Benedikt XVI.
Päpstliche Kindheitserinnerungen
In seinem 1996 veröffentlichten Buchinterview „Salz der Erde“ erzählt Papst Benedikt XVI., daß er nur vier Stunden nach der Geburt getauft wurde. Es war ein stürmischer Karsamstag morgen und das Osterwasser war soeben geweiht. Das Gespräch führte der Münchner Publizist Peter Seewald.
Sie sind am 16. April 1927 in Marktl am Inn in Oberbayern geboren. Es war an einem Karsamstag. Paßt das zu Ihnen?

Ja, ich finde es eigentlich schon gut so, am Vorabend von Ostern, schon gleichsam auf Ostern zugehend, aber noch nicht da, es ist noch verhüllt. Ich finde das einen sehr guten Tag, der irgendwie mein Geschichtsbild und meine eigene Situation andeutet: an der Tür von Ostern, allerdings noch nicht eingetreten.

Ihre Eltern hießen Maria und Joseph. Schon vier Stunden nach Ihrer Geburt, um 8:30 Uhr morgens, wurden Sie getauft. Es soll ein stürmischer Tag gewesen sein.

Ich weiß das natürlich nicht mehr. Meine Geschwister haben mir erzählt, daß es viel Schnee gab, daß es sehr kalt war, obwohl es der 16. April war. Aber in Bayern ist das nichts Besonderes.

Immerhin ist es ungewöhnlich, schon vier Stunden nach der Geburt getauft zu werden.

Das schon. Aber das hing damit zusammen – und das ist allerdings schon etwas, was mich freut –’ daß es Karsamstag war.

Damals gab es noch nicht die Feier der Osternacht, die Auferstehung wurde also am Vormittag gefeiert, mit der Weihe des Wassers, das dann das ganze Jahr hindurch als Taufwasser dient.

Und weil folglich die Taufliturgie in der Kirche stattfand, haben die Eltern gesagt: „Jetzt is er scho do, der Bua“, dann wird er natürlich in dieser liturgischen Stunde, die ja die eigentliche Taufstunde der Kirche ist, auch getauft.

Und dieses Zusammentreffen, daß ich gerade geboren wurde, als die Kirche ihr Taufwasser bereitete, und daher, frisch mit dem ersten Wasser, der erste Täufling des neuen Wassers war, das sagt mir schon etwas. Weil mich das eben besonders in den österlichen Zusammenhang hineinstellt und Geburt und Taufe auch in einer beziehungsreichen Weise miteinander verbindet.

Sie sind auf dem Land groß geworden als jüngstes von drei Geschwistern. Ihr Vater war Gendarm, die Familie eher arm als wohlhabend. Ihre Mutter, erzählten Sie einmal, habe sogar Seife selbst gemacht.

Meine Eltern hatten spät geheiratet, und ein bayerischer Gendarm im Rang meines Vaters, als ein einfacher Kommissär, war bescheiden bezahlt.

Wir waren nicht arm im strengen Sinn des Wortes, weil das monatliche Gehalt garantiert war, aber wir mußten doch sehr sparsam und einfach leben, wofür ich sehr dankbar bin. Denn gerade dadurch entstehen Freuden, die man im Reichtum nicht haben kann.

Ich denke oft zurück, wie schön es war, wie wir uns über die kleinsten Dinge freuen konnten und wie man füreinander auch etwas zu tun versucht hat. Wie gerade auch durch diese sehr bescheidene, finanziell auch angespannte Situation eine innere Solidarität entstanden ist, die uns tief aneinander gebunden hat.

Damit wir alle drei studieren konnten, mußten die Eltern natürlich ungeheure Verzichte auf sich nehmen.

Wir haben das auch gespürt und versucht, darauf zu antworten. Insofern ist gerade durch dieses Klima einer großen Einfachheit auch viel Freude gewachsen und eben auch Liebe zueinander.

Wir spürten, was uns gegeben wird und wie viel die Eltern auf sich nehmen.

