Lieber nicht zu viele Priester und Gottesdienste
Der neue orthodoxe TV-Kanal ‘Spas (Erlöser)’ sieht sich als Alternative zur herkömmlichen Fernsehlandschaft Rußlands. Seit Juli ist er täglich auf Sendung.

Im Unterschied zu den beiden anderen Programmen greift der Kirchensender offenbar nicht auf Staatsgelder zurück. Die Orthodoxe Kirche ist ebenfalls nicht direkt an der Finanzierung des Kanals beteiligt, sagte ‘Spas’-Direktor Alexander Batanow.
Hinter dem Sender steht dem Direktor zufolge eine Gruppe orthodoxer Geschäftsleute. Hauptsponsor ist der Bankier und Brot-Fabrikant Gennadi Lyssak aus Wladiwostok.
Wladiwostok ist eine Hafenstadt im äußersten Osten des asiatischen Teiles von Rußland.
Der Sender besitzt zwar das Wohlwollen der orthodoxen Geistlichkeit und den Segen des russischen Patriarchen Alexij II. Doch die Kirche mischt sich nicht in die Redaktionspolitik ein.
Patriarch Alexij II. soll lediglich den Wunsch geäußert haben, daß man „nicht zu viele Priester und Gottesdienste“ zeigen möge.
Der TV Sender ‘Spas’ ging Ende Juli erstmals auf Sendung und bietet seinen Zuschauern täglich ein zwölfstündiges Programm an. Dieses beinhaltet Talkshows zu religiösen und gesellschaftlichen Themen unter dem Sammelnamen ‘Russische Stunde’, Dokumentarfilme und Predigten.
Spielfilme, reine Unterhaltungssendungen sowie ein Kinderprogramm fehlen noch.
Das Programm wird von 50 festangestellten Mitarbeitern vorbereitet und im Programm-Paket des Pay-TV-Anbieters NTW+ angeboten. NTW+ wird landesweit ausgestrahlt und gehört dem bekannten russischen Gaskonzern ‘Gasprom’.
Die Investoren sehen den TV-Sender als kommerzielles Projekt, das den bestehenden Plänen zufolge in vier Jahren keine Verluste mehr erwirtschaften soll.

Bereits zu Beginn des Sendebetriebs konnte ‘Spas’ eine relativ prominente Gruppe von Moderatoren aufbieten.
Chefredakteur des Senders ist Iwan Demidow, der in den 1990er Jahren eine sehr populäre Hitparaden-Show moderierte. Bei ‘Spas’ betätigen sich neben prominenten orthodoxen Geistlichen auch der Vorsitzende der russischen Staatsduma – Parlament – Sergej Mirónow, die Historikerin und Duma-Abgeordnete der patriotischen „Rodina (Heimat)“-Partei Natalja Narotschnízkaja und der vaterländisch orientierte Philosoph und Politologe Alexander Dugin.
Vor allem bei politischen Diskussionen werde er „keine Form von Extremismus“ dulden, erklärte Direktor Demidow auf einer Pressekonferenz.
Doch – unter anderem – aus Protest gegen die Präsenz des Denkers Dugin im orthodoxen Äther kündigte der Studenten-Priester Maxim Koslow im Herbst als erster ‘Spas’-Moderator dem Sender wieder die Zusammenarbeit auf.
Die Sendungen des Kirchenkanals sollen – so das Konzept der Macher – den Russen dabei helfen, sich in ihrem in den letzten Jahrzehnten total veränderten Land zurechtzufinden.
Eine Folge der durch den Zerfall des Sowjetsystems verursachten Systemkrise sei, daß sich die Russen „nicht mehr als Teil eines einzigen Landes“ fühlten, so Direktor Batanow: „Aber der orthodoxe Glauben kann sie zusammenhalten“, erklärt er.
In der Rückkehr zu den alten, orthodoxen Traditionen sieht der Sender eine die Gesellschaft vereinende „nationale Idee“, nach der man in Rußland seit Jahren sucht. Mit den Programmen soll „der Staat gestärkt“ werden, was aber nicht ausschließe, einzelne Vertreter der Staatsmacht zu kritisieren.
Bislang fällt das Echo auf die Sendungen von ‘Spas’ noch zurückhaltend aus, was auch daran liegt, daß NTW+ nicht einmal in Moskau einen großen Verbreitungsgrad besitzt.
Insgesamt hat NTW+ zurzeit etwa 400.000 Abonnenten. Familienmitglieder eingerechnet erreicht das orthodoxe Programm aus Moskau somit weniger als ein Prozent der Bevölkerung.
Derzeit laufen allerdings Verhandlungen, das ‘Spas’-Programm über die Kabelnetze regionaler Fernsehsender einem größeren Publikum zugänglich zu machen.
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