Kirchenmusik
Niedergang und Wiedergeburt der Musica sacra
Ein Gespräch mit dem Organisten und Konvertiten Richard Morris, Atlanta/Georgia.
(kreuz.net/SISA, Atlanta USA) Richard Morris zählt zu den bekanntesten Organisten der Welt. Sein Debut gab er im Alter von zwölf Jahren. In seiner langen Karriere hat er bisher vierzehn Aufnahmen eingespielt und in vielen der wichtigsten Konzertsäle Amerikas gastiert, einschließlich der Carnegie-Hall und des Lincoln-Center. Er arbeitet weitgehend konzertant und ist Organist an der Spivey-Hall in Atlanta. Morris hat auch lebenslang für den rechtmäßigen Platz der Musica sacra in der christlichen Liturgie gekämpft, zunächst in der anglikanischen Gemeinschaft und dann – nach seiner Konversion zum Katholizismus im Jahr 1971 – als katholischer Chorleiter. Er leitet nun die Schola an der traditionellen, der lateinischen Liturgie verpflichteten katholischen Pfarrei St. Francis de Sales in Atlanta/Georgia, eine der am schnellsten wachsenden Indult-Gemeinschaften in den USA, wo der gregorianische Gesang lebt und jede Woche im Hochamt aufblüht.

Frage: Was denken Sie über die heute in den meisten katholischen Gemeinden gepflegte Kirchenmusik?

Morris: Es ist nichts Heiliges an ihr. Die Melodien, die Rhythmen und die Botschaft sind hauptsächlich gekennzeichnet von einer säkularisierten Kultur. Wenn die Kirchenmusik nicht ästhetisch ist und im Gegensatz zum Glaubensgut steht, ist sie zu vergessen.

Ironischerweise leben wir in einer Zeit, in der die authentische Musica sacra wiedererwacht ist. Wir hören sie in Konzertsälen, auf unseren CD-Playern zu Hause, in unseren Autos, im Film und im Fernsehen, in Einkaufszentren und auch in protestantischen Kirchen. Es sind noch nie so viele Aufnahmen der großen Messen und Motetten im Umlauf gewesen. CD-Geschäfte haben ganze Abteilungen mit diesen Gesängen.

Gruppierungen wie „Anonymous Four“, „Tallis Scholars“ und der Monteverdi-Choir führen katholische Kirchenmusik vor ausverkauften Sälen vor, wo immer sie sind. Gerade hörte ich einen jungen Chor aus Georgia, der aus einer Schar von Methodisten-, Baptisten- und Presbyteraner-Jugendlichen bestand. Sie kamen zu einem weltlichen Konzert unter der Leitung eines weltberühmten Dirigenten zusammen. Und was taten sie? Sie sangen eine Haydn-Messe, Mozarts „Salve Regina“ und Motetten, ein katholisches Programm! Katholische liturgische Musik gibt es nur in der katholischen Kirche selbst.

Aber die katholische Kirche scheint blind zu sein für diese Kraft. Das ist eine der größten Veränderungen der nachkonziliaren Zeit. Wir haben diesen heiligen Schatz preisgegeben und ihn durch Quatsch ersetzt.

Frage: Halten Sie es für ein Sakrileg, daß katholische Schätze so säkularisiert verschleudert werden?

Morris: Es stört mich, wenn ich es in kommerzieller Weise im Auto oder an ähnlichen Stellen höre. Aber so ist es immer noch besser als zu sehen, wie die Musica sacra in der Kirche auf den Abfallhaufen geworfen wird. Die Renaissance der Musica sacra in der säkularen Welt trat in den letzten 30 Jahren auf, genau in der Zeit, in der die katholische Liturgie selbst zerstört wurde.

Ihre weltliche Wiederbelebung ist vielleicht Gottes Weise, sie trotz der gegenwärtigen liturgischen Tendenzen zu bewahren. Ich sehe keinen Grund, warum die katholische Kirche nicht die Rechte dieser Musik im Kontext eines völlig wiederhergestellten römischen Ritus zurückfordern sollte.

Frage: Die übliche Ansicht ist, daß Katholiken nicht singen können.

