Alte Messe
Das platte Produkt des Augenblicks
Schon die Reformatoren strichen jene liturgischen Gebete, welche die katholische Lehre hervorheben. Der Vorwand dazu: Man wolle zur „ursprünglichen Einfachheit“ zurückkehren. Von Michael Davies.
(kreuz.net/UnaVoce) Es hat im Römischen Ritus wie in allen Riten natürlich eine liturgische Entwicklung gegeben, aber diese verlief in kaum wahrnehmbaren Schritten einer natürlichen Entfaltung.

Joseph Kardinal Ratzinger schrieb im Geleitwort zur Gedenkschrift für den von ihm hochgeschätzten Mons. Klaus Gamber:

„Josef Andreas Jungmann, einer der wirklich großen Liturgiker unseres Jahrhunderts, hatte seinerzeit das westliche Verständnis von Liturgie, wie sie sich vor allem durch die historische Forschung darstellte, als ,gewordene Liturgie’ gekennzeichnet.

Was nach dem Konzil weithin geschehen ist, bedeutet etwas ganz anderes: An die Stelle der gewordenen Liturgie hat man die gemachte Liturgie gesetzt.

Man wollte nicht mehr das organische Werden und Reifen des durch die Jahrhunderte hin Lebendigen fortführen, sondern setzte an dessen Stelle – nach dem Muster technischer Produktion – das Machen, das platte Produkt des Augenblicks.“


Es ist dabei wichtig zu betonen, daß die jahrhundertelange Entfaltung des Römischen Ritus vornehmlich durch die Hinzufügung neuer Gebete und Gesten gekennzeichnet war. Diese hoben das in der Messe enthaltene Geheimnis deutlicher hervor.

Die Reformatoren strichen jene Gebete, welche die katholische Lehre verdeutlichen, unter dem Vorwand einer Rückkehr zur „ursprünglichen Einfachheit“.

Dagegen verurteilte Papst Pius XII. ausdrücklich Bestrebungen, „alle möglichen alten Riten und Zeremonien wieder in Gebrauch zu bringen“, weil es sich um alte Bräuche handelt.

Der Papst erklärt dazu:

„Diese Denk- und Handlungsweise läßt jene übertriebene und ungesunde Altertumssucht wiederaufleben, der die ungesetzliche ,Synode von Pistoia’ Auftrieb gab.

Ebenso trachtet sie, jene vielfachen Irrtümer wieder zurückzurufen, welche Anlaß für diese Synode waren, welche aus ihr – zum großen Schaden der Seelen – hervorgegangen sind und welche die Kirche – die immer wachsame Hüterin des ihr von ihrem Stifter anvertrauten Glaubensgutes – mit vollem Recht verworfen hat.

Solche verkehrte Pläne und Unternehmungen gehen nur darauf aus, jene Riten der Heiligung zu schmälern und zu schwächen, durch welche die Liturgie die an Kindes Statt angenommenen Söhne Gottes heilsam zum himmlischen Vater hinlenkt.“


Dennoch wurden die liturgischen Grundsätze von Pistoia als Teil der Reform des Zweiten Vatikanums im gesamten Römischen Ritus durchgesetzt, auch wenn das nicht ausdrücklich vom Konzil angeordnet wurde.

Aber die Liturgiekonstitution öffnete die Tür, durch die sie eindrangen.

„Gegenwärtige Verhältnisse und Notwendigkeiten“, an welche die Liturgie nach Darlegung der Liturgiekonstitution – Artikel 4 – angepaßt werden müßte, hat es während der gesamten Kirchengeschichte immer wieder gegeben.

Denn es liegt im Wesen der Zeit, daß diese mit jeder Sekunde moderner wird.

Wenn die Kirche die Liturgie der ständigen Abfolge immer modernerer und neuerer Verhältnisse angepaßt hätte, so wäre eine liturgische Stabilität überhaupt nie zustandegekommen.

Wenn eine solche Notwendigkeit der Anpassung wirklich besteht, muß sie schon immer bestanden haben. Es ist aber schwer zu glauben, daß der Heilige Geist die Kirche in dieser Frage nicht geleitet hat, bevor er den Vätern des Zweiten Vatikanischen Konzils diese Erkenntnis offenbarte.

Die Texte der päpstlichen Lehrverkündigungen zur Liturgie sind leicht greifbar.

Eine päpstliche Lehre über die Notwendigkeit, die Liturgie an die Gegenwart anzupassen, sticht nur durch ihre Nichtexistenz besonders hervor. Das verwundert nicht, wenn man sich die Mühe macht, eine solche angebliche Notwendigkeit in unvoreingenommener und sachlicher Weise zu analysieren.

