10:45:54 | Freitag, 13. Januar 2006
Eine große römische Visitation prüft gegenwärtig die US-Priesterseminare auf eine mögliche homosexuelle Unterwanderung. Doch schon jetzt ist klar, daß alles – wie schon bei früheren ähnlichen Untersuchungen der Priesterseminare – beim Alten bleiben wird.
(kreuz.net, Rom) Unter den Bischöfen und Regenten – das heißt: Direktoren von Priesterseminaren –, die
an der zur Zeit in den USA stattfindenden Überprüfung der Seminare beteiligt sind, herrscht Einmütigkeit:
Es wird keine einschneidenden Veränderungen geben.
Zu diesem Schluß kam John Allen, der Korrespondent
der US-Wochenzeitung ‘National Catholic Reporter’, nach ausführlichen Interviews mit Visitatoren und
Visitierten.
In den Vereinigten Staaten läuft seit Ende September eine kanonische Visitation aller –
insgesamt 229 – Priesterseminare mit Ausnahme des Seminars, welches der dem Alten Ritus verpflichteten
Petrusbruderschaft gehört.
Viele Priesterausbildungsstätten des Landes stehen seit Jahren im Ruf, mit
Wissen und Komplizenschaft der Bischöfe Brutstätten des Sodomismus zu sein.
Die Visitation wird von
117 Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und sogenannten Experten durchgeführt. In kleinen Teams – bei
kleinen Seminarien ist nur ein Einzelvisitator unterwegs – verbringen die Visitatoren fast eine Woche
von Sonntag bis Freitag in den Allumnaten.
Ein Drittel der Visitationen ist bereits abgeschlossen. Die
restlichen sollen in der ersten Jahreshälfte durchgeführt werden.
Die meisten der bereits konsultierten
Seminarverantwortlichen erklärten, daß die Visitation ein Feinschliff und keine tiefgründige Korrektur
von Fehlern im System sei:
„Ich glaube, daß als Ergebnis der Visitation ein großes Vertrauen in unsere
[leeren A.d.R.] Priesterseminare zum Ausdruck kommen wird“, erklärte der Bischof von Austin, Mons. Gregory
Aymond (56): „Im großen und ganzen verrichten die Rektoren, die Mitarbeiter und die Professoren eine
sehr, sehr gute Arbeit“.
Austin ist die Hauptstadt des US-Bundesstaat Texas im Süden der Vereinigten
Staate.
Man könne nicht jedes Problem, das ein Priester später habe, auf einen Fehler im Seminar zurückführen.
Die Seminarleitungen – Männer und Frauen – hätten ihr Leben in die Ausbildung investiert: „Sie verdienen
unser Vertrauen.“
Bislang habe die Visitation erst in einem Haus zu Schwierigkeiten – allerdings von
Seiten der Seminarleitung – geführt: in der Erzdiözese Chicago.
Chicago befindet sich im Norden der
USA bei den großen Seen. Die Erzdiözese gilt als eines der bedeutendsten US-Bistümer. Der dortige Erzbischof
ist traditionellerweise ein Kardinal. Die Erzdiözese besitzt gegenwärtig nicht weniger als sechs Weihbischöfe.
Zum Stein des Anstoßes wurden angeblich indiskrete Fragen der Visitatoren. Es ging um Sexualpraktiken
der Seminaristen. Solche Fragen würden in den Gewissensbereich der Studenten eindringen und Interna betreffen,
erklärte der Regens des Hauses. Nach Informationen von Allen bezogen sich die Fragen unter anderem auf
die Masturbation.
John Allen unterstreicht, daß die von ihm interviewten Personen – Bischöfe und Regenten –
die Untersuchung des Seminars von Chicago als Einzelfall beschrieben hätten. Grundsätzlich sei die Haltung
der Visitatoren freundlich und wohlwollend gewesen.
Generell liege der Schwerpunkt der Visitation nicht
auf der Homosexualität. Auch wenn der Vatikan „zufälligerweise“ zu Beginn der Visitation das seit zehn
Jahren erwartete
Homo-Dokument veröffentlicht habe, gelte diese Frage in den US-Seminaren als breit diskutiert
und bereits abgehandelt.
Ein Regens, dessen Priesterseminar bereits im Oktober visitiert wurde, erklärte,
daß die Kirche die Tendenz habe, reaktiv statt proaktiv zu sein: „Wir senden unsere Truppen dorthin,
wo der Feind vor 20 Jahren das letzte Mal gesehen wurde, um sicherzugehen, daß er verschwunden ist.“
In seinem Artikel betont Allen, daß die von ihm interviewten Bischöfe und Rektoren einen Schwerpunkt
der Visitation bei der in den Priesterseminaren gelehrten Moraltheologie – besonders der Sexualmoral –
sehen würden.
Dabei habe keiner seiner Interviewpartner von einer Krise der Moraltheologie in den US-Seminaren
gesprochen. Es gehe vielmehr darum, entscheidende päpstliche Texte – wie die Moralenzykliken „Veritatis
Splendor“ oder „Evangelium Vitae“ – deutlicher hervorzuheben.
Eine am Seminarunterricht beteiligte Franziskanerschwester
unterstrich, daß sie jede gravierende Änderung ablehne. Das Thema der psychosexuellen Reife und Heranbildung
zum Zölibat sei seit 20, 30, 40 Jahren von entsprechenden Instituten aufgearbeitet worden: „Zu glauben,
daß dabei ein wesentlicher Punkt übersehen wurde, ist kaum vorstellbar.“
Sie habe gehört, daß die
Visitationen nicht im Stil der Inquisition abgehalten würden. Die einzige Ausnahme sei das Priesterseminar
von Chicago gewesen.
Der bisherige Regens des ‘Nordamerikanischen Priesterseminars’ in Rom erklärte,
daß ein Schwerpunkt auf dem sechsten Gebot die Seminare nicht von anderen, grundlegenden Aspekten der
Priesterausbildung ablenken dürfe: „Ein Mann, der auf der Straße nicht ‘Guten Morgen’ sagen kann oder
will, kann in einer Pfarrei mehr Schaden anrichten.“
Der Rektor trat im Dezember von seinem Amt zurück,
um für sein ehemaliges Priesterseminar 20 Millionen Euro zu sammeln – und auf eine Ernennung zum Bischof
zu warten.
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