09:33:26 | Mittwoch, 21. Dezember 2005
(kreuz.net, Rom) Kürzlich traf sich Mons. Bernard Fellay – der Generalobere der Priesterbruderschaft
St. Pius X. – mit dem für die Gläubigen des Alten Ritus zuständigen Kurienkardinal Dario Castrillón
Hoyos.
Über diese Begegnung sprach Bischof Fellay bei einem Vortrag am Sonntag, dem 11. Dezember. Der
Bischof sprach in der Kirche St-Nicolas du Chardonnet in Paris vor etwa 1000 Leuten.
Die Ansprache ist
im Internet im französischen Originalton abhörbar und dauert etwa 90 Minuten.
In seinen Ausführungen
erklärt Mons. Fellay, daß sich die Piusbruderschaft in ihrem Verhältnis zur Römischen Kirche an der
Haltung ihres Gründers, Erzbischof Marcel Lefèbvre († 1991), orientiere.
Die Bruderschaft fordere eine
Unabhängigkeit vom „modernistischen Rom“, lehne aber jede Form des Sedisvakantismus ab, das heißt, sie
anerkenne die gegenwärtige kirchliche Hierarchie.
Nach Angaben von Mons. Fellay weiß in Rom niemand
genau, was der Papst plant. Es gebe im Vatikan zur Zeit viele Gerüchte, aber gehandelt werde wenig.
Unter den Gerüchten erwähnt Mons. Fellay eine Interpretation der „Beförderung“ von Erzbischof Domenico
Sorrentino, der bisher der zweite Mann in der Gottesdienstkongregation war. Erzbischof Sorrentino wurde
im November zum Bischof von Assisi ernannt.
Mit dieser Ernennung soll er angeblich für eine „boshafte
und provokative“ Erklärung gegen die Alte Messe im letzten August bestraft worden sein.
Mons. Sorrentino
sei auch dafür verantwortlich, daß ein Dekret zur Freigabe der Alten Messe, das nach der letzten Bischofssynode
publiziert werden sollte, blockiert wurde.
Dennoch betonte Bischof Fellay, daß die Tradition heute in
Rom mehr Gewicht habe und daß der Alte Ritus inzwischen von vielen als legitim akzeptiert werde.
Allerdings
terrorisiere ein „mächtiges neomodernistisches Netzwerk“ die Bischöfe und den Klerus, um einen Fortschritt
in diese Richtung zu verhindern.
Dieses Netzwerk sei in der Hierarchie sehr mächtig und versuche, jede
Bewegung des Papstes in Richtung auf die Tradition und die Alte Messe zu blockieren.
„Eines ist sicher“,
erklärt Mons. Fellay, „die Progressisten sind gegen den Papst“.
Sie hofften auf ein kurzes Pontifikat
und darauf, daß der nächste Papst aus ihren Reihen kommen werde.
Eine volle Freigabe der Zelebration
der Alten Messe sei unter diesen Umständen kurzfristig nicht zu erwarten. Der Papst selber wünsche sich
eine allgemein bessere Atmosphäre im Bereich der Liturgie, bevor er in dieser Richtung weiterschreiten
wolle.
Mons. Fellay erklärte weiter, daß man im Vatikan seit einem Jahr – also bereits vor der Wahl
von Benedikt XVI. – daran arbeite, den altrituellen Gemeinschaften einen neuen Status und mehr Gewicht
zu geben.
Ein Zugeständnis an die traditionalistischen Gläubigen sei vielleicht im Sinne der Regelung
zu erwarten, die mit der brasilianischen Diözese Campos erreicht worden sei.
Diese verweigerte nach
dem Zweiten Vatikanum die Einführung der Neuen Liturgie und verband sich mit der Priesterbruderschaft
St. Pius X., bis im Jahr 2002 eine Einigung mit Rom zustande kam.
Danach wurde eine Personaldiözese
errichtet, die weiterhin im Alten Ritus zelebriert.
Ernsthafte Konfliktpunkte zwischen der Piusbruderschaft
und dem Papst bestehen nach Aussage von Mons. Fellay in erster Linie in der Beurteilung des Zweiten Vatikanischen
Konzils.
Das Konzil sei für den Papst ein „Tabu“, vor allem wenn die Lefèbvristen versuchten, einige
theologische Punkte im Konzil zu debattieren.
Es wurde den Traditionalisten in der Vergangenheit zwar
erlaubt,
eine Liste von Dubia – theologischen Zweifeln – einzureichen, aber nach Aussagen von Mons. Fellay
scheut Rom den theologischen Dialog über das letzte Konzil.
In seinem Vortrag würdigt Mons. Fellay
die Worte von Kardinal Castrillón anläßlich
eines Fernsehinterviews mit dem italienischen Fernsehen.
Darin erklärte der Kardinal, daß man nicht von einem Schisma zwischen Rom und der Piusbruderschaft sprechen
könne.
Es gebe auch ernsthafte Anstrengungen, die Exkommunikation der Bischöfe der Priesterbruderschaft –
Mons. Fellay nannte sie eine „Vogelscheuche“ – aufzuheben.
Der Bischof erklärt ferner, daß junge Priester
in vielen Ländern den Alten Ritus lernen würden.
Ebenso sei die Zahl der Bischöfe, welche um eine
Freigabe der Alte Messe bitten würden, nach Angaben von Kardinal Castrillón am Wachsen. In jüngster
Zeit hätten sich diesbezüglich alleine fünf spanische Bischöfe gemeldet.
Allgemein ist der Ton des
Vortrages von Mons. Fellay sehr gemäßigt und ermutigend. Der Bischof bezeichnet das Arbeitsessen mit
Kardinal Castrillón als „fruchtbar“.
Es gebe – ohne falschen Illusionen zu verfallen – mehr Grund zur
Hoffnung als zur Unzufriedenheit.
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