17:30:41 | Dienstag, 27. September 2005
In der September-Nummer der Zeitschrift ‘Limes’ veröffentlichte Lucio Brunelli seinen berühmten Artikel über das letzte Konklave. Brunelli ist Vatikanist der Tagesschau des zweiten italienischen Fernsehens. Der Beitrag beruht angeblich auf dem Tagebuch eines Kardinals, der am Konklave teilnahm. Der Text.

Benedikt XVI.
© Catholic Church (England and Wales), CC(kreuz.net)
Sonntag, 17. April. „Am Nachmittag zog ich in mein Zimmer in der Casa Santa Marta ein. Nachdem
ich das Gepäck niedergelegt hatte, versuchte ich die Rolläden zu öffnen, weil das Zimmer verdunkelt
war. Doch es gelang mir nicht. Man erklärte mir, daß die Rolläden versiegelt wurden. Klausur des Konklave…“
So beginnt das Tagebuch eines bedeutenden Kardinals, der in seinem Notizheft nicht nur Eindrücke und
pointierte Bemerkungen, sondern auch den Ausgang der vier Abstimmungen niedergeschrieben hat, die zur
Wahl von Benedikt XVI. führten.
Den Autor der Niederschrift können wir natürlich nicht identifizieren.
Aus seinem Text geht ein bisher unbekanntes, bewegteres Bild der Wahl von Kardinal Joseph Ratzinger hervor.
Im dritten Wahlgang scharrte sich die Minderheit, die sich der Wahl des Ex-Präfekten der Glaubenskongregation
widersetzte, um den argentinischen Kardinal Jorge Mario Bergoglio und erreichte das Ziel von 40 Stimmen:
zuwenige, um den ersten lateinamerikanischen Papst der Geschichte zu wählen, aber genug, um arithmetisch
und theoretisch das Erreichen der Minimalzahl von 77 Stimmen, die nötig sind um den Papst zu wählen,
zu verhindern (115-40= 75).
Die Verpflichtung zur Verschwiegenheit?
Diese wurde von den Päpsten beschlossen,
um die Freiheit des Konklave zu gewährleisten: Eine voreilige Nachricht vor oder während des Konklave –
während die Wahlurnen noch geöffnet sind – könnte die folgenden Abstimmungen beeinflussen.
Eine andere,
weniger schwerwiegende Angelegenheit ist – wie wir glauben – die Verletzung des Geheimnisses post factum.
Montag, 18. April, 16.33 Uhr. „Die langsame Prozession der Kardinäle beginnt sich von der ‘Aula delle
Benedizioni’ zur Sixtinischen Kapelle in Bewegung zu setzen…
Die 115 Kardinäle – das Konklave mit
den meisten Teilnehmern der modernen Geschichte – verteilen sich auf die sechs großen Tische, die den
Wänden der Kapelle entlang aufgestellt wurden. Die Stimmzettel werden verteilt.
In seinem Tagebuch schreibt
unsere Quelle nur jene Stimmen auf, die an die wichtigsten Kandidaten gehen und läßt die vielen vereinzelten
Stimmen aus.
Das Konklave öffnet mit einer einzigen „organisierten“ Kandidatur, die auf einen Block
von im voraus entschiedenen Stimmen zählen kann, jene von Kardinal Ratzinger.
Die Vorhersagen der am
besten informierten Vatikanisten schwanken zwischen 30 und 50 bereits sicheren Stimmen für den Ex-Präfekten
der Glaubenskongregation.
Er erhält 47 Stimmen.
Eine hervorragende Ausgangslage. Aber dem Kardinal
fehlen noch 30 Stimmen, um die für die Wahl notwendigen zwei Drittel zu erreichen.
Viel weniger als
vorausgesagt sind dagegen die Stimmen für Kardinal Martini. Verschiedene Informationsorgane vermuteten
in der ersten Abstimmung ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden herausragenden Persönlichkeiten.
Einige gingen in den folgenden Tagen sogar so weit, zu erklären, daß Martini in der ersten Abstimmung
sogar mehr Stimmen bekommen habe als Ratzinger.
Doch der Abstand ist sehr groß und eindeutig.
Die wahre
Überraschung der ersten Abstimmung ist der argentinische Kardinal Bergoglio – auch er Jesuit wie Martini,
obwohl zwischen den beiden Mitbrüdern nicht immer eine perfekte Übereinstimmung herrschte.
In den 70er
Jahren – während der Amtszeit des Jesuitengenerals Pedro Arrupe († 1991) und der flammenden Debatten
über die Befreiungstheologie mußte Bergoglio als Provinzial der Gesellschaft Jesu zurücktreten, weil
er die „Linie der Öffnung“ der Ordensleitung nicht teilte.