Das mit dem Seifemachen hat eine besondere Bewandtnis. Das ging nicht auf Armut zurück, sondern auf die Situation, daß man im Krieg Waren, die nicht ausreichend vorhanden waren, sich irgendwie beschaffen mußte.

Unsere Mutter war von Beruf Köchin und eine Alleskönnerin, die auch solche Rezepte auswendig beherrschte.

Sie hat es mit ihrer großen Fantasie und ihrem praktischen Geschick verstanden, gerade als der Hunger im Lande stand, aus einfachsten und spärlichen Mitteln immer noch ein gutes Essen herbeizuzaubern.

Die Mutter war sehr warmherzig und innerlich sehr stark, der Vater war eher rational und willentlich betont, von reflektierender Glaubensüberzeugung, er hat alles früh klar gewußt und hat immer ein erstaunlich treffendes Urteil gehabt.

Als der Hitler an die Macht kam, sagte er: Jetzt kommt der Krieg, jetzt brauchen wir ein Haus!

Wie sah es bei Ihnen zu Hause aus? Wie wohnten Sie, wie lebten Sie?

Zunächst einmal war mit dem Gendarmsein meines Vaters ein ziemlicher Wanderweg verbunden. Ich selbst habe an meinen Geburtsort Marktl keine Erinnerung mehr.

Wir sind weggegangen, als ich zwei Jahre alt war.

Wir waren dann in Tittmoning, da war die Gendarmerie am Stadtplatz in einem ehemaligen Propsteihaus untergebracht. Das Haus war zwar sehr schön, aber es war doch ein höchst unbequemes Wohnen.

Der ehemalige Kapitelsaal war unser Schlafzimmer, die anderen Zimmer waren wiederum sehr klein. Platz hatten wir ausreichend. Aber wir haben natürlich auch gemerkt, daß es ein altes, verfallenes Haus war.

Für die Mutter war das ganz schrecklich. Sie mußte immer zwei große Treppen hinauf das Holz und die Kohlen schleppen.

Später, in Aschau, wohnten wir in einer ganz hübschen Villa, die sich ein Bauer da gebaut und an die Gendarmerie vermietet hatte.

Verglichen mit heutigem Wohnkomfort war das natürlich auch alles sehr einfach. Ein Bad hat es nicht gegeben. Aber es gab immerhin fließendes Wasser.

Mit Blick auf seine Pensionierung hat mein Vater ein altes, ebenfalls sehr einfaches Bauernhaus in Hufschlag bei Traunstein gekauft.

Statt Wasser aus der Leitung gab es hier einen Brunnen, was hochromantisch gewesen ist.

Auf der einen Seite des Hauses stand ein Eichenwald mit Buchen durchmischt, auf der anderen Seite waren die Berge, und wenn wir morgens die Augen aufgemacht haben, konnten wir als Erstes die Berge sehen.

Nach vorne wiederum hatten wir Apfelbäume, Zwetschgenbäume und viele Blumen, die meine Mutter im Garten gezogen hat. Es war ein schönes, großes Grundstück – von der Lage her himmlisch.

Und in den alten Scheunen konnte man die herrlichsten Träume erleben und wunderbar spielen.

Es war eine unerforschte und eigentlich ganz unerforschbare Welt, so vielfältig war das. Eine alte Weberkammer ist da gewesen, weil die Vorbesitzer offenbar Weber gewesen waren.

Die Zimmer selber waren von größter Einfachheit, und das Haus – ich glaube, es war 1716 gebaut worden – war insgesamt sehr reparaturanfällig, also es hat reingeregnet und so.

Aber es war einfach schön, es war ein Kindheitstraum. Da haben wir uns ohne Komfort richtig glücklich gefühlt.

Für den Vater, der die nötigen Reparaturen bezahlen mußte, für die Mutter, die das Wasser aus dem Brunnen getragen hat, war es vielleicht weniger lustig.

Aber wir haben es als richtiges Paradies erlebt. Wir hatten eine knappe halbe Stunde zur Stadt zu gehen. Aber auch das war schön, daß man auf diese Art und Weise unterwegs war.

