16:04:12 | Montag, 19. September 2005
Am Samstag veröffentlichte die Priesterbruderschaft St. Pius X. ein Interview mit ihrem Generaloberen, Bischof Bernard Fellay. Darin berichtet er über seine Privataudienz bei Papst Benedikt XVI.
Exzellenz, Sie haben Papst Benedikt XVI. um eine Audienz gebeten, die am 29. August stattfand. Was führte
sie zu diesem Schritt?Bischof Fellay: Wir wollten den Heiligen Vater treffen, weil wir katholisch und
weil wir – wie jeder Katholik – mit Rom verbunden sind. Indem wir um die Audienz baten, wollten wir unsere
Katholizität beweisen. Das ist alles.
Unsere Anerkennung des Papstes beschränkt sich nicht nur auf
die Erwähnung seines Namens in den Messen, die von den Geistlichen der Priesterbruderschaft St. Pius
X. zelebriert werden.
Es ist völlig normal, daß wir als römische Katholiken dem Papst unsere Ehrerbietung
zeigen. Katholisch heißt universell. Der mystische Leib Christi beschränkt sich nicht auf unsere Kapellen.
Zugleich besteht von unserer Seite die Absicht, den neugewählten Obersten Hirten der Kirche an die Existenz
der Tradition zu erinnern.
Wir wollen ihm ins Gedächtnis rufen, daß die Tradition nichts anderes ist
als die Kirche und daß wir diese kirchliche Tradition sozusagen in lebendiger Weise verkörpern.
Wir
möchten auch zeigen, daß die Kirche in der heutigen Welt stärker wäre, wenn sie an der Tradition festhalten
würde.
Darum ist es unser Wunsch, Zeugnis zu geben. Wenn die Kirche aus der tragischen Krise, in der
sie sich befindet, herauskommen will, dann ist die Tradition eine Antwort – das heißt – die einzige Antwort.
Wie ist das Treffen verlaufen?Bischof Fellay: Die Audienz fand in Castel Gandolfo, der Sommerresidenz
des Papstes, statt. Sie war für 11.30 Uhr vorgesehen, hat aber schlußendlich um 12.10 Uhr im Büro des
Papstes begonnen.
Normalerweise gewährt der Papst einem Bischof eine Viertelstunde.
Unser Treffen dauerte
35 Minuten. Das zeigt nach Meinung von Vatikan-Experten, daß Benedikt XVI. sein Interesse für unsere
Anliegen unter Beweis stellen wollte.
Wir waren zu viert: der Heilige Vater, Kardinal Castrillon Hoyos,
Pater Schmidberger und ich.
Das Gespräch verlief auf Französisch – nicht auf Deutsch, wie gewisse Quellen
behauptet haben. Die Unterredung wurde vom Papst in einer wohlwollenden Atmosphäre geführt.
Bei seiner
Antwort auf das von uns kurz vor der Audienz eingereichte Dokument stellte er drei Schwierigkeiten fest.
Da Benedikt XVI. das Dokument vorher gelesen hatte, war es nicht nötig, die darin aufgeführten Punkte
zu wiederholen.
Unser Dokument enthielt eine Beschreibung der Kirche, in der wir das Wort von der „schleichenden
Apostasie“ von Johannes-Paul II., „das Schiff, das von allen Seiten mit Wasser überflutet wird“ und die
„Diktatur des Relativismus“ von Kardinal Josef Ratzinger zitierten.
Im Anhang fügten wir Photos von
skandalösen Neuen Messen bei – schlichtweg empörende Bilder.
Das Dokument enthielt auch eine Vorstellung
der Priesterbruderschaft nach Mitgliederzahlen und apostolischen Werken.
Im Dokument wurden auch zwei
unserer Aktionen aus der jüngsten Vergangenheit als Beispiele angeführt sowie die unglaublichen Reaktionen
der Ortsbischöfe darauf: der Gerichtsprozeß in Argentinien, der dazu führte, daß der Verkauf von Kondomen
verboten wurde und der Bischof von Cordoba uns als Terroristen bezeichnete sowie die
Aufdeckung der Luzerner
Homoparade, die in einer protestantischen Feier, welche in einer katholischen Kirche abgehalten wurde,
ihren Abschluß fand. Der zuständige Bischof legte dabei eine völlige Gleichgültigkeit an den Tag.
Das eingereichte Dokument enthielt auch unsere Forderungen: das Klima der Feindschaft gegenüber der
Tradition zu ändern. Dieses Klima macht das traditionell-katholische Leben – gibt es überhaupt ein anderes? –
in der Konzilskirche ziemlich unmöglich. Ein Klima-Umschwung könnte geschehen, wenn der tridentinischen
Messe die volle Freiheit gegeben würde.
Sodann: den Vorwurf des „Schismas“ zum Schweigen zu bringen,
indem die sogenannten „Exkommunikationen“ für nichtig erklärt und in der Kirche eine Struktur für die
Familie der Tradition geschaffen wird.
Darf man die Schwierigkeiten erfahren, die Papst Benedikt XVI.
hervorgehoben hat?Bischof Fellay: Ich kann sie nur aus dem Gedächtnis aufzählen.
In einer ersten
Feststellung bestand Benedikt XVI. auf eine effektive Anerkennung des Papstes. Er sprach in diesem Zusammenhang
vom Notstand, auf den wir uns für die Bischofsweihen und alle daraus folgenden Aktivitäten berufen haben
und noch berufen.
Dann erklärte Benedikt XVI., daß es nur
eine Art gebe, in der katholischen Kirche
zu sein: indem man den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils besitzt, wobei das Konzil im Licht der
Tradition zu interpretieren sei – das heißt – nach der Absicht der Konzilsväter und gemäß dem Wortlaut
der Texte.
