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Samstag, 14. Januar 2006 09:15
Der Zorn des Professors
Ein Mitglied der ‘Päpstlichen Akademie des hl. Thomas von Aquin’ gab kürzlich ein Interview über die Priesterbruderschaft St. Pius X. Doch am Ende des Gesprächs stand offensichtlich der Ärger über etwas anderes.
Priesterjubiläum bei den Lefebvristen
Priesterjubiläum bei den Lefebvristen
(kreuz.net, Köln) Der in Köln lebende Gymnasialprofessor, Dr. David Berger (37), beantwortete dem konservativen Linzer Nachrichtenportal ‘kath.net’ Fragen zur mit Rom im Streit liegenden Priesterbruderschaft Pius X. Das Interview wurde am späten Donnerstag abend publiziert.

Im Interview nennt Dr. Berger die Priesterbruderschaft St. Pius X. nicht beim Namen, sondern spricht allgemein von „Traditionalisten“. Eine Unterscheidung der sogenannten ‘Ecclesia Dei’ Gemeinschaften – welche sich ebenfalls der Tradition verpflichtet fühlen –, nimmt der bekannte Thomist nicht vor.

Dr. Berger ist Mitglied der ‘Päpstlichen Akademie des hl. Thomas von Aquin’. Es handelt sich um eine lose Vereinigung von thomistisch orientierten Theologen und Philosophen, die in Rom seit Jahren eher ein Mauerblümchendasein fristet.

Ferner ist Dr. Berger Vizepräsident der ‘Deutschen Thomas-Gesellschaft e.V.’. Die ‘Thomas-Gesellschaft’ ist eine Regionalgruppe der ‘Societas Internationalis Sancti Thomae Aquinatis’, die vom in Lugano lebenden greisen Dominikanerpater Abelardo Lobato geführt wird. Die Vereinigung wurde 1974 in Rom gegründet und bemüht sich um ein „gründliches und zeitgemäßes“ Studium der Werke von Thomas von Aquin. Deren Publikationsorgan ist das Thomistische Jahrbuch ‘Doctor Angelicus’, dessen Herausgeber ebenfalls Dr. Berger ist.

Dr. Berger publiziert ferner die bekannte und in konservativen Zirkeln verbreitete Monatszeitschrift ‘Theologisches’.

Zur Frage nach einer Versöhnung zwischen dem Heiligen Stuhl und den Lefebvristen erklärt Dr. Berger, daß eine solche Entwicklung „erfreulich und notwendig“ wäre. Doch es wäre zu einfach gedacht, dies allein durch die allgemeine Erlaubnis der Alten Messe zu erreichen:

„Natürlich wäre es zu begrüßen, würde die klassische Liturgie endlich vom Ruch des Verbotenen beziehungsweise der Unvereinbarkeit mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil befreit.“ Aber das würde eine Lösung „des Problems“ des nachkonziliaren Traditionalismus nur teilweise befördern.

Dieses Problem beginne bereits bei dem als Selbstbezeichnung fungierenden Begriff „Traditionalismus“. Berger erklärt, daß der Traditionalismus eine vom Ersten Vatikanischen Konzil angeblich verurteilte Irrlehre gewesen sei.

Das Erste Vatikanum habe gelehrt, daß auch der natürliche Verstand – nicht die Tradition allein – dem Menschen als Erkenntnisquelle diene.

Der Kern der Irrlehre des am Vatikanum verurteilten „Traditionalismus“ bestehe – so Berger – in einem falschen Begriff der Tradition: „Eben das verbindet die beiden Traditionalismen miteinander“, erkennt Berger einen Bezug zwischen gestern und heute.

Dr. Berger beschuldigt die modernen Traditionalisten, einen „sehr engen und undifferenzierten“ Traditionsbegriff zu pflegen. Sie wollten angeblich die von allen großen Kirchenlehrern beschriebene lebendige Entfaltung des Depositum fidei – des von Gott offenbarten Glaubensgutes – nicht oder nur eingeschränkt sehen.

Berger begründet seinen Vorwurf anhand der am Zweiten Vatikanum vorgebrachten Lehre von der Religionsfreiheit. Diese Lehre würde von den modernen Traditionalisten „in den Tüten der Formulierungen des 19. Jahrhunderts“ eingefroren.

Die Traditionalisten würden nicht sehen, wie sich die Welt verändert habe, und wie die katholische Kirche darauf mit einer Modifizierung der veränderlichen Teile der Lehre „unter Beibehaltung der Integrität der Substanz“ reagieren mußte. Berger sieht dieses Anliegen vom Zweiten Vatikanum verwirklicht.

