Benedikt XVI.
Die Probleme des Konzils im Rückblick
Benedikt XVI. hielt gestern vor der Römischen Kurie einen Jahresrückblick: der Tod seines Vorgängers, der Weltjugendtag, die Bischofssynode, das 40jährige Jubiläum des Zweiten Vatikanums und der Tag, als er – „zu meinem Schrecken“ – zum Papst gewählt wurde.
(kreuz.net, Vatikan) Wir haben dieses Jahr große Ereignisse erlebt. Ich denke vor allem an den Tod unseres geliebten Heiligen Vaters Johannes Paul. Kein Papst hat uns so viele Texte hinterlassen wie er, keiner hat – so wie er – die ganze Welt besucht und mit Menschen in allen Kontinenten gesprochen.

Aber am Schluß seines Lebens hat er einen Weg des Leidens und des Schweigens angetreten. Es bleibt uns unvergeßlich, wie er am letzten Palmsonntag mit einem Palmzweig in der Hand am Fenster war und – von Schmerz gezeichnet – seinen Segen gab.

Er hat uns in Wort und Werk Großes gegeben. Aber er hat uns vom Lehrstuhl des Leidens und Schweigens aus auch etwas Wichtiges gesagt.

Einer der bedeutendsten Punkte seines Denkens war, daß es eine Barriere gegen das Böse gibt: die göttliche Barmherzigkeit. Jesu Leiden am Kreuz hat die Macht des Bösen definitiv gebrochen – das ist nicht einfach nur eine theologische Lehre, sondern kam im gelebten Glauben zum Ausdruck und reifte im Leiden.

Die weltweite Reaktion auf den Tod des Papstes war ein bewegendes Zeichen der Dankbarkeit dafür, daß er sich völlig Gott für die Welt hingegeben hatte – dafür, daß er in einer Welt voll Haß und Gewalt gezeigt hat, wie man für die anderen liebt und leidet.

Der Weltjugendtag in Köln war ein großes Geschenk. Über eine Million junger Leute hat am Rhein das Wort Gottes gehört, gebetet, gebeichtet und die Eucharistie gefeiert, aber auch zusammen gesungen und gefeiert.

In all diesen Tagen herrschte einfach die Freude.

Für die Polizei gab es fast nichts zu tun. Der Herr hatte seine Familie zusammengerufen. Allen, die dabeiwaren, bleibt das Schweigen dieser Million junger Leute im Augenblick, als der Herr im Sakrament auf dem Altar über ihnen thronte.

Behalten wir die Bilder von Köln in unserem Herzen: Sie sind ein Zeichen, das weiterwirkt.

Ein anderes großes Ereignis dieses Jahr war die Bischofssynode zur Eucharistie. Sie zeigte, daß es tatsächlich noch Neues zur Eucharistie zu sagen gibt, daß die Lehre noch weiter entfaltet werden kann.

In den Beiträgen der Synodenväter spiegelte sich der Reichtum des eucharistischen Lebens in der heutigen Kirche. Jetzt entsteht ein postsynodales Dokument in enger Bindung mit den Vorschlägen, den synodalen „Propositiones“.

Es bewegt mich zu sehen, wie überall in der Kirche die Freude an der eucharistischen Anbetung wiedererwacht und ihre Früchte zeigt. In der Zeit der Liturgiereform wurden die Messe und die Anbetung oft als zwei Gegensätze aufgefaßt – in der Gebetserfahrung der Kirche hat sich jetzt gezeigt, daß ein solcher Gegensatz sinnlos ist.

Die Eucharistie empfangen, bedeutet, den anzubeten, den wir empfangen. Nur so werden wir eins mit ihm.

Ich will auch noch an die Feier zum Abschluß des Konzils vor vierzig Jahren erinnern.

Das führt zur Frage: Was war das Ergebnis des Konzils? Wurde es richtig rezipiert? Was war bei dieser Rezeption gut, was ungenügend oder falsch? Und was bleibt noch zu tun?

Niemand kann leugnen, daß die Umsetzung des Konzils in großen Teilen der Kirche eher schwierig verlaufen ist. Warum? Alles hängt von der richtigen Interpretation des Konzils ab oder – wie wir heute sagen würden – von seiner richtigen Hermeneutik.

