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Donnerstag, 1. Dezember 2005 18:28
Versinkt die Reform im subkulturellen Minimalismus?
Der Kultgesang der frühen Kirche entstand in einer strengen liturgischen Ordnung. Das tonale Gefüge ergab sich aus einem bereits vorhandenen musikalischen Repertoire, dem Jüdischen Tempel und Synagogalgesang sowie der hellenistischen Musikpraxis. Von Rudolf Brauckmann, ehemaliger Domkapellmeister.
(kreuz.net/Sinfonia Sacra) Innere Wahrhaftigkeit im Denken und Handeln bildeten das geistige Fundament dieser Ordnung.

Für den Sänger galt: „Non solum voce, sed etiam corde“ – „nicht nur mit der Stimme, sondern auch mit dem Herzen“. Dieser vom Neuen Testament her geleitete Anspruch verband den Ton mit dem geoffenbarten Gotteswort.

Der Respekt vor diesem Wort bedingte den Gleichklang von Wortakzent, Rhythmus und Melodie.

In dieser so beschriebenen Ordnung entstand der Cantus Gregorianus, benannt nach Papst Gregor dem Großen († 604), der die Gesänge um 600 sammeln und für die Liturgie ordnen und anordnen ließ.

Der Komponist Paul Hindemith sagte in seiner Rede anläßlich der Hamburger Bachtage am 12. September 1950:

„Die Römische Kirche besitzt im Gregorianischen Choral einen unschätzbaren Fundus, der sich niemals beiseite drängen ließ, der allen neu herzustellenden Kompositionen als Maß und Vorbild diente und wahrscheinlich auch in Zukunft immer wieder regulierend auf die neue Produktion einwirken wird“.

Als Folge der Reformation – so Hindemith sinngemäß – sei die Einzelleistung in der Kunst wie im Gottesdienst vorherrschend geworden, während in der Römischen Kirche selbst der genialste Musiker nichts besseres hervorbrachte als das seit Jahrhunderten bestehende liturgisch-musikalische Erbgut. Ein Urteil aus berufenem Munde.

Die musikalischen Formeln dieser Gesänge sind in allen Musikkulturen beheimatet.

Die unabdingbare Bindung des Chorals an die lateinische Sprache muß als Vorzug angesehen werden.

Denn die vom Lateinischen abhängigen Sprachen Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Englisch und Deutsch werden weltweit gesprochen und verstanden.

Dies sind hervorragende Bedingungen für die Liturgiesprache der Weltkirche und ihrer Kultmusik.

In der gegenwärtig völlig desorientierten liturgischen Praxis ist eine Besinnung auf das liturgische Erbe dringend geboten. Nicht immer neue Kommentare zum Kommentar, neue Begleithefte zum Begleitheft sind gefragt, sondern das Studium alter Formen.

Nur auf einem festen Fundament können neue liturgische Formen entstehen und bestehen.

Kirchenmusikalische und katechetische Fachzeitschriften propagieren zur Zeit mit großem Eifer eine Musik, die der neu entdeckten Körperlichkeit auch in der Liturgie zum Durchbruch verhelfen soll.

Erst die Einbeziehung von Rock- und Popmusik in die Liturgie habe die Einsicht verfestigt, daß die Ausgrenzung sinnlich-leiblicher Elemente theologisch keineswegs zwingend sei.

Mit dem Gregorianischen Choral sei eine mehr wortbezogene und vergeistigte Musik bestimmend geworden, deren Dominanz auch durch das protestantische Kirchenlied nicht eingeschränkt worden sei.

In der neuesten Ausgabe des Lexikons für Theologie und Kirche stellt Stefan Klöckner unter dem Begriff „Liturgische Musik“ das sogenannte „Neue Geistliche Lied“ – Konglomerat aus Kinder-, Rock- und Popmusik – liturgierechtlich mit dem Gregorianischen Choral auf eine Stufe, wenn dies die Erwartungshaltung einer Gemeinde so verlangt.

Die vom Zweiten Vatikanum verordnete Priorität des Chorals interpretiert Klöckner als einen Ehrenprimat, der nicht im Sinne von Ausschließlichkeit zu verstehen sei.