Der Erzbischof von Buenos Aires erwarb sich
aber besonders in den letzten Jahren weitum ein Ansehen als Mann Gottes. Er gilt als zuverlässig auf
dem Gebiet der Lehre, offen für soziale Fragen, doch in der Pastoral als empfindlich gegen die Strenge,
die einige Mitarbeiter von Johannes Paul II. in Fragen der Sexualethik an den Tag legten („Sie wollen
die ganze Welt in ein Präservativ stecken“, sagte er am Vorabend des Konklave vor Freunden).
Weil ein
wahrer Kandidat der ‘Linken’ fehlt, der eine Alternative zu Ratzinger sein könnte, machen diese Charakteristiken
aus Bergoglio den Bezugspunkt für jene Gruppe von Kardinälen, die zögern, den Dekan des Heiligen Kollegiums
zu wählen.
Bemerkenswert sind in der ersten Abstimmung auch die Stimmen, die Ruini (6) und Sodano (4)
erhalten. Dieses Resultat ist zwar numerisch bescheiden, aber politisch nicht ohne Bedeutung.
Montag
abend. Das Abendessen findet um 20.30 Uhr statt. „Man unterhält sich bei Tisch und tauscht Eindrücke
über die erste, ins nichts gegangene Abstimmung aus.
Weitere Unterredungen finden nach dem Abendessen
mit großer Diskretion in den Zimmern statt: kleine Gruppen, zwei-drei Personen. Es gibt keine Großversammlungen.
Wie in anderen Hotels fügt sich an die tausend Bestimmungen, die es bereits gibt, auch das Rauchverbot.
Der portugiesische Kardinal José Policarpo da Crux, der im Ruf steht, ein eingefleischter Raucher zu
sein, widersteht nicht und geht ins Freie, um sich eine gute Zigarre anzuzünden.“
In diesen wenigen
Stunden schmieden die verschiedenen Gruppen ihre Strategien für den kommenden Morgen.
Die Unterstützer
von Ratzinger konzentrieren sich auf den großen Block der Ungewissen: mehr als 30 vereinzelte Stimmen.
Die Freunde von Kardinal Ruini erklären, daß ihr kleines Stimmenpaket (6) dem Kardinaldekan zufließen
wird.
Auf der gegenüberliegenden Seite zeigt sich die Absicht, auf Bergoglio zu bestehen. Auch die Kardinäle,
die für Martini gestimmt haben, lassen sich davon überzeugen, auf den Erzbischof von Buenos Aires zu
setzen. Das wäre der erste lateinamerikanische Papst der Geschichte. Ein Teil der zwanzig Kardinäle
aus Lateinamerika würde ihn bestimmt unterstützten. Ein Teil, wenigstens.
Es ist allen Teilnehmern
am Konklave bekannt, daß mindestens zwei Kardinäle aus diesem Kontinent sich eng um Ratzinger scharren:
der kolumbianische Kurienkardinal Alfonso Lopez Trujillo, ein starker Gegner der Befreiungstheologie,
und der chilenische Kurienkardinal Jorge Arturo Medina Estevez, der frühere Verantwortliche für die
chilenische Ausgabe der Zeitschrift ‘Communio’, an deren Entstehung Ratzinger beteiligt war.
Das realistische
Ziel der Minderheit, die Bergoglio unterstützt, besteht darin, eine Patt-Situation herzustellen, die
zum Rückzug der Kandidatur von Ratzinger führen könnte.
Um dieses Ziel zu erreichen, muß die Marke
von 39 Stimmen überschritten werden – das heißt – ein Drittel + 1 Stimme. Damit wäre es dem stärkeren
Kandidaten mathematisch unmöglich, die 77 notwendigen Stimmen zu erreichen. Dann würde man weitersehen.
Das Spiel könnte dann von neuem eröffnet werden.
Dienstag 19. April. Der Wecker läutet um 6.30 Uhr.
Die Abstimmungen beginnen um 9.30 Uhr. Auch dieses Mal spricht unsere Quelle nicht von den vereinzelten
Stimmen, die aber deutlich weniger werden (9).
Wie erwartet bekommt Ratzinger noch mehr Stimmen (65).
Er bleibt aber 12 Stimmen unter dem Gipfel. Im Vergleich zur ersten Abstimmung gewinnt er 18 Stimmen:
Sie kommen teilweise von den Unterstützern von Ruini (6), teilweise von den Unentschlossenen (12). Die
Unterstützer von Sodano (4) haben noch nicht für ihn gestimmt.
