Das soll und muss man tun, aber bitte nicht mäkeln, nur damit man wieder mal gemäkelt hat.
@ Hans Mohrmann
…die Kirche ein Bürgerschreck zu sein hat
Wo steht das denn geschrieben?
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#11   miles immaculatae   08:59:25 | Freitag, 16. September 2005
Gähn
Warum nur packt mich bei dem Lesen von Interviews mit Kardinal Lehman eine milde Langeweile? Warum ist unser Bischof Karl so ganz und gar kein Aufreger? Warum nur geht es ihm meist zuallerst darum, daß sich die Kirche anpassen müsse, statt darum, daß die Kirche ein Bürgerschreck zu sein hat? Warum nur, warum nur, fällt mir immer das böse böse Wort des mystischen Revolutionärs Thomas Müntzer ein, vom „sanftlebend Fleisch zu Wittenberg zu Määnz)“. Warum nur kommt mir dieses große große Gähnen. Er hat es eben lieber mild als wild, lieber sanft als hart, und sein Erschrecken über die Bildergewalt von Mel Gibsons Passion ist ein Kennzeichen seines ganzen Episkopats. Wer Angst davo hat, was die Leute wohl über ihn denken, sollte nicht Bischof werden.
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#10   Gotthard   22:17:19 | Donnerstag, 15. September 2005
@ Bonaventura
Da kann ich nur meinen imaginären Ruhrgebietsonkel zitieren
Wir Katholiken aus dem Pott sind halt sehr real und auch erdverbunden.
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#9   Toby   22:06:21 | Donnerstag, 15. September 2005
@ Gotthard
Nun ja, richtige Argumente bringst Du auch nicht gerade. Es erscheint mir auch wenig sinnvoll, immer nur in Freund-Feind-Schemata zu denken.
Die Aussage von der „Erdung“ des Heiligen Vaters ist entweder banal oder falsch.
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#8   Bonaventura   22:02:47 | Donnerstag, 15. September 2005
@Gotthard
An der Bemerkung mit dem „Weihwasser Pinkeln“ erkennt mal wieder jeder mit welcher ernsthaftigkeit und welch großer FRömmigkeit du die dinge betrachtest und man sieht wie respektlos du hier die leute angehst. Schämen solltest du dich!
Da kann ich nur meinen imaginären Ruhrgebietsonkel zitieren: Dir hat man wohl ins Gehirn geschi****
Einfach unglaublich!
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#7   Gotthard   21:56:03 | Donnerstag, 15. September 2005
Erdung
Ich frage mich, ob solche „Plauderein aus dem Nähkästen“ wirklich in die Öffentlichkeit gehören.
Wunderbar, dass Lehmann sie an die Öffentlichkeit gebracht hat. Sie Erden den Papst und lassen ihn in seinen menschlichen Beziehungen lebendig sein.
Wenn nicht: bitte alle Berichte über seinen Bruder Georg streichen …
Dir sei es allerdings unbenommen, beim Hören des Namens des Papstes schon Weihwasser zu pinkeln… (sorry… ein alter Spruch meines verstorbenen Vaters vom Jahrgang 1917 im Blick auf „fromme“ Schwestern.)
Die „Heiligkeit“ wird permanent vergessen, wenn über die „VII-Päpste“ hergezogen wird… katholische Fundis sind schon eine Spezies für sich. Sie sind jedenfalls argumentations-resistent. DER Erzbischof und Prof May – evtl noch Kardinal Stickler – sind die Säulenheiligen der Bewegung.
Also: Der Lehmann-Artikel in der ZEIT war einfach gut … hoffentlich wird er wieder Vorsitzender!
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#6   Toby   21:41:26 | Donnerstag, 15. September 2005
@ Benedikt
Was heißt hier „herummäkeln“? Lehmann muss sich an seinen Worten und Taten messen lassen, nicht mehr und nicht weniger.
„Nach der Wahl – bei der so genannten Huldigung der Kardinäle – habe ich mich gefragt: »Wie spreche ich den Papst jetzt an? Ich will nicht das seit fast vierzig Jahren bestehende Du einfach eliminieren, ich will aber auch nicht banal werden.« Ich habe dann angefangen: »Heiliger Vater, lieber Joseph«, und da hat er mich sofort unterbrochen und gesagt: »Laß die ›Heiligkeit‹ weg.« Er hat es uns leicht gemacht.“
Ich frage mich, ob solche „Plauderein aus dem Nähkästen“ wirklich in die Öffentlichkeit gehören.
… offen für die Einsichten wissenschaftlicher Theologie.
Was heißt denn nun das schon wieder? Dass Jesus nicht Sohn Gottes war und Maria nicht Jungfrau???
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#5   Bonaventura   21:24:13 | Donnerstag, 15. September 2005
Gott Lob…
hat sich Lehmann ja schon dahingehend geäussert das er nicht mehr für das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zur Verfügung steht!
Der Modernismus, sowie seine Anhänger überleben sich halt selbst.
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#4   Beatrix   21:08:21 | Donnerstag, 15. September 2005
@ Wiederwahl Lehmanns
Und eines Tages dann läßt Lehmann sich klonen. Ethisch kriegt der das schon irgendwie hingebogen ;-)
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#3   Gotthard   21:03:56 | Donnerstag, 15. September 2005
Wiederwahl
Ich hoffe auf eine weitere Amtszeit von Lehmann als Vorsitzender der Dt. Bischofskonferenz.
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#2   Bonaventura   21:01:00 | Donnerstag, 15. September 2005
Hört Hört…
Da ist der ungekrönte König des „Viel Redens und nichts Sagens“ (Kard. Lehmann) mal ausgesprochen gut weggekommen!
Schön zu hören/lesen. Sollte sich doch ein partizieller Sinneswandel eingeschlichen haben!?
Schön wäre es ja!
Aber gut so Karl, weiter so!
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#1   Benedikt   19:15:03 | Donnerstag, 15. September 2005
Naja… die Überschrift ;-)
Soll wohl keine Andeutung sein… ich bin gespannt, was es in diesem Artikel wieder über Lehmann zu mäkeln gibt. Bis dahin…
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