„Bezeichnenderweise wurde in den meisten positiven Stimmen zum Konzil nicht versäumt, die Forderung nach der Verwirklichung seines Programmes in der weitergehenden Geschichte zu erheben und auf die Weiterführung der Reform zu drängen“. Von Leo Kardinal Scheffczyk (†).
(kreuz.net) Die im Reformationszeitalter geprägte Devise „ecclesia semper reformanda“ wurde nun zu einem
geflügelten Wort in der innerkirchlichen Diskussion.
Schon damals war zu erkennen, daß der Akzent aber
unmerklich vom Wort und von der Lehre des Konzils auf seinen Geist, auf seine innere Bewegtheit und seine
Impulse gelegt wurde.
„Das Wichtigste am Konzil ist der neue Geist, das neue Leben“ (Heinrich Fries).
Daß dieser Geist sich zusehends vom Wort und Sinn des Konzils entfernte, wurde in Deutschland vielen
erstmals auf dem Essener Katholikentag von 1968 offenbar, wo ein Theologe vom Christen verlangte, daß
er Unruhe stiften müsse, und Theologiestudenten den Rücktritt des Papstes forderten.
Der große Kirchenhistoriker
Hubert Jedin († 1980), selbst ein einflußreicher Verfechter der Anliegen des Konzils, der es zuvor abgelehnt
hatte, von einer sich anbahnenden Kirchenkrise zu sprechen, mußte angesichts dieses Geschehens und zumal
der in Nordamerika gesammelten Erfahrungen gestehen:
„Die Krise war da, sie war dadurch entstanden daß
man nicht mehr sich damit begnügen wollte, das Konzil durchzuführen, sondern es als Initialzündung
radikaler Neuerungen ansah, die in Wirklichkeit die Dekrete des Konzils weit hinter sich ließen“.
Danach
häuften sich die Krisenzeichen und wuchsen zu einer beachtlichen Größe an.
Der Widerstand gegen die
Enzyklika „Humanae vitae“ und die Geteiltheit des Weltepiskopats bezüglich ihrer Beurteilung, der in
die Zehntausende gehende Fortgang von Priester- und Ordensleuten, die mit der Liturgiereform einhergehende
Willkür in der Gestaltung des Gottesdienstes, die im Namen christlicher Mündigkeit, geistiger Freiheit
und zeitgemäßer Verkündigung erfolgende Neuinterpretation der Dogmen (die in Anwendung einer destruktiven
Hermeneutik in vielen Fällen zu ihrer Umdeutung und Aufhebung geriet), die in einem forcierten Ökumenismus
geförderte Indifferenz gegenüber der katholischen Wahrheit (die gelegentlich zu der Forderung führte,
die Kirche sollte um der konfessionellen Einheit willen ihre Identität aufgeben), die Verunsicherungen
in der Katechetik und im Religionsunterricht: das alles schuf eine Atmosphäre der Zweideutigkeit und
Ungewißheit, in der sich viele Gläubige nicht mehr heimisch fühlten.
Es mag ihnen angesichts der stürmischen
Entwicklung der nicht mehr durchschaubaren Neuerungen ähnlich gegangen sein wie den Christen in der arianischen
Krise, die verwundert ausriefen: „Es stöhnte der Erdkreis und wunderte sich, daß er arianisch geworden
war“ (Hieronymus).
So konnte es dazu kommen, daß im Jahre 1976 mehrere französische Schriftsteller
einen Brief an Papst Paul VI. richteten, in dem sie ihre Besorgnisse artikulierten:
„Die Gläubigen erkennen
ihre Religion in einer bestimmten neuen Liturgie und neuen Seelsorge nicht wieder. Noch weniger finden
sie diese in dem Katechismus, den man nun ihre Kinder lehrt, in der Geringachtung der Grundwerte der Moral,
in den Häresien, die anerkannte Theologen aussprechen, in der Politisierung des Evangeliums.“
Seitdem
sind die kritischen Stimmen bezüglich der nachkonziliaren Entwicklung beständig angewachsen.
Um ihrer
Bedeutung gerecht zu werden, braucht man nicht auf die Extremausschläge der Kritik einzugehen, wie sie
etwa katholischerseits im deutschen Raum bei dem engagierten Rudolf Krämer-Badoni oder marxistischerseits
bei Alfred Lorenzer (Das Konzil der Buchhalter, 1981) vorliegen.
Jener unternimmt in seinem Buch „Revolution
in der Kirche. Lefebvre und Rom“ (1980) den ehrlich gemeinten, mit vielen Zitaten der Befürworter der
neuen Entwicklung belegten Versuch, die nachkonziliare Kirche als neomodernistisch zu erweisen.
Dieser
prangert als Anwalt einer auf das Numinose und die Symbolwelt angewiesenen Kultur die angebliche Desakralisierung
und Demokratisierung der Kirche durch die konziliaren Reformen an und spricht vom Einbruch eines „Vandalismus“.
