18:23:50 | Donnerstag, 15. September 2005
Der Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz sprach in einem jüngsten Interview über seine vierzigjährige Duzfreundschaft mit dem Papst, über wiederverheiratete Geschiedene und über seine politischen Präferenzen.
(kreuz.net) Heute Donnerstag veröffentlichte die linksliberale deutsche Wochenzeitung ‘Zeit’ ein Interview
mit Karl Kardinal Lehmann, dem Bischof von Mainz und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Die
‘Zeit’ wird in Hamburg publiziert.
Der Kardinal meinte vor der Zeitung, daß die Ideologie der Säkularisierung –
die seit Jahrzehnten ein ungeschriebenes Dogma darstelle – durch jüngste Ereignisse erschüttert worden
sei.
Kardinal Lehmann verweist dabei auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA sowie
auf andere Katastrophen bis in die jüngste Zeit.
Diese Medienereignisse hätten viele vor die Urfragen
gestellt: „Was ist der Mensch? Woher kommt er? Woher kommt die Gewalt? Was ist der Sinn des Lebens, auch
des Scheiterns? Was ist der Tod?“
Man dürfe sich diesbezüglich aber nichts vormachen: „Dies alles ist
sehr ereignishaft und besagt noch nichts von Dauer.“
In der Wiederkehr des Religiösen finde sich auch
höchst Problematisches. Als Beispiele führt der Kardinal den Aberglauben und die Satanskulte an.
Im
Menschen gebe es eine unauslöschliche Anlage, die nach einem verläßlichem Sinn suche und sich nicht
durch Ersatzbefriedigungen abspeisen lasse: „Die Götzen und Idole stürzen am Ende vom Thron.“
Am Weltjugendtag
habe er bei den Katechesen für Jugendliche diesbezüglich „fulminante“ Erfahrungen gemacht:
„Eine Dreiviertelstunde
konzentriertes Zuhören, die Fragen nicht modisch oder geschwätzig, sondern authentisch, auch offen für
die Einsichten wissenschaftlicher Theologie. Das ist mehr als bloß Stimmung oder Rausch.“
Zur Frage
der Kirche in Deutschland meinte der Kardinal, daß er sich „manchmal zu sehr allein gelassen“ fühle:
„Als es etwa um das Problem ging, ob man wiederverheiratete Geschiedene in Ausnahmefällen zur Kommunion
zulassen darf, da war das ja kein deutsches Sonderproblem. Ich war überrascht, wie viele meiner Kardinalskollegen
im Umfeld des Konklaves dieses Thema neu angesprochen haben.“
Die deutsche Kirche gelte in der Weltkirche
nicht einfach als der glaubensschwache Kultivierer von Luxusproblemen: „Ich kenne einen eher etwas konservativen
italienischen Kardinal, der mich fragte: »Wo sind denn heute eure theologischen Impulse? Wir brauchen
sie!«“
Zur Frage der Sexualethik, kritisierte der Kirchenfürst, daß die Kirche immer wieder nach demselben
klappernden Schemata abgefragt werde – wann sie diese oder jene Vorschrift endlich lockert. Es sei an
der Zeit Gegenfragen zu stellen:
„Sind das wirklich alles segensreiche Liberalisierungen gewesen, was
sich da zwischen Mann und Frau verändert hat, oder ist manches auch zum Schaden des Menschen ausgegangen?
Wie viel Gewalt und Rücksichtslosigkeit ist in die intimsten Beziehungen und Verhältnisse eingedrungen?“
In allen diesen ethischen Fragen habe die kirchliche Position „eigentlich“ eine viel größere Tiefe,
als ihr bisher zu vermitteln gelungen ist.
Er glaube nicht, daß der neue Papst bei den moralischen Fragen,
sowohl in der Bioethik als auch in der Sexualethik, Terrain preisgeben werde.
Als der neue Papst gewählt
wurde, habe er – der Kardinal – auf den Bildern mäßig begeistert ausgesehen, wirft der Gesprächspartner
des Kirchenfürsten ein.
„Ach, da muß man doch erst einmal eine gewisse Anspannung hinter sich lassen“,
rechtfertigt sich der Kardinal: „Ich mußte mich ja innerhalb kürzester Zeit auf eine Pressekonferenz
vorbereiten.“
Zudem sei er auch in Zeiten der Freude ein nüchterner Mensch. Es habe auch noch andere
Fragen gegeben:
„Nach der Wahl – bei der so genannten Huldigung der Kardinäle – habe ich mich gefragt:
»Wie spreche ich den Papst jetzt an? Ich will nicht das seit fast vierzig Jahren bestehende Du einfach
eliminieren, ich will aber auch nicht banal werden.« Ich habe dann angefangen: »Heiliger Vater, lieber
Joseph«, und da hat er mich sofort unterbrochen und gesagt: »Laß die ›Heiligkeit‹ weg.« Er hat
es uns leicht gemacht.“
In der Frage der Ökumene mit den Protestanten sehe er die Versuchung, in Positionen
zurückzufallen, die bereits als überwunden galten.
Eine zunächst legitime Suche nach der eigenen Identität
könne schnell umkippen, wenn man distanzierende oder abwertende Abgrenzungen vornehme.
Das Gespräch
kommt auch auf
den Artikel über die Evolutionstheorie zu sprechen, den der Erzbischof von Wien, Christoph
Kardinal Schönborn, diesen Sommer in der US-amerikanischen Presse publizierte.
Ob Kardinal Lehmann eine
„Fundamentalismusgefahr“ sehe, wenn Christen an ihrem Schöpfungsglauben festhielten?
Das sei eine unglückliche
Debatte gewesen, drückt sich der Kardinal um eine Stellungnahme:
„Eigentlich war diese Art, Schöpfungsglauben
und Darwinismus gegeneinanderzustellen, passé. Man hat sich aber auch lange Zeit nicht mehr ernsthaft
um die damit verbundene Herausforderung gekümmert.“
Es gebe Konfliktherde, die meist nur so vor sich
hin schwelen, aber wenn die Lunte daran gelegt wird, gehen sie doch hoch:
„Ich denke zum Beispiel auch
an die Hirnforschung, wo man dann auf einmal darüber erschrickt, was für platte Ideen von der Willensfreiheit
sonst ganz hoch gescheite Naturwissenschaftler haben können.“
Wen er bei der Bundestagswahl wählen
werde, wird der Kardinal abschließend gefragt und antwortet darauf:
„Der evangelische Bischof Hermann
Kunst pflegte zu sagen: Das verrate ich nicht einmal meiner Frau.“ Er habe sich allerdings für seinen
Kandidaten entschieden.
Ob er Stamm- oder Wechselwähler sei?
„Bei mir gibt es da eine gewisse Kontinuität“ –
erläutert der Kirchenfürst – „aber ich betrachte immer genauer die Leute, die sich zur Wahl stellen.“
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