„Das Kindlein in der Krippe ist wirklich Gottes Sohn“
In dieser hochheiligen Nacht zelebrierte Papst Benedikt XVI. die Christmette im Petersdom. Der Heilige Vater widmete die nächtliche Predigt drei verschiedenen Themen.
„Der Herr sprach zu mir: ‘Mein Sohn bist du; heute habe ich dich gezeugt.“ Mit diesen Worten aus dem Psalm
2 eröffnet die Kirche die Mitternachtsmesse zu Weihnachten, mit der wir die Geburt unseres Erlösers
Jesus Christus im Stall zu Bethlehem feiern.
Einst hat dieser Psalm dem Krönungsritual der Könige von
Juda zugehört. Das Volk Israel wußte sich durch seine Erwählung in besonderer Weise als Gottes Sohn,
als von Gott angenommen. Der König war nun die Verkörperung dieses Volkes, und seine Erhebung auf den
Thron war so ein feierlicher Akt der Adoption durch Gott selber, durch den er irgendwie in das Geheimnis
Gottes selbst einbezogen wurde.
In der Nacht von Bethlehem haben diese Worte, die stets mehr Ausdruck
einer Hoffnung als gegenwärtiger Wirklichkeit waren, einen neuen und unerwarteten Sinn angenommen. Das
Kindlein in der Krippe ist wirklich Gottes Sohn. Gott ist nicht ewige Einsamkeit, sondern ein Kreis der
Liebe in Hingabe und Zurückschenken: Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Mehr noch: In Jesus Christus ist
Gottes Sohn, Gott selbst ein Mensch geworden. Zu ihm sagt der Vater: „Mein Sohn bist du.“ Das ewige Heute
Gottes ist in das vergängliche Heute dieser Welt herabgestiegen und zieht unser vergehendes Heute in
Gottes immerwährendes Heute hinein.
Gott ist so groß, daß er klein werden kann. Gott ist so mächtig,
daß er sich wehrlos machen kann und als wehrloses Kindlein auf uns zugeht, damit wir ihn lieben können.
Gott ist so gut, daß er auf seinen göttlichen Glanz verzichtet und in den Stall herabsteigt, damit
wir ihn finden können und so seine Güte auch uns berührt, uns ansteckt, durch uns weiterwirkt. Das
ist Weihnachten: „Mein Sohn bist du; heute habe ich dich gezeugt.“
Gott ist einer von uns geworden, damit
wir mit ihm sein, ihm ähnlich werden können. Er hat das Kind in der Krippe zu seinem Zeichen gewählt:
So ist er. So lernen wir ihn kennen. Und über jedem Kind steht etwas vom Strahl dieses Heute, von der
göttlichen Nähe, die wir lieben und der wir uns beugen sollen – über jedem Kind, auch über dem ungeborenen.
Hören wir ein zweites Wort aus der Liturgie dieser Heiligen Nacht, diesmal dem Buch des Propheten Jesaja
entnommen: „Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (9, 1). Das Wort Licht
durchzieht die ganze Liturgie dieser heiligen Messe. Es klingt wieder an in der Lesung aus dem Brief des
heiligen Paulus an Titus: „Die Gnade ist erschienen“ (2, 11).
Der Ausdruck „ist erschienen“ gehört dem
griechischen Sprachbereich zu und besagt dort dasselbe, was im Hebräischen „ein Licht strahlte auf“ heißt:
Die „Erscheinung“ – die „Epiphanie“ – ist das Hereinleuchten von Gottes Licht in eine Welt voller Dunkel
und voller ungelöster Fragen.
Schließlich erzählt uns das Evangelium davon, daß den Hirten der Glanz
Gottes erschien und daß er sie „umstrahlte“ (Lk 2, 9). Wo Gottes Herrlichkeit erscheint, da wird es hell
in der Welt. „Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm“, sagt uns der heilige Johannes (1 Joh,
1,5). Licht ist Quelle von Leben.
Licht bedeutet aber vor allem Erkenntnis, bedeutet Wahrheit im Gegensatz
zum Dunkel der Lüge und der Unwissenheit. So läßt Licht uns leben, zeigt uns den Weg. Licht bedeutet
aber dann, weil es Wärme schenkt, auch Liebe.
Wo Liebe ist, geht ein Licht auf in der Welt; wo Haß
ist, ist die Welt finster. Ja, im Stall von Bethlehem ist das große Licht erschienen, auf das die Welt
wartet. In dem Kind, das da im Stall liegt, zeigt Gott seine Herrlichkeit – die Herrlichkeit der Liebe,
die sich selbst verschenkt und die sich aller Größe begibt, um uns auf den Weg der Liebe zu führen.
Das Licht von Bethlehem ist nicht mehr erloschen. In allen Jahrhunderten hat es Menschen berührt, hat
es sie umstrahlt. Wo der Glaube an dieses Kind aufging, da blühte auch die Caritas auf – die Güte für
die anderen, das Zugehen auf die Schwachen, auf die Leidenden; die Gnade des Verzeihens.
Von Bethlehem
her zieht sich eine Lichtspur, eine Spur der Liebe und der Wahrheit durch die Jahrhunderte: Wenn wir auf
die Heiligen hinschauen von Paulus über Augustinus hinauf zu Franz von Assisi und Dominikus, über Franz
Xaver und Teresa von Avila bis herauf zu Mutter Teresa – dann sehen wir diesen Strom der Güte, diesen
Weg des Lichtes, der sich immer neu am Geheimnis von Bethlehem entzündet, an dem Gott, der ein Kind geworden
ist.
