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Mittwoch, 28. Dezember 2005 10:42
Weihnachten beim Schweizer Fernsehen
Ein Crashkurs in theologisch-liturgischer Minimalbildung wäre für die Verantwortlichen der ‘Tagesschau’ des Deutschschweizer Fernsehens ein nützliches Weihnachtsgeschenk gewesen.
Rechts: Martin Luther († 1546)
Rechts: Martin Luther († 1546)
(kreuz.net, Zürich) In der Hauptausgabe der ‘Tagesschau’ vom 25. Dezember versuchte das Deutschschweizer Fernsehn, seine Zuschauer auch über die Feierlichkeiten zu Christi Geburt zu informieren.

Unter dem Titel „Weihnachten in der Schweiz“ berichtete der Regionalsender mittels einer traditionellen Formulierung, daß in vielen Kirchen der Schweiz die „traditionelle Mitternachtsmesse“ gelesen worden sei.

Als Beispiel nannte man die reformierte Kirche in Hemberg. Der Ort befindet sich im Kanton St. Gallen, 50 Kilometer östlich von Zürich.

„Messe“ und „Messe lesen“ bei den Protestanten?

Dem Fernsehkonsumenten Josef H. kamen Zweifel. Er machte sich auf die Suche und wurde in den „Schmalkaldischen Artikeln“ aus dem Jahr 1537 fündig.

Es handelt sich um die einzige von Martin Luther selber verfaßte Bekenntnisschrift. Der Reformator schrieb sie im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich.

Dort kann man im Artikel über die papistische Messe folgendes lesen,

„daß die Messe im Papsttum der größte und schrecklichste Greuel sein muß, der stracks und gewaltig wider diesen Hauptartikel strebt und doch über und vor allen anderen päpstlichen Abgöttereien der höchste und schönste gewesen ist.

Denn es ist gehalten [= wird geglaubt], daß solch Opfer oder Werk der Messe – auch durch einen bösen Buben getan – den Menschen von Sünden helfe, beides, hier im Leben und dort im Fegefeuer, welches doch allein das Lamm Gottes tun soll und muß, wie bereits gesagt etc.

Und wo etwa vernünftige Papisten waren, konnte man dermaßen und freundlicherweise mit ihnen reden, nämlich:

Warum sie doch so fest an der Messe hielten?

1. Ist es doch ein lauter Menschenfündlein, von Gott nicht geboten. Und alle Menschenfündlein mögen wir fallen lassen, wie Christus spricht Mt 15,9: „Sie dienen mir vergeblich mit Menschengeboten“.

2. Zum andern ist es ein unnötiges Ding, das man ohne Sunde und Gefahr wohl lassen kann.

3. Zum dritten kann man das Sakrament viel besser und seligerweise nach Christi Einsetzung kriegen. Was ist’s denn, daß man um einer unnötigen, erdichteten Sache willen, da man’s sonst wohl und seliger haben kann, die Welt in Jammer und Not zwingen wollte?

Man lasse den Leuten öffentlich predigen, wie die Messe als ein Menschentand ohne Sünde unterbleiben möge und niemand verdammt werde, der sie nicht achtet, sondern wohl ohne Messe wohl auf bessere Weise selig werden möge.

Was gilt’s, ob die Messe alsdann nicht von sich selbst fallen wird, nicht allein bei dem tollen Pöbel, sondern auch bei allen frommen, christlichen, vernünftigen, gottesfürchtigen Herzen? Viel mehr, wenn sie hören würden, daß es ein gefährliches Ding ist – ohne Gottes Willen erdichtet und erfunden.“

Doch wenigstens das Deutschschweizer Fernsehen blieb gottseidank von solch zweifelhaften Texten verschont.

Darum empfangen dort die Katholiken das Abendmahl, während die Protestanten tapfer die Messe lesen – als ob es die Reformation nie gegeben hätte.
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 17 Lesermeinungen:
Freitag, 30. Dezember 2005 20:32
Benedikt: @ Interwld
Mich wundert es nur, dass die Protestanten unbedingt zu unserer Messe und zur Kommunion zugelassen werden, wenn dies nach ihrem Gründer doch so ein Greuel ist.

Die meisten Protestanten sind heute meilenweit von Luthers Lehre entfernt, wogegen Luther katholischer war, als es heute mancher Bischof ist.