Das ist eine Perspektive, die uns einigermaßen erschreckt…
Schließlich würden wir –
so der Papst – für die Feier des traditionellen Ritus und unsere Aktivitäten eine entsprechende Struktur
benötigen, wobei wir uns aber nicht von dem Geist des Konzils, den wir annehmen müßten, schützen könnten.
Die Pressemitteilung des Vatikan zur Audienz spricht vom Willen „schrittweise und in vernünftigen Zeiträumen
vorzugehen“. Wie ist diese Formulierung zu verstehen?Bischof Fellay: Der Papst hat die Probleme während
der Audienz nicht ausdiskutiert, sondern nur skizziert.
Somit wäre es durchaus notwendig, in einem ersten
Schritt, auf die Forderung nach einem „Bürgerrecht der Alten Messe“ einzugehen, um dann über die Irrtümer
des Zweiten Vatikanums zu sprechen. Darin sehen wir nämlich die direkte und teilweise auch indirekte
Ursache für die gegenwärtigen Übel.
Natürlich wird man Schritt für Schritt vorgehen müssen.
Man
muß das letzte Konzil in ein anderes Licht rücken, als es von Rom getan wird.
Neben dem Anprangern
aller Irrtümer, ist es unbedingt notwendig daraus die logischen Folgerungen zu ziehen, ihre Auswirkung
auf die katastrophale Situation der Kirche von heute zu verstehen, ohne aber zu verärgern, was zu einem
Abbruch der Gespräche führen würde. Das verpflichtet uns, in Etappen vorzugehen.
Apropos „vernünftige
Zeiträume“: Man hört in Rom, daß Dokumente vorbereitet werden, welche die Gemeinschaften betreffen,
die der Kommission ‘Ecclesia Dei’ unterstehen. Sie sollen angeblich etwas ganz Neues, bisher noch nie
Gesehenes, enthalten.
Hier gilt: „Abwarten und Teetrinken“. Mit Sicherheit hat der Papst die Absicht,
die Situation schnell zu regeln.
Der Gerechtigkeit halber möchte ich hier gerne eine Präzisierung anbringen.
Man muß auch die Situation des Papstes bedenken. Er befindet sich sozusagen zwischen zwei Fronten: den
Progressisten und uns.
Wenn er die Messe nur auf unser Bitten hin freigibt, werden die Modernisten sich
erheben und sagen: „Der Papst hat den Traditionalisten nachgegeben“.
Wir wissen von Mons. Ricard – dem
Präsidenten der Französischen Bischofskonferenz –, daß er im Jahr 2000 mit Kardinal Lustiger und dem
Erzbischof von Lyon nach Rom eilte, um einen Fortschritt in der Frage der Bruderschaft zu blockieren.
Man habe sogar mit einer Rebellion gedroht.
Ähnlich haben die deutschen Bischöfe beim Kölner Weltjugendtag
reagiert. „Entweder sie oder wir!“, „Wenn sie anerkannt werden, dann verlassen wir die Kirche und machen
ein Schisma“.
Deshalb hat uns der Papst im Laufe der Audienz nicht direkt zusichern können, daß die
Messe beispielsweise im Herbst freigegeben wird.
Jedes seiner Versprechen der Bruderschaft gegenüber
würde ihn unweigerlich dem Druck der Progressisten aussetzen.
Dann würde der Papst gegen die Mehrheit
der Bischöfe, die zur Trennung bereit sind, stehen. Das ist im aktuellen Debakel nicht denkbar, selbst
wenn der Wille zu einer gewissen Restauration bestehen würde.
Meines Erachtens nach könnte vielleicht
eine begrenzte Freigabe zugestanden werden.
Die Presse sprach von Spaltungen innerhalb der Bruderschaft.
Was hat es damit auf sich?Bischof Fellay: Die Ankündigung der uns vom Papst gewährten Audienz hat
in den Medien einen wahren Tumult ausgelöst.
Man hat viel Lärm gemacht und sich bemüht, Spaltungstendenzen
unter uns vier Bischöfen der Bruderschaft nachzuweisen.
Die Journalisten veröffentlichten zudem Drohungen
der Progessisten an den Papst: „Die Freigabe der Alten Messe bedeutet, Paul VI. und die Liturgiereform
zu widerrufen.“
Ich kann ihnen versichern, daß die vier Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius
X. bezüglich des Verhältnisses zu Rom miteinander im Einklang stehen und daß Bischof Williamson, dessen
Name in diesem Zusammenhang erwähnt wurde, kein „Sedisvakantist“ ist.
Die Medien haben keinen Grund
zur Beunruhigung. Sie mögen das bedauern. Doch solche Spekulationen stehen außerhalb jeder Diskussion.
Exzellenz, was erhoffen Sie sich jetzt?Bischof Fellay: Es gibt in Rom Kardinäle, die sich wünschen,
daß die Tradition wieder anerkannt wird. Wir hoffen das auch. Insbesondere wünschen wir uns die vollständige
Freigabe der Messe. Aber das wird höchstwahrscheinlich nicht schon morgen geschehen.
Wir haben also
weiterhin die Pflicht, daran zu arbeiten, daß die Stellung der Tradition in der Kirche anerkannt wird.
Man muß weiter daran arbeiten, falsche Interpretationen der Tradition zu verhindern.
Man müßte die
römischen Autoritäten ferner dazu bringen zuzugestehen, daß wir der Interpretation, die man in der
gegenwärtigen Praxis vom Konzil und vom Ökumenismus gibt, nicht ohne begründete Vorbehalte folgen können.
Im Grunde ist unsere Hoffnung die folgende: daß man eines Tages begreift, warum wir traditionstreu sind.
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