Warum Meßgewänder verabscheut werden, während groteske Hosen auf dem Laufsteg Beifall finden. Gilbert Keith Chesterton († 1936) war ein englischer Konvertit und brillianter Verteidiger des Katholischen Glaubens.
(kreuz.net) Der Vorwurf, daß das Christentum von unmenschlicher Schwarzseherei geprägt sei, irritierte
mich. Aber gleich darauf folgt das Erstaunliche: Im selben Atemzug erklärte man mir auf einmal den übertriebenen
Optimismus des Christentums.
Einerseits wirft man dem Christentum vor, die Menschen mit seinem höllischen
Heulen und Zähneknirschen zu hindern, Freude und Freiheit zu suchen. Anderseits klagt man es an, mit
seiner Rede von der Vorsehung lulle es die Menschen ein und verbanne sie in eine Plüschtierkammer. Kaum
hat der erste Rationalist das Christentum als Albtraum bezeichnet, kommt der zweite und nennt es das Paradies
der Toren.
Das gab mir schon damals zu denken.
Die Vorwürfe vertragen sich nicht miteinander. Die christliche
Religion, so fand ich, kann nicht gleichzeitig eine schwarze Maske vor der weißen Welt und eine weiße
Maske vor der schwarzen Welt sein.
Wenn jemand zugleich zu dick und zu dünn ist, macht er eine sonderbare
Figur. Zum damaligen Zeitpunkt dachte ich nur an die seltsame Figur der christlichen Religion. Ich kam
nicht auf die Idee, daß vielleicht etwas mit der Gestalt des rationalistischen Denkens nicht stimmt.
Ein zweites Beispiel. Der Vorwurf, alles „Christliche“ habe etwas Ängstliches, Schwächliches und Unmännliches
an sich, war für mich ein schlagendes Argument gegen das Christentum. Dies drücke sich besonders in
der christlichen Einstellung zum ‘Sich-Wehren’ und ‘Kämpfen’ aus. Das Evangelium mit seinem Paradox von
der anderen Wange, die Tatsache, daß Geistliche nie mit der Waffe kämpfen: dies und vieles andere stützte
in mir den Vorwurf, das Christentum versuche, Männern das Aussehen von Lämmern zu geben.
Aber plötzlich
las ich etwas ganz anderes. Ich erfuhr, ich müsse das Christentum hassen, nicht weil es zu wenig, sondern
weil es zu viel kämpfe. Die christliche Religion, so die ‘neue’ Erkenntnis, sei die Mutter aller Kriege.
Sie habe die Welt mit Blut überschwemmt. Dieselben, die dem Christentum vorwarfen, daß seine Klöster
auf Gewalt und Widerstand verzichten, hielten ihm zugleich vor, daß seine Kreuzzüge Gewalttätigkeit
und Heldenmut forderten.
Das arme Christentum war gleichermaßen der Sündenbock dafür, daß Eduard
der Bekenner nicht gekämpft und daß Richard Löwenherz zum Schwert gegriffen hat. Was mochte das für
ein Christentum sein, das unaufhörlich Kriege verbietet und unablässig Kriege hervorbringt?
Täglich
vernahm ich den Vorwurf, das Christentum habe nur ein einziges Volk unter allen Völkern erleuchtet und
lasse die übrigen unwissend dahinsterben. Aber zugleich hörte ich die selben Leute prahlerisch verkünden,
Wissenschaft und Fortschritt gebe es nur bei einem einzigen unter den Völkern – dem Ihren – während
die übrigen unwissend am Hinsterben seien. Der Hauptvorwurf, mit dem diese Leute das Christentum konfrontierten,
war zugleich das Hauptkompliment, das sie auf ihre Fahnen schrieben. Die Gewichtung der beiden Seiten
fiel merkwürdig ungerecht aus.
Ich begann aufzuhorchen.
Es schien, als sei das Christentum nicht nur
schlecht genug, um alle erdenklichen Laster zu gebären, sondern jeder Stock auch gut genug, um damit
auf das Christentum loszuprügeln.