30 Stimmen hinter ihm – aber eindeutig
im Wachsen – ist Bergoglio, der weitere 25 Stimmen auf sich vereinigt. Ihm fließen wie erwartet die Unterstützer
von Martini (9) zu, der keine Stimmen mehr erhält, sowie auch eine ansehnliche Zahl von Kardinälen,
die vorher für vereinzelte Kandidaten gestimmt haben (16).
Der argentinische Jesuit steht kurz vor den
39 Stimmen, die es einer organisierten Minderheit theoretisch erlauben könnte, die Wahl eines anderen
Kandidaten zu blockieren.
Um 11.00 Uhr schreitet man – wie von den Regeln vorgesehen – zur zweiten Abstimmung
des Morgens. Die Hoffnungen der Minderheit scheinen Wirklichkeit zu werden.
Ratzinger wächst noch von
65 auf 72 Stimmen. Es fehlen ihm gerade 5 Stimmen, um der 264. Nachfolger des Apostels Petrus zu werden.
Aber auch Bergoglio wächst von 35 auf 40 Stimmen. Er überschreitet damit die Schwelle, welche die Wahl
von Ratzinger mathematisch unmöglich macht, knapp – aber er überschreitet sie.
Würden sich die Unterstützer
des Erzbischofs von Buenos Aires geschlossen entschließen, bis zuletzt Widerstand zu leisten, indem sie
die Barrikaden auf dieser Höhe halten würden, könnte der deutsche Kardinal maximal 75 Stimmen erreichen.
Damit würde seine Wahl wegen nur zwei Stimmen verunmöglicht.
„Große Sorge bei den Kardinälen, die
sich die Wahl von Kardinal Ratzinger wünschen…“. Trujillo wird von vielen gesehen, wie er die lateinamerikanischen
Kardinäle anspricht. Er versucht sie zu überzeugen, daß es keine wahren Alternativen zu Ratzinger gibt.
Auf der anderen Seite verbreitet sich ein sehr vorsichtiger Optimismus, das Rennen des bayerischen Kardinals
wenige Meter vor dem Ziel aufhalten zu können.
„Morgen gibt es große Neuigkeiten“, flüstert Kardinal
Martini während der Mittagspause einem Kollegen mit einem sibyllinischen Lächeln zu. Um eine Erklärung
gebeten, erklärt er, für den Morgen des folgenden Mittwochs einen Kandidatenwechsel vorauszusehen, sofern
auch die zwei kommenden Nachmittagsabstimmungen ergebnislos zu Ende gehen würden.
Der emeritierte Erzbischof
von Mailand beginnt auf der Suche nach neuen möglichen Kandidaten für den nächsten Tag sogar einige
informale Meinungsumfragen. Einige Zeugen sehen, wie er den portugiesischen Kardinal Jose Saraiva Martins
anspricht: Die zwei kennen sich seit den 70er Jahren, als beide Rektoren von Päpstlichen Universitäten
in Rom waren.
Die Bedingung, unter der die Pläne der Minderheit gelingen können, besteht darin, daß
sich im Block, der sich um die Kandidatur von Bergoglio gebildet hat, keine Risse bilden.
Doch ein Spalt –
und kein so kleiner – ist im Begriff sich aufzutun. Als die 115 Wähler um 16.00 Uhr in die Sixtinische
Kapelle zurückkehren, ist der Ausgang des Konklave bereits entschieden.
Dienstag 19. April, 16.30 Uhr.
Das Ergebnis der letzten und entscheidenden Abstimmung des Konklave: Ratzinger 84 Stimmen, Bergoglio 26.
In der Notiz über die Abstimmung hat unsere Quelle – weil sie „kurios“ sind – auch zwei Einzelstimmen
festgehalten. Diese bekamen die emeritierten Kardinäle Bernard Law, ehemaliger Erzbischof von Boston,
der wegen des Skandals um den pädophilen Klerus zum Rücktritt gezwungen wurde, und Giacomo Biffi, der
kämpferische emeritierte Erzbischof von Bologna.
Das sind die letzten Erinnerungen im Tagebuch:
„Auch
Kardinal Ratzinger schreibt auf seinem Blatt sorgfältig die Stimmen mit, während die Wahlzettel ausgezählt
werden. Als dann um 17.30 Uhr das Quorum von 77 Stimmen überschritten wird, herrscht in der Sixtinischen
Kapelle ein Augenblick des Schweigens, dem ein langer und herzlicher Applaus folgt.“
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