07:10:14 | Freitag, 23. Dezember 2005
Benedikt XVI.
Benedikt XVI. hielt gestern vor der Römischen Kurie einen Jahresrückblick: der Tod seines Vorgängers, der Weltjugendtag, die Bischofssynode, das 40jährige Jubiläum des Zweiten Vatikanums und der Tag, als er – „zu meinem Schrecken“ – zum Papst gewählt wurde.
(kreuz.net, Vatikan) Wir haben dieses Jahr große Ereignisse erlebt. Ich denke vor allem an den
Tod unseres
geliebten Heiligen Vaters Johannes Paul. Kein Papst hat uns so viele Texte hinterlassen wie er, keiner
hat – so wie er – die ganze Welt besucht und mit Menschen in allen Kontinenten gesprochen.
Aber am Schluß
seines Lebens hat er einen Weg des Leidens und des Schweigens angetreten. Es bleibt uns unvergeßlich,
wie er am letzten Palmsonntag mit einem Palmzweig in der Hand am Fenster war und – von Schmerz gezeichnet –
seinen Segen gab.
Er hat uns in Wort und Werk Großes gegeben. Aber er hat uns vom Lehrstuhl des Leidens
und Schweigens aus auch etwas Wichtiges gesagt.
Einer der bedeutendsten Punkte seines Denkens war, daß
es eine Barriere gegen das Böse gibt: die göttliche Barmherzigkeit. Jesu Leiden am Kreuz hat die Macht
des Bösen definitiv gebrochen – das ist nicht einfach nur eine theologische Lehre, sondern kam im gelebten
Glauben zum Ausdruck und reifte im Leiden.
Die weltweite Reaktion auf den Tod des Papstes war ein bewegendes
Zeichen der Dankbarkeit dafür, daß er sich völlig Gott für die Welt hingegeben hatte – dafür, daß
er in einer Welt voll Haß und Gewalt gezeigt hat, wie man für die anderen liebt und leidet.
Der
Weltjugendtag
in Köln war ein großes Geschenk. Über eine Million junger Leute hat am Rhein das Wort Gottes gehört,
gebetet, gebeichtet und die Eucharistie gefeiert, aber auch zusammen gesungen und gefeiert.
In all diesen
Tagen herrschte einfach die Freude.
Für die Polizei gab es fast nichts zu tun. Der Herr hatte seine
Familie zusammengerufen. Allen, die dabeiwaren, bleibt das Schweigen dieser Million junger Leute im Augenblick,
als der Herr im Sakrament auf dem Altar über ihnen thronte.
Behalten wir die Bilder von Köln in unserem
Herzen: Sie sind ein Zeichen, das weiterwirkt.
Ein anderes großes Ereignis dieses Jahr war die
Bischofssynode
zur Eucharistie. Sie zeigte, daß es tatsächlich noch Neues zur Eucharistie zu sagen gibt, daß die Lehre
noch weiter entfaltet werden kann.
In den Beiträgen der Synodenväter spiegelte sich der Reichtum des
eucharistischen Lebens in der heutigen Kirche. Jetzt entsteht ein postsynodales Dokument in enger Bindung
mit den Vorschlägen,
den synodalen „Propositiones“.
Es bewegt mich zu sehen, wie überall in der Kirche
die Freude an der eucharistischen Anbetung wiedererwacht und ihre Früchte zeigt. In der Zeit der Liturgiereform
wurden die Messe und die Anbetung oft als zwei Gegensätze aufgefaßt – in der Gebetserfahrung der Kirche
hat sich jetzt gezeigt, daß ein solcher Gegensatz sinnlos ist.
Die Eucharistie empfangen, bedeutet,
den anzubeten, den wir empfangen. Nur so werden wir eins mit ihm.
Ich will auch noch an die Feier zum
Abschluß des Konzils vor vierzig Jahren erinnern.
Das führt zur Frage: Was war das Ergebnis des Konzils?
Wurde es richtig rezipiert? Was war bei dieser Rezeption gut, was ungenügend oder falsch? Und was bleibt
noch zu tun?
Niemand kann leugnen, daß die Umsetzung des Konzils in großen Teilen der Kirche eher schwierig
verlaufen ist. Warum? Alles hängt von der richtigen Interpretation des Konzils ab oder – wie wir heute
sagen würden – von seiner richtigen Hermeneutik.
Die Probleme der Konzilsrezeption rühren daher, daß
zwei verschiedene Hermeneutiken im Widerstreit miteinander lagen.
Die eine führte zu Verwirrung, die
andere brachte – im Stillen, aber immer sichtbarer – ihre Früchte. Die eine Interpretation sieht das
Konzil als Diskontinuität und Bruch. Sie konnte sich die Sympathie der Massenmedien und eines Teils der
modernen Theologie sichern, setzt aber die Konzilstexte und einen angeblichen „Geist“ des Konzils in Gegensatz
zu einander und riskiert, einen Bruch zwischen einer vor- und einer nachkonziliaren Kirche zu bewirken.
Die andere ist die Hermeneutik der Reform, der Erneuerung in der Kontinuität der Kirche, so wie Johannes
XXIII. und Paul VI. sie wollten.
Das Konzil wollte mit Blick auf die Welt drei große Themenkreise beantworten:
• Es galt, die Beziehung zwischen Glauben und modernen Wissenschaften neu zu definieren.
• Es galt,
die Beziehungen der Kirche zum modernen Staat zu definieren.
• Und es gab die Problematik der religiösen
Toleranz. Vor allem galt es, nach den nationalsozialistischen Verbrechen und mit Blick auf eine lange,
schwierige Geschichte die Beziehung zum Glauben Israels neu zu bewerten.
In all diesen Punkten, die letztlich
zusammengehören, wollte das Konzil Neuerung in Kontinuität.
Die Kirche ist – vor dem Konzil wie nachher –
ein und dieselbe: die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche auf dem Weg durch die Zeit.
Wenn wir das Zweite Vatikanum mit der richtigen Hermeneutik lesen und rezipieren, kann es immer mehr eine
große Kraftquelle für die immer notwendige Erneuerung der Kirche sein.
Zum Schluß sollte ich vielleicht
noch an den 19. April dieses Jahres erinnern, als die Kardinäle mich zu meinem Schrecken zum Nachfolger
von Papst Johannes Pauls II. wählten.
Das hätte ich mir nie als meine Berufung vorgestellt. Nur mit
großem Gottvertrauen konnte ich „Ja“ sagen. Ich danke allen, die mich mit soviel Vertrauen, Güte und
Verständnis aufnehmen und mich jeden Tag mit ihrem Gebet begleiten.
Auszüge aus der gestrigen Ansprache
von Benedikt XVI. an die Römische Kurie wurden von Radio Vatikan auf Deutsch veröffentlicht.
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