Morris: Die Wahrheit ist, daß es keine große abendländische Musik und kein annehmbares Chor-Repertoire gäbe ohne den katholischen Glauben. Zweitausend Jahre hat die Kirche die Entwicklung der Musik gefördert und sorgfältig Gesetze erlassen, um künstlerisches Talent und ästhetische Schönheit mit den Forderungen des Glaubens in Einklang zu bringen. So sollte diese Aussage umgekehrt werden: Katholiken haben der Welt gelehrt, welche Musik erklingen soll und, noch wichtiger, was sie ausdrückt.

Und dann fiel in den sechziger Jahren alles zusammen. Nicht einmal katholische Pfarreien wünschen heute Talente. Aber kein seriöser Sänger oder Organist wird das heute übliche Musikprogramm mittragen, zumindest wenn er seine Selbstachtung behalten möchte. Der Pfarrer einer Gemeinde hat gewöhnlich keine Ausbildung im Gesang oder in der Musik, und er bestimmt über die Musik, ohne zu fragen, ob die Person, die heute im Gottesdienst musizieren will, alles über katholische Musik weiß; es ist so, daß er kein musikalisches Fachwissen mehr verlangt.

Der demokratische Fußvolk-Charakter der Neuen Messe selbst scheint die Dilettanten einzuladen, die Gesänge dieser Zeit zu besorgen. Und das verweist auf das größere Problem, über das niemand sprechen möchte: die Wiederherstellung des römischen Ritus ist eine Vorbedingung für eine langfristige Lösung des Problems.

Frage: Was ist von der Forderung zu halten, daß es nötig sei, das Volk an der liturgischen Musik teilnehmen zu lassen?

Morris: Vor 40 Jahren wurde den Katholiken eingehämmert: singt, singt, singt! Doch sind Kirchenlieder protestantischer Richtung kein Teil der historischen katholischen Entfaltung, ausgenommen in außerliturgischen Andachten wie Novenen etc. Dieser Widerspruch ist ein Hauptgrund, warum katholische Musik heute in einem solchen Zustand ist.

Dennoch: überall wo ernsthafte katholische Musik in der Messe verwendet wird, kommen die Leute, die sie lieben. An St. Francis de Sales singen die Gläubigen zuverlässig das „Asperges“, das „Gloria“, das „Credo“ und die Akklamationen sehr laut und mit großer Begeisterung. An diesen Stellen ist die Schola nicht notwendig. Gleichzeitig sehe ich nicht, daß es in den meisten Novus Ordo-Pfarreien viel aktiven Gesang gibt. Wenn diese albernen Gesänge losgehen, sind viele Leute konsequenterweise verwirrt. Wo ist dann dort eine Teilnahme?

Tatsächlich habe ich immer vermutet, daß diese Forderung nach aktiver Teilnahme oberflächlich ist. Die berechtigte Angst vieler Pfarrer führt deshalb zu nichts anderem als Mittelmäßigkeit; sie möchten nicht als Snobs bezeichnet werden, und sie haben keinen Sinn dafür, daß die Liturgie des heiligen Opfers eine besondere Musik erfordert. Teilnahme des Volkes wird leicht mit lateinischen Gesängen erreicht.

Die „Jubilate Deo“- Sammlung von Paul VI. aus dem Jahr 1974 mit solch einfachen Gesängen ist diesbezüglich ein wahres Schnäppchen. Jeder hat diese Gesänge schnell bei der Hand. Es gibt also keine Entschuldigung dafür, diese Gesänge nicht zu bewahren und sie nicht überall zu einem aktiven Teil der katholischen Liturgie zu machen.

Frage: Aber es scheint in der traditionellen Messe viel einfacher zu sein.

Morris: Unendlich einfacher. Sie verrennen sich in Probleme, wenn Sie versuchen, eine komplette traditionelle polyphone Messe im Novus Ordo zu verwenden. Zum Beispiel fordern die „Allgemeinen Einführungen zum Römischen Messbuch“ die Leute auf, das „Sanctus“ zu singen, das dort irrtümlich als Akklamation statt als Hymnus definiert wird. Die Akklamation schließt effektiv die Verwendung eines polyphonen Satzes aus. Dies betrifft ein Fünftel der in den letzten tausend Jahren komponierten großen liturgischen Musik.