Der Gewalt dieser Welt hält Gott seine Güte in diesem Kind entgegen und ruft uns auf, dem Kind
zu folgen.
Zusammen mit dem Christbaum haben uns unsere Freunde aus Österreich auch eine kleine Flamme
mitgebracht, die sie in Bethlehem entzündet hatten, um uns zu sagen: Das eigentliche Geheimnis, um das
es an Weihnachten geht, ist das innere Leuchten, das von diesem Kinde kommt.
Lassen wir uns von diesem
inneren Leuchten anstecken, das Flämmchen von Gottes Güte in unserem Herzen entzünden und tragen wir
alle durch unsere Liebe Licht in die Welt; lassen wir dieses Licht nicht auslöschen durch die Zugluft
der Zeit.
Hüten wir es treulich und schenken wir es weiter. In dieser Nacht, in der wir auf Bethlehem
schauen, wollen wir aber auch ganz besonders für den Geburtsort des Erlösers beten und für die Menschen,
die dort leben und leiden. Wir wollen beten um Frieden im Heiligen Land: Herr, schau auf diesen Fleck
Erde hin, der dir so lieb ist als deine menschliche Heimat. Laß dort dein Licht aufleuchten. Laß dort
Friede werden.
Mit dem Wort Friede sind wir beim dritten Leitwort der Liturgie dieser Heiligen Nacht
angelangt. Das Kind, das Jesaja voraussagt, wird von ihm Friedensfürst genannt. Von seiner Regierung
wird gesagt: Der Friede wird ohne Ende sein.
Den Hirten wird im Evangelium die Herrlichkeit Gottes in
der Höhe angekündigt und der Friede auf Erden. Früher lasen wir: Friede den Menschen, die guten Willens
sind; in der neuen Übersetzung heißt es: den Menschen seiner Gnade.
Was bedeutet diese Änderung? Zählt
der gute Wille nicht mehr? Oder fragen wir besser: Welche Menschen sind es, die Gottes Gnade erfahren,
weil er sie liebt, und warum liebt er sie? Ist er parteilich? Liebt er nur Bestimmte und überläßt die
anderen sich selber?
Das Evangelium antwortet uns auf diese Frage, indem es uns Menschen zeigt, die von
Gott geliebt sind. Da sind einzelne – Maria, Josef, Elisabeth, Zacharias, Simeon, Anna usw. Aber da sind
auch zwei Gruppen von Menschen: die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland.
Bleiben wir in dieser Nacht
bei den Hirten. Was sind das für Menschen? In ihrer Umwelt waren Hirten verachtet; sie galten als unzuverlässig
und wurden als Zeugen bei Gericht nicht zugelassen. Aber was waren sie wirklich? Gewiß keine großen
Heiligen, wenn man darunter Menschen mit heroischer Tugend versteht.
Es waren einfache Seelen. Das Evangelium
läßt einen Zug aufscheinen, der dann in den Worten Jesu eine große Rolle spielen wird: Es sind wachende
Menschen. Das gilt zunächst in dem äußeren Sinn, daß sie nachts bei ihren Schafen wachten.
Aber es
gilt in einem tieferen Sinn: Sie sind ansprechbar für Gott. Ihr Leben ist nicht in sich selbst geschlossen;
ihr Herz steht offen. Irgendwie im tiefsten warten sie auf ihn. Ihre Wachheit ist Bereitschaft – Bereitschaft
zum Hören, Bereitschaft zum Aufbrechen; sie ist Warten auf das Licht, das uns den Weg zeigt.
Darum geht
es. Gott liebt alle, denn alle sind seine Geschöpfe. Aber manche Menschen haben ihre Seele zugemacht;
seine Liebe findet keinen Eingang bei ihnen. Sie meinen, Gott nicht zu brauchen; sie wollen ihn nicht.
Andere, die vielleicht auch in moralischer Hinsicht armselig und sündig sind, leiden doch darunter.
Sie warten auf Gott. Sie wissen, daß sie seine Güte brauchen, auch wenn sie keine genaue Vorstellung
davon haben. In ihre wartende Offenheit kann Gottes Licht hineintreten und mit ihm sein Friede. Gott sucht
Menschen, die seinen Frieden weitertragen.
Bitten wir ihn, daß er unser Herz nicht verschlossen findet.
Machen wir uns bereit, aktive Träger seines Friedens zu sein – gerade in dieser Zeit.
Unter den Christen
hat das Wort Friede dann eine ganz besondere Bedeutung angenommen: Es wurde ein Name für die heilige
Eucharistie. In ihr ist sein Friede da.
Durch all die Orte, in denen Eucharistie gefeiert wird, spannt
er ein Netz des Friedens über die Welt. Die eucharistischen Gemeinden sind ein weltweites Königreich
des Friedens. Wenn wir Eucharistie feiern, sind wir in Bethlehem, im „Haus des Brotes“.
Christus gibt
sich uns und gibt uns seinen Frieden. Er gibt ihn, damit wir das Licht des Friedens in uns tragen und
es weitergeben; damit wir Friedensstifter werden und so zum Frieden in der Welt beitragen.
So bitten
wir ihn: Herr, mache deine Verheißung wahr. Laß Frieden werden, wo Unfrieden ist. Laß Liebe aufstehen,
wo Haß ist. Laß Licht werden, wo Dunkel ist. Mache uns zu Trägern deines Friedens. Amen.
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@Oremus pro papa nostro Benedicto XVI: (V) Lasset uns beten für unseren Papst Benedikt XVI. (A) Der Herr
behüte ihn und erhalte sein Leben. Er lasse ihn gesegnet sein auf Erden und übergebe ihn nicht dem Hass
seiner Feinde.