Zu guter Letzt verweist er die klassische Kirchenmusik insgesamt in nicht offizielle liturgische Veranstaltungen, weil sie weitgehend von vorkonziliaren Bedürfnissen geprägt sei.

Offensichtlich definiert sich für Klöckner Qualität von liturgischen Formen nur noch nach Erwartungshaltungen, Bedürfnissen und Wünschen von Gemeinden.

Das sogenannte „Neue Geistliche Lied“ hat das Buch der Psalmen und damit auch die Gregorianik übersehen oder ausgeklammert. Gleichwohl entspricht es leider gegenwärtig der amtlich bekundeten Auffassung von Liturgie, insbesondere im deutschen Sprachraum.

Der Beurteilung neuer Formen nach überkommenen Wertmaßstäben wurde somit der Boden entzogen.

Bei herkömmlicher Sicht hat das in deutscher Sprache gesungene „Vater unser“ bei Verwendung der bekannten lateinischen Melodie sicherlich mehr mit Zerstörung als mit Erneuerung von Liturgie zu tun – eine formale Täuschung.

Für den liturgischen Funktionalisten und Rationalisten zählt eben nur die Textverständlichkeit und nicht die Stimmigkeit zwischen Wort und Ton, wie sie uns die Gregorianik lehrt.

Diese nicht mehr ganzheitliche Sicht liturgischer Formen hat uns eine Reform beschert, die formal im subkulturellen Minimalismus zu versinken droht.

Nur eine Besinnung auf den Cantus Gregorianus in Theorie und Praxis kann meines Erachtens im liturgisch- kirchenmusikalischen Bereich eine allmähliche Sanierung auf den Weg bringen.

Abschließend sei noch eine rein musikästhetische Beobachtung erwähnt, die auf die bleibende Aktualität des lateinischen Chorals schließen läßt.

Viele Komponisten der klassischen Moderne verwenden häufig der Gregorianik entlehnte Themen und Formeln in ihren Kompositionen.

Ein weiteres Indiz für die Aufwertung des Chorals und seiner Modalität ist der in der konzertanten Praxis zunehmende Gebrauch von alten Instrumenten.

Bei Tasteninstrumenten steht die seit Bach übliche temperierte Stimmung mehr und mehr zur Disposition. Der österreichische Theologe Philipp Harnoncourt sagte zum gegebenen Sachverhalt:

„Das gregorianische Prinzip und der Gregorianische Choral als die älteste und alle Phasen der Geschichte verbindende Tradition römischen Kirchengesangs sind Merkmale der Identität dieser Kirche, und Gregorianischer Gesang heute ist ein Bekenntnis zu ihr.“

So gesehen befindet sich die Kirche mit dem Artikel 116 der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums, der dem Choral eine vorrangige Stellung einräumt, auf der Höhe der Zeit.

Die vielen nachkonziliaren liturgisch-administrativen Einrichtungen müssen Bedingungen schaffen, die dem Choral eine seiner Bedeutung entsprechende Verwendung in der Liturgie ermöglichen.

Rudolf Brauckmann war Domkapellmeister in Paderborn und Augsburg. Auch nach seiner Pensionierung ist er noch kirchenmusikalisch tätig. Die Liturgie liegt Brauckmann sehr am Herzen. Für ihn gehören Tradition und Fortschritt auch und gerade in der Kirchenmusik als eine sachlich begründete Einheit zusammen. Besonders Strawinsky und Hindemith lebten als Vertreter der klassischen Moderne aus der Tradition, während der sogenannte Modernismus diese Verwurzelung längst verlassen habe.
2 Lesermeinungen:
Freitag, 2. Dezember 2005 09:13
Justus: Greuel an heiliger Stätte
Sehr wohltuend, diese Ausführungen aus kompetenter Feder. Schade, dass die Wirklichkeit so anders aussieht – man denke nur an die „Greuel an heiliger Stätte“, die der Wiener Erzbischof in seiner „Jugendkirche“ aufführt bzw. zulässt…
Donnerstag, 1. Dezember 2005 23:07
kreuzi: Ich lasse singen
Singen tue ich eigentlich nur passiv und das auch noch leise. Aktiv bin ich nur beim Vater Unser, aber das ist ja schon mehr sprechen. Dass die Heiden zu Boden fallen, wenn aus den Kirchen der Vater Unser schallt.
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