Die Probleme der Konzilsrezeption rühren daher, daß zwei verschiedene Hermeneutiken im Widerstreit miteinander lagen.

Die eine führte zu Verwirrung, die andere brachte – im Stillen, aber immer sichtbarer – ihre Früchte. Die eine Interpretation sieht das Konzil als Diskontinuität und Bruch. Sie konnte sich die Sympathie der Massenmedien und eines Teils der modernen Theologie sichern, setzt aber die Konzilstexte und einen angeblichen „Geist“ des Konzils in Gegensatz zu einander und riskiert, einen Bruch zwischen einer vor- und einer nachkonziliaren Kirche zu bewirken.

Die andere ist die Hermeneutik der Reform, der Erneuerung in der Kontinuität der Kirche, so wie Johannes XXIII. und Paul VI. sie wollten.

Das Konzil wollte mit Blick auf die Welt drei große Themenkreise beantworten:

• Es galt, die Beziehung zwischen Glauben und modernen Wissenschaften neu zu definieren.

• Es galt, die Beziehungen der Kirche zum modernen Staat zu definieren.

• Und es gab die Problematik der religiösen Toleranz. Vor allem galt es, nach den nationalsozialistischen Verbrechen und mit Blick auf eine lange, schwierige Geschichte die Beziehung zum Glauben Israels neu zu bewerten.

In all diesen Punkten, die letztlich zusammengehören, wollte das Konzil Neuerung in Kontinuität.

Die Kirche ist – vor dem Konzil wie nachher – ein und dieselbe: die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche auf dem Weg durch die Zeit.

Wenn wir das Zweite Vatikanum mit der richtigen Hermeneutik lesen und rezipieren, kann es immer mehr eine große Kraftquelle für die immer notwendige Erneuerung der Kirche sein.

Zum Schluß sollte ich vielleicht noch an den 19. April dieses Jahres erinnern, als die Kardinäle mich zu meinem Schrecken zum Nachfolger von Papst Johannes Pauls II. wählten.

Das hätte ich mir nie als meine Berufung vorgestellt. Nur mit großem Gottvertrauen konnte ich „Ja“ sagen. Ich danke allen, die mich mit soviel Vertrauen, Güte und Verständnis aufnehmen und mich jeden Tag mit ihrem Gebet begleiten.

Auszüge aus der gestrigen Ansprache von Benedikt XVI. an die Römische Kurie wurden von Radio Vatikan auf Deutsch veröffentlicht.
      
