Orden
‘Aus’ für eine junge religiöse Gemeinschaft
Schneller Aufstieg – tiefer Fall. Die Geschichte der in den USA gegründeten „Gesellschaft des hl. Johannes“.
(kreuz.net, Scranton USA) Am 25. November löste der erst letztes Jahr eingesetzte neue Diözesanbischof von Scranton USA, Joseph Martino (58), die „Gesellschaft des hl. Johannes“ (Society of St. John) auf. Die „Gesellschaft des hl. Johannes“ steht in keinem Zusammenhang mit den in Frankreich gegründeten „Johannesbrüdern“.

Bei der „Gesellschaft des hl. Johannes“ handelte es sich um eine klerikale Vereinigung von Priestern und Novizen in der Diözese Scranton im Nordosten der USA. Die Gesellschaft wurde im Mai 1998 vom damaligen Bischof, James Timlin, errichtet und pflegte die alte Liturgie des überlieferten römischen Ritus.

Die Gründungsmitglieder, vier Priester und einige Seminaristen, stammten alle aus dem US-amerikanischen Priesterseminar der von Erzbischof Marcel Lefèbvre gegründeten Priesterbruderschaft des hl. Pius X. Sie waren entlassen worden, weil sie dort bereits im geheimen die Gründung einer neuen klerikalen Vereinigung planten.

Der damalige Bischof von Scranton, James Timlin, nahm die Gruppe auf, inkardinierte die Priester in der Diözese und erlaubte ihnen, eine Neugründung in die Wege zu leiten.

Die „Gesellschaft des hl. Johannes“ erlebte zunächst einen kometenhaften Aufstieg. Aufgrund einer sehr professionell durchgeführten Öffentlichkeitsarbeit, flossen die Spendengelder reichlich. Häuser wurden erworben und die Gründung eines Gymnasiums in die Wege geleitet. Auf einem großen Grundstück sollte eine katholische Stadt gebaut werden. Ziel der jungen religiösen Gemeinschaft war es, eine „neue Generation von Priestern“ heranzubilden, die sich um eine „katholische Restauration“ bemühen wollte. Dazu machte man sich an die Gründung von Schulen, Universitäten und katholischen Dörfer, wo ein ganzheitliches katholisches Leben ermöglicht werden sollte.

Der jähe Einbruch kam, als die beiden leitenden Mitglieder der Gemeinschaft, P. Carlos Urrutigoity und der Kanzler der Gemeinschaft, P. Eric Ensey, schon nach kurzer Zeit angeklagt wurden, sich homosexuell an Novizen und halbwüchsigen Minderjährigen vergangen zu haben. P. Ensey soll die Gemeinschaft inzwischen verlassen haben. P. Urrutigoity wurde vom Bischof suspendiert.

Einige dieser Anklagen werden in den nächsten Monaten vor amerikanischen Gerichten verhandelt.

Die Gemeinschaft soll einen Schuldenberg von vier Millionen Dollar hinterlassen. Vor Gericht wird außerdem im Zusammenhang mit den angeklagten Unzuchtsfällen eine Schadenersatzsumme von einer Million Dollar verhandelt.

Gegenwärtig befinden sich die Priester der aufgelösten Gemeinschaft in Rom, um gegen den Entscheid des Diözesanbischofs zu appellieren.
      
4 Lesermeinungen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Kommentar schreiben
#4   Dolfus   11:29:30 | Dienstag, 30. November 2004
Ordensgründer war aus Pius X wegen diesen Gründen geflogen
Ich habe mich jetzt näher über den Fall der Saint John Society informiert und einen höchst brissanten Artikel gefunden unter www.sspx-schism.com/SSJ-Chapman1.htm
Tenor ist, daß der Ordensgründer wegen derartigen Auffälligkeiten bereits 2x aus Pius X-Seminaren entfernt wurde, und der zuständige Bischof über die Anklagen auch von anderer Seite schon informiert wurde.
Redaktion benachrichtigen
#3   Dolfus   11:11:59 | Dienstag, 30. November 2004
Im Westen nichts Neues
Man darf nicht vergessen, daß derartige Vorfälle in den USA bereits seit einigen Jahren ein Dauerthema sind. Seit dem Umbruch in 1960ern/70ern im priesterlichen Leben, in der Priesterausbildung ist es zu vielem gekommen, daß die Hierarchie unter den Tisch gekehrt hat, dafür war die mediale Explosion vor einigen Jahren um so gewaltiger.
Genau das macht natürlich auch stutzig, wieso derartiges von Neuem geschieht, sei es in Österreich oder jetzt dort in den USA. Entweder sind die Verantwortlichen in diesem Fall einfach zu dumm, um kapiert zu haben, was in der kirchlichen Welt um sie herum erst für Dauerschlagzeilen gesorgt hat, oder aber – man versucht durch Anschuldigungen eine unliebsame Gruppe von Ruhestörern zu vernichten.
Ohne die Details zu wissen, könnte aber – wie in Österreich – beides zutreffen.
Während in konziliaren Establishment-Orden derartiges erfolgreich vertuscht wird, freut man sich, daß man hier die Feinde jetzt am Krawattl hat.
Meines Erachtens sind derartige Fälle nicht primär eine Frage der spirituellen Ausrichtung eines Ordens, sondern eine Frage der internen Disziplin und Führung. In verwahrlosten Klöstern des Mittelalters waren solche Vorkommnisse sprichwörtlich geworden. Deswegen auch die Einführung strenger Disziplin durch Reformordensheilige wie Theresia von Àvila und Johannes vom Kreuz.
„Müßiggang ist aller Laster Anfang“, verbunden mit der Meinung, jeden dahergelaufenen aufzunehmen, die es sich ohne Diszilinierung gutgehen lassen.
Die strengen Ordensregel haben einen mehrfachen Sinn, sie sorgen auch dafür, daß nur Berufene in der Gemeinschaft verbleiben.
Redaktion benachrichtigen
#2   Pelagius   09:08:29 | Dienstag, 30. November 2004
Pelagius meint:
Gewiß erschütternd. Aber vielleicht auch voraussehbar. Riecht nicht gut, wenn sich alles um Stil – liturgischen Stil, klerikalen Lebensstil usw. – zu drehen scheint. Wir bekennen die „Una, sancta, catholica et apostolica Ecclesia“, nicht die „liturgica et clericalis Ecclesia“.
Redaktion benachrichtigen
#1   Catholicus   08:51:12 | Dienstag, 30. November 2004
Erschütternd
Man kann nur beten, dass sich diese schlimmen Vorwürfe letztlich doch als haltlos erweisen. Andererseits muss der Wahrheit in jedem Fall die Ehre gegeben werden und darf nichts unterdrückt werden. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Die Kirche wird dennoch fortbestehen!
Redaktion benachrichtigen
Es wurden 2 Lesermeinungen von der Redaktion entfernt
RSS Feed  •  News Ticker  •  Kontakt  •  Impressum
© CC-BY-NC-SA 2012 kreuz.net