Ähnlich wie die extremsten Progressisten seien die Traditionalisten dagegen daran interessiert, das Zweite Vatikanische Konzil als Traditionsbruch und nicht, wie Rom, im Lichte der Tradition zu lesen. Damit suchten die Lefebvristen ein theoretisches Fundament ihres Ungehorsams zu gewinnen:

„So berühren sich hier die Extreme und die Traditionalisten liegen sich auf einmal mit [dem suspendierten liberalen Theologen] Hans Küng, [dem liberalen italienischen Kirchenhistoriker] Giuseppe Alberigo und [dem bedeutenden Dogmatiker und Konzilstheologen] Karl Rahner in den Armen.“

Dr. Berger unterscheidet eine „sehr kleine Gruppe sehr gut gebildeter und differenzierter argumentierender Traditionalisten“ von der großen Gruppe der sich selber als „Traditionalisten“ – die Anführungszeichen stammen von Berger selber – bezeichnenden Gläubigen. Letztere ordnet er einem „Vulgär- oder Stammtischtraditionalismus“ zu.

Bei Vulgärtraditionalisten – sie sind laut Dr. Berger an einer intellektuellen Auseinandersetzung kaum interessiert – gelte alles, das sich nach den 50er Jahren entwickelt hat, als „Modernismus“ und „Sodom und Gomorra“: „angefangen von neueren Kirchenliedern bis hin zum Tragen von Jeans-Hosen im Gottesdienst durch weibliche Gläubige“.

Gleichzeitig erklärt Berger, daß diese Gläubigen ein legitimes Anliegen hätten: die katholische Lehre unverkürzt verkündet zu bekommen und den Gottesdienst wirklich als das Heilige der übernatürlichen Welt Widerspiegelnde „zu erleben“.

Die Vulgärtraditionalisten müßten als Finanziers des Traditionalismus in Stimmung gehalten werden: „Dazu gehört es, daß man echte oder vermeintliche Skandale der »V-II-Kirche« im Stile des Vulgärjournalismus künstlich hoch kocht.“

So rege man sich dann zum Beispiel ein halbes Jahr darüber auf, daß bei einer Sühnewallfahrt der Piusbruderschaft nach Fatima im dortigen Heiligtum der Teppich gesaugt wurde, was dann wieder eine erneute Sühnewallfahrt nötig mache und „Attacken“ auf den dortigen Wallfahrtdirektor zur Folge habe.

Leider geschehe dies alles häufig auch unter bewußtem In-die-Welt-Setzen von Gerüchten sowie Verschwörungstheorien – Berger verweist auf die Freimaurer – und unter Inkaufnahme von schiefen Vorurteilen und Halbwahrheiten.

Da letzteres juristische Folgen haben könnte, wähle man die Anonymität oder Pseudonyme. Diese ließen die „schmale personelle Decke“ größer aussehen, erklärt der Herausgeber von ‘Theologisches’ aus eigener Erfahrung.

Als Medium bevorzuge man – analysiert Dr. Berger weiter – meistens das Internet: Zum Marktführer einer solch demagogischen Berichterstattung habe sich in den letzten Monaten eine „vermeintlich »anonyme« Website“ entwickelt, berichtet Berger mit implizitem Hinweis auf die Nachrichtenseite ‘kreuz.net’.
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 62 Lesermeinungen:
Samstag, 21. Januar 2006 22:28
Irenäus: Stammtischtheologie
Ich hatte bislang von Berger eher eine positive Meinung. Aber nun hat ersich selber bloßgestellt. Aber sagten nicht schon die Alten:
Si tacuisses, philosophus mansisses.?
Montag, 16. Januar 2006 22:31
Marcel: Der Zorn des Montezuma
Eine Geschichte aus Mittel- und Südamerika, bevor die Spanier kamen, spielt im kommenden Film „Apocalypto“ von Mel „The Passion of Christ“ Gibson eine Rolle.

Hier ein kurzer Trailer auf Apple.

Der Filmtitel deutet darauf hin, daß Mel Gibson in der Lage ist, den Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart und zur nahen Zukunft zu spannen.

Montezumas „Blumenkriege“, um Menschenopfer zu erbeuten, sind bekannt. Innerhalb weniger Tage wurden zehntausende solcher Menschenopfer dargebracht. (Die Zahlen gehen von 20.000 bis zu 70.000). Das Ende des satanischen Regimes erfolgte durch Cortéz und seine gerade mal 500 Spanier.

Die Menschenopfer im Babycaust der heutigen Zeit übersteigen diese Massenmorde um ein wahnwitziges Vielfaches. In unseren freiheitlichen Staaten – im Sinne von: frei von Gott –, in denen die V.II-Kultfreiheit den Staats-Atheismus brachte und Christus entthronte.
St. Paulus erinnerte uns schon vor gerade mal knappen 2.000 Jahren daran, daß alle Staaten, in denen Christus nicht herrscht, untergehen. Aber Paulus war nach dem Bergerschem Maßstäbchen auch so ein „Vulgär“traditionalist.