Wenn Sie die Richtlinien umgehen und einen polyphonen „Sanctus“-Satz verwenden, warten die Leute lange darauf, bis es beendet ist. Und zwar deshalb, weil auch der Priester warten muß, denn er ist aufgefordert, den Canon laut zu sprechen. Die Messe gerät so aus ihrem Gleichgewicht.

Ähnlich verhält es sich mit dem „Agnus Dei“. Die „Allgemeinen Einführungen“ sagen, daß es von der ganzen Versammlung gesungen oder gesprochen werden soll. Der einzige Teil, der so laut der „Allgemeinen Einführungen“ noch polyphon gesungen werden kann, ist das „Gloria“. Drei Fünftel der großen liturgischen Musik werden damit eliminiert.

Stille Gebete, besonders der Canon, scheinen zunächst nichts mit Musik zu tun zu haben, sind jedoch ein sehr wichtiges Element der ästhetischen und traditionellen Struktur der Messe. Ihr Fallenlassen verursachte alle Arten unvorhergesehener Probleme, die gegen gute Musik gerichtet sind.

Dasselbe trifft auch auf das „Mysterium Fidei“ zu, das in der neuen Messe aus den Konsekrationsworten herausgerissen wurde, um es danach anzuführen. Es gibt keine Musik, die dafür geschrieben wurde, weil es in der christlichen Liturgie vorher nie so verwendet wurde. Es wurden also einige Rufe geschrieben, um die Gebete zu unterbrechen, die eigentlich das Geheimnis erwägen, welches gerade eben begangen wurde. Es gibt nichts Dümmeres als für sieben Sekunden einen Gesang zu erheben, um dann wieder in Stille zu verfallen. Die meisten Pfarreien wissen gar nicht, daß dieser Gedächtnisruf eigentlich aus der Antiphon „Crucem tuam“ des Karfreitags heraus gebildet wurde.

Es ist dasselbe mit den „Amen“-Elaboraten am Ende des Canons im Novus Ordo. Sie nennen sie die großen „Amen“. Im Gegensatz zu was? Ich nehme an, die anderen „Amen“ sind also unwichtig. Im traditionellen Ritus ist das „Amen“ kurz und bündig. All diese Neuschöpfungen aber behindern gerade die Möglichkeit, den neuen Ritus mit traditioneller liturgischer Musik zu verbinden.

Frage: Und doch nennt das Konzilsdokument über die Liturgie die traditionelle Musik „einen Reichtum von unschätzbarem Wert, größer als jede andere Kunst“.

Morris: Ja, aber die Konzilsdokumente sind so unglaublich vieldeutig. Ein Minenfeld, wirklich! Zum Beispiel sagt das Dokument, auf das Sie sich beziehen, daß der Gregorianische Choral der der römischen Liturgie eigene Gesang ist und ihm dort der erste Platz gegeben werden soll. Doch dann fügt es hinzu: „Gleiche Bedingungen vorausgesetzt.“ Was bedeutet das? Im Zusammenhang mit anderen Stellen des Dokumentes bedeutet es, daß eigentlich jedermann singen soll.

Werfen Sie einen Blick auf das erste Altar-Missale, das in den Vereinigten Staaten nach der Liturgiekonstitution 1963 gedruckt wurde. Alle Rubriken sind lateinisch, die mit der traditionellen Messe gleichgeblieben sind. Der Introitus aber, ist – aus ungeklärten Gründen – völlig auf englisch und nur auf englisch. Folglich sind die Gregorianischen Gesänge unbrauchbar. Warum? Weil es keinen Gesang für den Introitus auf englisch gibt.

Aber es wird noch schlimmer. Die Intonationen sind noch lateinisch, und dann wird der Rest des gesamten gesungenen Ordinariums nur auf englisch gedruckt. Das gesungene Ordinarium! In der vorkonziliaren Kirche kannte jeder das „Kyrie“, das „Gloria“, das „Sanctus“, das „Agnus Dei“ und sogar das „Credo“ in der liturgischen Sprache. Und doch rangiert das Missale von 1964 das Latein in diesen Teilen aus. Soviel also zum Gesang. Soviel zum „ersten Platz“.

