13:28:18 | Dienstag, 20. September 2005
Professor Eamonn Duffy ist ein bekannter britischer Kirchenhistoriker. Dennoch wundert man sich manchmal, wie gewisse Schlagzeilen zustandekommen. Ein Kommentar.
(kreuz.net) Daß Benedikt XVI. daran denkt, jedem Priester der Römischen Kirche die Zelebration der Alten
Messe freizustellen, ist schon lange ein Gerücht.
Doch Gerüchte gibt es viele, und nichts ist einfacher,
als Gerüchte in die Welt zu setzen.
Wenn man eine genügende Anzahl von Gerüchten produziert, ist es
nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit sogar so, daß einige von ihnen womöglich sogar wahr werden –
auch wenn das bei Gerüchten eher nebensächlich ist.
Denn das Gerücht ist wichtiger als die Wahrheit.
So hört man in Rom schon seit längerem, daß der Papst daran denkt, die Tiara wieder einzuführen,
die Schweizer Garde zu internationalisieren, die Fassade des Petersdomes für einen guten Zweck einpacken
zu lassen, in der Stadt Rom Filialen der Vatikanpost zu eröffnen, sieben deutsche Diözesen zusammenzulegen
und sich während des Jahres vermehrt in Castelgandolfo aufzuhalten.
Das sind Gerüchte, die jemand oder
niemand irgendwo oder nirgendwo gerochen hat. Man weiß halt nichts Genaues.
Gerüchte eben.
Nach Angaben
der Tageszeitung ‘Irish Independent’ hat der britische Kirchenhistoriker Eamonn Duffy vor der ‘Nationalkonferenz
irischer Priester’ erklärt, daß die allgemeine Wiederzulassung der Alten Messe kurz bevorsteht.
Duffy
ist Professor für Geschichte des Christentums an der Universität von Cambridge. Er lehrt dort als Spezialist
für das 15. bis 17. Jahrhundert am Magdalene College.
Cambridge ist Verwaltungssitz der Grafschaft Cambridgeshire
im Osten von England. Die Universität Cambridge genießt weltweites Ansehen.
Professor Eamonn Duffys
Gerücht hat die Tageszeitung ‘Irish Independent’ im ersten Satz eines Artikels so wiedergegeben:
„Papst
Benedikt XVI. wird schon bald damit beginnen, dem neuen Pontifikat seine Handschrift aufzuprägen, indem
er das fast totale Verbot der Alten Messe aufheben wird.“
Anlaß dazu sei die kommende Bischofssynode
über die Eucharistie. Sie findet im Oktober in Rom statt.
Im Originalton hat Professor Duffy zwar gesagt,
daß es „höchstwahrscheinlich“ sei, daß der Papst die gegenwärtigen Einschränkungen gegen die Alte
Messe aufheben werde.
Was deutet darauf hin, daß diese Maßnahme „höchstwahrscheinlich“ ist? Duffy
sagt es nicht. Das macht aber nichts.
Denn das Gerücht besitzt Privilegien, die der langweiligen Wirklichkeit
nicht zustehen. Es muß sich nicht mit den engen Grenzen des Beweisbaren herumschlagen.
Bei einem Gerücht
ist es so, daß es wie ein unbekannter Duft in der Luft liegt und man nicht weiß woher es kommt und wann
es sich wieder auflöst.
Trotzdem ist das Gerücht viel interessanter als eine hieb- und stichfest bewiesene
Nachricht.
Der hundskommunen Nachricht fehlt die Aura des Geheimnisvollen.
Dagegen sind Gerüchte entwicklungsfähig
und produktiv. Sie beflügeln die Vorstellungskraft.
Zwar stammen die meisten Gerüchte aus der Luft.
Doch gelingt es vielen von ihnen, sich zu materialisieren.
Im Fall des Gerüchtes von Eamonn Duffy machte
der ‘Irish Independent’ dazu den Anfang. Diese Meldung wurde von der italienischen Agentur ‘Adnkronos’
übernommen.
Dann kam ‘Radio Vatikan’. Dort empfing das irische Gerücht quasi den päpstlichen Segen
und einen römischen Duft.
Streng genommen war es dadurch gar kein Gerücht mehr, sondern eine waschechte
Nachricht.
Roma locuta – Rom hat gesprochen.
Spätestens jetzt war es Zeit für ‘kath.net’, auf den gelben
Wagen zu springen und das Faktum in der deutschsprachigen katholischen Welt zu verbreiten.
Wird sich
bei der kommenden Bischofssynode jemand an Eamonn Duffys Gerücht erinnern? Natürlich nicht. Aber das
ist auch nicht nötig. Denn ein Gerücht braucht keine Wirklichkeit. Es wird von ihr nur eingeengt.
Darum
dürfen wir die Sache mit der Alten Messe getrost auf sich beruhen lassen und darüber nachdenken, welche
die sieben deutschen Diözesen sind, die nach dem Willen des vatikanischen Staatssekretariates „höchstwahrscheinlich“
von der kirchlichen Landkarte verschwinden werden.
Unklar sei angeblich noch, was mit den Bischöfen
geschehen soll, die dadurch ihr Amt verlieren. Es scheint, daß einige auf freiwerdende deutsche Diözesen
nominiert werden sollen.
Andere dürften in den vorzeitigen Ruhestand treten.
Schon länger ist klar,
daß die einbrechenden Katholikenzahlen die Aufrechterhaltung des deutschen Verwaltungsapparates, der
noch aus der Zeit vor dem Zweiten Vatikanum stammt, nicht länger rechtfertigen.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.