Falls es sich nicht wirklich um Lutheraner handelt, dann kümmert den Protestant die Lehre des Reformators wenig. Und so lästert Fr. Kässmann weiterhin über den Ablass, obwohl es bei Luther heißt: „Wer gegen die Wahrheit des apostolischen Ablasses spricht, der sei verworfen und verflucht.“ (These 71)

Man könnte also sagen: Fr. Kässmann ist mit dem lutherischen Anathema belegt
Donnerstag, 29. Dezember 2005 11:17
Frl.Ilse: @Zwingli und Luther
Die Kenntnis des Protestantismus ist hier schon ein bisschen mager ausgefallen – aber hier melden sich ja auch feste Katholiken zu Wort. Wenn sie allerdings keine Ahnung haben, dann sollten sie besser schweigen.
Zwingli begann unabhängig von Luther schon 1516 seine Theologie zu predigen. Er hat sich später an Luther orientiert, aber seine eigenen Positionen nicht aufgegeben und diese an die reformierte Kirche der Schweiz weitergegeben.
Die evangelischen Messe wird nicht nur manchmal, je nach Region, so bezeichnet; in Hannover wird die Liturgie sogar gesungen. Da kann man mitunter den Unterschied zur katholischen Messe nur an der „Berufskleidung“ erkennen und daran, dass es eine Frau Pfarrerin ist, die den Gottesdienst hält.
Die protestantischen Kirchen sind halt nicht so ängstlich und geraten auch nicht gleich in Panik, wenn man mal etwas anders bezeichnet oder auf alte Riten zurückgreift, solange es der Ehre Gottes dient. In einigen reformierten Kirchen Zürichs, also im Zwingli-Land, wird auch wieder Weihrauch eingesetzt, ohne dass die Gottesdienstbesucher entsetzt aus der Kirche fliehen. Die Protestanten brauchen können halt mal Fehler in Theologie und Liturgie einsehen und korrigieren. Für manche Katholiken bricht ja z. T. schon die Weltordnung zusammen, wenn man die Hostie mit der Hand nimmt oder Brot dafür nimmt. Als ob das Christus nicht völlig egal wäre!!!
Donnerstag, 29. Dezember 2005 00:49
Rosalinde: Nur fünf?
Steht das irgendwo, oder kommt irgendwann ein Text?
Das ist bei der Fülle an zu kritisierenden Artikeln und LeserInnenmeinungen ein bisschen wenig. Könnte natürlich System sein. Die Schutzformel „moralisch bedenklich“ dürfte wahrscheinlich auch zu einigen Löschungen führen (z.B. in der „Abtreibungsdebatte“).
Donnerstag, 29. Dezember 2005 00:36
GerdEric: Mir gefällt kreuz.net auch
denn hier darf ich fünf Beiträge pro Tag schreiben…
Donnerstag, 29. Dezember 2005 00:29
Rosalinde: HiHi :-)
kreuz.net fängt an mir zu gefallen, irgendwie hat es was von anschaulichem Geschichtsunterricht. Wusste garnicht, daß den Protestanten die Abstinenz von der Messe zugeschrieben wurde und dachte eigentlich, daß die Reinkarnation Jesus in Oblate und Wein (wobei das an sich was blasphemisches, wenn nicht kannibalisches hat…) von den Protestanten nicht geglaubt wird, weshalb die ja auch nicht an der hl. Kommunion teilnehmen dürfen.
Mittwoch, 28. Dezember 2005 23:11
Nólimon: Aus einer anderen lutherischen Bekenntnisschrift:
„Man legt den Unsern mit Unrecht auf (wirft… vor), daß sie die Messe abgetan haben sollen. Denn das ist offensichtlich, daß die Messe, ohne Ruhm zu reden, bei uns mit größerer Andacht und Ernst gehalten wird als bei den Widersachern. So werden auch die Leute mit höchstem Fleiß zum öfteren Mal unterrichtet vorn heiligen Sakrament, wozu es eingesetzt und wie es zu gebrauchen sei, nämlich die erschrockenen Gewissen damit zu trösten, wodurch das Volk zur Kommunion und Messe gezogen wird…“
Augsburgisches Bekenntnis Artikel XXIV
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