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Donnerstag, 22. Dezember 2005 19:09
Die Liturgie als heiliges Spiel vor Gott
Unter dem Titel „Musica sacra unter dem Anhauch des Geistes“ hinterließ der am Fest der Immaculata verstorbene Kardinal Leo Scheffczyk sein kirchenmusikalisches Testament.
(kreuz.net) Heute ist als pfingstliche Gabe besonders die Unterscheidung der Geister zur Bestimmung des Eigencharakters der Musica Sacra vonnöten und die rechte Eingrenzung des religiös-kultischen Anspruchs der Musik.

Es kann sein, daß auf diesem Wege zunächst eine Reduzierung der musikalischen Möglichkeiten im sakralen Raum erfolgt, welche aber in Wirklichkeit eine Konzentrierung auf das Kern- und Wesenhafte erbringt, die so den von allen Seiten andringenden Gefahren widerstehen kann: sei es dem Einzug der Unterhaltungs- und Trivialmusik in die Kirche, sei es dem Auszug der Kunstmusik aus dem Kirchenraum in den Konzertsaal.

Was aber ist das unterscheidende Christliche, das die Kriterien für die geistliche Musik abgeben kann?

Es ist nicht schon getroffen, wenn man die Begriffe Religion, Symbol, Transzendenz, Spiritualität oder Meditation großzügig auf eine Musik anwendet.

Denn religiös und symbolhaft ist auch buddhistische und hinduistische Musik, woraus sich – bei einem verwaschenen Begriff des Religiösen – die heutigen westlichen Abwanderungstendenzen nach dem Osten erklären. Transzendierend, das heißt, übersteigend, kann auch das suchende Kreisen des Menschen um sich selbst genannt werden, das gerade kein Festmachen an einem höheren Ziel will, so daß man zu Recht von einem „Transzendieren ohne Transzendenz“ spricht.

Für den Philosophen Ernst Bloch ist es „die Weltwurzel, die in Musik weitertreibt“ und die als eine „utopisch-tendierende“… „das Inkognito des Jetzt lichtet“.

„Spiritualität“ aber ist ein so vielfältig verwendeter Begriff, daß er mit jedem Geist oder Ungeist verbunden werden kann.

Alle diese Kategorien müssen vom Christentum – zwar nicht eliminiert, aber – geläutert und überhöht werden, um das spezifisch Christliche an der Musik zu treffen.

Dann wird ersichtlich: „Religion“ ist „christlich“ die von Gott in Jesus Christus und in der Herabkunft des Geistes vollendete Offenbarung.

„Transzendenz“ besagt die Verwiesenheit des Menschen und seiner Welt auf das die Natur überragende Geheimnis des dreifaltigen göttlichen Lebens.

„Symbol“ ist das von diesem Leben erfüllte Sakrament, zumal das „Mitte und Höhepunkt“ christlichen Lebens bildende Sakrament der Eucharistie, welches auch im Zentrum kirchenmusikalischen Schaffens steht.

„Spiritualität“ aber ist die auf das Geheimnis des Glaubens ausgerichtete Lebenshaltung, die vom Geist inspiriert ist, welcher der Geist der Wahrheit und der Heiligkeit ist.

Aus diesen Grundsätzen ließe sich eine ganze Kriteriologie der religiös-christlichen, geistlichen und kultischen Musik erheben, die sich in der Liturgie an der geheimnishaften Wahrheit des Heiligen und des Heiles auszurichten hat.

Aber besitzt die Musik als Kunst, als Form des Ästhetischen und des Schönen nicht ihre eigene Wahrheit?

Gewiß! Jedoch ist auch diese im Zusammenhang mit der Wahrheit im ganzen zu sehen: „Die Schönheit ist der Glanz, der Duft des Wahren, splendor veri“ (Dietrich von Hildebrand).

Insoweit ein Kunstwerk Sinn, Idee und Wert zum Ausdruck bringt und ausstrahlt, ist es wahr, weil es gleichsam ein „Wort“ verkündet, das der Tiefe und Höhe der Wirklichkeit entspricht.

Freilich müssen bei einem spezifischen Kunstwerk – hier der Sakralmusik – die ausgedrückten Ideen und Werte auch dem besonderen Sinn- und Wertbereich entsprechen: der Liturgie und dem kultischen Geschehen, das gleichsam „ein heiliges Spiel“ vor Gott ist.

So ist an einer Vereinbarkeit von musikalischer Kunst und Liturgie nicht zu zweifeln, auch wenn es merkwürdige Bestreitungen dieser Zusammengehörigkeit gibt wie die folgende:

„Von dem im guten Sinne esoterischen Wesen her ist (echte Kunst, auch die Kirchenmusik) mit dem Wesen der Liturgiereform kaum in Übereinstimmung zu bringen“ – eine Behauptung, die um so merkwürdiger klingt, als sie zur gleichen Zeit erhoben wurde, da die Kirche sich zu einer fast vorbehaltlosen Weltöffnung entschloß.

Aber Fehlurteile ergehen auch aus umgekehrter Richtung, in der die Wahrheitsfrage, die Frage der Entsprechung zum Sakralen und Kultischen, nicht mehr gestellt und behauptet wird, daß Rock und Popmusik schon deshalb kultisch legitim seien, weil sie das Lebensgefühl der modernen Jugend ausdrückten.

Aber Liturgie ist nicht neuerungssüchtige Selbstdarstellung des Menschen, sondern Dienst des Erlösten vor dem Erlösergott, dessen Werk er im soterischen Kult aufnimmt und im latreutischen Kult opfernd, lobend und dankend wiedergibt.

aus: MUSICA SPIRITUS SANCTI NUMINE SACRA, Beiträge zur Theologie der Musica Sacra aus den Publikationen der „Consociatio Internationalis Musicae Sacrae“, Romae, herausgegeben von Gabriel Maria Steinschulte, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 2001, S.53-55.
1 Lesermeinung:
Freitag, 23. Dezember 2005 10:51
Frl.Ilse: @Musik und Kunst
Vor ein paar Wochen haben wir uns schon mal heftig über Musik, sakrale Musik im besonderen, in diesem Forum gestritten. Zu diesem Thema will ich nun ein Zitat aus dem aktuellen, so vielgescholtenen „Spiegel“ anführen, es stammt aus dem (wirklich guten!) Leitartikel über Mozart.
Der Autor ist fest davon überzeugt, „dass das ‘Credo’ aus der ‘Missa Solemnis’ von 1780 im Stande ist, auch den Hartgesottensten den Glauben an den lieben Gott zurückzugeben, ja sogar den Glauben daran, dass er tatsächlich lieb ist“.
Hier wird die Funktion von sakraler Musik treffend und verständlich deutlich gemacht.
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