Versinkt die Reform im subkulturellen Minimalismus?
Der Kultgesang der frühen Kirche entstand in einer strengen liturgischen Ordnung. Das tonale Gefüge ergab sich aus einem bereits vorhandenen musikalischen Repertoire, dem Jüdischen Tempel und Synagogalgesang sowie der hellenistischen Musikpraxis. Von Rudolf Brauckmann, ehemaliger Domkapellmeister.
(kreuz.net/Sinfonia Sacra) Innere Wahrhaftigkeit im Denken und Handeln bildeten das geistige Fundament
dieser Ordnung.
Für den Sänger galt: „Non solum voce, sed etiam corde“ – „nicht nur mit der Stimme,
sondern auch mit dem Herzen“. Dieser vom Neuen Testament her geleitete Anspruch verband den Ton mit dem
geoffenbarten Gotteswort.
Der Respekt vor diesem Wort bedingte den Gleichklang von Wortakzent, Rhythmus
und Melodie.
In dieser so beschriebenen Ordnung entstand der Cantus Gregorianus, benannt nach Papst Gregor
dem Großen († 604), der die Gesänge um 600 sammeln und für die Liturgie ordnen und anordnen ließ.
Der Komponist Paul Hindemith sagte in seiner Rede anläßlich der Hamburger Bachtage am 12. September
1950:
„Die Römische Kirche besitzt im Gregorianischen Choral einen unschätzbaren Fundus, der sich niemals
beiseite drängen ließ, der allen neu herzustellenden Kompositionen als Maß und Vorbild diente und wahrscheinlich
auch in Zukunft immer wieder regulierend auf die neue Produktion einwirken wird“.
Als Folge der Reformation –
so Hindemith sinngemäß – sei die Einzelleistung in der Kunst wie im Gottesdienst vorherrschend geworden,
während in der Römischen Kirche selbst der genialste Musiker nichts besseres hervorbrachte als das seit
Jahrhunderten bestehende liturgisch-musikalische Erbgut. Ein Urteil aus berufenem Munde.
Die musikalischen
Formeln dieser Gesänge sind in allen Musikkulturen beheimatet.
Die unabdingbare Bindung des Chorals
an die lateinische Sprache muß als Vorzug angesehen werden.
Denn die vom Lateinischen abhängigen Sprachen
Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Englisch und Deutsch werden weltweit gesprochen und
verstanden.
Dies sind hervorragende Bedingungen für die Liturgiesprache der Weltkirche und ihrer Kultmusik.
In der gegenwärtig völlig desorientierten liturgischen Praxis ist eine Besinnung auf das liturgische
Erbe dringend geboten. Nicht immer neue Kommentare zum Kommentar, neue Begleithefte zum Begleitheft sind
gefragt, sondern das Studium alter Formen.
Nur auf einem festen Fundament können neue liturgische Formen
entstehen und bestehen.
Kirchenmusikalische und katechetische Fachzeitschriften propagieren zur Zeit
mit großem Eifer eine Musik, die der neu entdeckten Körperlichkeit auch in der Liturgie zum Durchbruch
verhelfen soll.
Erst die Einbeziehung von Rock- und Popmusik in die Liturgie habe die Einsicht verfestigt,
daß die Ausgrenzung sinnlich-leiblicher Elemente theologisch keineswegs zwingend sei.
Mit dem Gregorianischen
Choral sei eine mehr wortbezogene und vergeistigte Musik bestimmend geworden, deren Dominanz auch durch
das protestantische Kirchenlied nicht eingeschränkt worden sei.
In der neuesten Ausgabe des Lexikons
für Theologie und Kirche stellt Stefan Klöckner unter dem Begriff „Liturgische Musik“ das sogenannte
„Neue Geistliche Lied“ – Konglomerat aus Kinder-, Rock- und Popmusik – liturgierechtlich mit dem Gregorianischen
Choral auf eine Stufe, wenn dies die Erwartungshaltung einer Gemeinde so verlangt.
Die vom Zweiten Vatikanum
verordnete Priorität des Chorals interpretiert Klöckner als einen Ehrenprimat, der nicht im Sinne von
Ausschließlichkeit zu verstehen sei.
