Weihnachten
Die zwei ersten Theologen
Ochs und Esel sind über die Fremden, die ihren Stall belagern, ein wenig erzürnt. Sie besprechen untereinander, wie sie die drei Menschenkinder vor die Türe setzen könnten.
Esel: Uaah – i – ahhh. Hat der Bauer wieder vergessen, draußen die Lampe zu löschen ? Es ist so hell, daß man gar nicht schlafen kann.

Ochs: Sssstttt. Ich höre jemanden. Draußen stehen zwei Fremde. Das Licht muß von ihnen kommen.

Esel: Welche Fremden?

Ochs: Die zwei Armseligen dort. Der ältliche Mann reibt sich die Hände vor Kälte. Und seine dicke Frau blickt nachdenklich in unseren Stall.

Esel: Ihnen scheint sehr kalt zu sein. Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als in diese Nacht unser Haus mit ihnen zu teilen. Hoffentlich machen sie das Licht bald wieder aus. Ich kann nicht schlafen.

Ochs: Du hast recht. Wir werden unsere soziale Ader zeigen. Gute Nacht.

Esel: Du Ochs, ich kann nicht schlafen. Seit diese Kerle herinnen sind, ist es noch heller als vorher.

Ochs: Aber die Fremden haben doch gar keine Lampen.

Esel: Dann muß draußen der Vollmond besonders tief stehen. Aber Ochs – du Rindvieh – wach erst mal richtig auf. Es sind nicht zwei Leute bei uns eingekehrt. Wir beherbergen heute nacht drei Menschenkinder. Du hast den kleinen Blondlockigen übersehen.

Ochs: Es waren zwei. Da bin ich mir ganz sicher. Ich bin doch kein Esel.

Esel: Jetzt ist nicht die Zeit zu streiten, mein vierbeiniger Freund. Doch hast du bemerkt, daß dieser kleine Zweibeiner unsere Futterkrippe besetzt hält?

Ochs: Stell dir vor, die wollen vielleicht länger bleiben. Gastfreundschaft hin oder her. Ich fürchte, das geht zu weit. Wirf sie hinaus!

Esel: Nein mach du das. Ochsen sind die stärkeren, mutigeren und überhaupt die Könige der gehörnten Tiere.

Ochs: Das stimmt natürlich. Aber weißt du: Unsere Stärke ist es auch, mildtätig und friedliebend zu sein. Ich kann diesen kleinen Blonden – siehst du wie lieb er lächelt – nicht in die Kälte hinausjagen. Außerdem muß man sich zum Vertreiben störrisch geben. Dafür bist du, lieber Esel, prädestiniert.

Esel: Ach weißt du: Vielleicht lassen wir sie wenigstens heute hier bei uns. Morgen wird der Bauer bestimmt erfahren, daß wir für zweibeinige Seinesgleichen auf Schlaf und Fressen verzichtet haben.

Ochs: Und dann erzählt er es seinen Freunden und wir werden in der ganzen Gegend als opferbereiter Ochs und Esel berühmt. Man wird über uns sagen: „Für so ein kleines blondes Menschenkind haben die zwei ihre Futterkrippe hergeliehen. Hätte sich das Kleine zuvorkommendere Gastgeber wünschen können?“

Esel: Träum weiter, Ochs. Du kannst ja einfach deine Ochsenaugen zumachen und trotz diesem Licht, das heute nacht unerträglich hell strahlt, in Ruhe schlafen.

Ochs: rühhhh-püpüpühhhhh.

Esel: Naja schnarch schön. Für meine Eselsohren ist der Gesang der Engel zu laut. Dafür kann ich mich in dieser schlaflosen Nacht wenigstens am Lächeln des Blondlockigen erfreuen und mit meinem Eselshirn über diese rätselhafte Nacht nachdenken.

Vielleicht werden die drei merken, daß ich meine großen Augen nicht zubekomme. Wenn sie mich dann fragen, ob es mir auch recht sei, daß sie heute Nacht in meinen Stall gekommen sind, werde ich mit dem einzigen Laut antworten, der mir zur Verfügung steht: J-a.
      
1 Lesermeinung
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#1   Beobachterin   09:43:24 | Sonntag, 25. Dezember 2005
tierisch schöner Dialog
Eine sehr hübsche, ganz neue Version der Weihnachtsgeschichte!
Frohe Weihnachten für kreuz.net!
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