Die Reformer hatten noch nicht einmal soviel Respekt vor dem Gregorianischen Choral, ihn wenigstens in den Monaten zu bewahren, kurz nachdem diese Worte approbiert wurden. Es war ein schrittweises Verfahren, das das bis zum Missale von 1970 führte, welches das Ende des römischen Ritus bedeutete. Die Zerstörung der Musik war zur Zeit der Promulgation dieses Missales vollendet.

Frage: Annibale Bugnini sagt, daß die Musiker die primäre Widerstandskraft waren.

Morris: Gerade indem sie die Debatte beobachteten, konnten sie erklären, was geschah. Auf der ganzen Welt waren Chorleiter, Professoren und Interpreten über ihre Arbeit hinausgegangen, haben Chöre gebildet und für Fortschritt im Gesang und in der Polyphonie gesorgt, Musik-Gesellschaften entstanden.

Dann, eines Tages, wachten sie auf und alles war vorüber. Ihre Texte waren abgeschafft worden. Der liturgische Rahmen, der ihre Kunst ermöglichte, wurde entbehrlich und vollständig ersetzt mit nicht Vertrautem. Es gab keine Garantie, daß die Reformen vorüber seien. Es gab Hinweise, es würde immer weitergehen. Warum sollte jemand für eine sich endlos ändernde Liturgie komponieren? Warum diese Mühe? Musik wurde immer für die römische Liturgie geschrieben. Dann plötzlich verschwand die römische Liturgie, wie wir sie kannten.

Die echten Musiker gingen, die Zerstörer kamen. Gitarreschlagende Jesuiten, die sich nie auf die Künste konzentriert hatten, und andere, fingen an, die katholische Kirchenmusik zu beherrschen. Sie wurden die „Kirchenmusiker“ unserer Epoche. Unglaublich. Alles, was die Katholiken in diesen Tagen singen, sind Pop-Versionen von alten protestantischen Liedern. Katholische Verlage machen mit diesem Material Millionen von Dollar Reibach. Aber es gibt an ihnen eigentlich nichts Wertvolles. Zweifellos nichts von dauerhaftem Wert.

Sie können die Zahl der Novus Ordo-Kirchen in diesem Land an einer Hand zählen, die ein völlig katholisches Musikprogramm jeder möglicher Qualität ausführen entsprechend der Tradition des römischen Ritus. Und: alle verbiegen sie die Rubriken. Sie müssen.

Frage: Die gegenwärtige Mode scheint die „gemischte“ Messe zu sein, in der Sie ein wenig alte Musik zusammen mit ein wenig neuer hören.

Morris: Ein alter Freund von mir in Atlanta erklärte die Musik in seiner Pfarrei. Er sagte, daß es eine wundervolle Mischung von Altem und von Neuem sei und: „Ich denke, das ist wichtig, Du nicht?“ Ich erklärte ihm, daß das wie das Vorbereiten eines prachtvollen Tellers für jemanden ist, in dem dann in letzter Minute einige tote Fliegen hineingeworfen werden, um zu vermeiden, des Elitärismus beschuldigt zu werden. So etwas tendiert dahin, daß das ganze Niveau nach unten gezogen wird, und das dramatisch.

In den Kathedralen, die internationale Besucher anziehen, hören Sie häufig Tonbänder von singenden Mönchen, wenn keine Messe ist. Aber das ist nur Show. Sobald die Messe beginnt, kommen die Gitarren heraus und die merkwürdige Mischung aus kommerzieller und volkstümlicher Musik spielt. Es ist eine sehr merkwürdige Szene. Sie zeigt eine tiefe geistige Inkohärenz.

Frage: Scheint es nicht viele anregende Zeichen zu geben, daß diese Situation bald beendet ist?

Morris: Nicht solange die gegenwärtigen Liturgiker verantwortlich sind. Es ist entscheidend, zu verstehen, daß der Ursprung all dessen schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil liegt. Die Zerstörung des Schatzes der Musica sacra war ein Teil und Paket des ganzen Planes. Bugnini hatte das zweifellos im Sinn.