Kann es eine solche Ansammlung wahnwitziger Widersprüche tatsächlich
geben? Etwas, das gleichzeitig kindlich-rückschrittlich und blutrünstig ist, prachtstrotzend und dürftig,
karg und doch übertrieben und dem Auge schmeichelnd, Feind der Frauen und zugleich deren lächerliche
Zuflucht, ernsthaft pessimistisch und zugleich einfältig optimistisch?
Gäbe es so etwas Entsetzliches,
dann wäre es etwas überaus Schlimmes. Die einzige Erklärung, die mir darum sofort einfiel, war die
folgende: Das Christentum kommt nicht vom Himmel, sondern aus der Hölle. Wenn Jesus von Nazareth nicht
Christus war, muß er der Antichrist gewesen sein.
Doch dann erhellte mich in stiller Stunde einem lautlosen
Blitzschlag gleich ein seltsamer Gedanke.
Mit einem Mal ging mir eine ganz andere Erklärung durch den
Kopf.
Angenommen, viele Leute erzählen uns von einem unbekannten Mann. Wir hören mit einiger Verwunderung,
wie die einen sagen, er sei zu groß, und die anderen, er sei zu klein, wie die einen ihm seinen zu dicken
Körper, die anderen seinen zu dünnen Körper vorwerfen, wie die einen ihn für zu dunkelhaarig, die
anderen für zu blond halten. Wir könnten das damit erklären, daß der unbekannte Mann vielleicht eine
seltsame Gestalt besitzt. Aber es gibt noch eine andere Erklärung: Er könnte genau die richtige Figur
haben.
Übergroße Männer mögen ihn als zu klein empfinden. Besonders kleine Männer werden ihn als
Riesen bezeichnen. Ein alter Stutzer, der langsam Fett ansetzt, mag meinen, er habe zu wenig auf den Knochen.
Ein alter Greis, der allmählich hager wird, mag sagen, er sei schon über die engen Grenzen der Eleganz
hinausgewachsen. Vielleicht würden Skandinavier mit ihrem strohblonden Haar ihn dunkelhaarig nennen,
während Neger ihn eindeutig als blond bezeichnen würden.
Kurzum: Vielleicht ist das Außergewöhnliche
im Grunde das Gewöhnliche oder zumindestens das Normale, die Mitte.
Vielleicht ist das Christentum bei
Verstand, während seine Kritiker den Verstand – jeder auf seine Weise – verloren haben.
Diese Idee prüfte
ich mit der Arbeitsfrage, ob vielleicht die Ankläger etwas Krankhaftes an sich hätten, das die Anklage
erklären würde.
Mit Verblüffung stellte ich fest, daß der Erklärungsschlüssel ins Schloß paßt.
Es ist merkwürdig, daß die Moderne dem Christentum sowohl leibliche Genügsamkeit als auch künstlerisches
Gehabe vorhält. Ebenso merkwürdig und – zwar äußerst merkwürdig – ist aber, daß dieselbe Moderne
ihrerseits extreme leibliche Ausschweifung mit größtem Mangel an künstlerischem Gepräge vereint. Für
den Menschen der Moderne sind Thomas Beckets Kleider zu luxuriös und seine Speisen zu dürftig. Aber
der moderne Mensch ist eine historische Ausnahme: niemals vorher hat jemand so erlesene Mahlzeiten in
so häßlichen Kleidern zu sich genommen.
Für den modernen Denker ist die Kirche dort zu einfach, wo
das moderne Leben zu kompliziert ist – und dort zu prachtvoll, wo das moderne Leben zu schäbig ist. Er
mag weder schlichtes Fasten noch einfache Festmähler und ist gleichzeitig verrückt nach Vorspeisen.
Er mag keine Meßgewänder und trägt groteske Hosen. Wenn hier etwas irrwitzig ist, dann mit Sicherheit
die Hosen, nicht der schlicht herabfallende Ornat.
Wenn etwas irrwitzig ist, dann die üppigen Vorspeisen,
nicht Brot und Wein.
Email-Adressen der Empfänger
1 Lesermeinung
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Aus der kirchlichen Hülle und Fülle Die Darstellungen in der Buchbesprechung von kreuz.net über die
An- und Einsichten von Chesterton dürften aktueller sein denn je. Freundliche Grüße Wolfgang Bastian
Orthodoxe Katholische Glaubensgemeinschaft Bregana/Kroatien Rheinstraße 35 D – 36341 Lauterbach