Der Realität näher liegen die Aussagen von Theologen und Bischöfen, die, mit dem konziliaren Anliegen
der Erneuerung der Kirche eng verbunden, doch angesichts der geradezu entgegengesetzt verlaufenden Entwicklung
wachsende Besorgnis bekundeten.
So erklärte Joseph Ratzinger schon 1975:
„Es muß klar gesagt werden,
daß eine wirkliche Reform der Kirche eine eindeutige Abkehr von den Irrwegen voraussetzt, deren katastrophale
Folgen mittlerweile unbestreitbar sind.“
Die Irrwege in der religiösen Unterweisung ins Auge fassend,
äußerten die Kardinäle Joseph Höffner und Franz König, daß heutige Eltern sich unter Umständen
dafür entscheiden müßten, ihre Kinder dem – von der Kirche verantworteten – Religionsunterricht zu
entziehen, was mit Recht als ein besonders grelles Schlaglicht auf die fatale Situation gewertet wurde.
Im Blick auf solche Phänomene sprach Louis Bouyer von einem „Verfall des Katholizismus“ (1970), Hans
Urs von Balthasar von einer „ikonoklastischen Zeit“ (1975), Jean Danielou von einer „Aushöhlung des christlichen
Glaubens“ (1969). Dieser moderne Theologe erwog sogar die Möglichkeit, daß eine Zeit kommen könnte,
in der „das Volk Gottes“ in seiner geistigen Not „seine Wut herausschreit“.
Diese Phänomene zusammenfassend,
sprach der um die Ökumene hochverdiente Kirchenhistoriker Joseph Lortz das schonungslose Urteil:
„So
bedrohlich wie heute war die Lage der Kirche noch nie“ (1974).
Neuerdings stellte Kardinal Joseph Ratzinger,
den letzten Stand der Entwicklung umreißend, fest, daß statt des vom Konzil verheißenen „Sprungs nach
vorn“ in den letzten zwanzig Jahren ein „Konzils-Ungeist“ aufgekommen und ein „Prozeß des Niederganges“
eingebrochen sei, der eine Neuorientierung notwendig mache.
„Bei vielen Theologen hat sich eine Mentalität
verbreitet, die man mehr noch als bei dem klassischen protestantischen Modelt in der Nähe mancher Sekten
oder freien Kirchen Nordamerikas ansiedeln könnte“.
Natürlich werden gegen den Aufweis solcher Krisenzeichen
und ihre sorgenvolle Beurteilung von Seiten der angesprochenen Theologen Gegenargumente erhoben, die auf
sterilen Traditionalismus, geistige Unbeweglichkeit und panische Angst vor allem Neuen lauten.
So könnte
man die Meinung hegen, daß die Beurteilung eben nicht einheitlich sei, daß die Besorgnisse nicht die
Überzeugung aller Gläubigen wiedergäben und deshalb die Situation gar nicht so dramatisch sei.
Aber
was hier als Argument zur Entlastung ausgegeben wird, offenbart den Zwiespalt nur noch dramatischer:
Man ist sich innerhalb der Kirche nicht nur über wichtige Inhalte der Glaubens- und Sittenlehre wie der
Lebensführung uneinig, welche Uneinigkeit ein hervorstechendes Merkmal der geistigen Situation ist, man
stimmt gerade auch in der Beurteilung dieser Situation nicht überein (die von den einen als Irrweg, von
den anderen als Fortschritt ausgegeben wird).
Das heißt: die Dissoziierung im katholischen Denken und
Leben ist eine doppelte geworden.
Kann man es dann einem evangelischen Beobachter, der die Situation
von außen betrachtet, verdenken, wenn er zu dem Urteil kommt, man wisse heute nicht mehr recht zu sagen,
was katholisch sei (Walther von Loewenich, 1973)?
Ist es dann verwunderlich, daß viele Gläubige, verunsichert
und irritiert, nach den Schuldigen fragen und Schuldzuweisungen vornehmen?
Scheffczyk, Leo: Nachkonziliare
Irritationen und die Irritierten, in: Eberts, Gerhard (Hg.) Das Zweite Vatikanische Konzil und was daraus
wurde, Aschaffenburg 1985, 118-121.
Morgen: Schuldzuweisung an das Konzil?