Die Reformer streiften die unterschiedlichsten katholischen Gebete und liturgischen Formen ab, also überraschte es kaum, daß auch die genuin katholische Kirchenmusik gehen mußte. Zum Beispiel wurden volkssprachliche Gesänge im Hochamt gegen die von den Päpsten in der Tradition stehenden erlassenen Richtlinien zugelassen.

Pius XII. unterstrich die Lehre seiner Vorgänger: Gregorianischer Choral und Polyphonie waren die Norm. Aber heutzutage sind die angesprochenen Lieder die Norm. Sogar Tridentinische Messen lassen hin und wieder die korrekte Weise vermissen.

An St. Franz von Sales in Atlanta haben wir keine Orgel. Wir haben keine Proben während der Woche. Wir haben keinen professionellen Chor. Wir proben eine Stunde vor der Messe. Und doch: jede Woche singen wir das gesamte Proprium und Ordinarium der Messe. Jede Woche. Wir richten uns exakt nach den Wünschen des Hl. Pius X. Dies ist in dieser Zeit in hohem Grad ungewöhnlich, aber es ist nicht so schwierig, wie es zunächst scheint.

Frage: So gibt das Indult Hoffnung?

Morris: Soweit es mich betrifft, ist es die einzige Hoffnung. Es ist absolut wesentlich, daß Pfarrer dieser Gemeinschaften gute Musik anregen. Manchmal erklären uns Laien zu Nostalgikern, die meinen, daß volkssprachliche Gesänge zum Hochamt gehören. Es bedeutet Arbeit, kultiviert zu singen. Und einen Chor zu finanzieren, indem Notenmaterial bereitgestellt wird, muß jedem einzelnen Pfarrer wichtig sein.

Der Punkt ist, nicht dahin zurückgehen, wie die Messe vor vierzig Jahren gesungen wurde, sondern es jetzt ehrwürdig und richtig zu tun. Eine reizende Frau in unserer Gemeinde, die 86 Jahre alt ist, hat zu mir gesagt, daß diese Musik das Schönste sei, das sie in ihrem Leben gehört habe. Sie hatte in der Messe diese Musik nie gehört, auch nicht vor dem Konzil.

Aber da ist etwas, das sie realisiert hat: diese Musik ist das Erbe unseres Glaubens. Sobald die Messe wieder ihre rechtmäßige Würde erhalten wird, werden wir feststellen, daß wieder neue Chöre entstehen. Neue Kompositionen werden geschrieben werden, die die Kohärenz der Meßtexte zur Musik erkennen lassen. Musiker werden wieder Organisten und Chorleiter werden wollen. Der Glaube wird es ermöglichen. All dies wird wieder Teil einer lebendigenTradition werden.

Frage: Haben Sie einen Leitfaden, um einen solchen Chor für die Messe zu gründen?

Morris: Sie können darüber soviel lesen, wie Sie wollen, doch es gibt keinen Ersatz dafür, es einfach zu tun. Sorgen Sie sich nicht darüber, ob Sie wie die Mönche auf Aufnahmen klingen. Sie werden es nicht. Der wichtigste Punkt ist, es anzugehen. Sie können sich später darum kümmern, die Sache zu vervollkommnen.

Das zugänglichste gesungene Ordinarium ist die VIII. Messe. Es ist die bekannteste gregorianische Missa, relativ einfach im Aufbau, und man spürt den Dur-Charakter. Später können Sie die XI. Messe vorbereiten. Der Chor muß schließlich das Liber Usualis erhalten, und nach und nach die Proprien hinzulernen.

Die Gläubigen werden es wollen, wenn sie merken, daß es ihnen gefällt. Das Volk wird erleichtert sein, wenn es merkt, daß es nicht zum Ausschluß beim Singen gezwungen wird. Was die polyphone Musica sacra betrifft, gibt es keinen Grund, vor ihr Angst zu haben. Es gibt eine einfache Messe von Antonio Lotti, die jedermann erlernen kann. Auch Andrea Gabrielis „Missa brevis“ ist für die durchschnittliche Pfarrei geeignet. Palestrinas „Missa Aeterna Christi Munera“ ist eine schöne Komposition wie die „Missa brevis“. Sie sind nicht übermäßig lang und nicht schwer.