Zu guter Letzt verweist er die klassische Kirchenmusik insgesamt
in nicht offizielle liturgische Veranstaltungen, weil sie weitgehend von vorkonziliaren Bedürfnissen
geprägt sei.
Offensichtlich definiert sich für Klöckner Qualität von liturgischen Formen nur noch
nach Erwartungshaltungen, Bedürfnissen und Wünschen von Gemeinden.
Das sogenannte „Neue Geistliche
Lied“ hat das Buch der Psalmen und damit auch die Gregorianik übersehen oder ausgeklammert. Gleichwohl
entspricht es leider gegenwärtig der amtlich bekundeten Auffassung von Liturgie, insbesondere im deutschen
Sprachraum.
Der Beurteilung neuer Formen nach überkommenen Wertmaßstäben wurde somit der Boden entzogen.
Bei herkömmlicher Sicht hat das in deutscher Sprache gesungene „Vater unser“ bei Verwendung der bekannten
lateinischen Melodie sicherlich mehr mit Zerstörung als mit Erneuerung von Liturgie zu tun – eine formale
Täuschung.
Für den liturgischen Funktionalisten und Rationalisten zählt eben nur die Textverständlichkeit
und nicht die Stimmigkeit zwischen Wort und Ton, wie sie uns die Gregorianik lehrt.
Diese nicht mehr
ganzheitliche Sicht liturgischer Formen hat uns eine Reform beschert, die formal im subkulturellen Minimalismus
zu versinken droht.
Nur eine Besinnung auf den Cantus Gregorianus in Theorie und Praxis kann meines Erachtens
im liturgisch- kirchenmusikalischen Bereich eine allmähliche Sanierung auf den Weg bringen.
Abschließend
sei noch eine rein musikästhetische Beobachtung erwähnt, die auf die bleibende Aktualität des lateinischen
Chorals schließen läßt.
Viele Komponisten der klassischen Moderne verwenden häufig der Gregorianik
entlehnte Themen und Formeln in ihren Kompositionen.
Ein weiteres Indiz für die Aufwertung des Chorals
und seiner Modalität ist der in der konzertanten Praxis zunehmende Gebrauch von alten Instrumenten.
Bei Tasteninstrumenten steht die seit Bach übliche temperierte Stimmung mehr und mehr zur Disposition.
Der österreichische Theologe Philipp Harnoncourt sagte zum gegebenen Sachverhalt:
„Das gregorianische
Prinzip und der Gregorianische Choral als die älteste und alle Phasen der Geschichte verbindende Tradition
römischen Kirchengesangs sind Merkmale der Identität dieser Kirche, und Gregorianischer Gesang heute
ist ein Bekenntnis zu ihr.“
So gesehen befindet sich die Kirche mit dem Artikel 116 der Liturgiekonstitution
des Zweiten Vatikanums, der dem Choral eine vorrangige Stellung einräumt, auf der Höhe der Zeit.
Die
vielen nachkonziliaren liturgisch-administrativen Einrichtungen müssen Bedingungen schaffen, die dem
Choral eine seiner Bedeutung entsprechende Verwendung in der Liturgie ermöglichen.
Rudolf Brauckmann
war Domkapellmeister in Paderborn und Augsburg. Auch nach seiner Pensionierung ist er noch kirchenmusikalisch
tätig. Die Liturgie liegt Brauckmann sehr am Herzen. Für ihn gehören Tradition und Fortschritt auch
und gerade in der Kirchenmusik als eine sachlich begründete Einheit zusammen. Besonders Strawinsky und
Hindemith lebten als Vertreter der klassischen Moderne aus der Tradition, während der sogenannte Modernismus
diese Verwurzelung längst verlassen habe.
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2 Lesermeinungen
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Greuel an heiliger Stätte Sehr wohltuend, diese Ausführungen aus kompetenter Feder. Schade, dass die
Wirklichkeit so anders aussieht – man denke nur an die „Greuel an heiliger Stätte“, die der Wiener Erzbischof
in seiner „Jugendkirche“ aufführt bzw. zulässt…
Ich lasse singen Singen tue ich eigentlich nur passiv und das auch noch leise. Aktiv bin ich nur beim
Vater Unser, aber das ist ja schon mehr sprechen. Dass die Heiden zu Boden fallen, wenn aus den Kirchen
der Vater Unser schallt.