Es ist ganz einfach: Christus muß herrschen. Wo er nicht herrscht, regiert Sein Widersacher. Niemals gibt es ein Herrschervakuum.
Es liegt an uns, katholisch zu werden, dann unsere Ehen, Familien, Gemeinden, Dörfer, Städte, Staaten.
Montag, 16. Januar 2006 21:34
Athanasius: Ach…die „Verbrechen“ in Süd-Amerika…
…haben zwar stattgefunden, aber die Ausmassen von denen man jetzt die Katholische Kirche beschuldigt, waren abwesend. Diese Mythen wurden seit den 1920er Jahren verbreitet auf dem südamerikanischen Kontinent von:

* dem Freimaurer-Régime Mexicos (1920er), das 20.000 Kleriker erschiessen liess.

* den international-sozialistischen Revolutionären (also den Bolschewisten) des Kreises um Fidel Castro und Che Guevara, den Massenmörder.

Verbrechen hat es immer gegeben, aber es war die Katholische Geistlichkeit, vor allem die Bischöfe, die gegen die Ausbeutung in der Sklaverei warnten und die Indianen schützen wollten. Dank der internationalen Sklavenhandel Hollands hat man das kirchliche Verbot auf Ausbeutung der Indianer aber umgangen, in dem man Schwarzen importierte die legalitisch nicht unter dem Gesetz der Sklavereiverbote fielen.

Und war es vor der Mission und Kolonisation durch die Spanier und Portugiesischen besser? Als an jedem Jahr zig-tausende in dem heidnischen Sonnenkult in Tempeln als „Opfer der Sonne“ ermordet wurden? Obwohl ich die Kultur der Mayas usw. sehr interessant finde, bin ich von der Positivität der Kolonisation überzeugt.
Montag, 16. Januar 2006 17:05
@ Thomas A. Höck: Sie müssen die „Verbrechen“ einerseits zeitbezogen und andererseits in Relation zur Jetztzeit betrachten. Zur gleichen Zeit, als Spanien einen Großteil Süd- und Mittelamerikas erfolgreich missionierte, verübten die Protestanten Nordamerikas einen der größten (was die Zahl der Ermordeten sowie die Anzahl der endgültig ausgelöschten Völker betrifft) Völkermorde der Geschichte an den indianischen Völkern.

Zur gleichen Zeit, als in einigen Ländern Europas (z.B. Skandinavien, Großbritannien) der Katholizismus per Todesstrafe verboten war, beschränkte sich Spanien auf Vertreibungen. Das ist nicht nett, zweifelsohne aber das gelindere Mittel. Die Inquisition betraf keineswegs eine besonders große Zahl von Personen.

Allfällige als solche zu bezeichnende „Verbrechen“ des katholischen Spanien sind Marginalien gegenüber dem Ausmaß an Verbrechen, welchen die – ach so frei, aber halt nicht für alle – sich gebenden Demokratien heute begehen.

Angesichts des geschichtl. sowie des tagesaktuellen Vergleichs bedürfte die besondere Hervorhebung katholischer Monarchien im Zusammenhang mit Verbrechen einer besonderen Begründung, welche Sie bis dato nicht gegeben haben. In Wirklichkeit spricht die historische Wahrheit für katholische Monarchien und keineswegs dagegen.

Offenkundig stehen bei Ausführungen wie von Thomas A. Höck antiklerikale Motive im Vordergrund, keineswegs das Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit.
Montag, 16. Januar 2006 15:18
DemonDeLuxe †: Vulgärtraditionalisten
Es soll ‘mal bitte niemand so tun, als sei diese Gruppierung klein oder gar inexistent; im übrigen gibt es die „Vulgärvariante“ bei so ziemlich allen Ideologien: Links unterscheidet man echte Intellektuelle von Marxparolendreschern, extrem rechts „Scheitel“ von „Glatzen“, bei den Konservativen „distinguierte Herrschaften“ von „bierseligen Stammtischstrategen“… Sie sehen, Sie sind mit dieser Unterteilung nicht allein.

Wieviele der Beiträge hier – oft trotz gebildet klingender Sprache – Ausdruck eines im Endeffekt simplistischen, chauvinistischen und simplistischen Weltbildes sind, sei Ihrer Phantasie überlassen. Der niuchtfundamentale Besucher wird sich hier jedenfalls schnell eine Meinung davon gebildet haben.
Montag, 16. Januar 2006 09:37
_xyz_: Viktimologische Bilanzen
Daß ich hier schon oft gegen die Abtreibung und Ihre Befürworter Stellung bezogen habe, wissen Sie! Wie kommen Sie aber dazu, diese Verbrechen gegen andere Verbrechen bilanztechnisch zu „verrechnen“. Demnach seien die Vertreibung Andersgläubiger aus Spanien 1492 und die grausame Inquisition dort (Folter, Vermögenskonfiskationen und Hinrichtungen incl.) als Ausdruck einer konfessionell-staatlichen Politik gerechtfertigt angesichts heutiger Abtreibungsopfer? Das müssen uns schon etwas näher erklären, Herr und/oder Frau Evelin. Das Schöne an diesen Leserforen ist doch, daß Prof. Bergers Behauptung von den Vulgär- und Stammtisch-Traditionalisten in gewissen Internetportalen prompt durch entsprechende Zuschriften validiert und belegt wird!
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