Wann entsteht eine neue Gegenwart?

Nach welchen Kriterien wird das Vorhandensein einer neuen Gegenwart beurteilt?

Wann endet die eine Gegenwart und wann beginnt die nächste?

Die krasse Unlogik der These der liturgischen Anpassung an die Gegenwart fiel natürlich auch einigen Konzilsvätern auf. Bischof Dino Staffa – später Kardinal – wies am 24. Oktober 1962 auf die Folgen einer „mit neuer Kraft ausgestatteten Liturgie“ hin.

Er sagte zu den 2.337 anwesenden Konzilsvätern:

„Es wird gesagt, daß die heilige Liturgie der Gegenwart und den veränderten Umständen anzupassen sei. Auch hier müssen wir uns die Folgen vor Augen halten.

Denn die Bräuche und auch die äußere Erscheinung der Gesellschaft verändern sich schnell und werden sich noch schneller verändern.

Was heute scheinbar den Wünschen der Menge entspricht, wird nach dreißig oder fünfzig Jahren unsinnig sein. Wir müssen dann davon ausgehen, daß die ganze oder fast die ganze Liturgie nach dreißig oder fünfzig Jahren wieder geändert werden muß.

Das scheint nach den Voraussetzungen, von denen hier ausgegangen wird, logisch zu sein.

Mir scheint diese Schlußfolgerung zwar notwendig, aber für die heilige Liturgie nicht angemessen zu sein. Sie ist auch kaum nützlich für die Würde der Kirche, kaum sicher für die Integrität und Einheit das Glaubens, kaum dienlich für die Einheit der Disziplin.

Während die Welt sich täglich mehr auf die Einheitlichkeit zubewegt – besonders in der Arbeits- und Lebensweise – würden wir in der Lateinischen Kirche die wunderbare liturgische Einheit zerstören und in Nationen, Regionen oder gar Provinzen aufteilen?“


Es ist inzwischen eine Tatsache, daß die Lateinische Kirche im Begriff war, genau das zu tun und tatsächlich auch getan hat, mit allen Konsequenzen für die Integrität und Einheit des Glaubens und der Disziplin, welche Bischof Staffa vorausgesehen hatte.

Nächster Teil: Ungenaue Darlegungen

Auszug aus dem 16. Kapitel des Buches „Pope John’s Council“ des Präsidenten der Internationalen UNA VOCE-Föderation, Michael Davies († 25. September 2004). Übersetzt von Katharina Wagner.
UNA VOCE Deutschland e. V. – Geldorpstr. 4, 50733 Köln
      