Die Byrd-Messen sind schwieriger, aber ein überdurchschnittlicher Chor kann sie nach einigen Proben realisieren. Es gibt übrigens nichts, das schwieriger ist als Händels „Denn es ist uns ein Kind geboren“ aus dem „Messias“, und doch versucht sich in jedem Jahr fast jeder Chor daran. Es mangelt nicht an Aufnahmen, die eine grosse Hilfe beim Erlernen der Werke sind. Chorsänger können sie bekommen und daheim üben. Es gab keine Zeit, in der es mehr Aufnahmen der Musica sacra gab, als jetzt. Wie ich schon sagte, es ist ein Geschenk Gottes, das wir nutzen sollten.

Frage: Was bedeutet die Tridentinische Meß-Gemeinschaft St. Francis de Sales für Ihre Spritualität?

Morris: Alles in der Welt. Sie gibt mir alles, was ich in 30 Jahren versucht habe zu finden. Leider bin ich frustriert, daß ich nicht genügend Zeit habe, alles zu erfüllen, was diese Form der Messe verlangt. Ich wundere mich: warum ist diese Messe nicht schon immer da gewesen?

Kirchenmusiker müssen sich ihrer Verantwortung für die Ehrfurcht bewußt sein, die sie vor Gott haben. Sie müssen ein ästhetisches Umfeld schaffen, durch das in der Messe der Glaube erfahren wird. Die Musik des Hochamtes schafft die Atmosphäre, in der wir die Messe in würdiger Weise feiern. Sie kann darüber entscheiden, ob wir die Anwesenheit des Herrn spüren oder ob wir von seiner Gegenwart abgelenkt werden. Beten Sie für die Musiker, daß sie wieder danach verlangen, das Werk des Herrn zu tun.

Einspielungen von Richard Morris: _ Richard Morris: Organist (Gothic Records #49090) _ Richard Morris: Organ Masterpieces from France and Germany (R&R Records, 5801 Whispering Pines Circle, Mableton, GA 30126) _ Fugues, Fantasia, and Variations (New World Records #80280) _ Sonic Fireworks, Richard Morris at the Cathedral of Christ the King (R&R Records)

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2 Lesermeinungen
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#2   Dolfus   19:39:11 | Donnerstag, 2. Dezember 2004
Eine ausgezeichnete Analyse
Ich schließe mich dem Kommentar vor mir völlig an. Genau so ist es!
Einen großen Dank für dieses Interview, der Cardinal Ottavianis theologische Kritik an Bugninis Novus Ordo aus musikalisch-ästhetischer und musikhistorischer Sicht perfekt ergänzt.
Man versteht den Zorn so vieler großer heiliger Priester, als man ihnen die überlieferten Meßbücher verbat und gegen Bugninis Vorgaben austauschte.
Es scheint eine Zulassung Gottes zu sein, daß sich ein Dilettant wie Mons. Bugnini durchsetzte. Der Hl. Geist scheint mit Pauls VI. Pontifikat im Sinne gehabt zu haben, die Kirche einer schweren Prüfung zu unterziehen. Nur so kann ich mir solche Pontifikate erklären.
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#1   joergx2000   15:10:49 | Mittwoch, 1. Dezember 2004
Konziliare Deform „Diabolica“
Vielen Dank für den Abdruck dieses Interviews. Endlich
erfährt man mal etwas über den wichtigen Zusammenhang
zwischen tridentinischer Messe und dem Gregorianischen Choral, bzw der Zerstörung des Ordo Missae die Freimaurer wie Bugnini, Rahner, Congar usw. am Konzil mit Genehmigung von Papst Paul VI. angerichtet haben.
Bischof Bugnini wurde übrigens 1976 von Papst Paul VI in die Wüste geschickt, weil seine Freimaurertätigkeit ans Licht kam. Dabei konnte dieser Sohn Satans bereits ab 1947 das Konzil als Vorsitzender der Liturgischen Kommission planen. Komischen Zufall, daß vor Konzilsbeginn allein das Schema über die Liturgie als einzigstes von den letzten 5 übriggeblieben ist.
MfG
JH
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