So haben wir den Mangel an modernem Wohnkomfort überhaupt nicht empfunden, sondern das Abenteuerliche, Freie und Schöne eines alten Hauses mit seiner inneren Wärme erlebt.
      
2 Lesermeinungen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Kommentar schreiben
#2   Christin   23:35:11 | Montag, 14. November 2005
Frühe Taufe:Schon früh berufen…
Früh auf die Welt gekommen,u.aus einer frühreifen,unabhängigen Persönlichkeit mit viel Begabung,Fleiß u.Strebsamkeit u.Gehorsam,Selbstdisiplin soviel Talente dazugewonnen,dass wir alle das als einfach nur neidlos als „vorbildlich“ einstufen können.
Ein einfaches Leben in einem ganz einfachen Elternhaus bringt so einen vorbildlichen Sohn hervor.
Ein Lob der Einfachheit,des Fleißes,der Strebsamkeit,der Treue,der Selbstdisziplin ,des Gehosames,sich nie als was Besonderes einzuschätzen.
Das sind heilige Tugenden!Wer die einfach treu pflegt,wie Joseph Ratzinger es immer getan hat u. immer noch tut,bekommt das ganz besondere Amt des Hl. Vaters dazugeschenkt.
Das muß einfach einmal „der Wahrheit verpflichtend“gesagt werden.
Es kommt vielleicht doch nicht drauf an als besonders „heilig“ zu gelten sondern dass man
„ein Mensch“ bleibt mit allem was so dazugehört zum Menschsein.Das man keine Marionette sein muß wenn man „gescheit“ ist,sondern er gehört besonders gewürdigt mit allem was ihn als Person ausmacht.Das hat unser Papst Johannes Paul II.auch erkannt,u.besonders geschätzt und ihm mit diesem Erbe gedankt dafür,denn er war sicher ihm auf seinen Wegen immer eine gute Hilfe u. ein guter u. treuer Wegbegleiter.
Die Taufe war nur der Anfang…zu einem geraden Weg zu sich selber.
Bei ihm war die „TAUFE“+„Firmung“ in einem!
Redaktion benachrichtigen
#1   Konrad   21:43:30 | Montag, 14. November 2005
Sehr schön und erbaulich
dass Sie dies alles wiedergeben über die Kindheit unsers Hl. Vaters. Möge er das echte Charisma des Kritikers der liberalen und den Glauben zersetzenden Exegese Klaus Berger zu dessen 65. Geburtstag am 25. November vielleicht anerkennen und dem von seinen Bamberger und Münchener Mitbrüdern verratenen Regensburger Bischof Müller beistehen als der, der berufen ist „seine Brüder zu stärken“!
Redaktion benachrichtigen
Weiterlesen:
Benedikt XVI.Joseph Kardinal Ratzinger doktoriert in Klausenburg Benedikt XVI.Was, denken Sie, ist das Geheimnis des Rosenkranzes? Benedikt XVI.Ich weiß nicht, was sich die ‘Drewermänner’ und ‘Küngs’ dabei denken Benedikt XVI.Ein Herzschrittmacher für Mons. Ratzinger Benedikt XVI.„Jeder Papst ist ein Übergangspapst“ Benedikt XVI.Die Kirche von morgen Benedikt XVI.„Gell, Sie sind der Bruder vom Herrn Ratzinger?“ Benedikt XVI.Leicht verbittert Benedikt XVI.Golf mit Gold aufgewogen Benedikt XVI.Ratzinger auf Chinesisch Benedikt XVI.Rahner zwischen Sein und Wollen Benedikt XVI.Ein Papst zum Anbeißen Benedikt XVI.Vom „deutschen Rom“ zum Rom am Tiber Benedikt XVI.Bayern im Freudentaumel Benedikt XVI.Als Kind fast in einem Teich ertrunken
RSS Feed  •  News Ticker  •  Kontakt  •  Impressum
© CC-BY-NC-SA 2012 kreuz.net