13 Lesermeinungen
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#13   nicephor   18:50:25 | Freitag, 27. Januar 2006
@ Dottore Regazzoni
Würden Sie dasselbe auch über, hm, sagen wir mal, Erzbischof Lefebvre sagen? Würden Sie sich auch aufregen, wenn ein Vetus-Ordo-Priester Ihnen sagt, dass Kollege Lefebre Sie vom Himmel segnet?
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#12   Agiafortuni   14:20:07 | Dienstag, 3. Januar 2006
unser geliebter heiliger Vater
Dass Jopa II einen gewinnende Persönlichkeit hatte, ist unbestritten. Ob er sie immer für eine gute Sache eingesetzt hat, wage ich zu bezweifeln. Es steht uns nicht an, ihn zu richten, doch ist es uns erlaubt festzustellen, dass sein Verhalten in den meisten Fällen keine besonders katholische Einstellung verriet. Daher war es von Kardinal Ratzinger ungebracht, zu erklären: Unser lieber heiliger Vater ist in das Haus des Herrn eingetreten, von wo aus er uns segnet. Wer hat es ihm gesagt. Angebrachter wäre es gewesen zu erklären: Beten wir für ihn, es möge ihm, jetzt, wo er vor den ewigen Richter tritt, Gottes Liebe und Barmherzigkeit zuteil werden. Eine solche Aussage nimmt Gottes Beschluss nicht vorweg.
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#11   Christin   20:05:06 | Dienstag, 27. Dezember 2005
Tod unseres geliebten Heiligen Vaters Johannes Paul.
Er hat ein „autarkes“ und „glaubwürdiges“ Zeugnis eines *Johannesevangelium *gegeben.
Ein Mensch wie er schreibt lebendige Evangelium mit seinem eigenen Leben.
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#10   Agiafortuni   09:24:54 | Samstag, 24. Dezember 2005
Gotthard’s „keine Argumente“
Natürlich brauchen wir Argumente, denn viele aufrichtige und in ihrem Herzen katholisch gebliebene Menschen sind von den Wahnvorstellungen eines Karl Rahners derart verblendet, dass ein sachliches Gespräch nicht mehr zustande kommt. Karl Rahner hat eine wunderbare Stimme, die er jedoch dazu missbrauchte, gutgläubige Menschen zu verblenden
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#9   Gotthard   00:41:50 | Samstag, 24. Dezember 2005
ah ja
dazu brauchen wir dann auch keine argumente.
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#8   Agiafortuni   00:35:34 | Samstag, 24. Dezember 2005
Gotthard
Dass ein sich an den Theologoumena Rahners orientierendes Lehramt nicht vertrauenswürdig ist.
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#7   Gotthard   00:16:42 | Samstag, 24. Dezember 2005
@Athanasius
und was soll uns das nun sagen?
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#6   Athanasius   23:32:10 | Freitag, 23. Dezember 2005
@Regazzoni!
Sie haben völlig Recht!!!
Auch gut ist dazu zu erwähnen, daß K. Rahner SJ, wie nachher ausgekommen ist, damals – als Zölibatärer Ordensmann – eine amoureuse Beziehung zu einer Frau hatte. Diese Frau trug aber nicht den Namen von Katharina von Bora…
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#5   Agiafortuni   13:34:26 | Freitag, 23. Dezember 2005
Quo usque tandem Carlus Rahner tu abutere patientia nostra
In einer von Sachverständigen herausgegebenen Aufsatzreihe unter dem Titel: Karl Rahner, kritische Annäherung steht ein Hinweis seines Epigonen Vorgrimmler (26) wo Rahner – immerhin einfacher Ordensmann – sich in frevelhafter Weise wie folgt über Kardinal Ottaviani äussert: „Man soll es diesem grässlichen Bonzen nicht zu leicht machen. Merken sie Widerstand, sind sie wenigstens beim nächsten Fall vorsichtiger und überlegen es sich nochmals…Diese Integralismuswell muss doch auf alle Arten bekämpft werden.“ Als Luther mit einer ähnlichen Arroganz auftrat, wurde er vom heiligmässigen Kardinal Kajetan davongewiesen mit der Auflage, erst dann wieder vor ihn zu treten, wenn er seine Gesinnung geändert hätte. Mit Recht sah Kajetan, dass es besser ist Leute wie Luther aus der Kirche auszuschliessen als ihnen zu gestatten, in den heiligen Stätten ihr Unwesen zu treiben. Leider sass auf dem Thron Petri ein anderer Frevler mit Namen Johannes XXIII und dieser liess es zu, dass Rahner an der Verwüstung der heiligen Stätte mitarbeitete
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#4   Athanasius   13:09:55 | Freitag, 23. Dezember 2005
Sie sollten lieber…
…etwas vorsichtiger sein mit Aussagen, lieber Dipl.-Ing. aus Brandenburg.
