Der Augsburger Bischof im Gespräch mit dem katholischen Hilfswerk ‘Kirche in Not/Ostpriesterhilfe’ über das Schenken, den Weihnachtsmann als Persiflage des Heiligen Nikolaus und die Kraft der Weihnachtsgeschichte.
(kreuz.net/Kirche in Not) Mons. Walter Mixa ist seit Oktober Bischof von Augsburg. Er gehört dem Trägerverein
des deutschen Zweiges von ‘Kirche in Not/Ostpriesterhilfe’ an. Das Interview wird am Ersten Weihnachtstag
um 8.00 Uhr bei Radio Horeb und Radio Maria Österreich gesendet.
Exzellenz, die katholische Kirche hat
Weihnachten „erfunden“. Aber etwas Ähnliches scheint es schon vorher gegeben zu haben. Man hat die Wintersonnenwende
oder irgendwelche Sonnengötter gefeiert. Was unterscheidet das christliche Weihnachtsfest von seinen
Vorläufern?
Mons. Walter Mixa: Die Menschen haben sich schon immer nach etwas Größerem gesehnt. Die
Wintersonnenwende bringt auch eine Hoffnung zum Ausdruck: Die Tage werden länger und das Licht breitet
sich wieder mehr aus.
Diese Erfahrung des Menschen und seine Sehnsucht nach mehr Licht und nach Leben,
hat die Christenheit später auf das wahre und bleibende Licht bezogen: auf Jesus Christus.
Deshalb hat
die frühe Christenheit den Geburtstag von Jesus – obwohl wir nicht genau wissen, wann Jesus geboren ist –
auf diese Tage der Wintersonnenwende gelegt.
Damit bringen wir zum Ausdruck, daß es ein Licht der Liebe
und des Lebens gibt, das uns von Gott in seinem menschgewordenen Sohn geschenkt ist.
Diesem Sohn, dessen
Geburt ein Stern angezeigt hat, gehen die Weisen aus dem Morgenland entgegen. In Jesus finden sie, was
sie von Gott ersehnt und erwartet haben: die Nähe Gottes zu uns Menschen.
Wenn heute ein Außerirdischer
an einem Adventstag durch eine deutsche Stadt bummeln würde, käme er kaum auf die Idee, daß es an Weihnachten
um Jesus Christus geht. Stattdessen sieht er einen dicken Mann mit rotem Mantel, weißem Bart und Rentieren.
Was hat dieser Weihnachtsmann mit Weihnachten zu tun?
Mons. Walter Mixa: Überhaupt nichts. In diesem
Weihnachtsmann sehe ich eine verstümmelte Gestalt des heiligen Nikolaus.
Der heilige Nikolaus ist eine
Lichtgestalt vor Weihnachten. Er hat als Bischof von Myra in der heutigen Türkei den Glauben an Jesus
Christus überzeugend durch Taten der Liebe gelebt und verkündet.
Er hat sich besonders um ausgenutzte
und ausgebeutete Kinder und Jugendliche gekümmert. Daher ist das Gedenken an den heiligen Nikolaus bis
auf den heutigen Tag wach geblieben.
Und das ist bei uns mittlerweile verschmolzen mit einer Reklamefigur
von Coca-Cola …
Mons. Walter Mixa: … ja, der heilige Nikolaus ist durch diesen Weihnachtsmann zu
einer Persiflage geworden, die mit ihm selber und auch mit Weihnachten gar nichts mehr zu tun hat.
An
Heiligabend wird in den Kirchen das Evangelium von der Geburt Christi – die „Weihnachtsgeschichte“ – gelesen.
Welche Qualität hat diese „Geschichte“? Ist es eine ähnlich rührselige Geschichte, wie sie das Fernsehen
in den Adventstagen gerne zeigt?
Mons. Walter Mixa: Im Gegensatz zu diesen „Geschichten“ hat sich ja
die Weihnachtsgeschichte tatsächlich ereignet. Sie ist eine ganz ernste und mit unserem Leben verbundene
Geschichte.
Ich werde nie meine erste Reise ins Heilige Land vergessen. Dort besuchten wir unter anderem
Nazareth, den Ort der Begegnung des Engels Gabriel mit Maria, der die Menschwerdung Gottes angekündigt
hat.