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6 Lesermeinungen
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@ P. Lingen Nach Ihrem Zitat würde ich annehmen, dass Hw. Günther Storck sich nicht diese Theorie der
Transzendentalphilosophie zu eigen macht, sondern diese mit ihren systematischen (allenfalls ideologischen)
Begrifflichkeiten und Voraussetzungen vorstellt und sodann bespricht. Der Gatte der Evelin
#6 Pater Lingen 11:03:42 | Montag, 12. Dezember 2005
Zu Christoph Heger Schon rein formal handelt es sich bei Storcks Machwerk nicht um eine Dissertation,
sondern um einen Text für eine V2-„Fakultät“. Ich verweise nochmals auf die o.g. Studie. O-Ton Storck:
„Der entscheidende Unterschied zu dem Ansatz, den der Realismus bei seinem Versuch, in der Frage der Existenz
Gottes zu einem Ergebnis zu gelangen, wählt, besteht, was die Transzendentalphilosophie betrifft, aber
gerade darin, nicht von der Existenz bzw. der Beschaffenheit der Sinnenwelt auf einen vernünftigen Urheber
derselben zu schließen. Denn die Sinnenwelt ist gerade nicht möglicher terminus a quo [Ausgangspunkt]
des wissenschaftlichen Argumentationsganges. Die Transzendentalphilosophie leugnet gerade die objektive
vom Bewußtsein unabhängige Selbständigkeit einer realen Außenwelt, indem sie den Nachweis führt,
daß diese Welt nur als real und objektiv vorgestellt wird. Der objektiven Welt kommt also in Wahrheit
keine Existenz an sich zu“ (S. 51 [104]). Im Gegensatz zu Scheffczy halte ich mich an die Dogmen: „Wer
sagt, der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne mit dem natürlichen Licht der menschlichen
Vernunft durch das, was gemacht ist, nicht mit Sicherheit erkannt werden, der sei ausgeschlossen“ (NR
49; cf. DS 3026); „Wer sagt, die göttliche Offenbarung könne durch äußere Zeichen nicht glaubwürdig
werden, sie müsse also durch rein innere Erfahrung eines jeden oder durch persönliche Erleuchtung die
Menschen zum Glauben bewegen, der sei ausgeschlossen“ (NR 55; cf. DS 3033).
Vom „Einbruch des Kommunismus“ würde ich vor allem bei den nachkonziliaren Ereignissen sprechen. Von
tief- bis rosarot wurden diese Einbrüche stürmisch gefeiert, die Roten gingen plötzlich wieder brav
in die Kirche, „man war versöhnt“. Ich bin leider alt genug, um das alles selbst hautnah erlebt zu haben.
Nebenbemerkung: Die Vandalen sind unschuldig, sie gibt es seit 533 nicht mehr und der Begriff „Vandalismus“
wurde jetzt durch 2 hervorragende wissenschaftliche Ausstellungen: einmal in Värnamo, Schweden und in
einer polnisch-deutschen Ausstellung in Schloß Bevern 2003, endgültig als zweckgebundene Propaganda
des 18. Jhdts. dargestellt. Also meine Bitte: Bei den Begriffen den richtigen wählen: „Kommunistischer
Einbruch in die Kirche!“ richard
@H.H. P. Lingen: Bischof Storck Die von Scheffczyk angenommene „Dissertation“ verteidigt die Häresie
des Idealismus, konkret auch durch Leugnung des Dogmas von der natürlichen Gotteserkenntnis. Wer die
Dissertation von Storck kennt, wird sich fragen müsssen, ob diese Behauptung ein Witz sein soll. Man
verwechsle doch bitte nicht die natürliche Gotteserkenntnis mit den „fünf Wegen“ des hl. Thomas, an
die zu glauben doch wohl niemand verpflichtet ist! Und ob S.E. Storck „in der Apostasie“ bis zu seinem
Tode „verharrt“ habe, überlasse man doch bitte dem dafür kompetenten Richter! MfG Christoph Heger
#2 Dr. Otterbeck 06:52:36 | Sonntag, 11. Dezember 2005
Gaudete in Domino Man lese das Apostolische Schreiben vom 9. Mai 1975; während die Würzburger Synode
die buddhistische Option wählte, den Ansatz ins Nichts, blieb Montini katholisch. Die Osterfreude ist
das Lebensziel der Menschheit und bereits in der Zeit hängt daran das Glück der Zivilisation. Es geht
eben nicht um Politik –- auch antimoderne wie „Konrad“ machen Kirchenpolitik –- sondern um die Autorität
des Evangeliums, das zur Welt gebracht werden will. Also kennzeichnete der Heiloige Vsater am 8. Dez.
in Rom das Vatikanum II als petrinisch-marianisches Ereignis. „Das Konzil“ war eben nicht –- obwohl in
Ländern deutscher Zunge und insb. Holland so gedeutete –- Fanal der Machtergreifung „autonomer“ Theologie,
die sich die Kirchenmacht der „jesuitisch“ vormodernen Theologie aneignen wollte. Es ist das Signal des
Herabsteigens der Theologie, die dem Glaubensleben das Recht einräumt, zum Heil des Menschen. Die unter
„kreuznett“ abreagierten Machtkonflikte spirituell-theosophischer Provenienz werden aber mehr und mehr
zu Possenspielen auf drittklassigen Schaubühnen, während von den Enden der Erde die Völkerwallfahrt
längst unterwegs ist. Gerade weil das Kreuz nicht „nett“ ist gilt Ostern, gilt Betlehem. Gaudete!