10:27:15 | Montag, 10. Oktober 2005
„Schließlich wurde ich wegen Ungehorsams entlassen“. Der aus Schlesien stammende Pater Andreas Hönisch ist in Deutschland als Pfadfinderpriester und Ordensgründer bekannt. Interview.
(kreuz.net) Pater Andreas Hönisch – der kürzlich
seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, hat sich den Fragen
von ‘kreuz.net’ gestellt.
Pater Hönisch, welche ist die schönste katholische Erinnerung, die Sie aus
Ihrer schlesischen Heimat mitgebracht haben?Pater Andreas Hönisch SJM: Es ist sehr schwer, unter den
vielen herrlichen Erinnerungen die schönste herauszufinden, weil sie nämlich alle erfreulich waren.
Zum Beispiel: der Beicht- und Kommunionunterricht, den ich als 7jähriger von Kaplänen, die aus Habelschwerdt
zu uns nach Niederlangenau kamen, erhalten habe:
Kaplan Schedewik, Kaplan Hirschfelder, Kaplan Heinze,
um nur ein paar Namen zu nennen, die mir noch in Erinnerung sind.
Dann die Wallfahrten des Dorfes nach
‘Maria Schnee’ auf den ‘Spitzberg’.
Vor allem aber der Ministrantendienst am Ende des Krieges und während
der Besatzungszeit in der öffentlichen Klosterkirche zu Bad Langenau. Maiandachten und die Mitternachtsmesse
zu Weihnachten sind auch unvergessliche Erinnerungen.
Dann vor allem unsere Familie, in der der Glaube
eine Selbstverständlichkeit und Freude war.
Wenn die Hitlerjugend „Dienst“ am Sonntag vormittag angesetzt
hatte, hat mein Vater immer erst auf den Besuch der Sonntagsmesse bestanden.
Er war Lehrer und wußte,
daß er sich durch die religiöse Praxis bei den Nationalsozialisten unbeliebt macht.
Wie erinnern Sie
sich an die Vertreibung und die erste Zeit in Westdeutschland?Pater Andreas Hönisch SJM: Ich habe alles
noch wie heute vor Augen. Es würde zu lange dauern, alles zu erzählen.
Nur zwei Dinge: Meine Eltern
haben unter der Vertreibung sehr gelitten. Mir hat es weniger ausgemacht. Fast könnte man sagen, es war
ein Abenteuer.
Vertreibung im Winter durch Schnee mit einem einzigen Rucksack und zu Fuß bis zum Bahnhof
Mittelsteine; Verladung in Viehwagen mit Stroh und Kanonenofen; Abtransport in Richtung „Unbekannt“ etc.
Westdeutschland war zunächst gleichsam eine kalte Dusche. Schlesien war kulturell österreichisch geprägt –
Westdeutschland preußisch. Aber man gewöhnt sich an vieles…
Was gab für Sie den Ausschlag, Jesuit
zu werden?Pater Andreas Hönisch SJM: Als ich 14 Jahre alt war, wurde mir nach einer Beichte klar, daß
ich Priester werden sollte und wollte. In Bad Godesberg war ich dann auf dem Aloisiuskolleg, welches von
Jesuitenpatres geleitet wurde. Da reifte der Entschluß in mir, selber Jesuit zu werden.
Meine Mitgliedschaft
in der Marianischen Kongregation (MC) am Aloisiuskolleg tat ein übriges. Ich begann, den Jesuitenorden
zu lieben und mich für ihn zu begeistern. Dies ist bis heute so geblieben. Innerlich bin ich ganz und
gar Jesuit.
Ich pflege zu sagen: „Nach Jesus und Maria liebe ich am meisten den Jesuitenorden – auch
nach meiner Entlassung!“
Ihr werdet nie ein böses Wort über den Orden von mir hören. Sollte es in
der Kirche wieder zu normalen katholischen Verhältnissen kommen, ersehne ich nichts sehnlicher als eine
Fusion der SJ und der SJM!
Wie haben sich die Auflösungserscheinungen im Jesuitenorden nach dem Zweiten
Vatikanum zuerst bemerkbar gemacht?Pater Andreas Hönisch SJM: Aufgewachsen bin ich noch in der „alten
Zeit“ des Jesuitenordens. Es war streng und zugleich wohltuend weit und im guten Sinn frei.
Bindung und
Freiheit sind ja keine Gegensätze.
Die schleichenden Änderungen mit ihrem verborgenen Gift habe ich –
wie viele meiner Mitbrüder – zunächst gar nicht bemerkt.
Was da eigentlich geschehen war, habe ich
richtig bewußt erst gegen Ende meiner Kaplanszeit in Gießen – um 1975 – wahrgenommen.
Lockerung der
Disziplin, Zivilkleidung, Freizügigkeit beim Fernsehen, Verkürzung der Stunden des Gebets etc. gingen
Hand in Hand mit gefährlichen Neuerungen in der Theologie.
Mitbrüder wurden – wie auch früher – an
staatliche Universitäten zur Weiterbildung geschickt. Inzwischen aber waren Fächer wie Psychologie,
Germanistik, Soziologie, Biologie nicht mehr wie früher.