Aber ich stimme Ihnen völlig zu, dass diese Rede nichts klärt, und eine direkte Fortsetzung des „traditionellen“- Vatikanum-II.-Pontifikats JP II. sein wird, worin ja angeblich auch alles „konform der Tradition“ war „der lebendigen Tradition“ womit man eigentlich sagen will: neue Doktrine, etwa Assisi und Allerlösung. Ohne Zweifel.
Lesen Sie mal: überall gibt’s „Neu“-igkeiten. Neue Doktrin zum Judentum, Neue Doktrin zur Religionsfreiheit, Neue Doktrin zur Wissenschaft (eher dass man naiv Teilhardinistisch inspiriert wahr, von De Chardin SJ der kein Wissenschaftler mehr seriös nimmt), Neue Doktrin zu anderen Religionen. Alles neu, und jedermann sieht, dass es neu ist, aber dennoch sei alles „konform der Tradition“ und „in Kontinuität“, obwohl doch Neu und Geändert. Sowas kann man nur sagen, wenn man an die Evolution des Dogma und die Änderlichkeitstheorien des (Neo-)Modernismus glaubt. Leider muss ich dies sagen.
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#3   Brandenburgis   12:49:25 | Freitag, 23. Dezember 2005
„Benedikt“
Hier spricht zweifellos kein Papst, sondern ein Propagandist und Demagoge.
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#2   Stimme aus dem Tradiland   10:19:09 | Freitag, 23. Dezember 2005
Die Probleme der Synode werden vom Hl. Vater unrichtig dargestellt,
wie von einem ehemaligen V2-Peritus nicht anders zu erwarten. Wie ja die – mißbrauchte – Autorität der Päpste seit Johannes XXIII. die einzige Quelle für die Gerüchte sind, V2 wäre ein Konzil gewesen.
In dem die Synode („Konzil“) betreffenden Teil ist kaum was richtig. Ein besonders auffälliges Beispiel: „Vor allem galt es, nach den Nazi-Verbrechen und mit Blick auf eine lange, schwierige Geschichte die Beziehung zum Glauben Israels neu zu bewerten.“
D.h., weil nationalsozialistische Verbrecher, deren Ideologie(n) auf die Aufklärung und die französische Revolution zurückreichen (Nationalismus, Sozialismus insb.), also aus antichristlichen Quellen gespeist werden, Verbrechen an Juden begangen haben, deswegen muß die Kirche – die dafür nicht verantwortlich war – gleich mehrfach ihre traditionelle Lehre über Bord werfen:
Dass der alte Bund durch den neuen abgelöst wurde, niemand – auch kein Jude – ungetauft in den Himmel kommt, es außerhalb der Kirche kein Heil gibt. Und dass die Gründung des Staates Israel, wiederum aus trüben Quellen resultierend (Nationalismus, Sozialismus, Masonismus, zusammen als Zionismus), ein angemaßtes Menschenwerk, ein Aufstand gegen Gott, ein neuer Turmbau zu Babel ist, hat pseudobiblischen Prophezeiungsdeutungen vom „gelobten Land der Juden“ weichen müssen.
Damit die Aufklärung, die französische Revolution, der Modernismus, der Libertinismus, der Masonismus usw. in die Kirche implementiert werden konnte, dazu war V2 da.
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#1   Agiafortuni   10:09:32 | Freitag, 23. Dezember 2005
Konzil: Kontinuität oder Bruch
Bei aller Wertschätzung für die grosse Bildung Benedikt XVI kann ich seine Auffassung, dass das Konzil keinen Bruch mit der vorkonziliaren Tradition vollzogen habe, nicht mitvollziehen. Selbstverständlich hat das Konzil keine Häresien verkündet, jedoch ein völlig neues Glaubensverständnis hervorgebracht, das eindeutig im Widerspruch zu Humani generis steht. Dementsprechend wurden beim Konzil, die in diesem Doukument festgelegten Glaubensregeln eindeutig verletzt. Dazu Pius XII: Man darf ebenfalls nicht annehmen, dass dasjenige, was in den Enzykliken dargelegt wird, als solches keine Zustimmung verlange, weil die Päpste darin nicht die höchste Gewalt ihres Lehramtes ausübten. Denn es handelt sich dabei um Aeusserungen kraft des Ordentlichen Lehramtes, von dem auch das Wort Christi gilt: Wer euch hört, der hört mich. Noch dazu gehört sehr häufig das, was die Enzykliken lehren und einschärfen, schon anderswoher zur katholischen Glaubenslehre. Wenn also die Päpste in ihren Verfügungen vorsätzlich ein Urteil über eine bis dahin umstrittene Sache aussprechen, dann ist es für alle klar, dass diese Ansicht nach der Absicht und dem Willen dieser Päpste nicht mehr als eine Frage gelten kann, welche der freien Erörterung zwischen den Theologen unterliegt.
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