Genau dort hat unser jüdischer Reiseführer gesagt, als wir auf die Verkündigungskirche geschaut
haben:
„Meine lieben Herren, bis jetzt waren wir an verschiedenen Orten unseres gemeinsamen Glaubens.
Doch hier sind wir nun an einem Ort, da kann ich nicht mehr mitgehen. Für mich als gläubigen Juden ist
es eine Gotteslästerung, anzunehmen, daß die Allheiligkeit Gottes sich in der Menschwerdung seines Sohnes
mit dem Dreck und dem Blut dieser Erde verbunden hat. Das ist für uns Juden eine Gotteslästerung; so
etwas können wir nicht annehmen.“
Das ist ja auch nicht einfach zu verstehen. Der mächtige Gott und
Schöpfer läßt sich als kleines Kind in einer armseligen Krippe zur Welt bringen. Wie geht das zusammen?
Mons. Walter Mixa: Darin erkenne ich die unglaublich große Vornehmheit der Liebe Gottes. Gott zwingt
uns nicht, seine Liebe zu uns anzunehmen, sondern er läßt uns die persönliche Entscheidung.
Wenn Gott
in einem Lichtereignis gekommen wäre, das uns in die Knie zwingen würde, dann könnten wir gar nicht
anders, als uns von diesem Lichtereignis blenden zu lassen und zu sagen: Ja, das ist wirklich wahr, daran
muß ich glauben!
An einem Kind kann ich vorbeigehen, ein Kind ist politisch und gesellschaftlich unbedeutend.
Aber ein Kind kann mir auch Hoffnung geben, weil es ein neues Leben ist. Es kann die Arme nach mir ausstrecken
und damit zum Ausdruck bringen: „Ich mag dich.“
Das ist die totale Hingabe der Liebe Gottes in Jesus
Christus. Im Philipper-Hymnus, dem ältesten Christuslied, heißt es: Obwohl er Gott war, hat er an seinem
Gottsein nicht festgehalten, sondern er hat sich entäußert und erniedrigt. Er ist Mensch geworden und
gehorsam geworden bis zum Tod am Kreuz.
Das ist das Geheimnis der Liebe Gottes: der große Gott – hineingetaucht
in den Dreck und das Elend dieser Erde und unwiderruflich verbunden mit unserem Fleisch und Blut.
Eine
größere Hingabe der Liebe Gottes zu uns Menschen kann es überhaupt nicht geben.
Die Kirche hat gerade
in den letzten Jahrzehnten besonders die Barmherzigkeit Gottes betont. Braucht unsere Zeit gerade diese
Vorstellung des „barmherzigen“ Gottes?
Mons. Walter Mixa: Der Mensch hat zu jeder Zeit diese Botschaft
vom barmherzigen Gott gebraucht.
Der Heilige Franz von Assisi hat schon im 13. Jahrhundert mit Ochs und
Esel das Geburtsfest Jesu Christi gefeiert. Weihnachten ist in der Christenheit immer als ein Fest der
totalen Zuwendung und Hingabe der sich schenkenden Liebe Gottes zu uns Menschen gefeiert worden.
Bedenken
wir das Wort Barmherzigkeit! Im Lateinischen heißt es misericordia. Gut übersetzt heißt das: sich aus
ganzem Herzen der Misere, der Not des Menschen annehmen.
Das hat Gott getan in der Menschwerdung seines
Sohnes. Er konnte sich nicht mehr entäußern als in diesem Kind.
Das heißt, ein barmherziger Gott ist
noch mehr als ein „lieber Gott“. Da steckt doch mehr drin in dieser Barmherzigkeit …
Mons. Walter Mixa:
Da steckt vor allem drin: Gott will uns herausfordern mit dieser sich hingebenden Liebe. Es gibt bemerkenswerte
Krippendarstellungen, bei denen wir sehen, wie das Kind in der Krippe von Maria und Josef umgeben ist,
dann vielleicht noch die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland. Doch schemenhaft ist im Hintergrund
der Krippe das Kreuz zu sehen.
Die Menschwerdung Gottes ist ohne die liebende Hingabe im Leiden und Sterben
Jesu nicht zu denken. Krippe und Kreuz gehören zusammen.
Dadurch fordert uns Gott heraus, daß wir uns
nicht nur an den materiellen Gütern festkrallen. Im Gegenteil: wir sollen unser Leben neu nach seiner
Liebe ausrichten und das Böse überwinden. Es muß auch heute noch von einem richtenden Gott gesprochen
werden, denn richten bedeutet: das Rechte aufzeigen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden.
