11:02:18 | Donnerstag, 26. Januar 2006
(kreuz.net, Röschenz) Kann man Weihnachten feiern ohne dafür in Stimmung zu sein? Natürlich – man „kann“!
Aber – man „muß“ nicht!
Man kann eine Einladung annehmen, aber man
muß sie nicht annehmen.
Manchmal
folgen wir einer Einladung ohne eigentlich wirklich zu wollen. Wir gehen hin, weil es sich so gehört,
oder weil der Partner es gerne möchte, oder weil man diejenigen, die uns einladen, nicht enttäuschen
will.
Wir gehen also mit keiner allzu großen Lust hin.
Dann ist man dort, und sagt sich: ich hab’s
doch gewußt. Wäre ich gescheiter daheim geblieben. Sie kennen das.
Aber vielleicht kennen Sie auch
das andere: man geht hin, und plötzlich ist es doch ganz nett. Es fängt an, einem zu gefallen, und wenn
man wieder zuhause ist, sagt man: es war doch gut, daß ich gegangen bin.
Wenn man immer „nur“ nach dem
Lustprinzip lebt und handelt, kann man durchaus auch mal etwas verpassen, was Freude macht…, was einen
berührt…, was in uns etwas auslöst und bewirkt…, was uns vielleicht sogar eine entscheidende Erfahrung
bringt.
Als ich im November nach den vielen Belastungen, die mir dieses Jahr gebracht hat, eine Auszeit
nahm, und die Zeit kam, daß ich wieder nach Röschenz kommen sollte, um den ersten Gottesdienst zu feiern,
hatte ich Schiß.
Ein paar mal hatte ich das Gefühl: nein, ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr,
es wird mir alles zu viel.
Dann kam der erste Advent. Trotz aller Unsicherheit und trotz eines mulmigen
Gefühls im Bauch, spürte ich: Du mußt dahin. Du mußt wieder anfangen. Du mußt wieder Gottesdienst
halten. Du mußt wieder in „deine“ Pfarrei, zu „deiner“ Gemeinde.
Und ich bin gegangen.
Als ich dann
mit den Ministranten in die Kirche einzog, erlebte ich schon ein Stück Weihnachten. Die Kirche wunderschön
geschmückt und mit lieben Menschen und vielen Kindern gefüllt. Und ich spürte und ich weiß: Das ist
jetzt mein Platz.
Auch der Platz Jesu war für eine gewisse Zeit diese Welt. Dazu gehört der Ort, an
dem er geboren wurde, samt den dazugehörenden Umständen.
Dazu gehören die Orte, die er aufgesucht
hat, das Leben, das er gelebt hat, der Tod, den er gestorben ist.
Es geht uns nicht anders.
Aber manchmal
wollen wir, daß es uns anders geht. Wir wollen bestimmte Dinge, bestimmte Menschen oder bestimmte Erfahrungen
nicht, sondern wir wollen andere Dinge, andere Menschen, andere Erfahrungen, ja, manchmal hätten wir
gern auch eine andere Welt.
Zum Teil bekommen wir das, was wir wollen, zum Teil aber eben nicht – auch
wenn wir uns auf den Kopf stellen.
Dieses Jahr sagt mir Weihnachten:
Du wurdest in diese Welt geboren.
Durch diese Eltern, unter diesen Umständen, an diesem Ort. Du hast dieses Leben zu leben, diese Aufgabe
zu erfüllen, bzw. zumindest dich dieser Aufgabe zu stellen.
Diese Menschen gehören zu diesem deinem
Leben; Menschen, die dich lieben, aber auch Menschen, die dir Böses tun. Du hast dich mit beiden zu beschäftigen.
Es ist einfach so.
Erst später, vielleicht am Ende deines Lebens, oder gar noch später, wirst du begreifen,
warum? Und mir fällt das Wort des Dichters Rainer Maria Rilke († 1926) ein:
Forsche jetzt nicht nach
Antworten,
die dir nicht gegeben werden können!
lebe jetzt die Fragen!
vielleicht lebst du dann allmählich
ohne es zu merken
eines fernen Tages
in die Antwort hinein.Sicher kommt einmal die Zeit, wo meine Zeit
hier in Röschenz beendet ist. Für jeden von uns kommt – mehrmals im Leben – ein Punkt. Etwas ist beendet
und etwas Neues beginnt.
Doch im Moment ist dieser Punkt, was meine Tätigkeit in Röschenz anbelangt,
noch nicht gekommen.
Ich danke Ihnen, daß ich mit Ihnen hier Weihnachten feiern darf. Und ich wünsche
Ihnen von Herzen, daß auch Sie sagen können: „Gut, daß ich gegangen bin, daß ich der Einladung gefolgt
bin und Weihnachten feiern konnte.“
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