13:39:43 | Mittwoch, 25. Januar 2006
Benedikt XVI.
Papst Benedikt XVI. veröffentlichte heute mittag seine erste Enzyklika. Das weniger als 50 Seiten umfassende Rundschreiben „Deus caritas est“ – zu Deutsch: Gott ist die Liebe – erschien zeitgleich auf Lateinisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Spanisch.
(kreuz.net, Vatikan) Papst Benedikt XVI. erklärte bereits am Montag bei der Ankündigung der Enzyklika
anläßlich eines Kongresses des Päpstlichen Rates „Cor Unum“, daß der Text vom italienischen Nationaldichter
Dante Alighieri († 1321) inspieriert sei.
Benedikt XVI. spricht im ersten Teil vom Eros – „der Liebe
zwischen Mann und Frau, die nicht aus Denken und Wollen kommt, sondern den Menschen gleichsam übermächtigt“.
Die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. im Wortlaut als HTML
Die erste Enzyklika von Papst Benedikt
XVI. im Wortlaut als PDF-DateiEr zitiert den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche († 1900), der
meinte, daß das Christentum dem Eros Gift zu trinken gegeben habe. Dieser sei zwar nicht daran gestorben,
aber zum Laster entartet.
Damit drücke Nietzsche – so der Papst – ein weit verbreitetes Empfinden aus:
„Vergällt uns die Kirche mit ihren Geboten und Verboten nicht das Schönste im Leben? Stellt sie nicht
gerade da Verbotstafeln auf, wo uns die vom Schöpfer zugedachte Freude ein Glück anbietet, das uns etwas
vom Geschmack des Göttlichen spüren läßt?“
Die Geschichte zeigt uns – so die Antwort des Papstes
–, daß die Liebe etwas mit dem Göttlichen zu tun hat: Sie verheißt Unendlichkeit, Ewigkeit, ein Größeres
und ganz andere gegenüber dem Alltag unseres Daseins.
Zugleich aber könne der Weg dahin nicht einfach
in der Übermächtigung durch den Trieb gefunden werden: „Reinigungen und Reifungen sind nötig, die auch
über die Straße des Verzichts führen.“
Das sei keine Absage an den Eros, nicht seine „Vergiftung“,
sondern seine Heilung zu seiner wirklichen Größe hin.
Die Liebe müsse den anderen entdecken und den
egoistischen Zug überwinden.
Dann werde sie zur Sorge um den anderen und für den anderen: „Sie will
nicht mehr sich selber – das Versinken in der Trunkenheit des Glücks –, sie will das Gute für den Geliebten:
Sie wird Verzicht, sie wird bereit zum Opfer, ja sie will es.“
Zu den inneren Reinigungen der Liebe gehöre
es, daß Liebe in einem doppeltem Sinn Endgültigkeit wolle: im Sinn der Ausschließlichkeit – „nur dieser
eine Mensch“ – und im Sinn des „für immer“.
Benedikt XVI. unterscheidet in seiner Enzyklika die Liebe
gemäß den beiden griechischen Grundwörtern „Eros“ als Darstellung der weltlichen Liebe und „Agape“
als Ausdruck für die im Glauben gründende und von ihm geformte Liebe.
Die beiden würden auch als „aufsteigende“
und „absteigende“ Liebe einander entgegengestellt.
Verwandt damit seien andere Einteilungen wie etwa
die Unterscheidung in begehrende und schenkende Liebe – auf Lateinisch: amor concupiscentiae und amor
benevolentiae. Dieser werde manchmal noch die auf den Nutzen bedachte Liebe hinzugefügt.
Eros und Agape –
aufsteigende und absteigende Liebe – ließen sich niemals ganz voneinander trennen:
„Je mehr beide in
unterschiedlichen Dimensionen in der einen Wirklichkeit Liebe in die rechte Einheit miteinander treten,
desto mehr verwirklicht sich das wahre Wesen von Liebe überhaupt.“
Der Papst erklärt, daß nach dem
wichtigen griechischen Philosophen Aristoteles († 322 v. Chr.) die Gottheit für alles Seiende Gegenstand
des Begehrens und der Liebe ist.
