Was, denken Sie, ist das Geheimnis des Rosenkranzes?
In seinem im Jahr 2000 erschienenen Interviewband ‘Gott und die Welt’ befragt der Münchner Publizist Peter Seewald den jetzigen Papst auch über die Bedeutung des Rosenkranzes. Am heutigen Rosenkranzfest die Antwort.
Was, denken Sie, ist das Geheimnis des Rosenkranzes?
Der geschichtliche Ursprung des Rosenkranzes liegt
im Mittelalter. Es ist eine Zeit, in der das normale Gebet die Psalmen sind.
An den biblischen Psalmen
aber können die vielen damals des Lesens unkundigen Menschen nicht teilhaben.
Man sucht deshalb nach
einem Psalter für sie, und findet dabei das Mariengebet mit den Geheimnissen des Lebens Jesu Christi,
aufgereiht wie Perlen an einer Schnur.
Sie berühren einen in einer meditativen Weise, in der das Wiederholen
die Seele in die Ruhe einschwingen läßt und das Sichfesthalten am Wort, vor allen Dingen an der Gestalt
Marias und an den Bildern Christi, die dabei vorüberziehen, die Seele ruhig und frei machen und ihr den
Ausblick auf Gott schenken.
Tatsächlich verbindet der Rosenkranz uns mit diesem Urwissen, daß Wiederholung
zum Beten, zur Meditation gehört, daß das Wiederholen eine Weise des Einschwingens in den Rhythmus der
Ruhe bedeutet.
Es kommt nicht so sehr darauf an, daß ich angestrengt jedes einzelne Wort rational mitverfolge,
sondern im Gegenteil mich von der Ruhe der Wiederholung, des Gleichmäßigen tragen lasse.
Um so mehr,
da dieses Wort ja nicht inhaltslos ist. Es bringt mir große Bilder und Visionen und vor allen Dingen
die Gestalt Marias – und durch sie hindurch dann die Gestalt Jesu – vor die Augen und in die Seele.
Diese
Leute haben hart arbeiten müssen. Sie konnten beim Beten nicht noch große intellektuelle Wege vollbringen.
Sie brauchten umgekehrt ein Gebet, das sie ruhig macht, das sie auch ablenkt, wieder herauszieht aus
ihren Sorgen, und ihnen das Tröstende und Heilende entgegenstellt.
Ich denke, diese Urerfahrung der
Religionsgeschichte, der Wiederholung, des Rhythmus, des gemeinsamen Wortes, des Chores, der mich trägt
und schwingt und der den Raum erfüllt, der mich nicht quält, sondern mich still werden läßt, tröstet
und befreit, diese Urerfahrung ist hier ganz christlich geworden, indem sie in dem marianischen Kontext
und in dem Aufscheinen der Christusgestalt den Menschen ganz einfach beten und doch dabei das Gebetete
innewerden läßt – über das Intellektuelle hinaus im Hineinschwingen der Seele in die Worte.
Haben
Sie eine besondere Art, den Rosenkranz zu beten?
Ich mache ihn ganz einfach, genau so, wie meine Eltern
gebetet haben. Beide haben den Rosenkranz sehr geliebt. Und je älter sie geworden sind, desto mehr.
Je älter man wird, desto weniger kann man große, geistige Anstrengungen vollbringen, desto mehr braucht
man andererseits eine innere Zuflucht und ein Hineinschwingen in das Beten der Kirche überhaupt. Und
so bete ich eben, wie sie es auch getan haben.
Aber wie macht man es? Beten Sie einen Rosenkranz, oder
alle drei an einer Kette?
Nein, drei sind mir zuviel. Da bin ich ein zu unruhiger Geist. Da würde ich
zu sehr abirren. Ich nehme nur einen, und oft auch nur zwei, drei Gesätze von den fünf, weil ich dann
auch eine bestimmte Zwischenzeit einschieben kann, in der ich aus der Arbeit herausgehe und mich wieder
befreien will, still werden will, den Kopf auch wieder rein kriegen will.
Da wäre mir ein ganzer dann
eigentlich zu viel.
Wie lange braucht man, um ein klein wenig von den Geheimnissen des Glaubens, von
der Kunst des Glaubens auch, zu begreifen?