7 Lesermeinungen
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#7   Bonaventura   20:41:15 | Freitag, 30. September 2005
Zudem ist zu beachten…
das durch den Gebrauch der Landessprache sich viel schneller falsche Formulierungen oder auch echte Irrtümer einschleichen, was wir ja auch vielfach so beobachten.
Da Latein eine „Tote Sprache“ ist, d.h. keinem Entwicklungsbedingten Wandel mehr unterliegt, und zudem sowieso viel Klarer und logischer ist als jede moderne Sprache, ist sie am besten dazu geeignet das unveränderliche Mysterium in den Gebeten der Liturgie auszudrücken.
Da es keine, den Zeitumständen bedingte, Übersetzung zulässt, wird die Gefahr gebannt Sachverhalte zu verdrehen und schützt Kirchenvolk und Priester vor den Glaubenszerstörenden Irrtümern.
(Diese Aussage beziehe ich auf die Orationen und den Kanon der Heiligen Messe, nicht zwingend auf Epistel und Evangelium)
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#6   Benedikt   19:27:57 | Freitag, 30. September 2005
@ Detlef Rose
Nur, dass das Latein entgegen den Vorgaben des Konzils beinahe aus der Kirche verschwunden ist. Fast niemand kann heute noch die Orationen, in den meisten Kirchen ist seit Jahrzehnten keine lateinische Messe mehr gefeiert worden.
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#5   Detlef Rose   18:57:17 | Freitag, 30. September 2005
Latein
Ich bin weder gegen Deutsch noch eine andere Landessprache im Gottesdienst. Martin Luther hat die „Deutsche Messe“ eingeführt und das war gut so – denn die Kirche ist nicht irgendein „Hokuspokus“ (hoc est corpus meus). Neben der Landessprache aber war und ist doch Latein als gewachsene „globale“ Kirchensprache altbewährt. Es sollte ja nun nicht je nach dominierendem Regime englisch, chinesisch oder russisch „kirchliche“ Weltsprache sein. Die sancta ecclesia steht ja doch über den Nationalitäten – ohne diese aufzulösen. DAR
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#4   zwobbel   08:18:13 | Freitag, 30. September 2005
Prüft alles das Gute behaltet
Dieser Artikel ist wieder mal ein guter Denkanstoß für die „Reform der Reform“.
Es darf dabei weder dem jeweils im weltlichen Bereich aktuellen Gesellschaftsmaßstab nachgehechelt werden, noch darf ein verkrusteter Betonkopftraditionnalismus für die hl. Liturgie gelten. Der NOM ist ja nicht nur wegen der Gebete/Texte zu schwach. Er ist es auch, weil er die Meßliturgie aus dem gesunden langsamen Wachstumsprozess herausgerissen hat.
Die „Reform der Reform“ muß also nicht nur für eine Wiedereinsetzung der alten Texte sorgen, sondern muß auch den gesunden Wachstumsprozess, oder sagen wir Reifungsprozess, wieder in Gang bringen.
Die „Reform der Reform“ muß daher alles das was seit den 1960er Jahren einem – weiter mit Begriffen aus der Pflanzenwelt gesprochen – Ausgeilen der Triebe entspricht einkürzen (bei Obstbäumen wären das „Wasserschosser“).
Und die „Reform der Reform“ darf dabei nicht versäumen die letzten 40 Jahre des Reifungsprozesses nachzuholen – wohl wissend, das Durchmesser und Höhe von 2000 jährigen Eichen in 40 Jahren kaum messbar zunehmen.
Die „Reform der Reform“ muß daher in meinen Augen eine doppelte Befreiung der hl. Liturgie des Meßopfers bringen. Die Kirche – Hirten wie Gläubige – müssen „einfach nur“ lernen Maß zu halten. Veränderungen die dem zu ändernden Gegenstand gemäß sind – ja. Modernismus – nein. Auch die Vorschläge eines Lesers, die hier letztens von kreuz.net gekürzt wiedergegeben wurden, schienen mir genau in diese Richtung zu zielen.
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#3   Detlef Rose   23:41:13 | Donnerstag, 29. September 2005
Lesenswert
Hab’s nur überflogen – scheint mir ein lesenswerter Artikel zu sein. Die lutherische Orthodoxie hat ja versucht, manches aus der Sturm- und Drangzeit der Reformation wieder ins Lot zu bringen. Genuin „lutherisch“ ist deshalb gar nicht so verkehrt, wie manche hier meinen. In der Tat ist jedoch mancher „evang.-luth.“ Gottesdienst heute „mit Fug und Recht“ kaum noch als „lutherisch“ zu bezeichnen. Aber genau deshalb tut sich ja sogar das hier als liberal verrufene Rom mit der Ökumene sogar mit Lutheranern schwer.
Schon als Schüler in den 60iger Jahren habe ich es übrigens genossen, beim Auslandsurlaub in der lateinischen Messe (als Lateinschüler) das Wesentliche zu verstehen und aus dem luth. Gottesdienst wiederzuerkennen. Eine Weltkirche, die Latein kann, braucht eben kein Esperanto! DAR www.d.a.rose.ms/
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#2   Athanasius   21:36:57 | Donnerstag, 29. September 2005
Zum Bild
Dieses Photo ist genommen anlässlich des 10. Jährigen Bestehens der Missionsaktivität der Petrusbruderschaft (www.fssp.org) in Polen. Es wurde in einer überfüllten Heiligtumskapelle Unserer Lieben Frau von Tschenstochau (Schwarze Madonna) zu Tschenstochau (Czestochówa) eine Tridentinische hl. Messe (Missa Cantate) zelebriert.
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#1   gunther maria michel   21:09:08 | Donnerstag, 29. September 2005
Warum?
Wenn man sich die Zerstörung des Glaubens und den Abfall der Völker vom katholischen Glauben vor Augen hält, dann fragt man sich: warum?
Ich finde nur eine Antwort: das ist eine Zulassung und Strafe Gottes für die Lauheit der Katholiken, insbesondere des Klerus – schon lange, schon Jahrhunderte vor dem vielgeschmähten 2. Vatikanischen Konzil.
Ganz Europa war christlich, war katholisch. An der großen Apostasie ist allein die Kirche, die Lauheit der Katholiken, selbst schuld.
Statt aber ständig nur mit dem Zeigefinger auf die schlechten anderen zu zeigen – wie bequem ist das doch –, sollten wir in uns gehen und uns selber bekehren!
Gunther.
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