Zweites Vatikanum
Es geht hier nicht um Anklagen
Die nachkonziliaren Krisenerscheinungen wurden durch die nach dem Konzil entstandene Atmosphäre und die unrealistischen Attitüden des Fortschrittsdenkens, der überzogenen Liberalität und der Verachtung der Tradition gefördert. Von Leo Kardinal Scheffczyk (†).
(kreuz.net) Die künftige Kirchengeschichtsschreibung wird festzustellen haben, ob zur Entschuldigung die Berufung auf die Kulturkrise der Menschheit – die das Konzil offenbar nicht erkannte – ausreicht oder ob doch nicht auch wirkliche innerkirchliche Versäumnisse statthatten.

Es sind jedoch Hinweise ernst zu nehmen, die von einer mangelnden authentischen Interpretation der Konzilsdokumente sprechen, von pädagogisch unvorbereiteten Demokratisierungsprozessen und der überhasteten, verordneten Liturgiereform.

Diesbezüglich ist die von H. Kuhn zitierte Klage nicht achtlos abzutun:

„Wenn Sie bedenken wollen: 1947 Mediator Dei, die Enzykliken Pius XII., und noch keine zwanzig Jahre später die Reform. Innerhalb von zwanzig Jahren ein lautloser Erdrutsch, ohne die geringsten Sicherungen für die Betroffenen, die Masse der traditionell Gläubigen. Es ist mir nicht verständlich, wie die Kirche als Hirte der ihr Anvertrauten ihre pastorale Verantwortung so mangelhaft in diesen Jahren wahrgenommen hat, daß die Gläubigen alter Schule schutzlos von dem Neuen überschwemmt werden“.

Aber es geht hier nicht um Anklagen und Schuldzuweisungen, sondern um geistliche Hilfe für die von den Schäden innerlich Betroffenen, die häufig resignieren, aus dem Leben der Kirche im ganzen emigrieren und in Privaträume des religiösen Lebens flüchten, die sich bald als Trennwände herausstellen könnten.

Hier ist den „traditionell Gläubigen“ – aber wer könnte sich der Tradition entziehen? – zuerst der vom Konzil selbst aufgestellte Grundsatz zur Verwirklichung anzuempfehlen, daß alle katholische Christen, die „des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amts Christi auf ihre Weise teilhaftig“ sind, „die Möglichkeit, zuweilen auch die Pflicht“ haben, „ihre Meinung zu dem was das Wohl der Kirche angeht, zu erklären.“

Das erfordert in der Situation des heutigen weltläufigen Konformismus nicht nur Klugheit, sondern auch Mut und – was seltener bedacht wird – einen Leidenswillen, der Zurücksetzungen, herablassende Ablehnungen und Verdächtigungen um der Kirche willen auf sich nimmt.

Die heutige Situation in Welt und Kirche ist von den davon innerlich Betroffenen nicht nur mit einer einzigen Grundhaltung und Tugend zu bewältigen. Es gehören dazu eine Vielzahl seelischen Dispositionen und Kräften, nicht unwesentlich bei allem auch der Erweis der brüderlichen Liebe.

Dieser darf wiederum nicht so geartet sein, daß das kritische Wort aus Gründen der geforderten Bruderliebe unterbleibt und nicht gesprochen wird. Es ist nicht das geringste Kennzeichen der weitreichenden geistigen Wirrnis, daß demjenigen, der den Irrtum benennt und aufzeigt, Mangel an Liebe vorgeworfen wird.

Diese Grundsätze wären den Gläubigen besonders zu empfehlen, die sich in ihrer Enttäuschung, faktisch oder sogar grundsätzlich, von der Kirche separieren und ein Eigendasein führen möchten.

Sie müssen bedenken, daß die Kirche als die „Grundfeste der Wahrheit“ als ganze von der Wahrheit nicht abfallen kann, selbst wenn es Situationen geben kann (und tatsächlich gab), in denen nicht für jedermann deutlich wird, wo die Wahrheit vertreten und erhalten wird.

Der Glaube an die Untrüglichkeit der Wahrheit in der Kirche ist keine Garantie, daß Krisen und Prüfungen ihr gänzlich erspart bleiben.