Das ist unterschiedlich. Es gibt religiös begabte Menschen,
die innerlich sehr direkt ansprechen. Es gibt andere, denen es mühsamer ist.
Wichtig ist, daß man sich
nicht abbringen läßt, daß man dabeibleibt. Und dann sieht man schon, daß man langsam hineinwächst.
Natürlich, es gibt bevorzugte Zeiten, und es gibt dürre Zeiten. Es gibt eine Zeit, wo man wirklich
innerlich angerührt wird und anfängt, etwas zu sehen – und dann können wieder Zeiten kommen, wo es
sehr mühsam ist.
Für diesen geistigen Wachstumsprozeß ist wichtig, daß man nicht nur dann betet und
auf den Glauben hinschaut, wenn es einem gerade einfällt und paßt, sondern Disziplin einhält.
Der
Theologe Romano Guardini († 1968) hat das stets sehr stark betont. Der Glaube kann sich verlieren, wenn
ich nur nach Lust und Laune bete.
Glaube braucht auch die Disziplin der dürren Zeiten, dann wächst
im Stillen etwas. Genau so wie im winterlichen Acker dennoch sich das Wachstum verbirgt.
„Im Winter wächst
das Brot“, hat Ida Friederike Görres gesagt.
Und womit soll man beginnen? Mit Fragen?
Ich würde sagen,
nie nur mit Reflexion. Denn wenn man Gott in der Retorte des Denkens zu sich herüberbringen und sich
ihn gewissermaßen rein theoretisch aneignen möchte, dann schafft man es nicht.
Man muß immer das Fragen
mit dem Tun kombinieren.
Der französische Theologe und Philosoph Blaise Pascal (+1662) hat einem ungläubigen
Freund einmal gesagt:
Tu zunächst einmal das, was die Gläubigen tun, selbst wenn es dir noch unsinnig
erscheint.
Da hat jeder seinen eigenen Ansatz, denke ich.
Für viele Menschen – die Geschichte zeigt
es – ist zunächst einmal der Blick auf Maria eine Tür, um hereinzukommen. Für andere ist Christus der
richtige Anfang, das Betrachten der Evangelien.
Ich würde sagen, das Lesen der Evangelien ist immer
ein Weg, um heranzukommen.
Freilich kann es kein rein theoretisches Lesen sein, so wie Historiker es
tun, die den Text auseinander nehmen und herausbringen möchten, welche Quellen darin stecken, sondern
es muß ein Lesen auf Christus sein, in dem man auch immer wieder ins Gebet hinübergeht.
Ich würde
sagen, es ist ein Hin und Her zwischen Schritten – auch wenn es manchmal nur Stolperschritte sind – der
religiösen Praxis und eines suchenden Lesens und Denkens.
Man kann den Glauben nie isoliert, sondern
nur in der Begegnung mit gläubigen Menschen suchen, die einen verstehen können, die vielleicht aus ähnlichen
Situationen kommen, und die mich irgendwie führen und mir helfen können.
Glaube wächst immer im Wir.
Wer es nur alleine machen möchte, hat ihn von daher schon im Ansatz verfälscht.
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4 Lesermeinungen
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Ein Huhn für den Sünder Grüß Gott, Brandenburgis! @ Sünder: Auch ein blindes Huhn findet mal ein
Körnchen. Im übrigen nicht die franziskanischen Souffleure von Medjugorje vergessen, die eingestandener
Maßen auch die „Botschaften“ redigieren! Der Gatte der Evelin
#1 turnschuhfan 20:15:58 | Freitag, 7. Oktober 2005
Mountainbike der Frömmigkeit Durch Altbischof Reinhold Stecher habe ich in Exerzitien wieder gelernt,
den Rosenkranz zu beten. Das Bleiben beim Gebet war für mich viele Jahre nicht einfach. Der Rosenkranz
ist wie ein Mountainbike der Frömmigkeit. Er fordert geduldiges Treten, aber er bringt nach oben. Alles
steuert auf das Wort „Jesus“ zu. In ihm erreicht das Gebet seinen Höhepunkt. Diese kleine Schnur oder
der kleine Zahnradring haben mir in schweren Situationen Halt geboten. Ich habe den Rosenkranz in den
letzten Jahren wieder neu entdeckt.