So kamen eben gefährliche Gedanken und Irrtümer
in die Ordenshäuser und veränderten die Einstellung vieler Mitbrüder.
Die Würzburger Synode tat ein
Übriges und die Gruppendynamik setzte dann noch die Krone auf den „verarmten König“.
Wie haben Sie
die Zeit der Liturgiereform erlebt?Pater Andreas Hönisch SJM: Auch hier war ich anfänglich sehr unbedarft.
Manche Lockerungen habe ich begrüßt, weil sie mir in der Jungendarbeit – zum Beispiel bei Lagermessen
im Freien – zu Hilfe kamen.
Es dauerte einige Jahre, bis ich begriff, daß mit Änderungen der Gesten
bei der Heiligen Messe auch die Inhalte verändert wurden, die für mich aber als unveränderbar galten.
Und so schaltete ich um und bewegte mich immer mehr zum Altbewährten zurück. Aber ich konnte die Lawine
in der Kirche nicht aufhalten, hoffe aber, daß dies Papst Benedikt XVI. gelingt.
Wann und warum haben
Sie die Jesuiten verlassen?Pater Andreas Hönisch SJM: Ich habe sie nicht verlassen, sondern ich bin
entlassen worden gegen meinen Willen. Ich habe mit Erlaubnis der SJ die KPE mitgegründet. Ein späterer
Provinzial wollte meine Arbeit in der KPE verbieten.
Da wandte ich mich nach Rom. Der damalige Kardinal
Ratzinger und jetzige Papst Bendikt XVI. schrieb mir, es sei nicht zu verantworten, die KPE-Arbeit aufzugeben.
Als ich das dem Orden mitteilte, hat er mich schließlich nach einigem Hin und Her „wegen Ungehorsams“
entlassen.
Welche Periode Ihres Lebens war die glücklichste? Warum?Pater Andreas Hönisch SJM: Da
ich immer glücklich und zufrieden bin, kann ich diese Frage nicht gut beantworten.
Wie sind Sie zum
Ordensgründer geworden?Pater Andreas Hönisch SJM: Aus der Not heraus. Weil die KPE-Gruppen keine Kuraten
hatten, obwohl aus der KPE immer wieder geistliche Berufe hervorgingen und weil den jungen Priestern nicht
erlaubt wurde, Kuratendienste in der KPE zu übernehmen, sah ich mich gezwungen, einen Priesterorden zu
gründen, der seinen Mitgliedern die Jugendarbeit ans Herz legt, neben der normalen anderen Seelsorge
oder den auswärtigen Missionen – wie in Kasachstan oder in Rumänien.
Welche Gründe gibt es, Mitglied
der von Ihnen geführten Ordensgemeinschaft ‘Servi Jesu et Mariae’ zu werden?Pater Andreas Hönisch
SJM: Das hängt von dem ab, der bei der SJM eintreten will.
Wir versuchen, das Ordensleben der Jesuiten
zu leben, wie es bis zur „Wende“ in den 60er Jahren gelebt wurde.
Wir haben in unseren Ordensregeln das
‘Summarium Constitutionum’ der Gesellschaft Jesu als verpflichtendes geistliches Direktorium.
Wer also
im Sinne der „alten Jesuiten“ ein Ordensleben sucht, welches die Seelsorge verschiedenster Art mit einem
tiefen geistlichen Gebetsleben anstrebt, und Priester in solch einer Gemeinschaft werden will, kann zu
uns kommen.
Natürlich spielt sicher auch die Jugendarbeit eine Rolle. Und auch die Einstellung zur Liturgie,
die manchen Jugendlichen bewegt, zu uns zu kommen.
Kennen Sie Papst Benedikt XVI. persönlich?Pater
Andreas Hönisch SJM: Ja.
Wenn Sie drei Tage Papst wären: Welches Dekret würden Sie erlassen?Pater
Andreas Hönisch SJM: Da ich niemals drei Tage Papst sein werde, ist es leicht ein erdachtes Dekret zu
Papier zu bringen.
Unter diesem Vorbehalt will ich es aber wagen, das „Dekret“ hier im Interview stichwortartig
niederzuschreiben: Rücknahme der Königsteiner Erklärung; Verbot der Handkommunion nach einer gewissen
Umgewöhnungszeit und die Erlaubnis für alle katholischen Priester die Heilige Messe in der tridentinischen
Form feiern zu dürfen. Die letzte Bestimmung soll so lange gelten, bis ein Papst die Liturgie unter Rücksichtnahme
der „alten“ neu ordnet.
Welchen Ratschlag würden Sie geben, um die Jugend wieder für Christus und die
Kirche zu gewinnen?Pater Andreas Hönisch SJM: Zurück zur mindestens monatlichen Beichte; zurück zum
würdigen Kommunionempfang; zurück zur eucharistischen Anbetung; zurück zur Pflege des Rosenkranzes.
Die persönliche Weihe an das Heiligste Herz Jesu und an das Unbefleckte Herz Mariens.
Besitzen Sie ein
Lieblingsgebet?Pater Andreas Hönisch SJM: Nein, weil ich soviele Lieblingsgebete habe, daß es mir
schwerfällt, unter ihnen einem exklusiv den Vortritt zu geben.
Pater Hönisch, herzlichen Dank für
das Gespräch.
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