Wer diesen Glauben in bezug auf die eine konkrete Kirche aufgibt, um ihn etwa in einer anderen Gemeinschaft zu finden, hat ihn grundsätzlich verloren; denn wie könnte garantiert werden, daß sich dasselbe Geschehen nicht auch in der neuen Gemeinschaft ereignet?

Im Gegenteil: Glaubenserkenntnis und geschichtliche Erfahrungen sprechen dafür, daß in von der Kirche getrennten Gemeinschaften die Risse und Splitterungen weitergehen.

Die Prüfungszeit ist eine Aufforderung, den Glauben an die übernatürliche, göttliche Stiftung und Erhaltung der Kirche zu stützen und ihn über alle menschliche Schwäche und Sünde zu erheben.

Scheffczyk, Leo: Nachkonziliare Irritationen und die Irritierten, in: Eberts, Gerhard (Hg.) Das Zweite Vatikanische Konzil und was daraus wurde, Aschaffenburg 1985, 118-121.
      
4 Lesermeinungen
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#4   miles immaculatae   12:46:41 | Mittwoch, 14. Dezember 2005
Traditionell Gläubig?
Was soll das nun bedeuten? Ist ein „traditionell Gläubiger“ nun einer, für den Tradition „Demokratie für die Toten“ (Chesterton) ist, oder ein schlicht Stehengebliebener, oder ein, wie man im amerikanischen leicht abschätzig sagt „cradle catholic“? Glaubt da wer an die Tradition (katholisch hundertprozenig korrekt), oder glaubt da einer nur traditionell (nicht unkorrekt, aber doof). Der katholische Glaube ist stets rückbezogen auf die uns geschenkte Offenbarung und auf das nahezu 2000jährige Erbe der Kirche. Was also soll dieser Begriff bedeuten?
Ist das II. Vaticanum antitraditionell? In vielem ist das II. Vaticanum traditioneller als die mittelalterliche Tradition. Und die mißratene Liturgiereform, die teilweise in der Tat mit dem Erbe (nicht nur dem katholischen, sondern auch dem christlichen) aufräumt, läßt sich nicht auf das II. Vaticanum zurückführen.
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#3   Dr. Otterbeck   06:57:50 | Dienstag, 13. Dezember 2005
Lumen gentium
Ja, ich wurde rückfällig, habe „kreuz.nett“ noch ein bisschen getestet, vor Jahresende, komme aber wiederum zu dem Schluss, dass uns hier ein virtueller Katholizismus ohne Liebe präsentiert wird, eine Weltanschauung, die das Glaubensleben ablehnt. „Ich will nicht dienen“, das ist der Katechismus derer, die das Kreuz für „nett“ erklären.
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#2   Morus   05:07:03 | Dienstag, 13. Dezember 2005
Heilloses Durcheinander
Kardinal Scheffcsyk war einer, der aus dem Trümmerfeld durch Interpretation das Beste daraus machen wollte. An den Grundübeln des II Vatikanums hat auch er nichts ändern können. Das Grundübel bestand in der Abkehr oder zumindestens Verstümmelung der Tradition, sodass man heute nicht mehr weiss, was gilt. Gilt die Konstitution, gilt diese Enzyklyka, gilt jene? Re-ligo kommt von „Zurückbinden“. Das Konzil hat diese Bindungen geschwächt oder gar zerrissen. Die meisten Menschen sind damit verwirrt worden und wissen nicht mehr, wo Jesus Christus steht, was wahr ist, und woran sie sich halten können. Sie sind gleichzeitig friedlos geworden. Ich betrachte das ganze als eine Katastrophe grössten Ausmasses, die von Menschenhand gar nicht mehr repariert werden kann.
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#1   Athanasius   16:51:19 | Montag, 12. Dezember 2005
Naiv, leider
Wieder sehr naiv, dieser Beitrag. Gutgläubig, aber nicht realistisch. Die Anzünder der nachkonziliaren emotionalen Progressivität liegen in den doppeltsinnigen únd den falschen Konzilsaussagen, etwa in Dignitatis Humanae.
Aber Leo Kardinal Scheffczyk: ut requiescat in pace.
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