Die geliebte Gottheit selber aber sei unbedürftig und liebe nicht.
Im Gegensatz dazu habe der Gott Israels offenbart, daß ihm sein Gebilde lieb ist, weil es ja von ihm
selber gewollt, von ihm „gemacht’’ ist.
Dieses Gottesbild sei die erste Neuheit des biblischen Glaubens.
Die zweite liege im Menschenbild.
Der Schöpfungsbericht zeige, daß der Eros gleichsam wesensmäßig
im Menschen selber verankert sei:
„Adam ist auf der Suche und »verläßt Vater und Mutter«, um die
Frau zu finden; erst gemeinsam stellen beide die Ganzheit des Menschseins dar.“
Dem monotheistischen
Gottesbild entspreche die monogame Ehe.
Die auf einer ausschließlichen und endgültigen Liebe beruhende
Ehe werde zur Darstellung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk und umgekehrt: „die Art, wie Gott liebt,
wird zum Maßstab menschlicher Liebe.“
Die Liebe in ihrer radikalsten Form zeige sich im Tod Christi
am Kreuz.
Gott verschenke sich selber, um den Menschen wieder aufzuheben und zu retten. Die Wahrheit,
daß Gott die Liebe ist, offenbare der Blick auf die durchbohrte Seite Jesu.
Diesem Akt der Hingabe habe
Christus bleibende Gegenwart verliehen durch die Einsetzung der Eucharistie während des Letzten Abendmahles.
Er habe Tod und Auferstehung vorweggenommen indem er in jener Stunde den Jüngern in Brot und Wein sich
selber gibt, seinen Leib und sein Blut als das neue Manna.
„Wenn die antike Welt davon geträumt hatte,
daß letztlich die eigentliche Nahrung des Menschen – das, wovon er als Mensch lebt – der Logos, die ewige
Vernunft sei: Nun ist dieser Logos wirklich Speise für uns geworden – als Liebe.“
Die Eucharistie ziehe
uns in den Hingabeakt Jesu hinein: „Wir empfangen nicht nur statisch den inkarnierten Logos, sondern werden
in die Dynamik seiner Hingabe hineingenommen.“
Das Bild von der Ehe zwischen Gott und Israel werde in
einer zuvor nicht auszudenkenden Weise Wirklichkeit:
„Aus dem Gegenüber zu Gott wird durch die Gemeinschaft
mit der Hingabe Jesu Gemeinschaft mit seinem Leib und Blut, wird Vereinigung: Die »Mystik« des Sakraments,
die auf dem Abstieg Gottes zu uns beruht, reicht weiter und führt höher, als jede mystische Aufstiegsbegegnung
des Menschen reichen könnte.“
Im zweiten Teil seiner Enzyklika wendet sich Papst der Nächstenliebe
zu: „Gottes- und Nächstenliebe sind untrennbar: Es ist nur ein Gebot.“
Der Auftrag der Kirche sei „Liebestun“,
erklärt der Heilige Vater: „Innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen darf es keine Armut derart geben,
daß jemandem die für ein menschenwürdiges Leben nötigen Güter versagt bleiben.“
Die Kirche dürfe
den politischen Kampf nicht an sich reißen, um die möglichst gerechte Gesellschaft zu verwirklichen:
„Sie kann und darf nicht sich an die Stelle des Staates setzen.“
Aber sie könne und dürfe im Ringen
um Gerechtigkeit auch nicht abseits bleiben:
„Liebe – Caritas – wird immer nötig sein, auch in der gerechtesten
Gesellschaft. Es gibt keine gerechte Staatsordnung, die den Dienst der Liebe überflüssig machen könnte.“
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