Fragt man
nach dem Sinn des Weihnachtsfestes, erhält man oft die Antwort, es sei das Fest des Schenkens. Was hat
das Schenken aus christlicher Sicht mit Weihnachten zu tun?
Mons. Walter Mixa: Das Schenken hat eine
große Bedeutung. Es kommt aus dem gläubigen Bewußtsein, daß der unsichtbare Schöpfergott uns sich
nicht deutlicher schenken konnte als in der Menschwerdung seines Sohnes.
Weil Gott uns mit seinem eigenen
Sohn beschenkt, sollen auch wir uns aus diesem Geschenk der Liebe heraus gegenseitig Liebe, Zuneigung
und Wertschätzung zum Ausdruck bringen.
Ich glaube allerdings, daß das stark am Materiellen ausgerichtete
Schenken in den letzten Jahren eher abgenommen hat. Heute schenkt man wieder kleiner und bescheidener:
„Schau, das habe ich dir mitgebracht! Damit will ich dir zeigen, daß ich dich mag und daß du mir etwas
bedeutest.“
Weihnachten wird ja auch das Fest der Familie genannt. Kann man als Single nicht Weihnachten
feiern?
Mons. Walter Mixa: Jeder Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Jeder braucht den anderen. Es ist
das Ideal, – und das ist wichtig – daß wir eine Mutter und einen Vater haben.
Wer nicht mit der Familie
feiern kann, dabei ist ja auch an alte Menschen zu denken, die keine Angehörigen mehr haben, sollte sich
mit guten Freunden und Bekannten verabreden und gemeinsam Weihnachten feiern.
Wenn ich jemanden in meinem
Bekanntenkreis kenne, der allein ist, dann kann ich ihn oder sie vielleicht auch zu mir einladen und sagen:
„Kommen Sie, feiern Sie doch mit uns!“
An Weihnachten wird den Menschen in der Kirche gesagt, daß Gott
Mensch geworden sei, um die Menschen zu „erlösen“. Wovon muß er uns denn erlösen?
Mons. Walter Mixa:
Ich sage statt des theologischen Fachworts „Erlösung“ lieber „Befreiung“.
Der Mensch ist der Gefahr
ausgesetzt, nur um sich selbst zu kreisen. Durch den Glauben an Jesus, durch das Hören der Botschaft,
werde ich davon befreit. So überschätze ich mich nicht selbst, sondern erkenne: in diesem oder jenem
Bereich läuft es gut, aber in anderen Bereichen müßte ich an mir arbeiten und disziplinierter sein.
Jesus macht mir klar, daß ich von Gott geliebt bin und befreit mich dadurch zu einem bewußten und positiven
Leben. Gott hat mein Menschsein in der Menschwerdung seines Sohnes angenommen. Durch diese Verbundenheit
mit dem Gekreuzigten weiß ich, daß nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern die sieghafte Liebe Jesu
Christi. Daher befreit er mich und führt mich zu einem bewußten, reichen Leben, er nimmt mich auf in
die Gemeinschaft mit Gottvater, Sohn und Heiligem Geist.
Als Bischof sind Sie in diesen Tagen viel beschäftigt.
Wie bereiten Sie sich auf Weihnachten vor?
Mons. Walter Mixa: Ich gehe noch am Morgen des Heiligabends
in den Beichtstuhl, um das Sakrament der Buße zu spenden. Am Nachmittag gehe ich zumindest noch anderthalb
Stunden in den Wald und mache mir meine Gedanken über den kommenden heiligen Abend.
In der frischen
Luft der Natur komme ich innerlich zur Ruhe. Das kann ich sehr empfehlen. In meinem Haus bete ich am späten
Nachmittag mit meinen Hausgenossen die Vesper und die Psalmen. Das schafft eine innere Ruhe und die Erfahrung,
was wichtig und was weniger wichtig ist.
Anschließend kommen wir zum Abendessen zusammen und tauschen
unsere Geschenke aus. Bevor ich zur Mitternachtsmesse gehe, ziehe ich mich noch einmal zurück.
Ich brauche
persönlich noch einmal Ruhe, um mich zu sammeln, um danach in einer innerlich freien und überzeugten
Weise die Heilige Messe feiern und predigen zu können.
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