15:21:44 | Mittwoch, 4. Januar 2006
In seinem Weihnachtsbrief zog ein Pfarrer im Bistum Fulda aus seinem Schatz Altes und Neues hervor. Verrücktes und Brauchbares in einer eigenartigen Kombination. Ein Kommentar.
(kreuz.net, Fulda) Seinen Weihnachtsbrief 2005 beginnt Pfarrer Klaus Nentwich
mit einer Erwähnung des
‘Pastoralen Prozesses’. Hw. Nentwich ist Pfarrer in der Hl. Kreuz Pfarrei in Bergen-Enkheim. Bergen-Enkheim
ist ein Stadtteil von Frankfurt.
Der Geistliche ist auch Mitglied des Priesterrates der Diözese Fulda.
Der ‘Pastorale Prozeß’ – heißt es im Weihnachtsbrief – sei notwendig, denn die Gesellschaft habe sich
grundlegend geändert und verlange eine neue Art der Seelsorge:
„Hätten wir heute nach wie vor genügend
Priester, die aber nach dem alten Stil »Seelsorge betrieben«, wären unsere Kirchen vermutlich auch
nicht voller und die Zahl der engagierten Aktiven auch nicht größer.“
Als ein böser Rückfall in die
gescheiterten Rezepturen der 60er Jahre müssen allerdings die vom Pfarrer angeführten Heilmittel betrachtet
werden:
„Die Sprache muß sich ändern. Wer kann heute noch etwas mit Begriffen wie »Gnade«, »Dreifaltigkeit«
oder »Reich Gottes« anfangen. Gesucht wird ein erfinderischer klarer und aussagestarker Sprachstil.“
Und:
„Renovierungsbedürftig ist nicht nur die Sprache allein. Die alte Kirche wird nicht nur durch
eine neue Mikrophonanlage attraktiver, sondern braucht eigentlich eine grundlegende Sanierung. Und einige
sind heute sogar der Überzeugung, daß ein völliger Abriß und Neuaufbau – wie im 16. Jahrhundert mit
der römischen Petersbasilika unter Papst Julius II. – wesentlich effizienter wäre.“
Es ist ein merkwürdiges
Phänomen, welches sich in der Kirche Gottes immer wieder die Bahn bricht: Daß einem vor lauter Verlangen
nach Reform die Lust zum Abreißen kommt.
Ansonsten wird gerne gepredigt, daß die Kirche nicht ein Gebäude
aus Stein sei, sondern eine Gemeinschaft von Menschen. Und Menschen sollte man – will man dieser Aussage
treu bleiben – nicht wie Ziegelsteine behandeln.
Pfarrer Nentwich glaubt, daß der Umbau bereits in vollem
Gang ist:
„Es gibt Christinnen und Christen, die erkannt haben, daß Glaube etwas höchst Persönliches
ist und mit dem eigenen Leben zu tun hat. Und es gibt auch nicht wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
die gerade aus dieser Überzeugung heraus sich in verschiedensten Bereichen engagieren und so der Kirche
ein Gesicht geben.
Mit diesen gelte es den „Wandel zu gestalten“.
„Duc in altum“ – habe der verstorbene
Papst Johannes Paul II. in einer seiner letzten Enzykliken formuliert. „Fahr hinaus auf den See.“ Die
Kirche müsse bei den Menschen sein, erkennt der Pfarrer richtig: „Sie muß noch stärker personalisiert
werden.“
Aber nicht nur durch Amtsträger und „Spitzenvertreter“, sondern in der Eigenverantwortung von
Laien mit verstärktem Engagement von Frauen – auch in Leitungspositionen – durch echte Kooperation im
Sinne einer Partizipation so wie es Paulus in seiner Charismenlehre – 1 Kor 12 – beschreibe.
Die Pastoral
richte sich zu 90% an den 10% aus, die da seien. Die übrigen 90% würden nicht wahrgenommen: „Wir wissen
immer weniger, wie sie leben – wo bleibt der missionarische Auftrag der Kirche?“
Ein Neuaufbruch bestünde
darin, die Pfarrei in 12-14 Wohngebiete zu unterteilen mit jeweils 100-150 Familien. In jedem Wohngebiet
könnte es „Wohngebietverantwortliche“ geben, die vor Ort nach „Aktiven“ – vielleicht wollte der Pfarrer
„Fromme“ sagen – suchten.
Der Grundgedanke im Hintergrund müsse lauten: „Nicht noch mehr machen; sondern,
was wir machen, machen wir aus einem neuen Geist.“ So könne die Gemeinde zur „Trägerin der Seelsorge“
werden.
Im Herbst 2006 werde es in seiner Pfarrei als neues Angebot eine Katechese für Erwachsene geben.
In 6-8 Abenden wolle man über den Glauben sprechen: „Und wer dabei ist, wird spüren, welcher kostbare
Schatz da tief verborgen liegt und langsam gehoben wird.“
Auch eine Diskussion über die beiden Kirchen
in der Pfarrei stehe an. Es sei bedauernswert, wieviel Emotionen dabei aufgewirbelt würden. Doch die
gemeindliche Situation habe sich in den letzten 30 Jahren so stark verändert, daß darauf zu reagieren
sei.
Letztlich reiche ein einziges Kirchengebäude.
Eine Alternative, die der Pfarrer nicht erwähnt,
wäre, das Kerngeschäft der Kirche ins Gotteshaus zu verlagern und dadurch eine bessere Auslastung zu
garantieren. Auf Deutsch: mehr beten.
Doch der Pfarrer denkt in eine andere Richtung. Er wartet auf mehr
„Leidensdruck“, damit die Notwendigkeit einer Kirchenzusammenlegung einsehbar werde.
Für die Zukunft
besitzt Pfarrer Nentwich vor allem Fragen: „Wie aktiv ist die Gemeinde? Gibt es genug Mitstreiter oder
wird die Zahl der Engagierten weiter zurückgehen? Und die große Frage überhaupt: Will die nächste
Generation überhaupt Verantwortung in Kirche übernehmen oder geht sie ganz anderen Interessen nach?“
„Verantwortung für die Kirche übernehmen“ nennt man das heute. Ob man vielleicht nicht besser beim
Herzen des Sünders und bei der persönlichen Bekehrung beginnen sollte?
Denn oben hieß es noch, daß
der Glaube etwas „höchst Persönliches“ sei…
Der Pfarrer beschließt mit dem Weltjugendtag in Köln.
Er habe ihn ermutigt und ihm viel Hoffnung gegeben:
„Ein einzelner Mensch hat diese Idee angestoßen
und eine Völker verbindende Veranstaltung ist daraus geworden. Für mich ein sichtbares Zeichen, daß
der Heilige Geist wirkt.“
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